„Die kleine Emma“ und andere Heuschreckenplagen

Zitat Anais Nin
„Emma, spuck das sofort wieder aus!“

„Nein, Emma, wir werfen nicht mit Sand!“

„Du darfst keine anderen Kinder beißen, Emma. Nein, auch nicht, wenn sie nicht mit dir spielen wollen.“

„Nein, Emma, es gibt jetzt keinen Lolli. Es ist der Mama ganz egal, wenn du dich jetzt hier im Supermarkt auf den Boden schmeißt und plärrst, dass die Gurkengläser springen, das macht der Mama gar nix aus!“

Kennen Sie Emma?  Sie haben sie bestimmt schon getroffen, im Supermarkt, an der Eisdiele oder auf dem Spielplatz. Sie erinnern sich sicher, denn Emma bleibt einem im Gedächtnis.

behave misbehaveAn heißen Sommertagen trifft man Emma im Freibad, ausgestattet mit einem Ganzkörperneoprenanzug (unter dem ihre Mutter sie sicherheitshalber mit LSF50-Sonnencreme eingecremt hat) und einem dieser Hüte mit Tuch über dem Nacken, damit ihre Haut möglichst weder direkten Sonnen- noch Wasserkontakt hat. Im 30cm-tiefen Babybecken muss sie Schwimmflügel und einen Schwimmreifen tragen (Emmas Mutter ist zwar zu keinem Zeitpunkt weiter als 25cm von ihr entfernt, aber man kann ja nie wissen). Emmas kleiner Bruder heißt Finn oder Leon und wird gar nicht erst aus seinem Tragetuch genommen, so kann die Mama ihn zu jedem Zeitpunkt stillen, gerne auch während sie mitten im Babybecken steht. Emmas Papa (im echten Leben Banker) ist ein Draufgänger,  und weil in einem der 38 Erziehungsratgeber, die seine Frau während der Schwangerschaft gelesen hat, mal stand, dass man sein Kind auch fordern muss setzt er Emma auf die größte Wasserrutsche, um sein vor Angst zitterndes Kind dann von unten  mit Motivationssätzen wie „Hast du den kleinen dicken Jungen eben gesehen? Der hat sich auch getraut, dabei trug der noch Windeln! Du willst doch nicht ängstlicher sein als der dicke Junge mit den Windeln, oder?“ anzufeuern. Die Schlange hinter Emma wird länger und länger, aber der Papa gibt nicht auf. „Komm, dann bekommst du auch ein Eis!“ spoiled-Jesus-590x590Endlose fünf Minuten und 25 wartende Kinder später versucht der Papa schließlich, die Rutsche hochzukriechen um Emma zu holen, weil ja die Treppe von den Kindern verstopft wird und Emma sich weder vor noch zurück bewegt. Nach mehreren misslungenen Kletterversuchen gelingt die Rettung schließlich und eine laut schreiende Emma (mit dem Papa zusammen zu rutschen scheint Emma nicht weniger lebensgefährlich, sie schätzt die sportlichen Fähigkeiten von Papa da durchaus richtig ein) rutscht mit ihm gemeinsam im Schneckentempo (Papas Hüften sind im Lauf der Jahre etwas breiter geworden, er wird bei der Rutsche fast eingeklemmt, was die Geschwindigkeit erheblich drosselt) hinunter. In diesem Moment fasst sie den Entschluss, nicht nur nie mehr eine Rutsche zu betreten sondern möglichst mit diesen beiden Alten nirgendwo mehr hinzugehen.

568-parenting-cartoonNach diesem Abenteuer zieht sich die Familie sofort zurück in ihr Strandmuschel-Zelt, das im Schatten (wie gesagt: sicher ist sicher) aufgestellt wurde, um sich erstmal beim mitgebrachten Essen aus den 17 Tupperschüsseln, die Mama für diesen 120-Minuten-Ausflug ins Freibad gepackt hat, zu erholen.

