Facebook, Streptokokken und andere Dinge, die die Welt nicht braucht

Kurt CobainIch habe nichts gegen Zuckerberg, ehrlich nicht. Multimilliardäre, die in Shorts rumlaufen, Pepsi trinken und immer noch im Großraumbüro sitzen finde ich sogar ziemlich cool. Mich nervt auch dieses ständige Auf-die-Tränendrüse-drücken der Winklevoss-Zwillinge; mit ihren 65 Millionen und ihren Bitcoins werden sie sich hoffentlich irgendwie über Wasser halten können und Mark hat ihnen auch noch das schreckliche Schicksal erspart, als die Erfinder von Facebook in die Geschichte eingehen zu müssen. Was ich nicht ausstehen kann, sind die Facebook-Nutzer. Naja, nicht alle. Vielleicht 98 oder 99 Prozent. Es gibt verschiedene Facebook-Typen, die sich im Nervigkeitsgrad nicht viel nehmen, aber zur besseren Zuordnung werden sie wie folgt unterschieden:


LOLerDer LOLer
Da es keine nennenswerten Ereignisse in seinem Leben gibt, sieht der LOLer es als seine Aufgabe an, die Community mit dem Weiterleiten angeblich lustiger Postings anderer zu unterhalten. Das YouTube-Video eines im Eis einbrechenden Pinguins, eines besoffenen Promis oder auch gerne mal ein besonders gelungener Blondinen- oder Schwulenwitz wird via „Teilen“ ins Netz geballert und da selbst das Erfinden eines originellen Einzeilers hierzu den LOLer bereits überfordert, versieht er seinen Post einzig mit „LOL“ oder (bei weiblichen LOLern) auch mal „Hihi“. Bereits in der Schule fühlte er sich berufen, den Alleinunterhalter zu spielen, hat aber später entdeckt, dass Facebook den eindeutigen Vorteil hat, dass niemand mit den Augen rollen oder ihn mit Papierkügelchen beschießen kann. Seine Fotos bestehen meistens aus unglaublich witzigen Bildern von Speisekarten mit Druckfehlern, kopulierenden Hamstern oder Will Farrell-Zitaten. Seine Freunde sind vorwiegend Leute, die mit ihm in die Grundschule gingen und sich nur dunkel an ihn erinnern konnten und deswegen unvorsichtigerweise  auf „Freundschaftsanfrage akzeptieren“ geklickt haben.

GutmenschinDie Gutmenschin
Die Gutmenschin leidet unter dem Schicksal der Zu-Spät-Geborenen, denn die Hippie-Ära ist leider schon vorbei, Che Guevara ist tot und von Greenpeace hat man ähnlich lange nichts gehört wie von Pamela Anderson. Um sich diesen Tatsachen nicht stellen zu müssen, trägt die Gutmenschin im Sommer Röcke mit kleinen Glöckchen, im Winter Mützen aus Alpaca-Wolle (Fair Trade, natürlich) und steht politisch etwas weiter links als du, ich oder sonst jemand in einem Land, dessen Landessprache nicht Russisch ist. Sie widmet ihr Leben dem politisch Korrekten und hat bei Facebook endlich auch die Plattform, es jedem mitzuteilen. Sie postet oft und viel; von der Aufforderung, zur Wahl zu gehen, über Videos von misshandelten Hunden bis hin zu Empfehlungen, wie man garantiert ökologisches Mineralwasser aus den Anden importieren kann. Auch für „suuuperleckere vegane Rezepte“ ist sie die Fachfrau und war eine der ersten, die wusste, was Agavendicksaft ist. Ab und zu (jeden zweiten Tag) sind auch weltverbessernde Kalendersprüche, Musikvideos von senegalesischen Folksängerinnen oder Coelho-Zitate dabei. Im normalen Leben ist sie entweder Grundschullehrererin oder „macht was mit Medien“. Fotos zeigen sie in einem Heim für Straßenhunde in Havanna, bei einer Demo gegen genmanipulierte Nahrungsmittel und auf einem Barfußpfad in Argentinien.


