Ein leichtes Leben und andere Dinge, die Männer nicht haben

John LennonFrüher waren Männer in den Medien klar definiert: John Wayne, Clint Eastwood, Marlon Brando….. Da wusste man, woran man war. Rocky war der Anfang vom Ende. Ja, ich glaube, Sly Stallone ist an allem schuld, denn als er am Ende seines testosterongetränkten ersten Rocky-Films heulend im Ring nach seiner „Aaaaaaaaadriaaaaaan!“ rief, wurde der Mann an sich neu definiert.  Der Mann hat eine blutige Nase, einen auf dem Boden liegenden Gegner, eine jubelnde Menschenmenge (also eigentlich alles, was ein Mann braucht) und schreit nach einer Frau? Für viele ein vollkommen neues Konzept, das sich nichtsdestotrotz durchgesetzt zu haben scheint: Männer wollen mehr (und haben ebenso wie die Frauen nicht wirklich eine Vorstellung davon, was mehr ist). Sehen Sie sich die Medienlandschaft von heute an, es gibt keine (selbst-)zufriedenen Machos mehr, alle Männercharaktere sind zerrissen, verwundet, widersprüchlich, geschwächt, voller Angst, am Boden, alkoholabhängig, krank, hilflos: Cranky HusbandDon Draper, Homer Simpson, Nick Dunne, Frodo, Walter White, Forrest Gump, Sam Tarly, Patrick Jane, Jordan Belfort, Sheldon Cooper, Riggan Thomson, Marshall Eriksen, Bobby Ewing, die Two and a half Men…..
Weicheier allesamt.

Und im realen Leben? Da tun sich unsere männlichen Hollywood-Idole damit hervor, sich Facials machen zu lassen, sie enthaaren sich die Oberkörper, botoxen, tragen blonde Strähnchen…. Hugh Jackman spielt in Musicals mit, Brad Pitt wandelt sich vom sexy Cowboy in Thelma & Louise zum unsäglichen Benjamin Button,  clinton_2Bill Clinton entschuldigt sich öffentlich vor einer Milliarde Clinton_1Menschen für einen Blow Job, Ryan Reynolds ist stolz, das Gesicht einer Kosmetiklinie zu sein, Jeff Bridges modelt für Marco Polo (wie konnte the dude uns das antun?), Michael Douglas lässt sich Fett absaugen, George Clooney macht für Kaffeemaschinen Werbung, Gerard Butler weiß nicht nur, was ein „Augen Roll-on“ ist, er will ihn uns auch noch verkaufen und macht nebenbei auch noch für das Parfüm Boss Bottled Werbung, weil Boss ihn für den typischen „Mann von heute“ hält. – Wenn Butler der typische Mann von heute ist, ist es dann ein Wunder, dass Männer nicht mehr wissen, wer sie sind?
Clooney

Männer haben’s eben nicht leicht. Gut, Frauen auch nicht. Und Kinder erst…. Aber bleiben wir beim Thema. Einige der Nachteile, ein Mann zu sein, sind offensichtlich:

1. Totale und allumfassende Ahnungslosigkeit
Männer haben keine Ahnung. Punkt. Sie können nichts dafür, es ist einfach so. Sie wissen nicht, wie man sich anzieht, wie man Wohnungen einrichtet, wie man Gespräche führt. Sie haben keinerlei Geschmack was Filme, Bücher, Deodorants und ihre Freunde angeht. Sie haben kein Gespür für das richtige Maß (zu viel Alkohol, zu wenig Hygiene). Sie kombinieren blau und schwarz. Sie stehen auf Jean-Claude van Damme und Jenna Jameson. Muss ich noch mehr sagen?

2. Überall Haare (und ich meine überall)
Auf dem Hintern. Auf dem Handrücken. An den Zehen. In der Nase. Auf dem Rücken. In den Ohren. Sagte ich bereits auf dem Hintern? Und nicht zu vergessen: im Gesicht! Ich kann verstehen, dass Bärte wieder mehr und mehr in Mode kommen, ich hätte auch keine Lust, mich jeden Morgen ewig zu rasieren, nur um am Nachmittag schon wieder diesen dunklen Schatten über dem ganzen Gesicht zu haben. Aber, liebe Männer, hier gilt die Regel: ganz oder gar nicht, denn außer Tom Selleck und Hitler kann kaum jemand Schnauzer tragen ohne lächerlich auszusehen, also versucht es gar nicht erst! Man kann diese Haare auch nicht wirklich loswerden, denn auf glatt rasierte Beine („Für den Sport, wegen der Aerodynamik!“) reagieren wir Frauen meistens pikiert („Ist er doch schwul?“). Ich rate zu regelmäßigem Manscaping, ohne es der Partnerin zu sagen, wir lassen Euch ja schließlich auch in dem Glauben, dass wir vor ihm nur sechs Liebhaber hatten, wenn es in Wirklichkeit elf waren………

3. Homophobie
Homophobie
Es kann nicht angenehm sein, wenn man die eine Hälfte der Menschheit nicht versteht (Frauen) und mit der anderen Hälfte der Menschheit (Männer) kein zu enges Verhältnis aufbauen darf, weil man sonst für schwul gehalten wird.

