Joan Baez

Joan Baez_1Als Kind wollte ich unbedingt Joan Baez sein. In den 60er Jahren wollte das jede Frau, doch als ich zur Welt kam, waren wir längst in den tristen 70ern angekommen, die glorreichen Flower-Power-Jahre waren vorbei, die großen Helden starben einer nach dem anderen an Drogen oder an der Welt schlechthin, ein kollektives Märtyrertum stellte sich ein. Und gerade deshalb wollte ich wie Joan sein: Sie ist die, die die Geschichte weitererzählt, wenn das Märchen endet, wenn sich die Tür des Schlosses hinter Prinz und Prinzessin schließt, wenn es unangenehm wird, wenn es ans Eingemachte geht. Der Goldene Schuss machte Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix und viele andere zu romantischen Legenden, doch Joan ist die, die blieb, die weiterkämpfte, Jahrzehnt um Jahrzehnt, vollkommen ohne romantische Verklärung.

joan-baez-musician-quote-ive-never-had-a-humble-opinion-if-youve-gotSie wurde 1941 in New York (wo sonst?) geboren als Tochter einer Schottin und eines mexikanischen Physikers, der sehr erfolgreich für das US-amerikanische Militär arbeitete, bis er eines Tages beschloss, Pazifist zu werden. Das Leben der Familie änderte sich radikal; Joans Vater unterrichtete nun und zog auf dem Weg von Lehrauftrag zu Lehrauftrag durch ganz Amerika und schließlich auch ins Ausland. Zu den Stationen ihrer Kindheit gehören unter anderem Rom, Paris und Bagdad. Dieses Jahr in Bagdad (1951 bis 1952) sollte Joan für immer verändern. Die Zehnjährige war schon immer etwas dunkelhäutiger als der Rest ihrer Familie, deswegen wurde sie in Bagdad häufig für eine Einheimische gehalten und bekam nicht nur die unfassbare Armut der Iraker, sondern auch die Arroganz und manchmal auch die Brutalität der Weißen zu spüren.

joan-baez_thumbZurück in den Staaten wurde die Familie schließlich in Massachusetts sesshaft und Joan bekam mit 15 ihre erste Gitarre. Ihr Stammlokal war der „Club 47“, in dem sie zweimal pro Woche auftrat und für Mitschüler und Freunde spielte. 1959, als sie 18 war, lud der Folkmusiker Bob Gibson sie ein, beim Newport Folk Festival mit ihm zu singen. Es waren nur zwei Songs, sie dauerten keine zehn Minuten, doch sie machten sie praktisch über Nacht zu der Folksängerin ihrer Generation. Die ersten Auftritte waren die Hölle für sie. Wegen ihrer Agoraphobie litt sie in der Masse der Leute auch unter starkem Lampenfieber, musste häufig die Bühne verlassen und sich von ihrer Schwester Mimi beruhigen lassen, doch sie gab nicht auf. Doch das Tourleben lag ihr, hatte doch ihre ganze Kindheit sie darauf vorbereitet Nomadin zu sein. Ihre Alben wurden vergoldet, ihr Name berühmt und über Jahre konnte sie kaum fassen, wie das passieren konnte.

Joan+Baez-martin-luther-king-jrSie ist fasziniert von Martin Luther King und lernt ihn Anfang der 60er Jahre persönlich kennen. Politisch haben sie dieselben Ziele und sie unterstützt ihn, wo sie nur kann. Er nennt sie scherzhaft „Sister Joan“ und ihre Freundschaft wird im Lauf der Jahre immer enger.1966 führt sie in Grenada/Mississippi an seiner Seite afro-amerikanische Kinder in die neue Gemeinschaftsschule, um sie vor Übergriffen zu schützen. Auf einem Konzert beim Kate Wolf Festival in Kalifornien erzählte sie eine Anekdote wie Martin Luther King vor Erschöpfung eine Predigt verschlief und keiner seiner Mitarbeiter sich traute, ihn zu wecken. Sie baten Joan das zu übernehmen und sie setzte sich auf einen Stuhl neben seinem Bett und sang „Sweet Chariot“. Lachend erinnert sie sich daran, wie Martin Luther King ohne die Augen zu öffnen in seinem dicken Südstaaten-Drawl murmelte: „Am I dreaming or do I hear an angel? Please God let’s have another.”