Geek2Der Geek

Den Geek gibt es, seit es John Hughes-Filme gibt. Mittlerweile ist er Ende dreißig, leicht übergewichtig, Brillenträger, vampirweiß und arbeitet natürlich in irgendeiner Form in der Computerbranche (denn die 10 Stunden, die er täglich in seiner Freizeit vor dem PC sitzt, reichen ja nicht). Der Geek ist in zahlreichen Facebook-Gruppen, in denen z.B. leidenschaftlich diskutiert wird, ob es besser ist, Javascipt oder Flash zu benutzen und die leicht militant werden können, wenn ein Außenstehender es wagt, Python vorzuschlagen. Der Geek liebt Red Bull und Bier (gerne auch in der Kombination) und stellt Fragen ins Netz wie: „Gewissenfrage: Welcher Dr. Who-Darsteller war der beste?“ (Selbstverständlich sind alle eingehenden Antworten, die nicht seine eigene Meinung wiedergeben, total unqualifiziert). Nach Wochenenden postet er draufgängerische Sachen wie „Bin noch fix und fertig von der harten LAN-Party bei Mike! Es gibt nichts besseres, als 24 Stunden straight Unreal World Tournament zu spielen, YEAH!“ oder „Das ganze Wochenende an meinem PC an meinem epischen Musikwerk gearbeitet, konnte ein paar rotzende B3-Orgeln reinmischen, klingt wirklich hardcore!“
Seine Freunde sind andere Geeks und Frauen, die Geeks „süß“ finden oder jemanden brauchen, den man auch am Wochenende anrufen kann, wenn der PC abstürzt.

Meteorologin2Die Meteorologin
Die Meteorologin hat einen langweiligen Bürojob, wenig Hobbys und zu viel Zeit. Sie postet (Gott sei Dank) nicht allzu oft, aber alle zehn bis zwölf Tage fällt ihr ein, dass sie die Community schon lange nicht mehr an ihrem Leben teilhaben ließ. Wenn sie sich dann bei Facebook eingeloggt hat, fällt ihr auch der Grund dafür wieder ein: es gibt eigentlich nichts zu berichten. Das führt dann dazu, dass man den ultimativen Smalltalk postet: Kommentare übers Wetter. Diese müssen aber (einem ungeschriebenen Facebook-Gesetz folgend) langgezogene Vokale haben, also z.B.: „It’s raaaaaaaaining again!“ oder „Sommer geht gaaaaaaanz anders!“ oder „Endlich Soooooonne!“ – Für all diejenigen, die also tatsächlich anstrengende Jobs oder ein aufregendes Privatleben haben und deswegen nicht die Zeit haben, ständig aus dem Fenster zu sehen und die klimatischen Veränderungen zu dokumentieren, bietet die Meteorologin den Service, sie via Facebook auf dem Laufenden zu halten.

Selbstdarstellerin2Die Selbstdarstellerin
Die Selbstdarstellerin ist meistens eine alte Bekannte, zu der man (außer auf Facebook) längst keinen Kontakt mehr hat. Mindestens einmal pro Woche ändert sie ihr Profilbild, Selfies in allen möglichen Positionen, mal grinsend, mal lasziv in die (Handy)-Kamera lächelnd, gerne auch in kunstvollem schwarz-weiß oder sepia. Die Posts sind meist kommentarlos (es gibt auch nicht wirklich etwas zu sagen), sie will nur ihr Gesicht alle paar Tage wieder in Erinnerung bringen. Die Selbstdarstellerinnen (und damit auch ihre Fotos) untergliedern sich in verschiedene Untergruppen:

Die Sportlerin
Sie ist eine Globetrotterin, die bei jeder Reise schon das erste Bild postet, wenn sie sich noch im heimischen Wohnzimmer den Rucksack umschnallt. Sie drückt auf ihren Reisen auch gerne Fremden ihr Handy in die Hand, damit diese dann malerische Aufnahmen von ihr machen können, wie sie an thailändischen Stränden im Bikini Acro-Yoga macht, oder über dem Grand Canyon aus einem Flugzeug springt (meistens mit Fallschirm). Sie postet gerne Sachen wie: „Nirgendwo gibt es so aufregende Tourguides wie im Himalaya…grins“.

