Modelfiguren, Selbstvertrauen und andere Dinge, die Frauen nicht haben

Zitat TolstoiWann hatten Sie zum letzten Mal eine InTouch in der Hand? Ich bin weiß Gott keine Expertin in Schönheitsfragen, war bisher aber auch noch nie von einer Zeitschrift, die ich im Wartezimmer des Kinderarztes durchblättere, so überfordert: auf Seite 3 wird Nichole Ritchie als „besorgniserregend dürr“ bezeichnet und es wird darüber lamentiert, dies sei „nicht mehr schön“ und sie solle endlich etwas essen; im selben Ton wird auf Seite 19 Britney Spears oder Jessica Simpson gerügt, dass sie schon wieder zugenommen habe und mit fiesen Zoom-Aufnahmen auf Fettpölsterchen und Orangenhaut bestraft. Zwei Seiten weitergeblättert, wird Kim Kardashian für ihre kurvige Figur bewundert und gleichzeitig dafür angegriffen, dass sie sich zu ihrer geschnürten Wespentaille die Brust- und Poimplantate mit unglaublichen Proportionen hat machen lassen. – Was genau will man denn jetzt von uns?

men-vs-women-mirror-jokesSollen wir dick, dünn oder künstlich sein? Und wieso lassen wir uns überhaupt so verunsichern? Haben Sie schonmal erlebt, dass Männer eine Identitätskrise bekommen und sich heulend aufs Bett werfen, weil sie meinen, plötzlich in jeder einzelnen Hose, die im Schrank hängt, dick auszusehen?

Wir eifern den „Idealbildern“ (wer hat die eigentlich festgelegt?) der Medien nach und machen uns dabei nicht bewusst, dass nicht einmal die Models selbst diesem Idealbild entsprechen.

Schauen wir uns doch dieses mediale Idealbild genauer an:

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Photoshop wird ad absurdum geführt und man fragt sich manchmal, wofür Supermodels denn bitte überhaupt noch existieren, wenn das fertige Werbebild mit der dafür Modell liegenden Frau nicht mehr das Geringste gemeinsam hat? Und warum sollten wir sein wollen wie diese weichgezeichneten Fake-Barbies?

Wir Frauen haben kein Selbstvertrauen. Punkt. Ich sage bewusst nicht „einige Frauen“ oder „viele Frauen“. Alle. Es gibt einen Grund, warum Rihanna auf roten Teppichen durchsichtige Kleider trägt, Miley Cyrus Nacktfotos postet oder sich die Achselhaare pink färbt, Katy Perry immer wieder Nippelblitzer „passieren“, Lady Gaga sich Schinken um den Hals hängt und Sie sich gestern ein für fünfzig Cent in Bangladesch geklöppeltes Shirt für 90$ gekauft haben, nur weil ein Designer-Label eingenäht ist: Wir haben kein Selbstvertrauen!! Wir brauchen Bestätigung von außen, weil wir verlernt haben, unserem eigenen Urteil zu vertrauen, uns in unserer eigenen Haut sicher zu fühlen, uns selbst zu bestätigen. Und diese Unfähigkeit, uns selbst für gut (genug) zu befinden – und uns klar zu machen, dass das auch reicht (wer hat eigentlich mal festgelegt, dass wir alle versuchen müssen, atemberaubend zu sein? Wofür gäbe es dann noch Christina Hendricks oder Famke Janssen?) Das alles hat zur weit verbreitetsten aller weiblichen Geschlechtskrankheiten geführt: der Gefallsucht. Mein Gott, wie wollen wir gefallen! Und es ist nicht so wie auf der High School mit fünfzehn, dass wir dem einen auserwählten, coolen Jungen gefallen wollen, für den wir seit Wochen schwärmen und der unser Herz höher schlagen lässt. Nein, es ist viel schlimmer, es ist eine Epidemie: wir wollen jedem gefallen. Und wer ist Patient X, der Ausgangspunkt der Epidemie, wer ist der Wirt, das kleine Äffchen aus Outbreak? Mami, natürlich.

