Die unverheiratete Enddreißigerin, The Rules, Armageddon und andere Dinge, die zum Weltuntergang führen

Zitate MMFreunde, wir müssen nochmal über ein paar Bücher sprechen, besonders über die, die unverheiratete Frauen meines Alters in rauen Mengen verschlingen: Ratgeber, wie man den Mann fürs Leben findet. „Heiratsbücher“. Sind wir denn wirklich so tief gesunken?

GurkenglasVersteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen unverheiratete Frauen, im Gegenteil, ich hoffe, selbst bald wieder eine zu sein, aber ich habe definitiv was gegen Frauen, die solche Bücher lesen.

Während der Feminismus Jahrzehnte damit verbracht hat, Frauen beizubringen, dass sie auch ohne Mann vollwertige Wesen sind, dass wir unabhängig, stark, promiskuitiv und frei sein können wie unsere männlichen Counterparts es seit Menschengedenken sind, haben die kämpfenden Suffragetten auf den Barrikaden einen Aspekt dieses Themas nicht ausreichend berücksichtigt: die meisten von uns sind lieber verheiratet als emanzipiert.

Wenn ich als Frau Tipps darüber suche, wie ich es zur Vorstandsvorsitzenden bei Goldman Sachs bringe, habe ich jedenfalls sehr viel mehr Schwierigkeiten, ein Buch dazu zu finden, als wenn ich Rat bei der Suche nach einem Ehemann will. Das liegt daran, dass die meisten Frauen keinerlei Interesse an einem Vorstandsposten haben. Wir wollen (theoretisch) zwar die Möglichkeit haben, alles tun zu können, was wir wollen – das einzige, was wir jedoch tatsächlich (praktisch) tun wollen, ist in den meisten Fällen aber „Mr. Right“ finden, heiraten und Kinder bekommen. Zahlreiche Frauen in meinem Bekanntenkreis haben Collegeabschlüsse, um dann zu heiraten, Kinder zu bekommen und höchstens noch ein paar Stunden in der Woche zu arbeiten. Zugegeben, die Zeit zwischen College-Abschluss und Heirat wird länger und länger, doch in den seltensten Fällen auf Wunsch der Frauen (um Karrieren aufzubauen oder die Welt zu bereisen), sondern meist einfach nur deswegen, weil es schwieriger und schwieriger zu werden scheint, „Mr. Right“ zu finden.

Und da kommen dann die Ratgeber ins Spiel. Der berühmteste unter ihnen ist sicherlich The Rules. Die Autorinnen Ellen Fein und Sherrie Schneider distanzieren sich von „wertlosen“ Leitsätzen wie „Sei du selbst“ oder „Sag dem Mann ehrlich, wie du dich fühlst“ und haben stattdessen einen Kodex aus 55 Regeln erstellt, der ihnen einen Dauerplatz auf den Bestsellerlisten und einen gewissen Kultstatus einbrachte (es gibt kaum eine Late Night Show oder einen Stand-Up-Comedien in Amerika, der das Buch nicht bereits vor Jahren auseinandergenommen hat). Schon im Vorwort wird die Hauptkritik an The Rules vorweggenommen: seine Antiquiertheit und seine absolute Unvereinbarkeit mit feministischen Grundsätzen. Die Autorinnen widersprechen, bleiben letztendlich aber jegliche Erklärung schuldig, wie es möglich sein soll, seine komplette Persönlichkeit zu verändern, nur um einen Mann vor den Friedensrichter zu bekommen und trotzdem eine Feministin zu sein. Aber Logik ist nicht unbedingt die Stärke des Buches. Dafür mangelt es nicht an klaren Ansagen: Man sollte Männer niemals zuerst ansprechen, ja, sie nicht einmal ansehen, weil Männer ja bekanntlich Jäger sind und sofort das Interesse verlieren, wenn Frauen keine Herausforderung darstellen etc. Hat man  alles schon gehört. Was neu ist an The Rules ist die Vehemenz, mit der dieses Prinzip verfolgt wird und zwar ein Leben lang, denn das Spiel ist keineswegs vorbei, wenn die Ringe ausgetauscht sind.

