Bruce Jenner und andere Leute, die keine Ahnung von Frauen haben

Jane AustenMy brain is much more female than it is male“, sagte Bruce Jenner (mittlerweile Caitlyn Jenner) Ende April in seinem gefühlten 6 Stunden dauernden Coming-Out-Marathon (in dem die schockierendste Enthüllung war, dass er Republikaner ist) zu Diane Sawyer und fügte hinzu: “It’s hard for people to understand that.” – Ja, es ist für andere deshalb so schwer zu verstehen, weil es Quatsch ist!

Für alle, die sich jetzt fragen, warum sie bei Rizzoli & Isles oder Crossing Jordan die beiden berühmtesten Pathologinnen der Seriengeschichte noch nie sagen hörten „Ich habe eben das Gehirn der Leiche entnommen, es ist eindeutig weiblich“: das liegt daran, dass es keine weiblichen Gehirne gibt, noch nicht einmal im Jenner/Kardashian-Clan.

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Aus tiefgründigen Thesen wie „Frauen können nicht Autofahren, Männer können nicht Zuhören“ wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten Bestseller gemacht, die brav jedes Klischee über Frauen bedienten und die Annahme festigten, dass Frauen nun mal „ganz anders“ sind als Männer, unsere Hormone, unsere Physiognomie, unsere Gehirne und überhaupt…. Ich hatte gehofft, mittlerweile würden wir es besser wissen, spätestens seit Harvard-Präsident Lawrence H. Summers im Jahr 2006 wegen eben solcher Thesen und der Unterstellung, Frauen könnten ein anderes Gehirn haben als Männer, seinen Hut nehmen musste. Nein, wir sind nicht alle emotional, launisch, labil, sensibel, mütterlich, einfühlsam, diplomatisch und ständig den Tränen (und der äußerst niedrigen Belastungsgrenze) nah. Sorry.

Bei Bruce Jenner scheint das noch nicht angekommen zu sein. Gut, bei den Frauen, mit denen er zusammenlebt, ist es möglicherweise nachvollziehbar, dass sein Frauenbild etwas unscharf ist, aber es im Fernsehen als allgemeingültig zu verkaufen, geht nicht.

Ich habe Männern nie erlaubt, mich zu definieren, und ich mache auch keine Ausnahme für Männer mit Hormonbehandlung. Wer sein Leben nicht als Frau gelebt hat, wer die letzten 65 Jahre mit allen männlichen Privilegien, die die erste Welt ihrem Lieblingsgeschlecht auf einem Silbertablett überreicht, durch die Welt ging, der soll mir bitteschön nicht erklären, was es heißt, eine Frau zu sein.

Bruce Jenner schien der amerikanischen Öffentlichkeit lange vor Testosteron zu strotzen. Als Zehnkämpfer stellte er mehrere Weltrekorde auf und wurde 1976 zum Sportler des Jahres gekürt.

Bruce Jenner of the United States acknowledges the crowd after winning the men's decathlon in a World Record of 8618 points during the Summer Olympic Games in Montreal, circa July 1976. (Photo by Ed Lacey/Popperfoto/Getty Images)

Bruce Jenner of the United States acknowledges the crowd after winning the men’s decathlon in a World Record of 8618 points during the Summer Olympic Games in Montreal, circa July 1976. (Photo by Ed Lacey/Popperfoto/Getty Images)