CookieZu jeder Zeit wurde schon in unserer Kindheit vor allem das Thema Gewicht thematisiert (haben wir nicht alle unsere Mütter ständig auf Diät oder über ihre Figur schimpfend in Erinnerung?) und auch heute noch ist das, was die meisten Frauen an sich bemängeln, ihre Figur. Die Vorstellung der Gesellschaft, wie genau die perfekte weibliche Silhouette auszusehen hat, hat sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder verändert: von den kurvigen „Bombshells“ wie Jean Harlow in den 30er Jahren, über den feministischen Look á la Katherine Hepburn in den 40ern, der „Bigger is better“-Dekade mit Marilyn Monroe in den 50ern, Twiggy in den 60ern, den ersten großen Supermodels in den 80ern, in denen Elle MacPherson zu „The Body“ wurde, dem abgerissenen Grunge-Look der 90er bis hin zum sportlich getonten Körperbewusstsein am Anfang der neues Jahrtausends, in der Madonna uns gezeigt hat, wie Oberarme aussehen müssen. Was unverändert blieb, ist die Tatsache, dass Frauen immer das Gefühl hatten und haben, dieser aktuellen Idealvorstellung nicht zu entsprechen.

Gin Toni

Über das Dilemma unseres Gewichts hat die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach (sie war die Therapeutin von Prinzessin Diana) schon vor über dreißig Jahren ein sehr interessantes Buch mit dem Titel „Fat is a Feminist Issue“ geschrieben (aktuell erschien ihr Buch „Fifty Shades of Feminism“, das ich auch nur jedem empfehlen kann, der versucht, sich nach „Fifty Shades of Grey“ wieder reinzuwaschen) und sie hat natürlich Recht damit: unsere Figurprobleme, unser mangelndes Selbstbewusstsein, unsere (im wahrsten Sinne des Wortes körperliche) Abhängigkeit von der Bestätigung der Gesellschaft sind ein feministisches Thema. Und obwohl Übergewicht eine geschlechterübergreifende Epidemie in so gut wie allen Industriestaaten ist, finden wir in allen möglichen Medien immer nur sehr geschlechtsspezifische Diätvorschläge für Frauen – und meist auch noch mit so unsäglichen Überschriften wie „machen Sie sich sexy für ihn“ oder ähnliches.

nachdenken-schoenheitDas Schlachtfeld Körper wird von Generation zu Generation weitergegeben. Unsere Mütter haben uns kein Gefühl vermittelt, wie wir uns sicher in unserem Körper fühlen können, sondern ganz im Gegenteil, dass unser Körper eine Quelle ständiger Niederlagen und Demütigungen ist. Töchter hören ihre Mütter nie sagen „Sehe ich in dieser Bluse klug aus?“ oder „Sehe ich in dieser Hose selbstbewusst aus?“, sie hören immer nur „Sehe ich in diesem Rock fett aus?“ oder „Lässt diese Jeans meinen Hintern dick aussehen?“ So werden die verschrobenen Prioritäten von Müttern an die Töchter weiter vererbt.

21922361-mirror_thumbSchon vor dreißig Jahren riet Susie Orbach in ihrem Buch dringend, als Mutter ein gutes (feministisches) Vorbild zu sein, das heißt, zu versuchen, vor den Kindern so wenig Zeit wie möglich kritisch vor dem Spiegel zu stehen, sich zu schminken oder über Diäten zu sprechen.

Fight-Fat-TalkDas hat bei unseren Müttern damals schon nicht wirklich geklappt, und wir scheitern noch viel dramatischer daran. Nicht nur, dass unser Schlankheitswahn unvorhersehbare Ausmaße angenommen hat, sondern auch unser Bedürfnis, das Abnehmen ständig zu thematisieren. Während Figurprobleme in unserer Müttergeneration noch eher ein Tabuthema waren (beim Kaffeeklatsch mit Freundinnen wurde pflichtbewusst ein Stück Kuchen gegessen und zum Ausgleich dann zwei Tage zuhause nichts mehr, nur damit niemand erfährt, dass man mit seiner Figur unzufrieden ist) gehört es heute praktisch zum guten Ton, ständig und überall stolz auf seinen freiwilligen Nahrungsverzicht hinzuweisen. Erin, eine (schlanke) Freundin von mir hat noch niemals wenn sie bei mir zu Besuch war, das Angebot eines Kuchens oder Kekses einfach nur mit einem „nein, danke“ abgelehnt. Bei ihr ist das immer der Einstieg in einen zehnminütigen Vortrag darüber, dass sie momentan komplett auf Zucker verzichte oder nach sechzehn Uhr gar nichts mehr zu sich nehme, oder gerade eine Eiweiß-Diät mache oder was auch immer, dass sie damit ja auch schon sechs Pfund verloren habe etc. – natürlich immer vor den Kindern. Veronica, eine andere schlanke Freundin, trinkt ihren Cappuccino zuckerfrei (bei jedem Schluck eine Grimasse ziehend) und sagt zu ihrer 4-jährigen Tochter „Na, Hannah, ist die Mama nicht tapfer, dass sie ihren Kaffee so ganz ohne Zucker trinkt?“ Nicky trägt auch im 40 Grad heißen New Yorker August immer lange Hosen, weil „man meine Beine niemandem zumuten kann“.

