Twilight, Fifty Shades of Grey, Hanni & Nanni und andere feministische Frauenliteratur

Roberto BolanoJedem das Seine, dachte ich immer, vor allem bei Büchern. Ich meine, wir können nicht alle Ulysses lesen, oder? Obwohl ich persönlich es durchaus empfehlen würde, kann ich aber auch nachempfinden, warum es generell als „Männerbuch“ angesehen wird. Uns Frauen fehlt der mysteriöse Bösewicht darin, für den Leonard Bloom einfach nicht genug hergibt.Chick-Lit-Grls

Frauen lesen viel, aber meistens schlecht, ist Ihnen das schon aufgefallen? Man muss nur durch den Central Park spazieren, im Urlaub am Hotelstrand entlang schlendern oder mal länger beim Friseur warten, um zu entdecken, dass wir, was Bücher betrifft, einen schlechten Geschmack haben. Männer lesen Kerouac und Hemingway, die Biographien von Sportlern, Kriegsberichterstattern, Wirtschaftsbossen und Politikern, Agententhriller und Geschichtsbücher. Und was für Bücher kaufen wir? Diätbücher, Dating-Ratgeber, fünfundzwanzig verschiedene Anleitungen, wie wir „Bauch, Beine, Po“ so umformen können, dass unser Körper endlich versteht, dass wir tief in uns drin Giselle Bündchen sind, die unerschöpflich nichtssagenden Weisheiten von Coelho und Konsorten, die uns zu innerem Frieden verhelfen sollen (was schwer zu erreichen ist, solange wir immer noch im täglichen Clinch mit unserem Körper stehen) und dann natürlich – last, but not least –   unsere regenbogenfarbenen Pastellbücher, chicklit-romance-novels_guilty-pleasures-indulgedie in jeder Buchhandlung eine Extraecke haben, die mit „Frauenliteratur“ oder (noch schlimmer) „Chick Lit“ überschrieben ist, so dass sich nicht aus Versehen Leute dorthin verirren, die tatsächlich ein gutes Buch lesen wollen. Ist schonmal jemandem aufgefallen, dass es in Buchhandlungen keine „Männerliteratur“ gibt? Männer lesen normale Bücher, Frauen lesen diese Pastellbücher mit Schmetterlingen, Herzen, hochhackigen Pumps oder ähnlichem auf dem Cover, in denen es um die wirklich wichtigen Dinge in fraus Leben geht: Männer. Klingt simpel, aber da sind äußerst diffizile und subtile Mechanismen am Werk, Hawkings „Neue Erklärung des Universums“ ist ein Dreck dagegen. Wenn man die Bücher, die z.B. Philip Roth sein Leben lang über das Mannsein schrieb, mit den Büchern vergleicht, die in der Frauenliteratur-Sektion übers Frausein geschrieben wurden, wird einem ziemlich bange um unser Geschlecht. Ob Helen Fielding, Candace Bushnell, Cecilia Ahern, Sophie Kinsella, Marian Keyes oder ähnliche „Kultautorinnen“ auf dem Cover stehen, ist egal, der Inhalt ist derselbe. Und je dümmlicher die Protagonistin ist, desto höher wird im Klappentext ihr Identifikationspotential gepriesen. Vielen Dank.

Wieso wollen wir das lesen? Sind unsere eigenen Erfahrungen mit Männern so unbefriedigend, dass wir lieber diese Geschichten lesen, so banal und austauschbar sie auch sind? Oder sind es die männlichen Protagonisten der Bücher, um die es uns weit mehr geht als um die Story und die sich sogar von Buch zu Buch, von Autorin zu Autorin noch mehr gleichen als der Plot?  Die Pastellbücher-Heldinnen verlieben sich nämlich allesamt in Alphamännchen (also eine Spezies, die im 21. Jahrhundert nahezu ausgestorben ist; ich rechne jeden Tag mit einer Zeitungsmeldung darüber, dass irgendwo in Texas ein abgegrenztes ReservatReservat zum Schutz des echten Mannes bereitgestellt wurde, in dem die letzten Exemplare des dominanten Männchens unbeeinträchtigt und ohne jegliche weibliche Bedrohung leben, Bier trinken, Ford fahren, Havannas rauchen und Football sehen können – wo sonst, wenn nicht in Texas?). Von den sog. „Nackenbeißern“ (soft-pornographische Trivialliteratur, die man meist daran erkennt, dass auf dem Cover ein Liebespaar abgebildet ist, bei dem der Mann der Frau eben am Nacken rumknabbert) bis zur fan fiction (herzlichen Glückwunsch, wenn Sie nicht wissen, was das ist, das spricht nur für Sie, mehr dazu später) geht es immer um dasselbe: Eine relativ unschuldige Frau wird geradezu überwältigt von der sexuellen Dominanz eines Mannes und sie erliegt (das ist ein Wort, das in solchen Büchern häufig vorkommt, glauben Sie mir) ihm nach 80 bis 100 Seiten, so dass man auf den noch folgenden 280 Seiten das „Erliegen“ genießen kann.Nackenbeißer Ob es sich dabei um eine Sklavin und ihren Kolonialherren,  eine entführte Prinzessin und ihren Piraten (das ist kein Witz!) oder um eine High-School-Schülerin und den bestaussehenden Vampir der Stadt handelt, spielt keine Rolle, die Story ist dieselbe, einige Geschichten tarnen sich heutzutage nur etwas besser als andere und verzichten auf den Nackenbiss auf dem Cover.