Der Großverdiener
Meist Männliche Variante der Selbstdarstellerin, wurde meist in der Schule gehänselt, hat sich nun aber endlich durch sein BWL-Studium gekämpft und einen gutbezahlten Job ergattert. Er lichtet sich gerne mit (mehreren) schönen Frauen, Magnumflaschen teuren Champagners, in der First Class eines Emirates-Fliegers oder lässig auf einer Yacht stehend ab. Er postet gerne Sachen wie. „Weiß jemand, wo man in Tokyo am besten weggeht? Will das Nightlife genießen, muss morgen schon weiter nach L.A…..“

Die Ästhetin
Die Ästhetin ist meist mit dem eigenen Aussehen nicht so ganz zufrieden und brilliert in der Community daher lieber mit ihrem Kunstsachverstand. Sie teilt mit uns Artikel über Architektur, Abstrakte Kunst und Moosgummi-Installationen. Während wir (aus gutem Grund) an einer achtlos weggeworfenen Papiertüte auf dem Parkplatz hinter Walmart oder jedem abgeblätterten Werbeplakat achtlos vorbeigehen, hält die Künstlerin diese Sinnbilder unseres urbanen Alltags mit ihrem iPhone in tonalen Schwarzweiß-Bildern mit Retrorahmen fest.

Die Heimwerkerin
Die Heimwerkerin hat meist unmittelbar nach grob fünfzehn Jahren Schule und Studium gemerkt, dass sie eigentlich viel lieber Töpferin, Schneiderin oder Bildhauerin wäre als Anwältin. In ihrer Freizeit ist sie obsessiv kreativ tätig und postet jedes fertige Ölgemälde einer Sonnenblumenwiese, jeden selbstgefilzten Kinderhausschuh und jeden selbstgebatikten Loop-Schal.

Der Foodwatcher
Er hat keine Beziehung aber zahlreiche vollkommen platonische Freundinnen, die ihn alle „total lieb“ finden und ihm versichern, dass sein Single-Dasein keinesfalls an ihm liegt, die sich aber eher einen Kopfschuss verpassen würden, als selbst mit ihm zusammen zu kommen. Essen ist eine der tragenden Säulen im Leben des Foodwatchers. Seine typischen Posts sind daher Texte wie „Penne Arrabiata bei Il Giovanni…..mmmmh!“ oder „Running Sushi! Man sitzt am Tisch und das Essen fährt vorbei, Wahnsinn!“, natürlich immer mit dazugehörigem Bildmaterial, weil sein sog.
Freundeskreis ja noch nie Penne oder Sushi gesehen hat. In besonders schweren Fällen kann der Foodwatcher kochen (oder glaubt es zumindest), was bedeutet, er postet jeden selbst zubereiteten Hot Dog. Bei größeren gesellschaftlichen Ereignissen (seine drei besten Freunde kommen vorbei, um den Superbowl zu sehen und er schmeißt den Grill an) gibt es dann auch gerne eine ganze Bildstrecke von der erschreckenden Menge an Burgern, Bratwürsten und Steaks (ein kleines Schüsselchen Salat reicht für vier echte Kerle), die vier gleichgesinnte Foodwatcher verzehren können, mit Texten wie „Hatten tolles Essen für das Spiel gestern – natürlich alles homemade…..grins“. Das verstörendste an diesen Aufnahmen sind dann die Hintergrundausschnitte der chaotischen Wohnung des Foodwatchers, die einen zweifeln lassen, ob dort überhaupt ohne Kontrolle des Gesundheitsamtes Essen zubereitete werden sollte.

