Das Burka-Verbot und andere Themaverfehlungen

Zitat
Tja, bei solchen Zitaten islamischer Muftis kann man fast verstehen, dass die Burka den Europäern so ein Dorn im Auge ist, nicht wahr? Ein Land nach dem anderen verabschiedet Burka-Verbote, es scheint langsam einfacher, einen Ort zu finden, an dem man noch öffentlich rauchen darf, als eine erkennbare Muslima zu sein. Selbst der Europäische Gerichtshof wurde bemüht und kam zu der Entscheidung, Frankreichs Burkaverbot stehe nicht im Widerspruch mit der Menschenrechtskonvention, weil die Vollverschleierung angeblich das „friedliche Miteinander“ gefährde.

Thats MeHmm. Zunächst einmal: wie viel „Miteinander“ zwischen verschleierten Muslima und Europäern haben Sie denn bisher erlebt? Und steht dem wirklich die Burka im Weg? Also ich bin dafür, dass Schnauzbärte, Tiger-Leggings, Plateauschuhe und Proll-Tattoos verboten werden, die machen mich nämlich weit aggressiver als Burkas. Aber das geht wohl nur mir so, in der Presse finden sich nämlich weit mehr wütende Pamphlete gegen die Verschleierung als gegen kleine fragile Röschen in großen Dekolletés oder Schäferhundköpfe auf Oberarmen. Die große Mehrheit hat beschlossen, gegen die Burka zu sein (nicht etwa, weil man darüber ausgiebig gebrainstormed hat oder tatsächlich mal mit einer Frau in Burka gesprochen hätte), sondern weil „man“ diese Meinung derzeit nunmal hat und „man“ irrt sich ja bekanntlich nie. „Man“ vergisst nur leider immer wieder, dass die Dinge fast nie schwarz-weiß sind. Sehen wir uns die am häufigsten gebrauchten Aussagen beider Seiten doch mal an:

Equal-Rights„Die Burka unterdrückt die Frauen.“ Stimmt. Aber die Liste der Dinge, die Frauen unterdrückt, ist laaaaang, machen wir uns wirklich vor, dass das der Grund ist, warum uns die Burka stört? Die Scharia gilt derzeit noch in ca. 35 Ländern und macht es Frauen in unterschiedlichen Abstufungen schwer bis unmöglich, eigenbestimmt zu leben, Zugang zu Bildung zu haben, frei ihre Meinung äußern zu dürfen. In diesen Ländern ist auch irgendeine Form der Verhüllung vorgeschrieben, was aber sicher nicht das größte Problem dieser Frauen ist – nur das sichtbarste. Gerade diese Verhüllungen ermöglichen es Frauen aber, sich relativ frei zu bewegen; ein Burka-Verbot führt also im Grunde nur dazu, dass Frauen zuhause bleiben müssen, man schränkt damit nicht die Macht der Scharia ein, sondern nur die Frauen selbst.

male dominated„Die Burka macht Frauen zum Sexualobjekt.“  Stimmt. Aber: Frauen sind Sexualobjekte, traurig aber wahr, überall, nicht nur in muslimischen Ländern. Es hinterlässt schon einen etwas bitteren Nachgeschmack im Mund, wenn westliche Frauen High Heels und Make-up tragen, sich Silikon in die Pobacken und Wangenknochen spritzen und sich in Stretch-Kleider zwängen, um Männern zu gefallen, gleichzeitig aber die Frauen als unterdrückt und rückständig angreifen, die sich eben dieser Pflicht, Männern gefallen zu müssen, durch Verhüllung entziehen.

Wie war das nochmal mit erst einmal vor der eigenen Türe des Glashauses kehren, in dem man sitzt, ehe man Steine wirft?

Selbstverständlich sind Aussagen wie die oben von Taj El-Din Hamid Hilaly inakzeptabel, aber was die Presse oft verschweigt, ist, dass der selbsternannte Australische Großmufti hierfür auch von islamischer Seite gehörig den Hintern versohlt bekommen hat, er gibt keineswegs die Meinung aller Moslems wieder und definiert mit seiner Aussage auch keinesfalls die offizielle Bedeutung der Burka, er spielt mit solchen Äußerungen lediglich Islamophoben in die Hände. Burka2Es stimmt, dass die Verschleierung im Grunde ein Armutszeugnis für beide Geschlechter ist: Männer sind potentielle Triebtäter, die sich nicht beherrschen können, sobald sie etwas Weibliches sehen, und Frauen sind wandelnde Sirenen, die versteckt werden müssen. Die Burka ist eine Manifestation der desaströsen Überzeugung, dass das männliche Verhalten die Verantwortung der Frau ist – aber es ist eben nur eine von vielen solcher Manifestationen. Auch in der westlichen Welt gibt es keinen Vergewaltigungsprozess ohne die Frage, was das Opfer anhatte (je weniger es war, desto schwieriger ist der Prozess zu gewinnen und der nicht-einvernehmliche Sex zu beweisen). Wir alle haben schon 15-jährige Mädchen in Hot-Pants und Boob-Tubes die Straße entlang gehen sehen und uns kopfschüttelnd gefragt, wie deren Mütter sie so rumlaufen lassen können – warum, wenn der Gedanke, dass nackte Haut sexuelle Übergriffe „provoziert“, so verwerflich und abwegig ist? Das Konzept, dass Verhüllung tugendhaft ist und Enthüllung anrüchig, ist uns also durchaus nicht fremd, die Frage ist nur, wo man die Grenze zieht und vor allem wer derjenige ist, den wir die Grenze ziehen und als allgemeingültig erklären lassen. Männer wie Taj El-Din Hamid Hilaly sollten es nicht sein, aber sollten dafür wir es sein?

