Tim Hunt und andere Sexisten

Zitat Tim HuntIch wette, bis letzte Woche wussten Sie nicht, wer Tim Hunt ist. Ein Biochemiker mit Nobelpreis ist nicht automatisch berühmt. Ich meine, der Mann hat zwar die Forschung zur Steuerung des Zellzyklus entscheidend vorangetrieben, aber dafür gibt es keine Schlagzeilen. Die gibt es für Sexisten.

Der 72-jährige Tim wollte wohl in seinem wissenschaftlichen Spätherbst nochmal so richtig auf die Kacke hauen und klärte auf der Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten am 9. Juni in Südkorea über seine Probleme bei der Zusammenarbeit mit Frauen auf: „Man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen.“ So.

Sir-Richard-TimothyWer bei dieser Aussage jetzt erstmal die Stirn runzelt, sollte sich vielleicht ein Bild von Tim ansehen, dann wird einem einiges klarer. Dass der arme Mann natürlich sein Leben lang darunter gelitten hat, dass sich seine Wissenschaftlerinnen Hals über Kopf in ihn verliebten, leuchtet jetzt ein. Immerhin hat der Mann mehr Haare in der Nase als viele andere in seinem Alter auf dem Kopf.

Wie zu erwarten (für alle außer Tim), verbreitete sich die Nachricht über Twitter in Sekundenschnelle um den ganzen Globus. Hätte er  auf dieser Fachkonferenz ein Atom gespalten oder wäre tot umgefallen (oder beides), hätte er vermutlich nicht so viel Publicity bekommen wie für diese sexistische Äußerung, für die er mittlerweile übrigens von seiner Honorarprofessur am University College London (UCL) zurücktreten musste. Noch ehe er von seinem Stuhl aufstand, hatten sich schon Frauen weltweit verbündet gegen diesen empörenden Opa, von dem eigentlich keine so recht wusste, wer er war, aber das tat der Entrüstung keinen Abbruch. Tim fand an diesem Tag heraus, was ein digital shitstorm ist.

Tim Hunt, Nobel prizewinning scientistDie Frage muss gestattet sein, ob das, was der herbstblonde Forscher da äußerte, tatsächlich so schlimm war: Verlieben sich Wissenschaftler im Labor? Sicher. In jeder Umfrage der letzten 50 Jahre ist auf Platz 1 der Liste, wo sich Paare kennengelernt haben, immer der Arbeitsplatz. Wir verbringen unser halbes Leben in der Arbeit, wir knüpfen dort enge Kontakte, wir verlieben uns dort auch oft (inwieweit das Tim und seinen Nasenhaaren selbst passiert ist, sei dahingestellt, aber grundsätzlich ist die Aussage sicher nicht falsch und auch nicht chauvinistisch). Fangen wir an zu heulen, wenn wir kritisiert werden? Ja. Sie geben es vermutlich nicht gerne zu, aber sie könnten sich sicher auf Anhieb an drei bis sechsundzwanzig Situationen in Ihrem Leben erinnern, in der Sie von einer vermutlich sachlich gemeinten Kritik so tief verletzt waren, dass Ihnen in der Situation selbst oder zumindest später zuhause (am Arbeitsplatz ist die Damentoilette auch ein gern gewählter Ort, loszuheulen) die Tränen kamen. Wir nehmen zu vieles zu persönlich, sind ebenso kritikunfähig wie Männer, die das aber meist besser verstecken können.

Sophie ScottTim war nicht der erste und nicht der letzte alte weiße Mann, der sexistische Äußerungen macht, obwohl er intelligent genug sein müsste, es besser zu wissen. Tatsächlich scheint der 2001er-Jahrgang für Nobelpreisträger kein guter gewesen zu sein, denn im selben Jahr wie Tim Hunt erhielt V.S. Naipaul den Nobelpreis für Literatur und äußerte sich später ähnlich unglücklich über weibliche Schriftsteller-Kolleginnen: “I read a piece of writing and within a paragraph or two I know whether it is by a woman or not.“ Kluge Menschen (übrigens auch Frauen) sagen manchmal dumme Dinge.

Und der Punkt ist folgender: Sie haben ein Recht darauf!

Tim Hunt hat ein Recht auf seine Meinung und er hat vor allem auch ein Recht darauf, sie frei zu äußern, ohne dafür seinen Job zu verlieren. Als ich heute früh aufgestanden bin, war Großbritannien jedenfalls noch ein freies Land, oder habe ich eine Twitter-Meldung verpasst? Hätte eine Frau eine derartige Bemerkung über die Zusammenarbeit mit Männern gemacht, wäre sie bestenfalls eine Randnotiz im Feuilleton gewesen und kein Mann hätte dem große Beachtung geschenkt, so aber konnten wir endlich einmal wieder für etwas vollkommen Sinnloses auf die Barrikaden gehen, damit wir nächstes Mal, wenn es wirklich um etwas geht, noch atemlos sagen können „Schon wieder? Aber ich war doch erst oben! Ich setze diesmal aus!“

Und ironischerweise hat dieser Shitstorm natürlich alles bestätigt,
was Tim sagte: Wir wurden kritisiert. Wir haben losgeheult.

Kate Devlin

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