Auf einer ihrer frühen Tourneen Anfang der 60er fragt sie sich, warum immer nur Weiße in ihren ausverkauften Konzertsälen sitzen und erfährt schockiert, dass auf ihren Tickets „Whites only“ (damals üblich) steht. Von da an spielte sie ausschließlich auf schwarzen Uni-Campussen, damit ihre weißen Fans also auf schwarzes Territorium kommen mussten, um sie zu sehen. Außerdem sorgte sie mit Platzkarten dafür, dass Schwarze und Weiße gemischt sitzen mussten, was damals praktisch ein Akt der Rebellion war. 1963 marschiert sie mit Martin Luther King und einer Viertelmillion anderer Menschen nach Washington, wo King seine legendäre „I have a dream“-Ansprache hält. Sie singt dort „We shall overcome“, was noch Jahre danach „ihre“ Hymne ist und auf Konzerten immer wieder verlangt wird. 7343-Joan+baez+bob+dylan+duo+happy+Außerdem singt sie auch noch ein paar Duette mit einem völlig unbekannten, nicht besonders gut aussehenden, schlecht frisierten, doch sehr begabten jungen Musiker namens Bob Dylan, der seine Karriere der Tatsache verdankt, dass er damals mit Joan Baez singen durfte. Obwohl er anfangs ein Auge auf Joans Schwester Mimi geworfen hatte, kommen die beiden trotz aller Gegensätzlichkeiten zusammen, doch die Beziehung ist schwierig. Joan war politisch korrekt, lange bevor es diesen Ausdruck gab. Sie ist eine, die nicht trinkt, nicht raucht, keine Drogen nimmt, keine Skandale produziert, keine Hotelzimmer zertrümmert. Mal mit einer Limousine vom Hotel zum Konzert gefahren zu werden ist in Joans Augen schon ein Exzess, extravaganter wird es bei ihr nicht. Sie war und ist clean, geradlinig, aufgeräumt, engagiert. Sich selbst einer Sache unterzuordnen, das eigene Ego als sekundär zu betrachten, ist eine Ideologie, die sich mit dem Rockstar-Business an sich schwer vereinbaren lässt, mit Bob Dylan noch weniger. Die Beziehung scheitert 1965. Joan fühlt sich ausgenutzt; nachdem sie Dylan zu seinem Durchbruch verhalf, ging er ohne sie auf Tour, wollte ihr Vorschriften machen, verlor „die Sache“ (die einzig unverzeihliche Sünde für Joan) aus den Augen. Victor Maymudes, ein jahrzehntelanger Freund Dylans, sollte Jahre später eine Dylan-Biographie schreiben, in der er ihn beschuldigte, nur deswegen mit Joan Schluss gemacht zu haben, weil sie „sich nicht von ihm kontrollieren ließ“. Stattdessen heiratete Dylan das Playboy-Bunny Sara Lowndes, denn „sie wird zu Hause auf mich warten, wenn ich das will“. – Den persönlichen Affront verzieh Joan, worunter sie jedoch lange Jahre litt war Dylans Abkehr von der Protestbewegung.

ΓΟΥΝΤΣΤΟΚ7Joan heiratet selbst drei Jahre später den Kriegsgegner David Harris. Als sie 1969 hochschwanger in Woodstock singt, sitzt ihr Mann gerade wegen seiner Vietnam-Proteste im Gefängnis. Als kurze Zeit später ihr Sohn Gabriel auf die Welt kommt, organisiert er gerade einen Hungerstreik unter seinen Mitgefangenen. 1973 wird die Ehe geschieden. Die Beziehung zu ihrem Sohn ist schwierig für Joan. Ihr mütterliches Gewissen drängt sie, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen, ihr politisches Gewissen treibt sie fort. 1972 verbrachte sie Weihnachten in Hanoi und wurde dort Zeugin der schlimmsten Bombardierung des Vietnamkrieges. Zehn Tage lang saß sie in einem Luftschutzbunker ohne Kontakt zu ihrem Sohn.

Bei einem Konzert in Bratislava 1989 bekannte sie sich auf der Bühne zur Bürgerrechtsbewegung Charta 77, woraufhin ihr Mikrofon abgeschaltet wurde. Doch davon ließ sie sich nicht aufhalten, sie sang den ganzen restlichen Abend  a capella vor 4.000 Menschen in einem totenstillen Saal. Ihre Stimme drang glasklar bis in die letzte Reihe. Vaclav Havel, damals noch Dissident, saß im Publikum und erzählte noch Jahre später von der Ergriffenheit im Saal.