Die erfolgreichste (und best getarnteste) Geschichte der letzten Jahre ist natürlich zweifellos „Twilight“. Über 100 Millionen verkaufte Bücher weltweit. Man muss es Stephenie Meyer lassen, dass sie den Anstand hatte, die Twilight-Bücher als Jugendbücher zu schreiben und zu verkaufen (dass eine ganze Generation Vierzigjähriger gewissermaßen über die Paperbacks ihrer Töchter herfällt und dem Edward-Fieber weit schlimmer verfällt als die jugendliche Zielgruppe ist ja nicht die Schuld der Autorin). – Ich habe die Frage
Vampirratgeberschon öfter gestellt und ich stelle sie wieder: Wundert es irgendwen, dass Frauen nicht die Weltherrschaft haben?

Eigentlich müsste die Twilight-Reihe aber als Ratgeber für Männer verkauft werden, die ultimative Enzyklopädie darüber, was Frauen wirklich wollen:

Es gibt kaum Feuilletonisten, die sich nicht bereits an Ursachenforschung bezüglich Twilight die Zähne ausgebissen haben, jeder hat seine eigene Theorie, wie dieses Kinderbuch es in die Schlafzimmer der „Twi-Moms“ (das ist kein Sarkasmus meinerseits, so nennen sich die Mittvierzigerinnen, die auf Edward Cullen stehen, selbst) geschafft hat und jede ist irgendwie zutreffend und irgendwie nicht. Der Vampir als letzter Außenseiter und Rebell in einer Gegenwart, in der sonst nichts mehr schockiert. Der Todeskuss des Blutsaugers als Sinnbild für den kleinen Tod beim Orgasmus. Die moralische Ambivalenz zwischen Hingabe und bewusstem Zölibat. – Oder Stephenie Meyer ist einfach nur eine prüde Mormonin, die keine Sexszenen schreiben kann. – Alles sehr interessant, aber keine Erklärung, warum Twilight-Fans tagelang vor einem Kino in Los Angeles campen, um die Premiere vor allen anderen erleben zu dürfen. (Gut, es gibt meiner Meinung nach auch keine Erklärung dafür, warum Leute vor einem Apple-Store campen, um vor allen anderen das neue iPhone zu kaufen – vielleicht ist mir also das Prinzip Camping an sich einfach unverständlich?)

Twi-MomWer denkt, schlimmer könne es nicht kommen, dem steht noch etwas bevor: fan fiction. Früher, in den guten alten Zeiten, in denen Teenager-Jungs noch heimlich die Playboys und Hustlers ihrer Väter in deren Garagenversteck durchgeblättert haben und Teenager-Mädchen gewisse berüchtigte Romane aus den Regalen der Mütter nahmen und in Henry Millers „Sexus“ oder Deverauxs „Venus in Indien“ oder Batailles „Das obszöne Werk“ die bestimmten „Stellen“ herausgesucht haben, die uns besonders erregend erschienen, waren die Grenzen dessen, was wir erotisch finden, noch klar abgesteckt:
Männer brauchen Bilder, Frauen brauchen Text. Komplizierter war es nicht.

Heute sind wir übersättigt mit Bildern und Texten zum Thema Sex. Kein Playmate trägt weniger als Popsängerinnen in ihren Musikvideos oder Models auf den Bildern, die sie selbst von sich am Strand twittern. Romantic Comedies haben ausführlichere Sexszenen als Anais Nins „Verborgene Früchte“. Wovon sollen wir noch phantasieren?