Proud MomDie Proud-to-be-Mums
Die Mütter sind ein echtes Problem auf Facebook, denn obwohl ja niemand sooo gestresst ist wie doppelt- und dreifachbelastete Mütter, die ständig an mehreren Fronten gleichzeitig agieren und funktionieren müssen, sind sie dennoch die Gruppe, die offensichtlich die meiste Zeit zum Posten hat. Der Einfachheit halber laden Mütter schonmal ihre komplette Fotospeicherkarte auf Facebook runter, weswegen man sich in ihrem Profil durch gute 400 Kinderfotos, (das erste 30 Sekunden nach der Geburt gepostet, das letzte vor ca. 90 Minuten) klicken kann, abgelegt in Alben mit Titeln wie „Hannahs erste Schritte“ oder „Hannahs erster Muffin“ oder „Hannahs Prinzessinenparty“.

Auch das eigene mütterliche Engagement wird gerne anderen vorgeführt, so wird natürlich die dreistöckige Hannah-Montana-Geburtstagstorte zum zehnten Geburtstag schon am Vorabend stolz im Netz geteilt und noch vor dem Ehrentag nimmt die Mutter via Facebook bereits erste Glückwünsche für ihre unglaublichen Mutterqualitäten entgegen. Auch die selbst entworfene Kinderzimmer-Deko, eigene Wandgemälde oder eben gebastelte Kastanienmännchen („Das macht unsere Familie an einem verregneten Sonntagnachmittag im Herbst…..“) werden unter viel Applaus geteilt, um all jene auf ihre Plätze zu verweisen, die ihre Kinderzimmermöbel bei IKEA kaufen oder sich an einem verregneten Sonntagnachmittag im Herbst mit ihren Kindern einfach Cartoons anschauen. Neben Unmengen an Bildmaterial werden überwiegend Texte wie „Wünsche allen ein schönes Wochenende – für Mütter gibt es sowas wie Wochenende ja leider nicht….. seufz“ oder „Habe heute getestet, ob es möglich ist, pünktlich um 6.15 Uhr aufzustehen auch wenn man in der Nacht vorher 4mal aufstehen musste, weil der 5jährige nach seinem ersten Shrek–Film Albträume hatte – es ist möglich, aber fragt mich nicht, wie es mir heute geht!“
Die Erschöpfung war offensichtlich nicht groß genug, um sie vom Posten abzuhalten. Besonders problematisch sind die Mütter auch deswegen, weil die Postings aller anderen Selbstdarsteller getrost ignoriert werden können, es aber nunmal dieses ungeschriebene Gesetz bei Facebook gibt, dass man alle Beiträge liken muss, die Bilder von Kindern unter 120cm enthalten. Durch die pflichtschuldig geleisteten Likes der Community werden aber die Mütter wiederum ermutigt, noch mehr zu posten – ein Teufelskreis…..

GamerDer Gamer
Der Gamer lädt dich weder ins Kino noch zum Italiener ein, ihr trefft Euch nicht sonntags zum Brunch im Central Park und wart nie zusammen Pizzaessen. Dafür lädt dich der Gamer zu Candy Crush ein, zu FarmVille oder Criminal Case (bzw. die Spielesoftware tut es für ihn). Es gibt keine anderen Lebenszeichen von ihm (dazu hat er ja gar keine Zeit, er muss spielen) außer regelmäßigen Mitteilungen à la „Peter hat einen Fall bei Criminal Case gelöst und lädt dich zu einem Orangensaft ein“ – what the fuck? Es ist oft mehrere Jahre her, dass man den Gamer persönlich zu Gesicht bekam und selbst da hat er einem nie eine Cola spendiert, aber jetzt soll man in der virtuellen Welt was trinken gehen, zusammen Schweine züchten bei FarmVille oder Bonbons verschieben bei Candy Crush?