Ihr Leben ist voller solcher Geschichten, ich könnte Seiten und Seiten damit füllen. Joan Baez ist das, was dabei rauskommt, wenn Frauen keine Kompromisse machen.

Marianne Aya Omac, Joan Baez and Gabriel Harris play at Ashkenaz in Berkeley, Calif., on Sunday, Sept. 11, 2011. Photo by, Karie Henderson © 2011.

Joan Baez and Gabriel Harris  Photo by, Karie Henderson © 2011.

Sie glaubt an Lösungen, sie glaubt an Therapien, machte in jungen Jahren eine Gesprächstherapie zur Überwindung ihrer Agoraphobie und geht seither sehr gelassen und entspannt auf die Bühne. Sie machte auch eine Familientherapie mit ihrem Sohn Gabriel, die dazu führte, dass sie heute ein sehr enges Verhältnis haben und er sie schon seit Jahren als Percussionist auf allen ihren Tourneen begleitet. Sie hat nach ihrem kurzen Intermezzo mit Gabriels Vater nie mehr geheiratet, hatte einige wenige kurze Beziehungen (darunter z.B. mit Steve Jobs), doch im Grunde ist sie ein überzeugter Single. a6360a82-da8c-45bb-8554-c702e23a870a-1360x2040Sie lebt in Kalifornien mit ihrem Sohn, hat in ihrem Garten ein Baumhaus, in dem sie regelmäßig schläft, um „eine neue Perspektive zu haben“ – und sie ist eine der wenigen, die solche Sätze sagen darf, der man sie abnehmen kann, denn sie hat die andere Perspektive ein Leben lang gelebt, während wir mit Nebensächlichkeiten beschäftigt waren. Sie ist eine, die das Richtige tut, auch wenn es einen hohen persönlichen Preis fordert, eine, die jede Schwäche verzeiht außer der eigenen. Eine ohne Ego, ohne Eitelkeiten, ohne Süchte außer der, nützlich zu sein, aber dafür mit einer Stimme, die sich seit fast 60 Jahren einsetzt für Menschenrechte, Feminismus, Religionsfreiheit, Frieden. Sie führt ein bescheidenes Leben, es ging nie um Erfolg oder Karriere. Nicht nur die Musik, sondern vielmehr sie selbst, waren ihr Leben lang das Instrument zur Übermittlung einer Botschaft,sie selbst ist dabei sekundär. Deswegen hat sie auch zu jeder Zeit Dylan-Songs gesungen, so weh es manchmal auch getan haben mag, „aber die Songs waren zu gut, um sie dem Publikum vorzuenthalten“.

Im Mai 2015 erhielt sie von Amnesty International den „Botschafter des Gewissens“-Award, ein Titel, der bei Joan besonders ins Schwarze trifft, weil sie schon immer als die „Stimme des amerikanischen Gewissens“ bezeichnet wurde. Mit dem Preis würdigt die Organisation Aktivisten und Künstler, die sich durch ein herausragendes, langjähriges Engagement für die Menschenrechte auszeichnen. Anhang 4Vor 50 Jahren nahm sie am Bürgerrechtsmarsch in Alabama von Selma nach Montgomery Teil und vor 5 Minuten setzte sie  sich für die Rechte von Schwulen und Lesben und gegen die Todesstrafe ein. Ein Leben in Aktion.

Sie ist die, die einer Sache eine Hymne geben kann. Wir bräuchten viel mehr Hymnen, glaubt sie, und ist der Ansicht, dass die heutige Politikverdrossenheit auch damit zu tun hat, dass die großen Protestbewegungen (wie Occupy) keine musikalische Identität mehr haben.

Anhang 7Es geht um etwas bei ihren Auftritten, ohne Feuerwerk, ohne Lightshow, ohne Spezialeffekte, meistens ohne Schuhe, aber geradezu radikal authentisch, mit einem Auftrag, den sie erfüllt, vor allem auch  wenn sie nicht auf einer Bühne steht und das ist das faszinierendste an ihr. Sie ist eine der wenigen Frauen, die kein Publikum brauchen. Revolutionär.

Ihr glockenheller Sopran veränderte sich Mitte der 80er Jahre hin zu einem Alt, doch ihre Stimme ist noch immer die, die mich an einem Abend ohne Strom auf einem unbequemen Stuhl verharren lassen würde, um sie vollkommen ohne Begleitung zu hören. Wirklich zu hören. Denn sie hat etwas zu sagen.

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