Veganer und andere Degenerationen der Luxusgesellschaft

Zitat BourdainIn jeder Religion sind es diejenigen Gruppierungen, die sich selbst am meisten geißeln, deren Namen wir mit der größten Ehrfurcht hauchen. Nicht umsonst ist Opus Dei so bekannt. Was Diäten betrifft, so geißelt sich derzeit niemand so hingebungsvoll und publikumswirksam wie der Veganer, der von seinem hohen (natürlich auf einem Öko-Reiterhof gehaltenen, rein biologisch ernährten, durch einen Pferdepsychologen austherapierten und von einem Tierkommunikator begleiteten) Ross einfach aus moralischer Überlegenheit eben mal so die Hälfte aller Nahrungsmittel ablehnt. Während in der Dritten Welt die Menschen verhungern, selektieren wir hier hochmütig die politisch unkorrekten Lebensmittel aus. Jenseits der Armut ist solcher Wahnsinn möglich.

Kurz zur Erläuterung, falls keiner Ihrer veganen Freunde bisher versucht hat, Sie zu bekehren: vegan steht für
VEGAN
In der Theorie (wohlgemerkt: nur in der Theorie) geht es den Veganern vor allem um Tierrechte. Dass der Großteil der Bevölkerung viel zu viel Fleisch isst, das weder gesund für den Einzelnen ist und zu den grauenhaften Bedingungen beiträgt, in denen Tiere gezüchtet, gehalten und geschlachtet werden, muss nicht diskutiert werden. Wir müssen (wie auch Ärzte und Ernährungswissenschaftler bereits seit Jahren immer wieder betonen) weniger Fleisch essen und besser darauf achten, wo dieses Fleisch herkommt. Wir brauchen außerdem weitaus schärfere Gesetze zur Massentierhaltung, auch da sind wir uns einig. Ich fürchte aber, ab hier trennen sich unsere Wege. Der Veganer an sich lehnt nämlich nicht nur Fleisch ab, sondern auch alle tierischen Produkte, d.h. der Veganer hat (im Gegensatz zu Ihnen oder mir) die Fähigkeit, sich in das Leid einer Biene einzufühlen, der der Honig genommen wird. Der Veganer hat auch als Beisitzer in vielen Gesprächen mit Trauergruppen kinderloser Hühner mit angehört, wie sehr das Huhn leidet, wenn der Bauer morgens kommt, um die Eier einzusammeln. Der Veganer weiß auch, was eine Kuh mitmacht, der klar ist, dass ihre wertvolle Milch nicht von ihren Kälbern getrunken, sondern an uns verschwendet wird. Der Veganer leidet mit. Der Veganer ist empört. Der Veganer ist ein besserer Mensch als Sie oder ich und verweigert sich energisch einem dermaßen perfiden Kreuzzug gegen das Tierreich. Leider ist der Veganer (trotz aller moralischer Überlegenheit) nicht besonders willensstark, weswegen er spätestens nach einigen Wochen Geißelung Dinge wie Käse, Schokolade, Eier oder sogar die auf so absolut teuflische Art gewonnene Kuhmilch vermisst. Wie der Rest von uns, will nämlich auch der Veganer auf absolut nichts verzichten. Die Lebensmittelindustrie wäre nicht die Lebensmittelindustrie, wenn sie darauf keine Antwort hätte: von künstlichem Thunfisch über Sprühsahne bis hin zu künstlichem Käse oder sogar Eiern gibt es für den Veganer alles, was das Herz begehrt. Der Nobelpreis 2015 sollte definitiv an die Chemiker gehen, die es schaffen, aus Weizenkleber, Wasser, Zucker und 3-11 E-Nummern künstlichen Mozzarella zu klöppeln! Lang lebe das Glutamat, denn mit vielen krebserregenden Stoffen, einer Heißklebepistole und viel Phantasie kann man daraus sogar ein Kotelett basteln. Ist das gesund? Gott bewahre, auf keinen Fall, aber es leiden keine Tiere darunter, nur der Veganer selbst, kann uns also egal sein.

Kuh mit Flasche wb

Bei genauerem Hinsehen ist es natürlich nicht ganz so einfach, deswegen hasse ich eigentlich genaues Hinsehen. Die Produktion dieser so natürlichen und tierproduktfreien veganen Lebensmittel erfordert große Industrieanlagen, eine Menge Energie und erzeugt sehr viel Abfall. Soja kommt (trotz vieler lokaler Anbaugebiete) nach wie vor zu großen Teilen auch aus dem Regenwald (und hat nebenbei bemerkt so viele Phytoöstrogene, dass sogar Jean-Claude Van Damme davon Brüste wachsen würden und weshalb  Kinderärzte vehement davon abraten, Kindern Sojamilch zu geben).

Vegan WomanErschwerend kommt hinzu, dass der gemeine Binnenlandveganer ein Missionar ist, der seine vermeintliche Heilslehre dringend verbreiten will. Sollten Sie sich also gerade fragen, ob bei Ihrer letzten Dinnerparty wohl ein Veganer war, der ganz schrecklich unter Ihrem Rindertartar gelitten hat und sich nicht traute, etwas zu sagen, dann seien Sie ganz unbesorgt: Der gemeine Veganer kann sein selbstgewähltes Tier-Zölibat in Gesprächen statistisch nur ca. 98 Sekunden für sich behalten. Meist schickt er auch in regelmäßigen Abständen Erinnerungen auf Facebook an die Gemeinde, in denen er z.b. Grundsatzfragen wie „Weiß jemand, wo man vegane Wanderschuhe kaufen kann?“ ins Netz stellt oder auch gerne mal seine veganen Rezeptvorschläge zirkuliert.

