Außerirdische, Troja, Haarausfall, Sex und andere Dinge, zu denen uns harte Fakten fehlen

Woody AllenDas große Problem an Fakten über Sex ist, dass jeder lügt. Egal wie anonym die Umfrage, egal wie banal der abgefragte Sachverhalt ist: wir lügen. Nichtmal allein vor unserem Computer können wir bei Multiple-Choice-Fragen zugeben, dass unser Zervixschleim manchmal Fäden zieht, die Geräusche unserer Männer manchmal eher peinlich als sexy sind oder wir uns an ihre Sexgeräusche gar nicht mehr so genau erinnern können, weil es schon so lange her ist oder immer nur so kurz dauert.

Mütter können am Spielplatz über alles reden (muss man sogar, denn man kann ja nicht flüchten, während die Kleinen noch auf der Wippe sitzen), außer über Sex. Die Ehemänner haben Burn-Outs (oder die Anfänger doch wenigstens Depressionen), die Kinder sind erst „Schreibabys“ (unsere Generation ist die erste, Himmel und Hölledie sich die Mühe gemacht hat, etwas so alltäglichem wie einem schreienden Baby einen eigenen Namen zu geben) und haben dann ADHS und die Großeltern sind im Allgemeinen immer ganz schockierend unnütz (wollen für den Enkel lieber Ballett- als Tennisunterricht, lieber Bauklötze als Star Wars Lego, lieber Querflöte als Violine und infiltrieren den Nachwuchs mit zuckerhaltigen Lebensmitteln oder Barbapapa). All das weiß ich über die anderen Mütter. Warum auch immer, gefragt habe ich sicher nicht danach. Aber wehe, ich würde nur so mal in die Runde werfen „Und, wann hattet ihr das letzte Mal Sex?“, dann säße ich mit meinen Förmchen ratzfatz alleine im Sandkasten. (Glauben Sie mir, ich hab’s ausprobiert.)

Sex ist ein Tabu. Das ist nichts Neues, ganz im Gegenteil, es ist etwas ziemlich Altes, was wir uns in unserem digitalen Zeitalter erhalten haben wie die Kommode von Oma, die als Alibi-Antiquität in jeden Haushalt gehört. Also wen fragen? Zu wem sind wir ehrlich? Zu unseren Therapeuten? Nicht wirklich, auch vor denen wollen wir meist als geringere Loser dastehen, als wir wirklich sind. Der einzige und letzte Vertraute, den wir in diesem Millennium noch haben, ist natürlich…. Google. Zu wem sonst haben wir eine so zutiefst intime, rückhaltlos ehrliche Beziehung wie zu diesem gottgleichen Alleswisser? Von „Habe ich Schuppenflechte?“ bis hin zu „Wie viel Achselschweiß ist normal?“ können wir uns mit jeder Frage vertrauensvoll an ihn wenden und bekommen eine Antwort (mehr oder weniger).

Deswegen war es geradezu genial, dass Seth Stephens-Davidowitz beschloss, alle Umfragen zum Thema Sex zu ignorieren und sich daher für seinen Artikel „Searching for Sex“ in der New York Times ausschließlich auf die einzige aussagekräftige Quelle, die uns heutzutage noch geblieben ist, zu verlassen: unsere Google-Suchbegriffe.

Die wichtigste Frage war, ist und wird natürlich immer sein: Wie viel Sex haben wir? (Wir bekommen alle gerne bestätigt, dass alle anderen es auch nicht öfter treiben als wir.) Und hier sind wir schon der ersten Lüge auf der Spur: in Umfragen gaben in Amerika heterosexuelle Männer über 18 Jahren an, dass sie durchschnittlich 63mal im Jahr Sex haben und in 23% der Fälle ein Kondom benutzen. Das würde zu 1,6 Milliarden verkauften Kondomen im Heterogebrauch pro Jahr führen. Heterosexuelle Frauen über 18 gaben an, dass sie 55mal im Jahr Sex haben, und  in 16% der Fälle Kondome benutzen, das würde sich zu 1,1 Milliarden Heterokondomen im Jahr summieren. Und wer lügt nun? Beide natürlich, denn in Amerika werden pro Jahr insgesamt nur 600 Millionen Kondome verkauft.

Wenig überraschend ist, dass vor allem verheiratete Leute über die Häufigkeit ihrer sexuellen Aktivitäten lügen. Verheiratete Männer unter 65 Jahren geben an, durchschnittlich einmal pro Woche Sex zu haben. Nur 1% der verheirateten Männer geben an, schon über Monate ohne Sex gewesen zu sein. Unser alter Freund Google sagt etwas anderes: Der Suchbegriff „sexlose Ehe“ wird öfter gegooglet als jede andere Verbindung mit „Ehe“, z.B. auch 3,5 mal öfter als „unglückliche Ehe“. Hmm….

