Statussymbole und andere Dinge, die Sie haben, aber nicht zugeben

Ja,ja, ich weiß, Sie haben keine Statussymbole; nein, nein, Ihnen bedeutet dieser materielle Mist gar nichts, Sie haben das nicht nötig; Ihr Nachbar hingegen, oder Ihre Arbeitskollegin oder gar Ihr Chef, bei denen sollte man sich mal umsehen, die legen da Wert drauf, aber Sie…..  Schon klar.

Wie wäre es, wenn wir die Liste einfach mal durchgehen, Sie machen Häkchen und sagen hinterher kleinlaut Entschuldigung?
Wollen wir es so machen?

1. Apple
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Ich könnte (und werde!) Seiten schreiben über Apple, eine meiner absoluten Lieblingsreligionen, aber dazu mehr in einem bald folgenden eigenen Blogbeitrag, den die folgsamen Apple-Jünger zweifellos verdienen. Ungeachtet dessen ist der angefressene Apfel (Eichhörnchen? Hungriger Veganer?) natürlich das Statussymbol unserer Generation. Wer kein iPhone hat, kriegt nicht nur keine passenden Handyhüllen, sondern hat auch generell keine Ahnung vom Leben und vor allem keinen Geschmack. Das nenne ich mal eine erfolgreiche Marketing-Strategie. Und weil es selbst Apple-Anhängern (die nun wirklich gerne alles glauben) schwer zu vermitteln ist, dass sie zwei iPhones brauchen, wurde einfach das iPad auf den Markt geschmissen. Das verhalf Millionen von Möchtegern-Yuppies zu einer schlaflosen Nacht (Camping vor dem Store gehört einfach dazu, wenn es ein neues iDing gibt) und Apple zu neuen Rekordeinnahmen (die natürlich nicht darauf verwandt werden, die Arbeitsbedingungen der chinesischen Arbeiter zu verbessern), ipad-hd-china-workers-somewhat-topical-ecards-someecardsaber wen kümmert das schon? Und nebenbei wurde mit dem iPad auch der größte Fotoapparat der Welt erfunden – ich amüsiere mich jedenfalls immer köstlich, wenn ich Touristen am Time Square mit einem „Pad vor dem Kopf“ sehe. Aber Apple ist „cool“ und wer ein Apple-Produkt hat, der kann sich den Anschein geben, es auch zu sein. „Apple hat einfach das beste Design“ seufzen Mütter begeistert, wenn ihre Kinder mit FaceTime mit dem Papa telefonieren, und was gibt es heutzutage schon wichtigeres? Es werden Schneidbrettchen, Kinderwagen, Turnschuhe, Autos… nach ihrem Design gekauft, also was könnte man dagegen vorbringen?

2. Auto
Oh lord won’t you buy me a Mercedes Benz” sang schon Janis Joplin und heutzutage muss es zwar nicht mehr zwangsläufig ein Mercedes sein (gerade die Hausfrauen erobern sich  radikal die SUVs, die zwar nie Gelände zu sehen bekommen, sich dafür aber sehr gut auf dem Parkplatz des Kindergartens machen), aber das Auto an sich ist nach wie vor unglaublich wichtig. Es muss nicht so häufig ausgetauscht werden wie das iPhone, aber trotzdem muss alle paar Jahre ein neues Modell her, natürlich mit modernstem Navi (hängen wir deswegen so am Auto? Weil es der einzige Ort ist, an dem wir nicht vollkommen orientierungslos sind, sondern uns jemand sagt, wohin die Reise geht?), Einparkhilfe, DVD-Player für die Kinder, und vielen anderen neuen Features, die uns bald ersparen werden, überhaupt noch selbst zu fahren. „Mit einem Auto ist man einfach flexibler“, sagen mir alle möglichen Leute, wenn sie erfahren, dass ich keines habe und lassen sich seltsamerweise trotz ihrer Flexibilität von dieser Meinung nicht mehr abbringen. Zu einem Abendessen sind es immer diese Leute, die zu spät kommen, weil sie eine halbe Stunde um den Block fahren mussten, um einen Parkplatz zu finden.