„Na, war das nicht toll?“ fragt Papa. Emma fragt sich in diesem Moment zum ersten Mal (von statistischen 1.387 mal in ihrem Leben), ob ihre Eltern komplett den Verstand verloren haben. Und dieses Mal sind wir live dabei, denn das Leben von Emma und ihrer Familie spielt sich (Gott sei Dank) in einer Lautstärke ab, die uns Mitmenschen gezwungenermaßen an allem teilhaben lässt.

Sobald die Tage im Herbst etwas kühler werden (also 15 Grad) werden Emma und ihr Bruder Finn oder Leon von Kopf bis Fuß in The North Face gekleidet. Kleidung, die entworfen wurde, um damit Südpol-Expeditionen zu unternehmen, ist gerade mal gut genug um in der Stadt von der Haustür bis zum Auto zu kommen.

going to bedSelbstverständlich geht Emma mit ihrer Familie auch oft auf den Spielplatz. Für die Aufsicht von 1,5 Kindern – da Finn oder Leon noch im 1300$-Bugaboo Cameleon Sahara (man kann Status-Symbole nicht früh genug einführen) durch die Welt geschoben wird und bewegungsunfähig ist, zählt er noch nicht als Vollkind – sind mindestens zwei Erwachsene erforderlich. Deswegen ist entweder Emmas Papa auch mit dabei oder die Oma, oder die Mamas verabreden sich, um sich im Pulk gegenseitig Mut zuzusprechen und eine vereinte Front zu bilden. Rund um den Spielplatz stehen eine Menge Bänke, auf denen aber nur die asozialen Mütter sitzen, die ihre späteren Straftäter großziehen. Emmas Mama sitzt natürlich neben ihr im Sandkasten und leitet sie beim Sandkuchenbacken an (das Verhältnis von Sand und Wasser muss genau passen!) und bei Emmas Kletterversuchen klettert der Papa mit Anzug und Krawatte mit aufs Klettergerüst und zeigt ihr, wo sie ihren Fuß als nächstes hinsetzen muss. Sich selbst überlassen spielen Kinder viel zu konfus, zu wenig ergebnisorientiert. Emmas Eltern wissen das.

RegenschirmEmmas Papa arbeitet auf dem Papier 60 Stunden die Woche, hat aber Mittwochnachmittags trotzdem Zeit, am Spielplatz zu sein (im Büro verbucht er die Zeit als „Meeting mit potentiellem Investor“).

Emmas Mama hat ihre vielversprechende Karriere (Versicherungsfachangestellte in einem Großraumbüro) selbstlos aufgegeben und beschränkt sich jetzt darauf, das Geld ihres Mannes für Sun-Blocker und North-Face-Klamotten auszugeben. Sie könnte auch gar nicht mehr arbeiten, denn die Ausstattung des neuen Familienlebens, das Setting der Film-Kulisse, in der die familiäre Zukunft gedreht (nicht gelebt) werden soll, das Sammeln der notwendigen Requisiten und Statisten, verschlingt viel zu viel Zeit.