Nach eigenen Aussagen wollte er unmittelbar nach Ende seiner sportlichen Karriere offen transsexuell leben und begann auch bereits in den 80er Jahren, Hormone zu nehmen, brach die Behandlung jedoch aus religiösen Gründen und aus Angst, Familie, Freunde und Fans zu enttäuschen, wieder ab. Wer die Reality Show seiner Familie „Keeping Up with the Kardashians“ verfolgte, konnte in den letzten Jahren einen schleichenden Übergang zu etwas beobachten, mit dessen Definition die Öffentlichkeit Schwierigkeiten hatte: Was ist das für eine Frisur? Und trägt er etwa Lipgloss? Wie sieht er denn nur aus? In der Show wurde er auch mehrmals von (mittlerweile Ex-) Ehefrau Kris Jenner für seinen Look kritisiert und verspottet, doch wirklich thematisiert wurde  sein Aussehen nie. Bis zu seinem großen Interview mit Diane Sawyer. Ich glaube, dass Transsexualität ein Leidensweg sein kann, den Nichtbetroffene sich schwer vorstellen können; vor einem halben Jahrhundert transsexuell gewesen zu sein (also in einer Zeit, in der das noch ein sehr viel größeres Tabu war als heute) muss es sicher noch ungleich schwieriger gewesen sein. Ich bewundere Bruce Jenner für seinen Mut und sein Coming-Out, aber die Meinung der Öffentlichkeit, dass deswegen jedes Wort aus seinem Mund pures Gold ist, kann ich nicht teilen. Er erklärt Diane, sein Coming-Out würde die Welt verändern, den Weg für andere Transsexuelle ebnen und ist überzeugt, eben hierfür von Gott auf die Welt geschickt worden zu sein, aber seine Ansichten sind weder neu noch weltverändernd, er vertritt das Frauenbild eines alten weißen Mannes und deshalb fällt es mir schwer, mich in seine Fangemeinde einzureihen. Und spätestens, als er Diane strahlend anvertraut, beim Frausein freue er sich am meisten auf die lackierten Fingernägel, war klar, dass wir keine Freunde werden.

Ich wünsche Bruce Jenner von Herzen, dass er alt, reich und privilegiert genug ist, das Frausein so zu erfahren, wie er es sich all die Jahre vorgestellt hat, doch mit der Realität wird das dann nicht viel zu tun haben. Frauen definieren sich nicht über High-Heels, Nagellack und die langen Haare, die er in einer so theatralischen Geste während des Interviews löste.

Fakt ist, Bruce Jenner hat keine Ahnung von vielen Dingen, die zum Frausein gehören. Er wurde nie mitten im Satz unterbrochen von Männern, deren Blick nie höher als bis zu seinem Dekolleté ging; er hatte nie Panik, weil seine Periode drei Tage zu spät kam oder musste die Peinlichkeit ertragen, dass seine Periode mitten im Freibad drei Tage zu früh kam; er musste nie für Abtreibungsrechte kämpfen und sich nie darüber ärgern, dass männliche Kollegen für dieselbe Arbeit viel mehr Geld bekommen; er war nie das Ziel von sexistischen Witzen und er hat nie seinen Job verloren, weil er bei den Kindern zuhause bleiben musste; er hatte nie Geburtswehen, nie Angst vor Brustkrebs, nie einen klitoralen Orgasmus. Er hat nie ein Baby gestillt und musste nie Angst vor einer Vergewaltigung haben. Seine Armbanduhr piept nicht jeden Morgen um sieben Uhr, um ihn an die Anti-Baby-Pille zu erinnern. er ging nicht durch die Menopause, er erlebte nie das Vergrößerungsglas, durch das die Gesellschaft uns Frauen beim Altern zusieht.

James St. James, ein Transsexueller, der den Weg in die umgekehrte Richtung, von der Frau zum Mann gegangen ist, erstellte in einem Online-Artikel für „Everyday Feminism“ eine Liste von Dingen, die in seinem Leben als neuer Mann nun vollkommen anders sind als in seinem Leben als Frau. Dass er ernster genommen wird, dass man mehr über seine Witze lacht, über seine Argumente nicht mehr einfach so hinweggeht, dass er nicht mehr für die Vermeidung von Vergewaltigungen als zuständig erachtet wird, dass jetzt 99% aller Pornos für ihn hergestellt werden….ist nur die Spitze des Eisbergs.

caitlyn-jenner-vanity-fairEin paar Wochen nach seinem Interview wird er zu Caitlyn Jenner, sie lässt sich von Annie Leibovitz fotografieren

und die Welt in einer seitenlangen Vanity-Fair-Strecke an ihrem Verständnis vom Frausein teilhaben: sexy Posen, Brüste die aus einem Bustier quellen, zu dicke Schminke, weichgezeichnete Photoshop-Bilder und die Vorfreude auf „Mädelsabende“.