TierliebhaberinDie Verspielte Tierliebhaberin
Sie ist Single, als man zuletzt an sie dachte, war sie noch Ende Zwanzig, jetzt fällt einem aber eben auf, dass das schon ein paar Jährchen zurückliegt, also ist sie jetzt auch schon Mitte Dreißig und postet immer noch dieselben süßen Bildchen, wie sie schon zu Schulzeiten in ihrem Stickerheft gesammelt hat. Sie ist eine Tierliebhaberin, aber nicht auf diese militante Tierschützer-Art gewisser Demonstranten, die Pelze besprühen oder in ihrer Freizeit ehrenamtlich im Tierheim helfen. Sie liebt Tiere auf eine mehr körperliche Art und Weise. Sie besitzt entweder Zwerghasen, Hunde  oder Katzen (immer Plural, ihre Liebe ist zu groß für ein Tier) und hat auf ihrem Handy von jedem einzelnen tierischen Freund, den sie in den letzten 20 Jahren besaß, eine umfangreiche Fotostrecke. Keiner ist vergessen und auch der Wellensittich, der ihr 1985 in einem unvorsichtigen Moment entflogen ist, treibt ihr immer noch die Tränen in die Augen, wenn sie an ihn denkt (oder davon erzählt, was sie oft und gerne tut). Ihren vor kurzem verschiedenen Lieblingshund hat sie sich aufs rechte Schulterblatt tätowieren lassen und ist immer noch fasziniert, wie exakt der Tätowierer ihren Rocky eingefangen hat, mit keinem anderen Golden Retriever ist er zu verwechseln. Sie postet Texte wie „Sonniges Frühstück in Balkonien“ zusammen mit einem Foto von ihrem gedeckten Frühstückstisch auf dem Balkon, auf dem zwei Häschen freudig an ihren Karottenstreifen knabbern und mit ihrem Hintern gefährlich nahe an der Butter der Tierliebhaberin sind, aber so eng sieht sie das nicht, die Tierhaare sind ohnehin überall. Wenn die eigene Datenbank an Haustierfotos tatsächlich mal erschöpft ist, werden „süße“ Bilder und Videos aus dem Netz gepostet, z.B. ein zwei Tage altes Katzenbaby, das sich noch vollkommen verknautscht an eine Schnur klammert, mit der Textzeile „Hang in there“ oder ein You-Tube-Video eines schnarchenden Hundewelpen.

Liker2Der Liker
Frei nach dem Motto „Egal wie dumm das Posting ist, es gibt immer noch einen Dümmeren der es liked“ ist der Liker das Fundament von Facebook, der Motor, der jeden Poster antreibt, der Beifall, auf den wir alle hoffen. Ohne den Liker gäbe es kein Facebook, denn seien wir ehrlich: in erster Linie wollen wir nicht irgendetwas mitteilen, in erster Linie wollen wir Feedback auf unsere Mitteilungen. Wir würden alle noch Tagebuch führen und unsere Mitmenschen mit unseren Ansichten verschonen, wenn es genügen würde, sich eine Sache einfach von der Seele zu schreiben; aber nein, aus gutem Grund hat Facebook das Tagebuch ersetzt, denn im Gegensatz zu Papier kann die Community antworten und eben liken.
Der Liker ist der wahre Altruist der Neuzeit, er hat verstanden, dass Gutes tun im 21. Jahrhundert nichts mit Spendengeldern in Haiti oder Kleidersammlungen für Bangladesch zu tun hat; heutzutage lindert man unmittelbar die Leiden seiner Mitmenschen, in dem man ihren armseligen, inhaltslosen, anti-witzigen, uninteressanten, selbstverliebten, vollkommen blödsinnigen Facebook-Postings applaudiert.
Über seine Person ist nicht viel bekannt, so wie wir auch nicht viel über das Privatleben von Albert Schweitzer oder Florence Nightingale wissen, sie bleiben hinter ihrem guten Werk verborgen, nehmen sich selbst zurück, um anderen zu dienen. Jeden Tag sind wir ihnen dankbar, wenn einer unserer sog. Freunde mal wieder einen Sinnspruch à la „Kluge Menschen lernen aus Fehlern, dumme Menschen wiederholen sie“ postet und wir eigentlich kommentieren wollen „Dumme Menschen posten diesen Schrott, kluge Menschen blockieren dich und deine Postings“ antworten wollen –  was natürlich nicht geht, denn wir sind ja alle politisch korrekt und immer freundlich. Und vor allem sind wir in diesen Fällen dankbar, dass der Liker den sinnfreien Sinnspruch bereits gelikt hat und uns andere damit aus der Verantwortung befreit hat, wir können den Beitrag nun getrost ignorieren. Was wären wir ohne den Liker? Fotos postet er keine, aber ihm gefällt jedes unserer Fotos. Seine Freunde sind die 826 Menschen aus seinem allerengsten Kreis, denn alle lieben den Liker.