i-hate-when-skinny-people-call-themselves-fat-just-to-get-compliments-just-shut-up-eat-this-sandwich-and-be-happy--4c89cAnna hätte gerne kurze Haare, traut sich aber nicht ihre Haare schneiden zu lassen, denn „dann bin ich ja nicht mehr weiblich“. Sylvia behält im Freibad mit den Kindern immer eine langärmelige Tunika an, weil „meine Oberarme so schwabbelig sind“. Bridget hat mir schon oft erzählt, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter keine engen T-Shirts mehr anhatte, weil trotz aller Diäten ihr Bauch nie wieder so flach wurde wie vor der Schwangerschaft und das in figurbetonten Shirts zu sehr auffiele. Ihr Mann hat trotz seines Bauches keinerlei Probleme damit, T-Shirts zu tragen, was ihrer Tochter also vermittelt, dass es für Männer offenbar vollkommen in Ordnung ist, äußerliche „Makel“ zu haben, denn sie haben ja andere Qualitäten (sind erfolgreich, selbstbewusst, klug, liebenswert etc.) wobei es für Frauen anscheinend indiskutabel ist, nicht perfekt zu sein – und wenn, dann müssen diese Mängel „kaschiert“ werden (eines meiner absoluten Lieblingswörter). Wenn Sie sich also das nächste Mal beim Durchblättern einer Zeitung mal wieder kopfschüttelnd fragen, warum denn die ganzen Mädchen um Gottes Willen so ungesund dünn aussehen, ist die Antwort: unseretwegen! Wir reden unseren Töchtern (bewusst oder unbewusst) ein, dass es nichts Wichtigeres gibt für Frauen als perfektes Aussehen und prägen damit natürlich auch das spätere Frauenbild unserer Söhne. Es ist schwer, ein Geschlecht zu respektieren, das man während seiner ganzen Kindheit nur über Zellulitis lamentieren hörte.

Little_GirlsDamit will ich nicht sagen, dass wir in feministischer Hinsicht seit den Bombshells keine Fortschritte gemacht haben. Wir haben eine höhere Bildung, wir sind unabhängiger, wir verdienen mittlerweile unser Geld mit fast allem, mit dem auch Männer ihr Geld verdienen – aber egal, ob wir Richterroben tragen oder Scrubs oder Polizeiuniformen oder eine Kellnerinnenschürze oder ein Ballerina-Tutu, ständig stellen wir uns die Frage, ob wohl unser Hintern fett aussieht. (Es wird Zeit, hier mal wieder meine Lieblingsfrage zu stellen: wieso wundern wir uns eigentlich, dass Frauen nicht die Weltherrschaft haben?)

Als häufigstes Argument nennen natürlich meine Freundinnen (und vermutlich auch Sie?): Die Gesundheit. Es geht uns allen ja gar nicht um die schlanke Linie, um Size Zero, Thigh Gaps und Bikini Bridges, nein, es geht uns ausschließlich um die Gesundheit. Deswegen lässt Erin ja auch den Zucker weg, anstatt der Gesundheit zuliebe ihre zehn Tassen Cappuccino täglich zu streichen und deswegen trägt Bridget ja auch keine T-Shirts (lange, weite Blusen sind einfach viel gesünder). Lassen wir hier mal den wunderschönen Begriff Body Mass Index einfließen, auf den Sie sicher schon alle gewartet haben; endlich mal wieder ein Wertesystem, wie wir es aus der Schule kennen: man bekommt eine Punktezahl und weiß, ob man bestanden hat oder nicht.