Burkas

„Es steht nichts über die Burka im Koran.“ Stimmt. Dafür dass so viele Menschen auf der Welt Talmud, Tora, Bibel, Koran, Sunna und Steve Jobs Auto-Biographie  blind folgen, steht erstaunlich wenig Greifbares darin.

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Burka oder Niqab sind in der Tat keine traditionell islamischen Frauenkleider und werden weder im Koran noch in der Sunna gefordert (so wie auch nicht in der Bibel steht, dass Nonnen den Habit tragen müssen oder Schwule keine Kinder adoptieren dürfen). Jedes religiöse Leitwerk ist (leider) nur die Summe seiner Interpretationen. 

„Viele Muslima wollen freiwillig Burka tragen.“ Stimmt. Das macht es aber nicht besser. Das Argument, dass man die Burka nicht angreifen darf, weil viele Frauen sie freiwillig tragen (in Europa sind übrigens die große Mehrheit der Burkaträgerinnen europäische Konvertiten) ist Quatsch, denn (und jetzt kommt etwas vollkommen Schockierendes, also setzen Sie sich lieber hin, ehe Sie weiterlesen!): auch von Frauen getroffene Entscheidungen können falsch sein!! – Sie sind es sogar leider sehr oft, wie auch die Entscheidung westlicher Frauen, sich Schönheitsidealen zu unterwerfen.

burqa

Das Argument, jede weibliche Entscheidung sei allein schon deswegen legitim, weil sie von der Frau selbst getroffen wurde, ist deshalb dermaßen lächerlich, dass es hier gar nicht erwähnt werden sollte.

Seit dem Ende der Taliban-Regierung im Dezember 2001 gibt es keine Burka-Pflicht mehr in Afghanistan, dennoch tragen die meisten Frauen sie nach wie vor (wie z.B. auch die meisten katholischen Ordensschwestern weiter den Habit tragen, obwohl die meisten Orden es ihnen inzwischen freistellen, zur zivilen Kleidung zurückzukehren) und das aus unterschiedlichen Gründen: Sie haben Angst um ihren Ruf und fühlen sich ohne Burka nicht sicher; sie wollen ihre Frömmigkeit und Glaubenstreue demonstrieren (auch auf unserer Seite der Welt erleben Virginity-Verbände Rekordmitgliedschaften, Mädchen tragen sog. „Purity-Ringe“ und demonstrieren öffentlich, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen wollen, das bewusste Zurschaustellen der eigenen Tugendhaftigkeit ist uns also durchaus nicht fremd); sie wollen die ärmliche Kleidung darunter verbergen und bevorzugen die gesellschaftliche „Gleichstellung“ aller Frauen. Sogar „Macht“ soll die Burka den Frauen verleihen, argumentieren einige (vermutlich dieselben, die auch nicht müde werden, zu behaupten, Dessous und Stiletto-Absätze würden den Frauen in der westlichen Welt Macht verleihen). Und es gibt innerhalb der verschleierten Welt der Burka-tragenden Frauen auch durchaus bereits Vorwärts-Bewegungen,Burqini-5546631z.B. den „Burkini“, die erste schariakonforme Schwimmbekleidung für Musliminnen, eine Art Ganzkörperbadeanzug mit Haube (wie Eisschnellläufer sie tragen), der es den Frauen möglich macht, schwimmen zu gehen (bisher mussten sie in der Burka ins Wasser oder gar nicht), es gibt den Burkini mittlerweile weltweit, sogar Amazon führt ihn, in allen möglichen Designs.

Spic3Roqaya Al Ghasara leads the Olympic delegation of Bahrain as they parade during the opening ceremony of the 2008 Beijing Olympic Games at the National Stadium, also known as the "Bird's Nest", on August 8 2008. The 2008 Summer Games opened in China and will run until from August 24. AFP PHOTO / OLIVIER MORINNIKE produziert seit 2006 Sportkleidung für muslimische Frauen, Ruqaya al-Ghasara aus Bahrain trug bei ihrem Sieg bei den Asienspielen einen Ganzkörperanzug sowie einen Hidschab mit dem Nike-Logo. Bei den Olympischen Spielen war sie die Fahnenträgerin ihrer Mannschaft und trug stolz einen aufwändig bestickten Niqab.