3. Immobilien
Jeder ist zu jedem Zeitpunkt auf der Suche nach einer Immobilie. Mieten ist auf einer Stufe mit Justin Bieber hören oder Kohlehydrate essen. Seien wir ehrlich, wer zur Miete wohnt, ist ein Ultra-Loser. Sich bis ins hohe Alter zu verschulden, wird als „Altersvorsorge“ verkauft. Und natürlich kann man auch hier nicht einfach irgendeine Wohnung kaufen. Jede Hausfrau braucht ein Arbeits-, Bügel- und Nähzimmer (3 Stunden pro Tag auf Pinterest aktiv zu sein, ist nicht so einfach, wie es klingt), Papa braucht einen Hobbyraum, der Filius ein Zimmer für die Eisenbahn….. Auf dem Land wird das Augenmerk auf den Garten gerichtet, man braucht einen Rasen, auf dem Roger Federer jederzeit Wimbledon gewinnen könnte, in der Stadt muss dagegen die Innenausstattung passen. Nix Möbelhaus. „Wir kombinieren moderne Sachen von IKEA mit Erbstücken oder auch gerne mal mit Fundstücken vom Flohmarkt“ ist der Satz, den sich unsere Generation auf die Stirn tätowiert hat und den jeder für unglaublich individuell hält, obwohl ihn inzwischen jeder sagt und sich die Wohnungen, in die ich eingeladen werde, in ihrer schwarz-weißen Poliertheit zum Verwechseln gleichen. Da wird die Entscheidung, eine neue Couch zu kaufen, schonmal zu einem zweijährigen Projekt. Skandinavien ist das Schlagwort, was von dort kommt, kann nicht schlecht sein. Dass ein Beistelltisch eine Holzplatte mit 4 Beinen ist, war früher mal, heute stellt man sich fragile skandinavische Messing-Beistelltischchen in die Wohnung, auf denen man aber nichts abstellt, sondern dekorativ ein paar (ausgewählte) Zeitschriften positioniert. Und lassen Sie mich gar nicht erst von Eames-Stühlen anfangen….

4. Essen
Food
Lange vorbei sind die Zeiten, in denen man im Restaurant Spaghetti Bolognese bestellen konnte, ohne von den Freunden seltsam beäugt zu werden. Mann und Frau von Welt bestellen heute „Rote Bete Hummus & Baba Ghanoush mit Pita Brot“ oder „Thunfisch-Sashimi mit frischer Mango“ um zu beweisen, wie kosmopolitisch sie sind. In den betreffenden Ländern waren sie zwar noch nie, sind aber trotzdem von der absoluten Authentizität dieser Gerichte überzeugt. Das sind zwar dann meistens die Leute, die sich in den eigenen vier Wänden tiefgefrorene Chicken Wings in die Mikrowelle schmeißen, aber in größeren Gruppen zeigen wir gern, wie multikulturell wir sind.

5. Design
Design
Das Unwort des neuen Millenniums. Alles muss von einem Designer sein. Und jeder, der einen Wassermalkasten, eine Nähmaschine, eine Säge oder Stricknadeln zuhause hat, ist ein Designer. Wenn Männer in einem gewissen Alter im Porsche durch die Gegend fahren, wissen wir genau, was sie kompensieren müssen, aber hat schonmal jemand darüber nachgedacht, was Frauen kompensieren, die in jedem Zimmer skandinavische Designer-Stehlampen stehen haben, deren Namen sie kennen? Mattgraue Schälchen, Tassen mit Buchstaben, Kunstdrucke mit Plattitüden. Deko ist das neue Prozac. Nichts scheint heutzutage besser gegen Depressionen zu wirken als das Neuarrangement der Väschensammlung. Proportional zu unserer Überforderung durch die Umwelt steigt unser Bedürfnis, die Festung „Zuhause“ zu perfektionieren. Und um nochmal auf Eames-Stühle zu sprechen zu kommen: Die arme Ray Eames, die sich vermutlich gerade im Grabe umdreht wenn sie sieht, wie sich ihre „Low-Cost-Stühle für jedermann“ zum It-Gegenstand der Betuchten entwickelt haben, die sie sich nur in die Wohnung stellen, um irgendein (ebenfalls teures) Designerkissen darauf zu drapieren.