4. Ungewollte Erektionen
Ungewollte Erektionen
Tja, für viele ein Problem, das sie heute gerne hätten, aber wer sich noch an seine Jugendjahre erinnert, dem wird auch die eine oder andere Peinlichkeit wieder einfallen: einen Ständer während die Mathelehrerin sich bückt um den Stift aufzuheben, ein Ständer während man dem Cheerleader-Training zusieht, ein Ständer wenn die beste Freundin der Mutter in einem besonders kurzen Rock die Beine übereinanderschlägt oder (in besonders harten Fällen) auch ein Ständer während man sich beim Ringertraining mit seinem besten Freund auf den Matten wälzt……

5. Impotenz
Auch nicht viel besser als Punkt 4. Eigentlich gar nicht besser. Die Anatomie rebelliert gegen den Geist, Männer verstehen plötzlich eines der Grundprinzipien der Hydraulik: was nach oben geht, geht auch wieder nach unten. Der eigene Körper lässt sie hängen (im wahrsten Sinne des Wortes). Ist es nicht ein Beweis dafür, dass Gott eine Frau ist, wenn Männer mit fünfzehn ununterbrochen Erektionen haben aber keine fünfzehnjährigen Mädchen sich ihnen weiter als auf fünf Meter nähern, während fünfzigjährige Single-Männer sich vor Frauen nicht retten können, aber keinen mehr hochkriegen?
Impotenz
6. Kondome
Ohne Worte.  – Naja, nicht ganz ohne Worte. Nur so viel: was würden wir davon halten, wenn der einzig wirksame Schutz vor Geschlechtskrankheiten ein Latexfilm über unserer Klitoris wäre, der dazu führt, dass wir beim Sex weniger spüren? 

7. Die Ohrfeigen-Doppelmoral
Praktisch jede Frau darf praktisch jedem Mann praktisch jederzeit eine Ohrfeige geben. Das hat für sie in aller Regel nicht nur keinerlei strafrechtlichen Konsequenzen, sie steht im Gegenteil meistens auch ziemlich cool da. Eine Feministin. Eine, die sich nichts gefallen lässt. Eine, die sich wehren kann. Ob es etwas zu wehren gab wird meist gar nicht hinterfragt, sondern man geht davon aus, dass die Ohrfeige verdient war. Ohrfeigt hingegen ein Mann eine Frau ist jedes Mal Amesty International kurz davor, sich einzuschalten, es kommt zu einer Anzeige, der Vorfall kann die Karriere des Mannes beenden. Wir erwarten also, dass Männer in jeder Situation absolut friedfertig bleiben – außer natürlich, wenn in einer dunklen Gasse einer versucht, unsere nagelneue Gucci-Tasche zu klauen, dann erwarten wir von unseren Männern ninja-gleiche Kampfkünste zu unserer Rettung (und unserer Handtasche, nicht zu vergessen).

8. Hilflosigkeit
Hilflos_2Männer wissen nicht, wie man Wäsche sortiert, wie man Kindergeburtstage organisiert, Fehler zugibt oder in welcher Schublade die Kugelschreiber sind. Ja, Männer können Stadtpläne lesen (gähn), aber seien wir ehrlich: wie oft braucht man einen Kugelschreiber und wie oft im Vergleich dazu muss man sich in einer fremden Stadt orientieren? Eben.