Die Antwort auf unser erotisches Dilemma lautet fan fiction. Kurz zur Erläuterung für die Seligen, die bislang noch nicht damit zu tun hatten: online gibt es zu so ziemlich jedem Buch oder jedem Film, das je geschrieben oder der je gemacht wurde, fan fiction, d.h. alternative Varianten der Geschichte. Es gibt fan fiction zu Star Trek, in der Mr. Spock und Captain Kirk seit Jahren eine erfüllte, monogame Sexbeziehung führen; es gibt fan fiction zu Jane Austen Büchern, in denen es Emma und Mr. Knightley hinter jedem Baum treiben; es gibt auf fan fiction-Seiten Variationen von Wuthering Heights, in denen Sie Heathcliff nicht wieder erkennen (wenn er regelmäßig Sex hat, ist er weit weniger unleidlich) und – wie könnte es anders sein – es gibt natürlich fan fiction zu „Twilight“. Damit wir uns hier richtig verstehen: ich spreche von hunderttausenden (!!!) Büchern, die von Fans geschrieben und online gestellt wurden, die im Umfang das Original manchmal weit hinter sich lassen und von absolut stümperhaftem Aufsatzniveau50 Shades stupi bis hin zu den von äußerst professionellen und sehr talentierten Autoren verfassten Alternativgeschichten, die so sofort in Druck gehen könnten, alles umfasst. Allein die Variationen für Twilight gehen in die Zehntausende, kein Mensch könnte sie in einem Leben lesen. Es ist eine Literatur-Subszene, klingt am Anfang absolut aufregend, wenn sie sich nicht so vehement darauf versteifen würde, fast ausschließlich den Pornobereich (oder zumindest den Erotikbereich) zu bedienen. Die Twi-Moms sind in dieser Szene sehr aktiv, wenn man sich durch die Autorenprofile klickt, dann haben die meisten Twilight-Fanfiction-Autorinnen Kinder in High School oder College, haben jahrelang fan fiction gelesen und wollen jetzt selbst welche verfassen. „Mommy Porn“ wird das Genre scherzhaft genannt, trifft es aber erschreckend genau. Frustrierte vierzigjährige Hausfrauen erfinden Pornos (oder doch zumindest Pörnchen) für andere frustrierte vierzigjährige Hausfrauen. Eine dieser fan fiction-Stories war „Master of the Universe“, verfasst von einer gewissen Erika Leonard, ebenfalls eine Twi-Mom. Ihr Edward stand auf BDSM (Abkürzung für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism, beschreibt den Lebensstil von dominant/devoten Paaren) und ihre Bella hatte große Probleme damit. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, bevor Erika zu E.L. James wurde und sich überlegte, Multimillionärin zu werden, das bestverkaufte Taschenbuch aller Zeiten auf den Markt zu werfen (ja, Fifty Shades of Grey verkaufte sich schneller als Harry Potter), in die Forbes-Liste der hundert einflussreichsten Frauen der Welt aufgenommen zu werden und die Allgemeinheit mit ihrer angeblichen BDSM-Geschichte sexuell zu erleuchten, konnte jeder diese Edward-Bella-Abwandlung online kostenlos genießen. Zur Veröffentlichung änderte sie im Grunde nur die Namen und ein paar (wirklich wenige!) Details und fertig war einer der erfolgreichsten Romane aller Zeiten. 50 Shades PlayboyWie ein Verlag das so in Druck gehen lassen konnte (und ich spreche hier noch nicht einmal von dem katastrophalen Schreibstil, sondern von der wirklich nur minimalen Verfremdung der Stephenie Meyer-Figuren, die streng genommen das Copyright verletzen) ist mir schleierhaft, aber ok. Bella heißt nun also Ana Steele, die mit ihren 21 Jahren nicht nur Jungfrau ist (vollkommen ohne Begründung, sie ist es einfach), sie hat auch noch nie einen Mann geküsst oder nackt gesehen, sie hat noch nie masturbiert und offensichtlich auch den Sexualkundeunterricht geschwänzt, noch nie ein Anatomiebuch gelesen und weiß nicht, wie man im Internet surft, denn sie hat keine Ahnung von Verhütung, war noch nie beim Frauenarzt und als Grey ihr zum ersten Mal ein Kondom in die Hand drückt und sie bittet, es ihm überzuziehen, steht sie dieser schwierigen Aufgabe völlig ratlos gegenüber und denkt „Holy Cow“ – das denkt sie übrigens ständig. Obwohl sie Literaturstudentin ist, ist ihr Wortschatz begrenzt auf hunderte Wiederholungen von „Jeez“, „Wow“, „Crap“ und „Holy Cow!“ -– Na, spüren Sie schon das Identifikationspotential?