6. Drama
D.R.A.Ma
Klingt vielleicht komisch, ist aber wahr. Eine Menge Menschen definieren sich über ihre sad stories. Wir kennen sie alle, diese Bekannten, die auf ein simples „Na, wie geht’s?“ erstmal tief Luft holen, um dann mit der anschaulichen Erzählung des jüngsten Dramas zu beginnen. Jeder verstauchte Knöchel wird zur Kriegsverletzung, jeder Urlaub auf dem Bauernhof zur Odyssee, jede Schwangerschaft eine Nah-Tod-Erfahrung. Das sind auch die Menschen, die sehr gerne Sätze sagen wie „Und du kennst mich ja, ich bin wirklich nicht wehleidig…“2014-09-22-starbucks

7. Kaffee
Ich habe ihn nie verstanden, diesen Kult um Kaffee. Wobei man ja natürlich längst nichts so profanes wie „Kaffee“ mehr trinkt, jede Starbucks-Bestellung wird zum Haiku: Diese urbane Poesie zu beherrschen, ist selbstverständlich ein Statussymbol.

Es ist cool, lässig mit einer Hand den Kinderwagen zu schieben, in der anderen Hand den Strawberry and Cream Frappuccino zu halten (in den meisten Fällen die einzige Nahrungsaufnahme des Tages wegen der schlanken Linie). Stellen sie sich dasselbe mit einem Tetra Pak Orangensaft in der Hand vor, das sieht einfach nach nichts aus! White GirlWer nicht in unmittelbarer Nähe einer Starbucks-Filiale wohnt, betreibt den Kult zuhause. Für zwei Tässchen am Morgen brauchen viele heutzutage Profigeräte für 2000$, die die Größe eines Wäschetrockners haben. Habe ich schon erwähnt, dass ohne aufgeschäumte Milch gar nichts mehr geht? Wie hat man nur jahrhundertelang überlebt, unaufgeschäumte Milch in den
Kaffee zu kippen?

8. Beziehung
funny-relationship-jokeJaja, Sie sind bei Ihrem Partner weil es die ganz große Liebe ist. Sie haben manchmal Mordphantasien oder schwören, seine Socken in einem rituellen Feuer im Garten zu verbrennen, wenn er sie noch einmal im Bad auf dem Boden liegen lässt, aber es ist die ganz große Liebe. Wenn Ryan Gosling, Cameron Diaz oder Jennifer Aniston Single sind, sind sie cool und unabhängig. Longterm-relationship-barbie-cartoonWenn Sie Single sind, stimmt etwas nicht mit Ihnen. Es gibt einen guten Grund dafür, warum noch nie ein Single zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde: Singles sind Freaks, die keiner wollte. So jedenfalls die landläufige Meinung und wir wissen ja, dass nichts relevanter ist, als land- (oder stadt-)läufige Meinungen. Wer mit 40 nicht Teil einer Mann-Frau-Sohn-Tochter-Sippe ist, der braucht schon eine Menge Kaffee, Sushi und Couchtische, um das wieder wett zu machen.

9. Kinder
Tun Sie nicht so empört, natürlich sind Kinder Statussymbole. Ja, ich weiß, theoretisch haben wir alle Kinder, weil wir unbedingt welche wollten und nicht weil der gesamte Freundeskreis spätestens nach 2 Jahren Beziehung ständig nachfragt „Und, wann ist es bei euch soweit?“ Wer keine Kinder hat, bei dem stimmt irgendwas nicht. Natürlich reicht es nicht, irgendwelche Kinder zu haben, sie sollten schon was besonderes sein. Wer nicht mit musikalischer, sportlicher oder schulischer Hochbegabung punkten kann, der hat wahnsinnig „kreative“ Kinder (die haben dann z.B. Ideen wie in die kleine Spielzeugkasse vom Verkaufsladen zu kacken und sie unbemerkt wieder zu schließen) und die, bei denen es nichtmal zum Kreativsein reicht, die haben ein Problemkind, und auch die sind ein Statussymbol
(siehe Drama).

10. Kinder-Equipment
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Nicht nur die Kinder selbst sind Statussymbole, sondern natürlich auch alles, was mit ihnen zu tun hat. Zunächst einmal der Name. Vorbei sind die Zeiten, in denen man seinen Kindern einfach irgendeinen Namen geben konnte und tausende von kleinen Rotznasen als Jessica oder Kevin durch die Welt rannten. Von diesen Proleten muss man sich natürlich unterscheiden und wählt klassische, traditionelle Namen, die die Überlegenheit und den guten Geschmack der Eltern widerspiegeln. Natürlich sind heute alle so überlegen, dass wir nun überhaupt keine Jessicas mehr haben und stattdessen alle dieselben 10 klassischen Namen vergeben, mit denen man sich ursprünglich von der Masse absetzen wollte, aber egal.