In der Dating-Phase gibt es zwei starke Grundsätze, die zu beachten sind:

1. Frauen müssen an sich arbeiten, 
vor allem an ihrem Äußeren: Diät, Sport, lange Haare, niemals schwarz tragen, gepflegt sein etc. „If you have a bad nose, get a nose job“ – tja, so einfach kann das Leben sein, wenn man ein Rules Girl ist.

2. Play hard to get!
Dieser Grundsatz ist so alt wie die Welt und wohl die wichtigste der 55 Regeln. Dazu gehören untergeordnete Punkte, wie dass man z.B. keine Verabredung für Samstag akzeptiert, wenn man nicht vor Mittwoch gefragt wird oder dass man jedes Telefonat nach zehn Minuten beendet (man sollte sich einen Timer an der Uhr stellen) weil man ständig busy wirken soll (wohlgemerkt: es wird nirgendwo empfohlen, ein ausgefülltes, aktives Leben zu haben, es muss nur so aussehen!).

Man ruft den Mann auch grundsätzlich nie zurück, wenn er eine Nachricht auf der Mailbox hinterlässt. Wem das unhöflich erscheint, der hat The Rules und den Jagdinstinkt der Männer immer noch nicht verinnerlicht. Bei Dates darf man auch keinesfalls sarkastische Witze machen. Das ist ok, wenn man mit seinen Freundinnen allein ist, aber bei dem Mann, den man heiraten will, sollte man still und rätselhaft sein, sich ladylike benehmen, die Beine übereinanderschlagen und lächeln. Nicht zu viel reden, stattdessen lieber das Kleid etwas hochrutschen lassen und die schwarzen Seidenstrümpfe zeigen – „you might feel offended by these suggestions and argue that this will suppress your intelligence and vivacious personality. You may feel like you won’t be able to be yourself, but men will love it!“ – Und das ist ja schließlich die Hauptsache, oder?

In ihrer gewohnt effektiven Art haben Männer die 55 Regeln natürlich längst durchschaut und für sich verkürzt zusammengefasst:

Rules

Welche Gefahren mit diesem Frauenbild von Fein und Schneider heraufbeschworen werden, daran will ich gar nicht denken.

Wer als Rules Girl alles richtig macht, wer sich rarmacht, zurückhaltend und geheimnisvoll ist, der hat nach zwölf Monaten einen Heiratsantrag in der Tasche. Wenn Sie aber glauben, damit wäre der harte Teil erledigt, irren Sie sich: im Grunde fangen The Rules gerade erst an. Wer nämlich in der Ehe nicht vernachlässigt, als selbstverständlich angesehen, betrogen oder gar wieder geschieden werden will, der muss sich weiter an The Rules halten, nur gelten jetzt andere Regeln als zuvor. War während der Dating Phase der Leitsatz „Play hard to get“, so wird unmittelbar nach der Hochzeitsreise eine 180-Grad-Drehung vollzogen und das neue Motto für die Ehe lautet „Be easy to live with“ (Rule 54). Das Rules Girl ist verständnisvoll, fröhlich, rücksichtsvoll, aufmerksam, liebevoll, gepflegt.