T-ShirtWer eine besondere Herausforderung möchte, der wird Fruganer und verzichtet außerdem auf sämtliches Wurzelgemüse, denn wer Kartoffeln aus der Erde buddelt, tötet damit die Pflanze (ein Leidensweg für die Kartoffeln, den sich Vandalen wie Sie gar nicht vorstellen können). Der Fruganer isst nur, was die Natur ihm selbst gibt, z.B. Fallobst. Wenn Sie also einmal einen abgemagerten, blassen Fruganer die 42. Straße entlangschlurfen sehen und Sie ihm einen Apfel hinterherwerfen (bitte vorher den Aufkleber abziehen, sonst merkt er was, Fruganer sind nämlich ziemlich auf zack!) könnten Sie ihm damit das Leben retten.

Apropos abgemagert: Der gemeine Veganer ist in vielen Fällen (wie der gemeine Fleischfresser auch) ein Heuchler. So trifft man des Öfteren Veganer mit Ledertasche oder Ledergürtel, die bei einem Weinchen im Restaurant schonmal nicht so genau die Zutatenliste des Weins studieren und im Winter auch mal Wollmützen tragen, wenn die richtige Marke draufsteht. Dem heuchlerischen Veganer geht es weniger um Tierrechte, sondernmehr um die Selbstdarstellung und die schlanke Linie. Wenig überraschend leben Veganer meistens in Großstädten (in sicherer Entfernung, und ohne die schützenswerten Tiere jemals gesehen, gerochen oder angefasst zu haben) in denen Essen kein natürlicher Vorgang sondern ein soziales Ereignis ist. Hippe Restaurants sind eine der Annoy Peoplewenigen nicht-virtuellen Bühnen, auf denen wir noch glänzen können und uns möglichst von anderen unterscheiden müssen, koste es was es wolle. Veganismus ist eine typische Zivilisationskrankheit der Armutsfremden, nur wer sehr viel Zeit und sehr viel Geld hat, kommt auf solche Ideen. Kennen Sie vegane Asylbewerber, Supermarkt-Kassiererinnen oder Landwirte? Wer noch halbwegs Bezug zur Realität hat, kann über Veganer nur schmunzeln. Vegan leben ist ungesund, teuer, alternativ, in und dumm. Aber es bringt eine Menge Aufmerksamkeit („Also wie du das schaffst! Ich brauche morgens mein Frühstücksei!“) und die Aussicht auf einen schlanken Körper (immerhin hat sogar Oprah damit abgenommen – und später auch wieder zu). Dünn und politisch korrekt? Wer könnte da widerstehen? Und so wird besagtes Frühstücksei schnell zum politischen Statement (vor allem, wenn Sie Käse dazu essen und – ich traue es mich kaum zu sagen – Kuhmilch in ihren Kaffee kippen!).

Tatsächlich ist Veganismus weder gesund noch diätetisch (durch den vielen Zucker und das Glutamat, das den meisten Ersatzlebensmitteln zugeführt werden muss) und die neuen Fitness-Bibeln der überzeugten Veganer, die mit der neuen Heilslehre ihr Leben und ihren Körper verändert haben, haben letzteres vor allem durch Sport und weniger durch Veganismus geschafft. Aber vegan sein ist mal etwas anderes, und was ist heutzutage wertvoller als die Andersartigkeit, die Möglichkeit, sich abzuheben, sich überlegen zu fühlen?

Nichts dagegen. Jeder soll nach seiner Façon selig werden, sagte schon der Alte Fritz. Aber liebe Veganer, macht euch bitte nicht vor, dass das etwas mit Tierschutz zu tun hat oder dass ihr euch selbst damit etwas Gutes tut, missioniert andere nicht, seid ein bisschen weniger selbstgerecht und vor allem: Ernährt eure Kinder nicht vegan (dazu gibt es sogar schon ein Gerichtsurteil).

Veganismus ist weder Dogma noch Diät, es ist Lifestyle und wird (von wenigen tatsächlich kompromisslosen Anhängern einmal abgesehen) schnell hinten angestellt, wenn bei Starbucks mal die Sojamilch ausgeht oder man Heißhunger auf eine Pizza Quattro Formaggi bekommt (Flexiganer nennt sich diese weniger militante Spezies). Wäre es mehr als Lifestyle, würden wir im Sinne des Tierschutzes auch nicht auf eine Wiese treten und damit hunderte von Kleinstlebewesen zertreten oder Autofahren und Abgase in die Luft jagen oder täglich Kaffee aus Wegwerfbechern trinken oder auf die Malediven fliegen oder, oder, oder….. Fast alles was wir tun, erhebt uns über unsere Umwelt, ob wir dieses Herrschaftsprinzip hinterfragen oder nicht, änderbar ist es heute kaum mehr noch. Deswegen werden wir wohl weiter Karotten bestialisch aus der Erde reißen, beim Fußballspielen brutal Spinnen und Käfer zertrampeln und vollkommen egoistisch warme Milch mit Honig trinken, wenn wir nicht einschlafen können.

Gluten-free veganWer es wirklich ernst meint mit dem Tierschutz, dem bliebe im veganen Sinne nur der Suizid um sicherzustellen, dass er keine anderen Lebewesen schädigt. Aber passen Sie bitte auf, von welcher Brücke Sie springen, nicht dass Sie versehentlich die eventuell darunter befindliche Fauna und Flora verletzen…

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