Und jetzt kommt ein absoluter Schocker: Männer (also solche wie der, neben dem Sie morgens aufwachen, dem Sie die Klamotten rauslegen, weil er nicht weiß, welche Krawatte zu welchem Hemd passt, die SUVs fahren, die das Familiengeld verwalten, sich um die Steuererklärung kümmern und die ganz großen Entscheidungen bezüglich Grillfleisch und Rasenmäher treffen) googlen ständig Fragen über ihren Penis! Und ich meine wirklich ständig, Kondomesie haben öfter Fragen über ihr gutes Stück als über Lunge, Leber, Füße, Ohren, Nase, Hals und Gehirn zusammen genommen. Die häufigste Frage ist natürlich „Wie groß ist mein Penis?“ und mal ehrlich: wer sonst
könnte diese Frage beantworten wenn nicht Google? Ein Lineal, ein Spiegel, oder vielleicht Sie? Wohl kaum. Sie würden die immense Tragweite dieser Frage auch gar nicht verstehen, denn Frauen googlen selten Penisse und wenn, dann noch seltener weil sie ihnen zu klein sind, eher im Gegenteil. 40% beschweren sich, dass der Penis ihres Partners zu groß sei. “Schmerz“ ist das meistgegooglete Wort in Verbindung mit der Phrase „während dem Sex“, (die Top 4 nach „Schmerz“ sind „Bluten“, „Pinkeln“, „Weinen“ und „Furzen“) – tja, davon war in „Sex & the City“ komischerweise nie die Rede, oder?

Frauen haben natürlich die meisten Fragen zu ihren eigenen Genitalien und wenden sich mit denen auch lieber an Google als an Freundinnen, ihren Mann oder Tante Ethel. Sie googlen „Vagina“ fast so oft wie ihre Männer Penis googlen, aber die Sorgen von Frauen sind mehr praktischer Natur: sie wollen wissen, wie sie ihre Vaginas rasieren, verengen und vor allem geschmacklich aufwerten können. Die häufigste Sorge gilt dem Geruch der Vagina. Die meisten Frauen sind überzeugt, ihre Vagina rieche nach Fisch, gefolgt von Essig, Zwiebeln, Ammoniak, Knoblauch, Käse, Schweiß, Urin…. In dieser Reihenfolge. Und wir machen uns zurecht Sorgen, denn die wenigen Male, die Männer tatsächlich nach Vaginas googlen, tun sie es, um sich über den Geruch zu beschweren, so wie Frauen sich über schwitzende Männer beschweren. Vielleicht sollten wir alle seltener googlen und lieber öfter duschen?

Doch so witzig Seth Stephens-Davidowitzs Recherche-Ergebnisse teilweise sind, das Fazit  ist kurz gesagt folgendes: wir haben alle die Hosen gestrichen voll. So sehr uns Hollywood, Carrie Bradshaw, die Werbeindustrie und irgendwelche Soft-Porno-Romane auch verkaufen wollen, Sex sei die schönste Sache der Welt (werPachelbel hat das denn eigentlich festgelegt? Und war dieser jemand schon einmal in Malaysia oder an der Amalfiküste? Hat er schonmal Pachelbel gehört während er Pot geraucht hat? Hat er schonmal Schokoladen-Parfait mit Cranberrys gegessen oder ist mit nichts als einem Gummiseil um seine Knöchel von einer Brücke gesprungen?), bleibt doch Fakt, dass wir, ehe wir zu dieser schönsten Sache der Welt kommen, erstmal gehörig Schiss haben, unser Penis sei vielleicht zu klein, unsere Vagina zu groß oder unsere sexuellen Fähigkeiten generell nicht gut genug (von Schuppenflechte und Achselschweiß wollen wir gar nicht erst sprechen). Und unsere Ängste sind auch berechtigt, denn ich hatte in meinem Leben schon oft Sex, der definitiv weniger schön war als Malaysia und weniger gut schmeckte als Cranberries, sich am nächsten Morgen aber so anfühlte, als wäre ich ohne Gummiseil von einer Brücke gesprungen.  Und dann sind da diese anderen Tage (und Nächte) mit Sex, die Pot mit Pachelbel weit hinter sich ließen, und das will schon etwas heißen. Sex ist etwas, was wir lernen müssen, wie Handstand oder die Lineare Abhängigkeit von Vektoren. Nur brauchen wir den Sex im realen Leben öfter, ein bisschen Übung würde sich also lohnen. Dann muss Sex auch nicht unbedingt das letzte noch lebende Tabu aus Omas Kommode bleiben.Tabu

Werden wir weiter Angst haben? Ja. Werden wir weiterhin lügen, dass sich die Balken biegen, um das zu vertuschen? Sicher. Aber das beruhigende an dieser ganzen Datenauswertung ist doch folgendes: wir sitzen alle im selben Boot. Und in diesem Wissen könnten wir ja auch mal jemand anderen fragen als Google, z.B. einen richtigen Menschen, (vielleicht sogar auf dem Spielplatz!), der dann möglicherweise so was antwortet wie „Ja, das Problem kenne ich“ oder „Das verstehe ich gut“. Okay, vielleicht eignen sich nicht alle Fragen für Anfänger (Onkel Herbert ist vielleicht überfordert, wenn man ihn ganz unvorbereitet nach Tipps gegen übelriechende Vaginas fragt), aber wir können uns ja langsam vorarbeiten, bis das Thema Sex eines Tages so alltäglich wird, als hätten wir ihn jeden Tag.

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