f81976b47b79e4a2181e0de52d2bf39aNachdem Ana also jahrelang tugendhaft alle männlichen Avancen abgewehrt hat, um sich für den Richtigen aufzusparen, schmeißt sie sich dann einem wildfremden BDSM-Typen an den Hals, der ihr sagt, dass er Beziehungen ablehnt und nur nach Unterzeichnung eines dreimonatigen Unterwerfungsvertrages und absolutem Gehorsam vögelt, der nicht angefasst werden darf und dem man nicht widerspricht, weil es sonst Prügel gibt – hm, da fragt man sich dann schon, wen sie bisher abgewiesen hat, oder?

Zu Anas Verteidigung muss gesagt werden, dass Christian Grey „otherworldly beautiful“ ist und nebenbei noch mit 27 Jahren bereits ein Selfmade-Multimilliardär. Ja, Milliardär, nicht Millionär. Es wird zwar in allen drei Büchern nicht wirklich erwähnt, womit er sein Geld verdient (und er arbeitet auch so gut wie nie), aber mit solchen Nebensächlichkeiten sollte man sich nicht aufhalten.

Als ich zum ersten Mal vom Hype um Fifty Shades of Grey gehört habe, dachte ich, dies wäre endlich der große 15ff899db0e03826a181f9174c3ea359
feministische Roman über eine Frau, die zu ihren Unterwerfungsphantasien steht und sie auslebt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ana weiß nichts über den BDSM-Lebensstil (oder Sex überhaupt) und je mehr sie erfährt, desto verängstigter und verstörter reagiert sie. Wir sprechen hier über eine Frau, die sich „naughty“ fühlt, als sie sich mal heimlich mit seiner Zahnbürste die Zähne putzt und deren Fazit nach ihrem ersten Blowjob ist „He is my very own Christian Grey flavoured popsicle!“ Ohne Worte…..

In den gefühlten hundert Sexszenen der drei Bücher bezeichnet sie ihre Vagina immer nur als „down there“ und als sie schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ihr Okay gibt, mal den Hintern versohlt zu bekommen, ist sie hinterher so empört und verletzt, dass sie Grey sofort verlässt.

Nein, Fifty Shades of Grey ist definitiv kein feministisches Buch, und das nicht wegen seines Inhalts sondern wegen seiner Protagonistin. Unterwerfungsphantasien sind nicht unemanzipiert, im Gegenteil, eine freiwillige Unterordnung im Rahmen eines sexuellen Spiels kann besonders emanzipierte Frauen für einen begrenzten Zeitraum von ihren Rollenerwartungen befreien und die Zeit ist überfällig, dass wir Heldinnen bekommen, die das offen ausleben und dafür sorgen, dass Frauen sich nicht weiterhin für diese Phantasien schämen.50 Shades feminists Aber Ana steht nicht auf BDSM, sie lässt sich nur darauf ein, um Grey nicht zu verlieren, und man kann sich während des ganzen Buches nicht des Gedankens erwehren, dass er statt BDSM auch ein Square-Dance-Diplom als Bedingung für eine Beziehung hätte voraussetzen können oder dass sie am JFK-Flughafen mal laut „Dschihad!“ ruft, dann hätte sie eben das getan. Sie ist keine feministische Heldin, die zu ihren Unterwerfungsphantasien steht, sondern ganz im Gegenteil, ein flaches, naives Dornröschen, das von Grey erweckt werden muss, und das ist im Grunde das verwerfliche an Leonards Buch: Für den Erotikroman der Gegenwartsliteratur wird eine Protagonistin ins Rennen geschickt, die ein völlig asexuelles Wesen ohne eigene Wünsche und Phantasien ist. Getrieben von der Angst, ihn zu verlieren, tut sie eigenständig und ohne seine Führung nichts, außer zu Erröten. Frei nach dem Motto: Wir sind nichts, ehe wir nicht durch den Mann zum Objekt werden. Es ist fast so, als hätte Erika Leonard nicht den Mut für eine weibliche Hauptfigur, die sich dominieren lassen will, deswegen wird es in diesen Ich-habe-es-nur-für-ihn-getan-Kontext gedrechselt. Ana ist also nur ein Opfer ihrer Liebe zum unwiderstehlichen Grey. Und auch bei ihm, der eine sehr viel greifbarere, vielschichtigere Figur ist als Ana (Grey hat wenigstens seine fünfzig Schattierungen, während Ana nichts zur Beziehung beiträgt außer ihrer naiven, formbaren, kindlichen Femininität) fehlt Leonard der Mut zur letzten Konsequenz: Denn Grey steht nur wegen seiner grauenhaften Jugendtraumata auf BDSM, das macht es gesellschaftsfähig, verzeihlich, sauber – es wäre ja undenkbar, wäre er einfach so als Sadomasochist geboren worden! So aber sind wir zurück bei unseren Phantasien vom sensiblen Bösewicht, können seine Fesselspielchen auf seine traurige Kindheit schieben, das ist viel leichter zu verkaufen und stellenweise wird das Soft-Pörnchen schon fast zum Schicksalsroman à la „Wanderhure“. 50 Shades masturbate