9. Die „Den ersten Schritt machen“-Ungerechtigkeit
Emanzipation hin oder her, was sich in den letzten vier Millionen Jahren nicht geändert hat und auch nie ändern wird, ist die Tatsache, dass wir auf jeden Fall und immer erwarten, dass der Mann den ersten Schritt macht. Immer. Er soll uns in der Bar ansprechen, er soll den ersten Sex initiieren, er soll uns vorschlagen zusammenzuziehen, er soll uns einen Antrag machen. In einer funktionierenden Beziehung muss eine Frau niemals sagen, was sie will. So. Das fordert nicht nur viel von Männern (besonders von unsicheren, schüchternen), sondern es kann auch ganz schön in die Hose gehen: wir wollen zwar in der Bar angesprochen werden, es gibt aber fast keinen Spruch, über den wir uns nicht aufregen und nicht total abgedroschen und billig finden. Wir wollen zwar gefragt werden, ob wir heiraten wollen, aber wie dieser Antrag ablaufen soll, steht in unserem Kopf in aller Regel schon seit unserem dreizehnten Lebensjahr fest und deine Variante stimmt nicht mit unserer überein, sorry. Das Leben ist hart…..

10. Die Männlichkeitsfalle
Macho_1
Wir hassen Machos. Natürlich tun wir das. Deswegen wählen wir ja auch in neun von zehn Jahren Machos zum „Sexiest Man Alive“ (die Sache mit Cumberbatch war nur ein Ausrutscher). Wir erzählen Freundinnen mit politisch korrekter Empörung in der Stimme, dass unser Mann total ausgerastet ist, als gestern in der Bar ein anderer Mann uns die ganze Zeit angestarrt hat, aber wir können uns das Grinsen dabei nicht verkneifen. Wir verschlingen Bücher und Filme, in denen Frauen dominiert werden, in denen Männer uns sagen „Auf die Knie“ oder „Zieh dich aus. Jetzt.“ Wenn Männer davon aber ableiten, sie könnten uns auch sagen „Hol mir ein Bier. Jetzt.“ werden wir von einer Sekunde zur anderen zur Feministin und machen eine Szene.

Um mal die unvergleichliche Gloria Steinem zu bemühen: „Men weren’t really the enemy – they were fellow victims suffering from an outmoded masculine mystique that made them feel unnecessarily inadequate when there were no bears to kill.“ Heute gibt es nicht nur keine Bären mehr zu töten, es wird auch zunehmend schwerer für Männer, anderen Männern im Kino beim Bärentöten zuzusehen.

Und wenn wir ehrlich sind, dann sind wir Frauen auch keine große Hilfe bei der Identitätsfindung: wir wollen einerseits den Alphamann, der das Geld verdient, den Abfluss repariert, uns unser neues Handy erklärt und uns auf einem Arm die Treppe hinauftragen kann, andererseits brauchen wir aber jemanden, der ganz (wirklich ganz!) sensibel ist, auf uns eingeht und uns (und unsere Liebe zu seichten, vollkommen hirnlosen Fernsehserien, James Blunt und der Farbe Pink) versteht. Versteht er uns aber zu sehr, gefällt uns das auch nicht….

Chess-says-everything-about-men-and-womenWir haben verlernt (oder konnten wir das vielleicht noch nie?) Männern auf Augenhöhe zu begegnen. In unseren Beziehungen schleppen wir ein Podest mit uns herum, auf das wir selbst gestellt werden wollen oder den Mann stellen, dazwischen gibt es anscheinend nichts. Frauen sprechen mit mir nur darüber, wie absolut lebensnotwendig ihr Mann ist oder wie absolut unfähig. Kritiklose Anbetung oder rückhaltloser Spott. Wir wollen zu ihm „aufsehen“ können, ihn bewundern – und/oder bewundert werden. Und da die wenigsten von uns Barbie und Ken sind und nicht sooo viel Anbetungspotential bieten, ist das ziemlich schwierig.

Also wieso sind wir nicht verständnisvoller gegenüber Männern, nehmen mehr Rücksicht, geben zu, dass sie kein leichtes Leben haben? Die Antwort ist einfach: Unser Mitleid mit Männern hält sich deswegen in Grenzen, weil wir dasselbe mitmachen: auch wir stehen orientierungslos und hilflos vor den Anforderungen der neuen Zeit an das Frausein, auch von uns wird erwartet, einerseits stark, unabhängig, klug und selbständig zu sein, gleichzeitig müssen wir dabei aber immer ganz ladylike bleiben, dürfen ja nicht mehr verdienen als unser Mann oder ihm das Gefühl geben, er habe nicht die Kontrolle. Wir sollten auch gut im Bett sein, aber vor ihm möglichst noch mit niemandem geschlafen haben. Wir sollten eine Karriere haben, die auf Partys gut klingt, die wir aber sofort aufzugeben bereit sind, wenn das erste Kind kommt….. soll ich weitermachen?
Also: hört auf zu heulen, Männer!