Wir ignorieren jetzt einfach mal die zahlreichen Kritiker des BMI, die seit Jahren sagen, dass er zu sehr verallgemeinere, dass er z.B. nicht berücksichtige, dass Fett am Bauch sehr viel gefährlicher ist als an den Beinen, dass er das Volumen und Gewicht von Muskelmasse nicht berücksichtige und dass es generell fragwürdig sei, ab einer bestimmten Zahl die Grenze zum Übergewicht zu ziehen – lächerlich. Natürlich muss jemand festlegen, ab wann man Übergewicht hat, am besten Experten, also z.B. die Sports Illustrated oder Miranda Kerr. Für die wenigen unter Ihnen, die sich hiermit noch nicht beschäftigt haben: Ihr BMI sollte zwischen 20 und 25 sein, dann da liegt das, was wir alle so lieben: die Norm! Alles darüber wird von Medizinern mit dem verdächtigen Wort „Adipositas“ belegt, was bedeuten soll, dass Sie fett sind. Und aus gesundheitlichen Gründen (und wirklich nur deswegen!) wollen wir das natürlich auf keinen Fall. Blöd für diese Argumentation ist nur, dass bereits 2007 die Epidemiologin Katherine Flegal an der bis dahin quasi in Stein gemeißelten Tatsache rüttelte, dass Dünne am längsten (weil am gesündesten) leben: 11659456_499176290235173_3318869815484966963_nIhre Untersuchung von Sterberegistern ergab, dass Menschen mit leichtem „Übergewicht“ länger leben und ein niedriges Risiko haben, an diversen Krankheiten zu sterben. 2013 legte sie nach: in einer neuen Übersichtsarbeit hatte sie gemeinsam mit Kollegen 97 Studien mit insgesamt über 2,8 Millionen Teilnehmern ausgewertet, und das Ergebnis war eindeutig: mit einem BMI zwischen 25 und 30 lebt man länger, erst ab einem BMI von über 30 steigt das Risiko für verschiedene Krankheiten wieder an. Im Klartext: Dünnsein ist nicht gesund, wir finden es nur toll (bzw. man hat uns anerzogen, es toll finden zu müssen). Dicksein ist nicht ungesund, im Gegenteil. Sehr-Dicksein ist ungesund, bezeichnenderweise kommt der Abnehm-Wahnsinn aber ohnehin immer von schlanken Leuten, ist Ihnen das schonmal aufgefallen? Es sind immer die Dünnen, die einem damit in den Ohren liegen, noch dünner werden zu müssen. Sie scheinen (vermutlich durch den Unterzucker) hier auch jegliches Taktgefühl zu verlieren, denn wie sonst könnte es sein, dass Frauen mit Größe 36 sich bei Frauen mit Größe 44 darüber auslassen, wie fett sie sich fühlen und nicht bemerken, wie beleidigend das ist? Sollte Sie also eine dieser Diät-Fanatikerinnen wieder mit diesem Gesundheitsquatsch nerven, weisen Sie sie bitte ruhig darauf hin, dass die höchste Lebenserwartung mollige Menschen haben. – Andererseits: wer will schon länger leben ohne Kohlehydrate? Auf Diät wären Sie vermutlich auch froh, wenn es möglichst schnell zu Ende geht.

Ein weiteres häufig genanntes Argument ist „Ich tue das ja nur für mich, ich will niemandem gefallen, ich fühle mich einfach besser, wenn ich dünn bin, ich will mir gefallen.“

Wirklich? Und Sie sind ganz sicher, dass Größe 34 auch dann ihr Schönheitsideal wäre, wenn Sie in Kuba oder Afrika leben würden (oder als Afro-Amerikanerin in Brooklyn)? Was Sie für Ihr individuelles Schönheitsideal halten, wurde Ihnen anerzogen, die Medien und die Gesellschaft haben Ihnen nie die Möglichkeit gegeben, herauszufinden, was Sie selbst tatsächlich schön fänden oder wie Sie sich wohlfühlen würden. Was Ihnen am Dünnsein so gut gefällt, ist die Bestätigung der anderen die man dafür bekommt, nichts weiter.beauty-begins-the-moment-you-decide-to-be-yourself Und was Sie am Dicksein so schrecklich finden, ist das negative Bild, das die Gesellschaft davon zeichnet. Mit Ihrem persönlichen Geschmack hat beides nicht das Geringste zu tun.