mine mine for meDie unangenehmen Aspekte des Familienlebens werden konsequent outgesourct: in den Urlauben werden die Kinder im Hotelkindergarten abgegeben oder gar nicht erst mitgenommen (Kindermädchen oder Oma sei Dank), Kindergeburtstage werden Fachleuten überlassen, die die Kinderschar von der eigenen Wohnung fernhalten und bespaßen, jedoch  nicht ohne immer wieder Kritik zu üben, dass das angeheuerte Hilfspersonal den Job Emma-Erziehung oft nicht zufriedenstellend erfüllt: im Kindergarten wird hinterfragt, ob das Essen bio genug ist, ob die Erzieher erfahren genug sind (dass die eigene pädagogische Erfahrung sich bis vor ein paar Jahren darauf beschränkte, sich über andere Kinder in der U-Bahn aufzuregen, ist egal, Eltern werden ab dem positiven Schwangerschaftstest automatisch zu Experten) und ob die Schulräume in adäquatem Zustand sind. Emma ist etwas besonderes, mit diesem Credo wird sie erzogen und das wird ihr auch oft genug gesagt. Andere Eltern haben irgendwelche Kinder, aber Emmas Eltern haben Emma (und Finn oder Leon), und das ist eine ganz andere Liga. Kann schon sein, dass die Ballettlehrerin schon 3 Generationen von kleinen Ballerinen erfolgreich durch ihre Kurse geführt hat, aber „Emma kommt mit ihr nicht zurecht und da vertraue ich meinem Kind“. Natürlich. Auch die Lehrer in der Schule missverstehen Emma vollkommen, erkennen in schlampig gemachten Hausaufgaben oder falsch gerechneten Gleichungen nicht die enorme Kreativität des Kindes, die sich einfach nicht in das Raster jeder x-beliebigen Celina pressen lässt. Emmas schlechte Noten beweisen im Grunde nur, wie weit sie Gleichaltrigen schon voraus ist, aber die Lehrer heutzutage….

Exactly like youImmerhin unterstützt Apple Emmas Erziehung. Selbstredend besitzen Emmas Eltern das komplette Apple-Equipment (vergessen Sie Hilary Clintons „It takes a village to raise a child“), das für das Heranwachsen eines stabilen Erwachsenen notwendig ist: Emma kann schon mit drei Jahren das iPad bedienen, auf das ihr die Eltern das gesamte Disney-Paket geladen haben. Unbelehrbaren Anti-Apfel-Eltern sagen sie gerne Dinge wie „Auf dem iPad kann man sogar malen!“ – Stifte waren schon immer überbewertet.

pass-my-parenting-bookEmma kennt sich selbstverständlich auch in Style-Fragen aus. Schon im Kindergartenalter legt sie selbst fest, was sie anziehen will und spätestens in der Schule kennt sie alle wichtigen Marken gut genug, um auf die Kinder, die keine haben, herabsehen zu können. Weil Emma so etwas Besonderes ist, entscheidet sie natürlich auch selbst, was sie isst, und das beinhaltet leider überhaupt nichts, das grün ist und nur sehr wenig, das rot ist (außer Ketchup). Aber Emma wird natürlich zu nichts gezwungen. „Das reguliert sich von selbst“, wissen die Eltern von Emma (und Finn oder Leon) und wenden diese raffinierte Erziehungsstrategie übrigens auch bei Wutanfällen, Prügeleien und mit Edding bemalten Couchgarnituren an.

Emma braucht extrem wenig Schlaf. Das ist einfach so und hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie weit sie Gleichaltrigen überlegen ist. Es wäre fatal, sie zur selben Zeit wie andere ins Bett zu schicken, deswegen versuchen Emmas Eltern es gar nicht erst. Und was ist schon so schlimm daran, wenn sie mit fünf Jahren schon „The Voice“ mit anschaut? Das ist schließlich Qualitätszeit mit den Eltern.

Erziehung 2.0 ist schwierig, nicht nur für die Eltern, auch für Emma, deswegen ist sie wie sie ist. Und ehrlich gesagt, kann sie nichts dafür. Wie auch die Heuschrecken nichts dafür können, wenn sie über einen Landstrich hereinbrechen, weil sie tun, was in ihrer Natur liegt, so kann auch Emma nichts dafür, wenn sie tut, was sie tut, denn sie ist ja ein Kind. Im Fall der Heuschrecken ist eindeutig Gott schuld. Im Fall Emma?, Tja, wollen Sie mal raten?

spoiled-brats-0-funnypicspageIn Amerika haben wir ein wunderschönes Wort für Emma: spoiled brat. Ein verzogenes Gör. Der Ausdruck ist deswegen so passend, weil er klarstellt, dass Emma nicht so auf die Welt kam. Sie wurde so (v)erzogen.

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