Voyeur2Der Voyeur
Die Hälfte aller Facebook-Nutzer. Der Voyeur hat ein lieblos gestaltetes Facebook-Profil, meist ohne Foto und ohne nähere Informationen über Wohnort oder Arbeitsplatz, einfach ein leeres Profil, das nichts preisgibt und einzig dazu dient, alle anderen verrückten Seelen- und Lebens-Exhibitionisten bei Facebook ausspionieren und um sich über sie aufregen zu können. Der Voyeur loggt sich meist nur noch sporadisch oder mittlerweile gar nicht mehr ein, denn wer neu auf Facebook ist, stellt schnell fest, dass die Fülle an Dingen, über die man sich aufregen muss, die schiere Flut an Informationen, die man nie haben wollte, so überwältigend groß ist, dass es meist keinen Sinn macht, überhaupt anzufangen. Unter dem Druck der Kommunikationswut der anderen zerbrechend zieht sich der Voyeur rasch wieder in sein reales Leben zurück, das ihm plötzlich gar nicht mehr so langweilig erscheint,. jetzt, da er den Blick durchs Schlüsselloch in die virtuellen Realitäten der anderen hatte.

Die besonders schweren Fälle kennen wir alle: nämlich die, die nicht nur zu einem der neun Typen gehören, sondern gleich mehrere davon in sich vereinen. Dabei hat eine niederländische Studie (International Journal of Web Based Communities) kürzlich ergeben, dass es relativ egal ist, was und wie oft wir posten, sehr viel relevanter sind unsere Freunde. Wer Menschen zu seinen Facebook-Freunden zählt, die „gesund, glücklich und sexuell produktiv“ wirken, hat eine höhere soziale Anziehungskraft; schicke Freunde färben sozusagen ab, sie lassen uns auch lebenslustiger, agiler, sportlicher, glücklicher, beliebter wirken. Je attraktiver die Freunde, desto beliebter ist man also selbst.
Wer hätte gedacht, dass Darwins Regeln der Evolution im Internet so einfach auszuhebeln sind? Man muss nicht mehr aktiv, gesund, fruchtbar und attraktiv sein, man muss nur noch so wirken – und wo ist das einfacher als bei Facebook? Vergesst Second Life oder Farm Ville, der wahre Avatar auf Facebook ist das Nutzerprofil, dort schaffen wir uns die neue, verbesserte, aufgehübschte, erfolgreichere Identität. Facebook ist die ultimative Bühne, auf der wir alle gefallen können. Endlich müssen wir nicht mehr schlagfertig, dünn, glücklich oder aktiv sein, es reicht, wenn wir auf Facebook so wirken. Was für eine Erleichterung. Und dann gibt es da noch diese wunderbaren Hilfen wie Photoshop, schlaue Download-Zitate, eine sehr selektiven Auswahl der sog. Lebensereignisse und (last but not least) LÜGEN, um unsere Profile aufzupeppen.