Also wenn das Gesundheitsargument vom Tisch ist, was macht uns dann so besessen von unserem Körper? Und unserem Essen?

Ernährungswissenschaftler unterscheiden zwei Grundtypen: innenreizabhängige Esser und außenreizabhängige Esser. Bei ersterem steht die Sättigung im Vordergrund (so sollte es sein und so war es auch noch als die Neandertaler immer nur dann ihre gemütliche Höhle verließen, wenn ihr Magen tatsächlich knurrte), letztere sind….umm, wir. Beim außenreizabhängigen Esser wird die Nahrungsaufnahme nämlich nicht individuell bestimmt, sondern unterliegt ständigem Legitimationsdruck von außen, deswegen schwanken wir (vor allem wir Frauen) ständig in einem Spannungsfeld zwischen Wollen, Müssen, Nicht-Dürfen, Nachgeben, Bereuen. Ein Teufelskreis, den Sie und eine Tafel Schokolade schon oft miteinander durchlaufen haben.

2014-05-06-20140502093731Und was tun wir unseren Körpern an? Wir kotzen, wir nehmen Abführmittel, wir machen Diäten, wir zwingen uns zu Sport, den wir hassen, wir pressen uns in Spanx, wir lassen uns operieren….. Und jeder Punkt auf der Liste schreit uns ein und dieselbe Krankheit entgegen: Selbsthass. Und bei uns selbst macht es noch nicht einmal Halt: Brooke Birmingham ist eine junge Frau, die innerhalb von vier Jahren ohne Diät 86 Kilo abnahm und in ihrem Blog „Brooke: Not On A Diet“ darüber bloggte. Im Frühjahr 2014 wurde sie vom Magazin SHAPE kontaktiert, das eine Vorher-Nachher-Story über ihre Erfolgsgeschichte auf seiner Website bringen wollte. Brooke freute sich sehr über das Interesse des Magazins und brachte im Interview zum Ausdruck, wie sehr sie hoffe, mit ihrer Geschichte anderen Übergewichtigen Mut machen zu können.

Abschließend bat die Redaktion Brooke um ein Nachher-Foto. Brooke sendete ohne Zögern ein Foto von sich im Bikini an SHAPE, das eine wunderhübsche, schlanke Frau zeigt, die aber nunmal 86kg abgenommen hat und deren Körper die Nachwirkungen dieses Gewichtsverlustes selbstverständlich zeigt und deren Haut deswegen an einigen Körperpartien schlaff und hängend ist. Einige Tage später erhielt Brooke eine E-Mail mit einem Dankeschön für dieses phantastische Bild – und der Bitte, eines einzureichen, auf dem sie bekleidet ist. Brooke wunderte sich darüber sehr (waren Sie mal auf der Homepage von SHAPE? Es ist schwer, dort angezogene Frauen zu finden) und machte noch einmal klar, dass sie es wichtig fände, dass Frauen sehen, was der Gewichtsverlust mit einem Körper macht, dass sie sich nicht für die Spuren schäme sondern stolz auf ihren Erfolg sei. SHAPE pflichtete dem vollkommen bei, bestand aber weiterhin auf einer angezogenen Version, worauf Brooke dem Magazin mitteilte, dass sie die Zusammenarbeit beende. Ist es wirklich schon so weit, dass Zeitschriften glauben, sie könnten ihren Lesern gar nicht mehr zumuten, Frauen zu zeigen, die nicht perfekt sind? Wollen wir wirklich ständig nur photogeshoppte, gewaxte, mit Bräunungsmittel besprühte, diätbesessene, hungernde Models sehen? Offensichtlich, denn es bedurfte einer Tour durch diverse Frühstücksfernsehsendungen und dem Aufschrei vieler anderer übergewichtiger Frauen, um SHAPE schließlich dazu zu bewegen, das Bikinibild zu veröffentlichen und alles auf ein „Missverständnis“ zu schieben.

mqdefaultWas ist los mit uns? Warum ist der „Fat Talk“ (das ständige Thematisieren des Kalorienzählens, Häme gegenüber dem eigenen Körper und Diätnotwendigkeit) zu einer solchen soziologischen Epidemie geworden? Warum sind unsere Maße so ein Riesenthema?