Idealerweise sollte ein Mann seine Frau während der gesamten Ehe niemals in Jogginghosen oder ungeschminkt sehen, selbst beim täglichen Sport oder beim Erledigen des Haushalts sollte man gut aussehen. Das Rules Girl geht Kompromisse ein (Kompromisse werden in The Rules so definiert, dass man tut, was die Männer wollen) und ist niemals aggressiv oder macht eine Szene. „The Rule is that as hard as you worked to play hard to get is how hard you must work to be easygoing! Be kind, considerate and patient; try to overlook his faults and build up his ego – tell him how good he looks, try to see things his way.HushWenn frau z.B. zum wiederholten Mal ein tolles Essen gekocht hat und er in letzter Minute absagt, weil er länger arbeitet, wird ein Rules Girl ihren Mann keinesfalls anschreien, ihm Vorwürfe machen, einen Streit beginnen oder ihm Schuldgefühle einreden, sie wird stattdessen zu ihrem Mann sagen: „You’ve really been working hard lately. I’m so proud of you. – Promise him a back rub when he gets home. Then get busy – read a book or clean the house.“

Sie fragen sich jetzt, wofür das Ganze? Nun, Rules Girls haben die Garantie, dass ihre Männer ihnen auf ewig verfallen sind. Sie denken konstant an ihre Frauen, tragen sie auf Händen, pflegen sie im Alter, helfen ihnen im Haushalt, würden sie nicht im Traum betrügen, suchen sogar gerne neue Bettwäsche mit aus…  – und der Preis für eine solch glückliche Ehe ist nichts weiter als ein Leben lang Theaterspielen! Wenn das nötig ist, um einen Mann an sich zu binden, um eine Ehe über die statistischen elf Jahre hinaus bis dass der Tod uns scheidet führen zu können, dann weiß ich, warum ich morgen wieder einen Termin bei meiner Scheidungsanwältin habe.

Die Rules-Autorinnen stimmen übrigens vollkommen mit mir überein, dass es eindeutig meine Schuld ist, dass meine Ehe ein Scherbenhaufen ist: „Einige Frauen glauben, sie seien zu gebildet oder zu talentiert, um ständig passiv zu sein, Spielchen zu spielen und sich an The Rules zu halten. Sie glauben, wegen ihrer Diplome und Gehaltsschecks stünde ihnen besseres im Leben zu, als nur herumzusitzen und auf das Klingeln des Telefons zu warten. Diese Frauen enden immer mit gebrochenem Herzen.“

Gott sei Dank hat das mal jemand auf den Punkt gebracht und erspart einer neuen Generation von Frauen  was ich durchgemacht habe, nur weil sie sich sonst eingebildet hätten, sie könnten mehr vom Leben erwarten als January Jones‘ Rolle in Mad Men (dabei haben die meisten von uns ja noch nicht einmal den Trost, wenigstens auszusehen wie January Jones).

Natürlich gefällt mir persönlich am besten, was Fein und Schneider über Sex zu sagen haben:

Notizen

Besonders im dritten Punkt gibt es so viele wunderbare Stellen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll! Erst einmal vielen Dank, dass wir die bahnbrechenden Erkenntnisse von Masters und Johnson (ein Wissenschaftler und seine Assistentin und spätere Ehefrau, die in den 50er Jahren Vorreiter in der Sexforschung waren) nicht komplett ignorieren sollen, nur weil sie geschieden sind. – Das ist vielleicht der richtige Moment, um anzumerken, dass Sherrie Schneider nie verheiratet war und Ellen Fein geschieden wurde, gerade als ihr zweites Buch “The Rules for Marriage: Time-Tested Secrets for Making Your Marriage Work“ an die Buchhandlungen ausgeliefert wurde (das war dann das, was man im Allgemeinen einen messy media moment nennt). – Manchmal liebe ich die Ironie des Schicksals, Sie nicht auch?

Falls einige von Ihnen aufgrund der bisher gehörten Regeln den Eindruck gewonnen haben, The Rules sei ein Lehrbuch am Wellesley College gewesen zu Zeiten, als man dort noch darin unterrichtet wurde, wie man seinem Mann nach dessen anstrengendem Arbeitstag abends den perfekten Martini serviert, den muss ich leider enttäuschen. Die Erstauflage erschien 1995 (also zu einer Zeit, in der wir es längst hätten besser wissen müssen) und seither ist der Erfolg ungebrochen.