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2 Kommentare

  • Maxime Montiniere

    Hallo Jill,

    bei deinen Ausführungen über die alltäglichen Hürden der männlichen Spezies habe ich mir beim lesen schon ein kleines bisschen selbst bemitleidet. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst was ich als Mann für ein schweres Leben habe. Um die Ehre meiner männlichen Leidensgenossen ein wenig hoch zu halten könnte ich Argumente wie „Männer haben nur deswegen keine Ahnung, weil Frauen sowieso alles besser wissen wollen“ anbringen. Oder „Männer sind nur deshalb so hilflos, weil sie bei der gefühlten konsequenten Inkonsequenz Ihrer Frauen nichts, aber auch gar nichts, richtig machen können“.

    Um jetzt nicht als trotziger Jammerlappen dazustehen, muss ich zugeben, dass die Geschichte mit dem ersten Schritt auch nur zur Hälfte die Bürde des Mannes ist. Dass Frauen schlichtweg erobert werden wollen ist unumstritten. Wobei sie hierbei jedoch ganz gerne die Zügel selbst in der Hand halten, indem die jeweils „ersten Schritte“ der Männer subtil initiieren (z. B. Verdächtig langes Suchen nach dem richtigen Schlüssel, um den ersten Gute-Nacht-Kuss herbei zu führen; die obligatorische „subtile“ Frage nach dem Kaffee etc.). Der erfolgreiche Romeo muss jedoch ein gewissen Maß und Ziel an den Tag legen, um die versteckten Signale zu deuten (siehe Punkt 1). Wahrscheinlich gibt es deswegen so viele Singles.

    Unumstritten bleibt jedoch das Sonderrecht der wütenden Frau auf eine schallende Ohrfeige. Die muss man als gottgegeben anerkennen.

    Wenn jedoch Frau die Messlatte für DEN Mann bei Clint Eastwood und John Wayne ansetzt, dann kann es daneben nur Weicheier geben. Ein Glück für uns Normalsterbliche, dass Chuck Norris ungenannt blieb.
    Da jedoch der Mensch egal ob Frau oder Mann dazu neigt immer das zu begehren, was er nicht haben kann und sich kritisch über die Macken der anderen auslässt, wird es hier immer Anlass für Diskussionen geben.
    Meiner Meinung nach, sollte das Nichterreichen von Idealbildern und gesellschaftlichen Anforderungen als Grundlage dafür dienen, um Kompromisse mit sich selbst und anderen einzugehen. Perfektion ohne auch nur einen Abstrich davon zu machen existiert genauso wenig in der Theorie wie Chuck Norris ohne Bart. Auch sollten weder Männer noch Frauen rat- und mutlos gegenüber der allmählichen Aufweichung konventioneller Rollenverteilung stehen. Die „neuen“ Rollen sind noch nicht definiert und jeder von uns hat aktiv die Chance an deren Interpretation mitzuwirken. Vive la révolution!

    Meilleures Salutations Maxime

    • Jill Eliot

      Lieber Maxime,

      du sprichst mir aus der Seele, wenn du andeutest, dass die meisten männlichen Unzulänglichkeiten „made by women“ sind, ich widerspreche dir jedoch, dass die neuen Rollenbilder der Geschlechter noch nicht definiert sind, denn das sehe ich anders, da empfinde ich (von weiblicher Seite) eine klare Tendenz zum Rückschritt. Es gab schon eine Frauengeneration, die erst Karriere machen wollte, ehe geheiratet wird (heute gibt es wieder viele Frauen, die mit Anfang 20 heiraten und Kinder kriegen wollen und das passende Kleid dazu schon mit 12 ausgesucht haben). Auch das Zuhausebleiben bei den Kindern, das Annehmen des Namen des Mannes, das „Das ist eine wichtige Entscheidung, da müssen wir den Papa fragen“, das generelle Anlehnbedürfnis an den Mann ist bei Frauen definitiv wieder in (wird vermutlich als Retro und damit als cool angesehen). Ich muss mir nur die 1001 „Mom Blogs“ ansehen, bei denen Frauen es als Selbstverwirklichung bezeichnen, sich in ihrer wenigen Freizeit auch noch mit Sitzkissen, Design-Topflappen oder irgendwelchen Backrezepten zu beschäftigen. Manchmal glaube ich, die Männer wären schon bereiter für die Revolution als die Frauen, ich höre jedenfalls öfter Männer sagen, dass sie sich gut vorstellen könnten, beim Kind zuhause zu bleiben – nur quietschen deren Frauen dann bei der Vorstellung einer 40-Stunden-Woche meist empört auf…. Es ist noch viel zu tun!

      Vielen Dank für Deine Gedanken!

      Bis Bald,
      jill

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