Auch sämtliche Ausstattung muss natürlich bis ins Detail der Besonderheit des Kindes ebenbürtig sein: Kinderwägen für weit über tausend Dollar, Designer-Wickeltaschen (die meisten Designer haben die Konsumstärke von Müttern längst erkannt), personalisierte Impfpasshüllen, bestickte Schnullerketten, nach eigenen Entwürfen angefertigte Spieluhren……. Wenn die Kleinen dann größer sind, werden sie von Kopf bis Fuß in Fjäll Räven, Boden oder Ralph Lauren gekleidet. Ralph ist übrigens auch so ein schöner klassischer Name, und es ist doch praktisch, wenn er gleich auf jedem
T-Shirt draufsteht.

11. Laufen
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Jeder läuft. Wovor wir genau weglaufen, ist nicht so ganz klar, aber dass man laufen muss, ist es. Leute, die keinen Sport machen, lesen Rosamunde Pilcher-Bücher, das geht gar nicht. Man muss laufen. Zu Ihrem Glück ist nicht genau festgelegt, wie und wie viel, auch 20 Minuten pro Tag reichen, um theatralisch zu seufzen und „Carpe diem, ich war heute früh schon laufen!“ auf Facebook zu posten. Unumgänglich ist allerdings (mindestens) ein Profi-Outfit. Von den Jogging-Socken bis hin zum extra-saugstarken Schweißband muss alles a) von Nike, Puma oder Asics sein und b) Neonfarben haben. Dass Sie beim Joggen dann aussehen wie Forrest Gump, der Amphetamine in seiner Pralinenschachtel hatte, ist egal, Hauptsache, das Outfit stimmt. Die Alternative für Faule: Yoga. Yoga ist das neue Schwarz und man schwitzt nicht.

12. Akademische Ausbildung
SpongebobWohlgemerkt: nicht Bildung an sich, der heutige Anwalt, Architekt oder Banker kann längst kein Latein mehr, kann den Iran nicht auf einer stummen Karte finden,  kennt weder Epiktet noch die Hauptstadt von Kasachstan, liest in der Zeitung nur den Feuilleton-Teil,  hat an Dreisatz und Shakespeare nur eine blasse Erinnerung und er kann seinem Kind auch nicht erklären, warum genau Juden und Palästinenser sich bekämpfen, aber das macht nichts, denn solange er „LL.M.“, „Dr. med.“ oder „Architekt“ auf seine Visitenkarte (minimalistisches Design, sorgfältig ausgewählte mattgraue Typographie) drucken kann, gehört er zur geistigen Elite. Den Beruf wählt man nicht gemäß seinen Leidenschaften sondern nach den Kriterien Geld und Prestige. Grundschullehrer studieren eben so lange wie
z.B. Architekten, Historiker eben so lange wie Anwälte, das klingt aber einfach nicht so gut. Natürlich jammert man ab 30 (mit dem obligatorischen Au-Pair-Jahr in den USA oder dem Berufspraktikum in Südafrika ist man nicht viel früher im Beruf angekommen) über den Job, aber wer bei Elternabenden gefragt wird Burgerbrater„Und, was machst du so?“ hat auf jeden Fall eine bessere Antwort als Spongebob. Echte Bildung wird völlig überschätzt.

Es gäbe noch tausende Beispiele, doch da Sie sich vermutlich einen Kaffee machen wollen oder jemandem Ihr neustes Drama erzählen müssen, frage ich nur: Wie viele Häkchen haben Sie gesetzt?

Wir wollen mehr sein als wir sind. Das ist im Grunde nichts negatives, ganz im Gegenteil, würde es dazu führen, dass wir an uns arbeiten, uns entwickeln, mehr aus uns herausholen, dann wäre es sogar etwas ausgesprochen Positives. Der Haken ist nur: Statussymbole vermitteln uns den Eindruck, wir könnten uns das Mehrsein kaufen, wir bräuchten nur dieses Produkt, diese eine Sache, und schon würde sie uns zu einer advanced version unserer Selbst machen. Leider ist dieser Versuch in den meisten Fällen so offensichtlich, so armselig, dass es uns mit einem Stück weniger Selbstachtung zurücklässt. Also weg mit den Statussymbolen, es lebe Kevin, Microsoft und Orangensaft im Tetra Pak.

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