Facebook beugte sich erst kürzlich einer Petition, die tausende von Mitgliedern unterschrieben hatten, um „feeling fat“ aus den Status-Emoticons entfernen zu lassen (ein pausbäckiges Gesicht mit Doppelkinn).

fat_3222137kUnd das aus gutem Grund: der Fat Talk höhlt nämlich das Selbstbewusstsein von Frauen aus wie ein Holzwurm einen Baumstamm. Zu posten, dass man sich fett fühlt, baut den Poster nicht auf und die Leser fühlen sich danach nachweislich ebenfalls schlecht. Fat Talk ist ansteckend. In einer Umfrage von 2011 in „Psychology of Women Quarterly“ wurde dokumentiert, dass mehr als 90% aller College-Studentinnen sich am Fat Talk beteiligen, obwohl nur 9% tatsächlich übergewichtig sind. Sich schlecht zu fühlen und seinen Körper in Alltagskonversationen schlecht zu machen, herabzusetzen und uns über ihn zu beschweren ist so ein ganz normales Ritual des modernen Frauseins geworden. Durch das ständige Thematisieren unserer scheinbaren Unzulänglichkeiten wird für Frauen das Gefühl der Unzulänglichkeit selbst also immer normaler. „Es gibt keine Frau, die mit ihrem Körper 100%ig zufrieden ist“ sagen wir lächelnd und sind uns des Wahnsinns dieses Satzes gar nicht bewusst.

Friends-dont-fat-talk

Wir können nicht Facebook oder die Modeindustrie etc. kontrollieren, aber wir können kontrollieren, was wir SAGEN, vor allem vor unseren Kindern.

Und wir können kontrollieren was wir sind. Sie sehen vermutlich nicht aus wie Cindy Crawford in den 80ern, aber der Punkt ist: das müssen Sie auch nicht! Wollen wir wirklich bis ans Ende unseres Lebens immer abstrusere Diäten machen nur um in eine Jeans zu passen, die es auch eine Größe größer gibt? Wollen wir den Wert unseres Frauseins wirklich durch die Zahl auf der Waage definieren lassen? Haben wir nicht schon genug damit zu tun, uns um Brustkrebs, Kindererziehung, untreue Ehemänner und die Tatsache, dass immer die bei „The Voice“ gewinnen, die wir nicht mögen, Sorgen zu machen?

Im Sommer ist das ein großes Thema, alle Zeitschriften preisen ihre ureigenen Wege zur Bikinifigur, aber der Punkt ist: ziehen Sie einen Bikini an und schon ist Ihre Figur eine Bikinifigur. Definieren Sie sich erstmal selbst, anstatt Ihre Oberarme, so hat Madonna auch angefangen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit unserem Äußeren (unter anderem) ist ein natürlicher Teil des Erwachsenwerdens, aber Ihre Pubertät ist vorbei, mittlerweise sollten Sie wissen, wer Sie sind und dazu stehen können. Und wenn Sie immer noch nicht so weit sind, haben Sie andere Probleme als die Zahl auf der Waage.

reduced joy diet

Minna Salami (falls Sie bei meinen Heldinnen noch nichts über sie und ihren Blog MsAfropolitan gelesen haben, sollten Sie das unbedingt nachholen) hat ein wunderschönes, kurzes Video gedreht zum Thema „pretty“. Jede Frau muss sich in ihrem Leben mit Seiten von sich auseinandersetzen, die sie hässlich findet. Und jede Frau muss das früher oder später überwinden, sonst geht weit mehr zu Bruch als unser Ego. Sehen Sie sich das Video an und dann ab ins Freibad; lassen Sie die Models Models sein. Unter unserer Bikini Bridge ist eben einfach immer – Hochwasser…..

Zum Video von Minna Salami über Schönheit klicken Sie hier

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