Die Publicity-Maschinerie ist angeschmissen. Bei den ESPYs bekommt Caitlyn den Arthur Ashe Courage Award und hält eine tränenreiche Rede in einem fließenden weißen Abendkleid.

caitlyn-jenner-espy-awards-2015“It’s not about me. It’s about all of us accepting one another”, sagt sie mit erstickter Stimme und ich möchte ihr gerne glauben, doch bei aller Sympathie für Caitlyn Jenner fällt es mir schwer, sie als Rollenvorbild für die transsexuelle Gemeinde zu sehen. Ihr Outing war sicher hart und der Mut, es zu tun, hat größten Respekt verdient, dennoch geschah es ganz bewusst aus einer Position der Sicherheit heraus, die sich nicht damit vergleichen lässt, was ein fünfzehnjähriger Schüler in Iowa durchmachen muss, wenn er seinen konservativen Eltern gesteht, dass er sich als Frau fühlt und nach den Ferien in einem Kleid zur Schule geht. Aus gutem Grund outete sich Caitlyn erst, nachdem ihre Karriere längst beendet war (wie auch viele Sportler bis zum Ende ihrer Karriere warten, ehe Sie ihr Coming Out als Homosexuelle haben), nachdem sie sich (als Mann) ein komfortables Polster aus Ruhm, Erfolg und Wohlstand geschaffen hat. Sie könnte sich an einen Strand legen und den Rest ihres Frauenlebens im Bikini genießen, während andere Transsexuelle sich täglich in Schule und Beruf Anfeindungen, Diskriminierung und Gewalt auszusetzen haben.

Und obwohl es nur um Akzeptanz und keinesfalls um Caitlyn selbst geht, startete letzte Woche ihre neue Reality-Show „I Am Cait“, die sie live auf ihrem Weg zum Frausein begleitet. In der ersten Episode wird erschöpfend diskutiert, dass sie unbedingt einen Sport-BH braucht, um weiter Tennis spielen zu können und sie durchforstet mit Stieftochter Kim Kardashian die Untiefen deren begehbaren Kleiderschranks. Nur durch ein Mini-Werbe-Break geteilt geht es danach weiter mit Caitlyns Ansichten zu der horrenden Selbstmordrate transsexueller Jugendlicher und der Dokumentation eines Gesprächs mit ihrer Mutter im Beisein eines Psychologen, in dem sie zu dritt versuchen, eine Vereinbarkeit von Transsexualität und Bibel zu finden. Ein medialer Spagat zwischen Trash und Aufklärungsfernsehen, zwischen „Ich kann gar nicht hinsehen“ und „Mein Gott, wie rührend“, den die Produktionsfirma durchaus beherrscht (außer „Keeping Up with the Kardashians“ schrieben Bunim/Murray schon 1993 Reality-TV-Geschichte, als sie Pedro Zamora, einen HIV-positiven kubanischen Immigranten buchstäblich bis zu seinem Tod mit der Kamera begleiteten) und es bleibt nur zu hoffen, dass Caitlyn ähnlich schmerzfrei ist und die kollektive Bewunderung, die ihr im Moment entgegengebracht wird, nicht bald ins Gegenteil umschlägt.

Caitlyn ist äußerlich eine wunderschöne Frau geworden und ich wünsche ihr von Herzen, dass das Frausein ihr alles bringt, worauf sie so viele Jahre gewartet hat, und vor allem sehr viel mehr als Nagellack und Mädelsabende. Aber noch mehr wünsche ich ihr, dass nicht nur der Körper des alten weißen Mannes bald nur noch eine blasse Erinnerung ist, sondern auch dessen Ansichten über Frauen.

Quellen

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