Zilla van der Born, eine Studentin aus Amsterdam, hat ein sehr interessantes Experiment gestartet: für ein Uni-Projekt wollte sie beweisen, dass unsere Facebook-Profile in keiner Weise Rückschlüsse auf unser reales Leben zulassen. Fünf Wochen lang postete sie über ihr Profil Bilder einer angeblichen Asienreise, die nie stattfand, weil sie Amsterdam nie verließ. Mit Bildbearbeitungsprogrammen und viel Phantasie fakte sie auf diese Art einen Lebensabschnitt, ohne dass jemand etwas bemerkte, postete Bilder von sich in einem Hotelzimmer (ihr eigenes umdekoriertes Schlafzimmer), Unterwasseraufnahmen aus dem Indischen Ozean (in einem Indoor-Pool in Amsterdam aufgenommen) usw. Das Experiment erregte viel Aufsehen. Niederländischen Journalisten erklärte Zilla, sie wolle die Menschen darauf aufmerksam machen, wie sehr wir filtern und manipulieren, was wir von uns selbst auf den Sozialen Netzwerken zeigen. „Wir kreieren eine Online-Welt, mit der die Realität nicht länger mithalten kann.“ Der sogenannte „humblebrag„, also das subtile, fast schon bescheiden anmutende und dennoch absolut schamlose Prahlen auf Facebook mit unseren angeblich so perfekten Leben (á la „Habe einen Kater, bin total ungeschminkt, habe für den Rückflug aus L.A. meine ältesten Jeans an und trotzdem macht mich jeder Armani-Träger hier in der Business Class an, kann man denn nichtmal in zehntausend Meter Höhe seine Ruhe haben?“) gehören bereits so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass wir uns darüber gar keine Gedanken mehr machen. Jedem ist klar, dass die Fotos irgendwelcher Supermodels bearbeitet und geschönt werden, dass Homestories irgendwelcher Hollywood-Schauspieler meist in angemieteten Musterhäusern stattfinden, dass Pressesprecher jeden Satz eines Politikers filtern, ehe er an die Öffentlichkeit geht. Aber sind wir uns auch darüber im Klaren, dass wir (und alle unsere Freunde) auf Facebook dasselbe tun? Es ist so einfach, aus unserem guten alten Leben mit dem gräulichen Film darüber, mit den abgestoßenen Ecken und dem etwas abgestandenen Geruch, online Mein Leben 2.0 zu machen, leuchtendere Farben, ausgewogenere Harmonien, strahlenderes Weiß. Wer könnte da widerstehen?Nach Beliebtheit

Die ganz hohe Schule der Selbstdarstellung ist natürlich der Facebook-Film. Ohne eigenes Zutun fasst Mark Zuckerberg dein ganz individuelles Leben in einem 30-sekündigen Scorsese-esken Mammutwerk zusammen. Zu dramatischer Musik schweben Fotos von dir besoffen in einer Bar, mit roter Perücke an Halloween, einer Nahaufnahme deiner Fingernägel nach deiner ersten Shellack-Maniküre, einem Teller Paella in einem spanischen Restaurant und deinem Hund, der gerade versucht, in eine Hängematte zu klettern, über den Bildschirm, unterschrieben mit dem Text „Die Höhepunkte deines Lebens“ – dazu fällt selbst mir nichts mehr ein. Hier kapitulieren sogar einige der hartgesottensten Liker und schaffen es einfach nicht mehr, auf „Gefällt mir“ zu klicken.

Und man muss ganz klar sagen: es gibt viele  nervige Facebooker, aber es gibt ganz klar mehr nervige Facebookerinnen, denn dieses Grundbedürfnis nach Bestätigung (nicht nur von ausgewählten Menschen, die wir lieben, sondern von der großen, unwichtigen Allgemeinheit) ist ein zutiefst weibliches, hat im Leben von Frau schon seit hunderten von Jahren eine Rolle gespielt und ist mehr oder weniger zwangsläufig auch in der virtuellen Welt manifestiert worden.