Und so ist letztendlich die einzige wahrhaftige, realistische und zutiefst weibliche Phantasie, die in allen drei Teilen von Leonards Buch vorkommt, Anas Wunsch Grey ändern zu wollen. Sie will ihn ändern, bekehren, heilen, die eine sein, die sich von allen anderen unterscheidet, die ihn domestizieren und alles Bisherige vergessen lassen kann – da sind wir nun wieder beim Identifikationspotential, denn das kennen wir nun wirklich alle, nicht wahr?

Also was um alles in der Welt finden Frauen an diesem Buch? Wäre wenigstens der Sex so gut geschrieben, dass er über die plumpe Story hinweghilft, hätte ich möglicherweise noch Verständnis für die Verkaufszahlen, aber in diesem angeblich so hocherotischen Buch werden Szenen von der Originalität einer Hugh-Hefner-Homestory aneinandergereiht: Sex auf einem zuvor mit einer Hand leergefegten Schreibtisch, Sex im Fahrstuhl, Sex mit durch eine Seidenkrawatte gefesselten Händen, Sex während Eis in den Bauchnabel getröpfelt und aufgeleckt wird……… Wer also in den 80ern „9 ½ Wochen“ gesehen hat (Sie wissen schon, in den guten alten Zeiten, in denen Mickey Rourke noch ein Gesicht hatte), der hat die sexuelle Bandbreite von Fifty Shades of Grey bereits weitestgehend kennengelernt.

Und auch die Utensilien, die Grey in seiner hochgefährlichen Schreckenskammer aufbewahrt,  sind geradezu exotisch fremd und nichts, was unsereiner schonmal gesehen oder davon gehört hat: Vibratoren, Butt Plugs, Analperlen, Nippelklemmen, Peitschen….. Also Sachen, die auf supercoolen Dessousparties auf dem flachen Land in Iowa an vierzigjährige Hausfrauen verkauft werden. – Die brauchen jetzt aber keine Dessousparties mehr, denn dank der Fifty Shades of Grey Official Pleasure Collection maxresdefaultist jetzt das komplette Spielzeug aus dem Buch online bestellbar (für die, die weniger ängstlich sind als Ana und ähnlich traumatisierte Männer haben).

Und das ist das einzig wirklich schockierende an dem Buch: die Reaktion der Leser. Ich kenne Frauen in meinem Alter, die mir errötend gestanden, das sei das beste Buch, das sie je gelesen hätten, es könne gar nicht mehr aus der Hand gelegt werden, die Sexszenen wären äußerst gewagt….. Was um Himmels willen sagt es über das Sexualleben unserer Generation aus, wenn wir das aufregend finden?

Es gibt phantastische erotische Literatur, die (im Gegensatz zu Fifty Shades) tatsächlich erotisch und tatsächlich Literatur ist (einiges davon finden Sie hier).

Männer brauchen Bilder, Frauen brauchen Text.StrichfrauIn Gefängnissen malen sich Männer rudimentäre Strichmännchen (bzw. Strichfrauchen) an die Wand und das reicht, um sie zu erregen, wenn bessere Stimuli nicht greifbar sind. Sollten Sie sich derzeit in einem Gefängnis befinden, dessen Bibliothek Fifty Shades als einziges Buch führt, greifen Sie bitte nicht darauf zurück. Sie haben besseres verdient.

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