Im Jahr 2014 wurden allein im Iran unglaubliche 3,6 Millionen Frauen zu Bußgeldern verurteilt, weil sie in stillem Protest unverschleiert auf die Straße gingen. Die iranische Journalistin Masih Alinejad hat eine Facebook-Gruppe mit Namen My Stealthy Freedom gegründet, in der sie Frauen dazu auffordert, Fotos mit offenem, unverhülltem Haar von sich zu posten und sich dem Protest gegen die Verschleierungsgesetze anzuschließen. Tausende iranischer Frauen folgten ihrer Aufforderung, My Stealthy Freedom hat bis zum heutigen Tag weit über 800.000 Follower, die den Kampf für eine geänderte Gesetzgebung im Iran unterstützen. „Meine Mutter möchte gerne den Schleier tragen, ich nicht. Im Iran sollte für uns beide Platz sein“, begründet Masih ihre Aktion. Hijab1

Es gibt also Fortschritte, wenn auch vielleicht nicht in dem Tempo, das wir gerne hätten. Fakt ist und bleibt jedoch, dass tausende Frauen weltweit zum Tragen der Burka gezwungen werden und das ist grauenhaft. Es muss jedoch die Frage erlaubt sein, wo die Empörung der Europäer bleibt, wenn es um weibliche Genitalverstümmelungen in Westafrika geht oder Massenvergewaltigungen in Bangladesch? Keines dieser Themen wird auch nur annähernd so medienwirksam diskutiert wie die Burka.  Hijab2In vielen islamischen Staaten haben Frauen kein Wahlrecht, keinen Zugang zu medizinischer Betreuung oder Schulbildung, keine Möglichkeiten zur Verhütung…. Glauben Sie wirklich, die Frage der Kleidung ist die am dringlichsten zu stellende? Für die Musliminnen, die ich kenne, ist sie das jedenfalls nicht. Und einige von ihnen tragen in der Tat freiwillig Burka oder Niqab, obwohl ihre Männer und Väter längst gleichgültig abwinken, wenn das Thema auf den Tisch kommt.

Es mag uns schwerfallen, zu verstehen, warum Frauen sich die Verschleierung freiwillig antun, aber ich verstehe auch nicht, warum manche sich ihr Gesicht piercen lassen, Scientology beitreten, sich Fett aus ihrem Hintern in die Lippen spritzen, ihre Kinder Carlotta nennen oder Hedge-Fonds-Manager werden, dennoch bemühe ich nicht den Europäischen Gerichtshof, das verbieten zu lassen.

Burqini 2Seien wir doch ehrlich: Die Burka ist ein Symbol der überwältigenden Andersartigkeit von Moslems, deswegen ist es uns auch weitgehend egal, was im Islam sonst vorgeht, aber die Burka können wir sehen, die Burka kommt uns auf dem Bürgersteig entgegen, die Burka macht uns Angst. Wir verheddern uns ganz bewusst in diesen Oberflächlichkeiten, bleiben auf den Nebenschauplätzen auf sicherem Terrain, um uns nicht mit den wirklichen Problemen zwischen ihrer und unserer Welt auseinandersetzen zu müssen, und die gehen leider sehr viel tiefer als ein Stück Baumwollstoff. Nicht umsonst hat China sein Burka-Verbot kurz nach den Terroranschlägen 2014 (z.B. auf den Hauptbahnhof von Kunming) durchgesetzt, wir rächen uns dort, wo wir können – nämlich an der falschen Stelle.

Die Burka verkörpert in europäischen Augen eine geradezu radikale Fremdheit, aber eine freie Gesellschaft muss das aushalten, denn sie definiert sich ja gerade über die Toleranz der Andersartigkeit. Die Burka zu verbieten ist vermutlich der einzige sichere Weg, dafür zu sorgen, dass sie uns noch lange erhalten bleibt, weil sie ihre Anhängerschaft damit nur isolieren und radikalisieren wird.

Der Slang-Ausdruck der im Nahen Osten stationierten US-Army-Soldaten für verhüllte Frauen ist „MBO“, Moving Black Object, und ich glaube, so ähnlich sehen wir die verschleierten Muslima auch: als dunkle Geister, befremdliche Gestalten, die uns einschüchtern. Sehen Sie der nächsten Muslimin in Burka einfach in die Augen, die sind irgendwo hinter dem Gitter, so wie Ihre irgendwo hinter der Dolce&Gabbana-Sonnenbrille sind.

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Ein Kommentar

  • Angelika

    Hallo Jaqueline,

    danke für den Link.
    sehr guter Kommentar zu einem Thema, welches sehr aktuell ist.

    Gute Nacht und bis bald im Kindergarten

    Angelika

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