Eine Freundin von mir ist schon seit ihrer Schulzeit ein riesiger Fan von Mick Jagger und geht zu jedem Konzert, zu dem sie sich den Flug leisten kann. Vor ein paar Monaten traf sie ihn in einem New Yorker Club, sprach ihn an, er signierte ihr eine Serviette, machte 5 Minuten Small Talk und ließ sie mit ihrem Handy ein paar Selfies von sich selbst und ihm machen. Überglücklich verließ sie den Club und auf dem Weg nach Hause wurde ihr ihre Handtasche gestohlen. Noch Wochen später war sie untröstlich nicht wegen der 600$-Handtasche, ihrem Portemonnaie, ihrem Notizbuch oder dem iPhone, sondern einzig wegen der verlorenen Jagger-Fotos, die sie nun nicht auf Facebook posten konnte. „Aber du hast ihn doch getroffen, er hat mit dir gesprochen, du hast ihn berührt, du hast für immer diese Erinnerung, mit oder ohne Foto!“ erinnerte ich sie schließlich, als ich es irgendwann nach über einem Monat nicht mehr hören konnte. „Aber ohne Foto ist es nicht real“, erwiderte sie niedergeschlagen, „wenn niemand davon weiß, wozu habe ich es dann überhaupt erlebt?“

Wir sind zu Feedback-Junkies geworden, jede Leistung erhält erst ihren wahren Wert durch das Lob anderer, eine Erfahrung ist nutzlos, wenn nicht die ganze Welt davon weiß. Erst durch den von außen reflektierten Blick können wir unser eigenes Leben schätzen und das ist etwas, was Zuckerberg nicht vorhersehen konnte: Facebook ist die Arena, in der wir alle Gladiatoren sind, die ultimative Bestätigungsplattform. Vergiss den ganzen Quatsch mit Vernetzung, Kommunikation und Austausch. Aus zwei Gründen ist jeder bei Facebook: Bestätigung (Applaus für unser Leben durch positive Kommentare anderer) und Schadenfreude (wir machen uns über die Postings anderer oft insgeheim lustig und fühlen uns somit in unserem eigenen Profil aufgewertet). Nicht schön, aber wahr.

Wir müssen also lernen, „Postings im Kopf“ zu machen, ein Erlebnis um des Erlebnisses willen zu genießen, ohne Dokumentation, ohne Beifall, ohne Reflexion durch Dritte. Wir müssen uns innerlich selbst liken (und uns auch mal selbstkritische Kommentare schreiben) und uns ein paar Gedanken über Privatsphäre machen und die Tatsache, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass es sie noch gab.

Sag mir nicht Rucksacktour REAL 4 Grins 3 Wenn sogar Du

Muss es wirklich sein, dass alle alles (zumindest über deinen sorgfältig ausgewählten Lebensausschnitt) über dich wissen? Eine alte Schulfreundin von mir, zu der ich seit über 20 Jahren keinen Kontakt mehr habe, weil sie schon mit 15 nach Phoenix zog, hat mir vor eineinhalb Jahren auf Facebook eine Freundschaftsanfrage gesendet. Seither haben wir kein Wort gewechselt, ich bekomme nur alle paar Wochen eine Facebook-Information, dass sie und ein namenloser Fremder nun eine Beziehung eingegangen sind, und meist 2-3 Monate später eine Nachricht (stilecht mit einem in der Mitte zerbrochenen Herzen) dass diese Beziehung nun wieder beendet wurde (der Liker liked pflichtschuldigst selbstverständlich auch das), während ich fremdschämend weiter nach unten scrolle. Würde sie mich anrufen, könnte ich mich zu einem „Kann ich dir helfen? Was ist passiert?“ durchringen, aber nicht hier, nicht in der ultimativen Öffentlichkeit, nicht in der Gladiatoren-Arena der Neuzeit, in der Beifall und Hinrichtung noch immer so nah beieinander liegen wie vor 2000 Jahren.

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