Versuchen Frauen (wie Fein und Schneider schreiben), physische Nähe (also Sex) zu benutzen, um mit Männern emotionale Nähe herzustellen? Selbstverständlich. Schon bei Cleopatras Entscheidung, mit Julius Caesar zu schlafen, spielte genau das bereits eine Rolle (zugegebenermaßen gab es zu der Zeit auch ein paar territoriale Machtkämpfe in der Nilregion, aber ich fresse sofort einen Besen, wenn Cleopatra nicht Sex auch dazu benutzte, sich Caesars Gunst zu versichern, sich unentbehrlich zu machen, sich seiner Aufmerksamkeit zu vergewissern, sich begehrenswert zu machen, ihn an sich zu binden). Hätten Frauen nicht diese Konnotationen von Sex, wäre die Menschheit vermutlich inzwischen ausgestorben.

Women2

Und wir sollen also viel Zeit vergehen lassen, ehe wir unsere sexuellen Wünsche und Bedürfnisse unseren Ehemännern  mitteilen. Schade, dass Fein und Schneider nicht näher definiert haben, wie viel genau „viel Zeit“ ist. Sollen wir zwei Jahre Orgasmen vortäuschen oder vier? Mehr? Wie lange genau dauert diese Phase, in der wir blind darauf vertrauen, dass wir schon irgendwann befriedigt werden, wenn wir unseren Mann nur machen lassen? Und wie grausam ist das im Grunde unseren Männern gegenüber? Wie würden wir uns im umgekehrten Fall fühlen, wenn wir nach Jahren erfahren, dass jede intime sexuelle Erfahrung bisher unecht war?

Ich stimme Fein und Schneider vollkommen zu, was die Duftkerzen angeht (wer zum Teufel hat überhaupt jemals festgelegt, Duftkerzen hätten was mit Sex zu tun? Duftkerzen stellt man an Weihnachten auf, warum um alles in der Welt werden sie mittlerweile in Sex Shops verkauft?), aber warum sollten wir auf anderes Spielzeug verzichten, wenn uns danach ist?

Nicht zum ersten Mal habe ich an dieser Stelle von The Rules an Hans Christian Andersens Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ gedacht. Das Märchen handelt von einem Prinzen, der lange vergeblich eine Prinzessin zum Heiraten sucht (wie realistisch). Während sein Vater eifrig auf Brautschau ist, ist seine Mutter nicht gerade begeistert davon, dass ihr Sohn so wählerisch ist. Ein Gewittersturm verschlägt eines Abends ein vollkommen durchnässtes Mädchen ins Schloss, das von sich behauptet, eine echte Prinzessin zu sein. Der König ist sofort begeistert und auch der Prinz hat sich auf Anhieb verliebt. Nur die Königin bezweifelt, dass es sich tatsächlich um eine echte Prinzessin handelt. Um sicher zu gehen, macht die Königin heimlich einen einfachen Test: Sie legt eine Erbse auf den Boden der Schlafstelle der angeblichen Prinzessin, worauf sie zwanzig Matratzen und zwanzig Daunendecken legt. Die Prinzessin schläft darauf und beschwert sich am nächsten Morgen, etwas Hartes sei unter ihren Matratzen gelegen und habe sie die ganze Nacht wach gehalten. – Damit ist für alle Beteiligten der Beweis erbracht, denn soo feinfühlig kann natürlich nur eine wahre Prinzessin sein; einer Heirat steht daher nichts mehr im Weg. – Müssen wir wirklich ständig das empfindliche Prinzesschen geben, das sich einfach aus Prinzip über die lächerlichsten Sachen beschwert, nur weil wir das Gefühl haben, ein bisschen mehr Toughness würde unsere hochgelobte Femininität kompromittieren? Bricht uns wirklich ein Zacken aus der Krone, wenn wir uns einen Porno ansehen oder Sexspielzeug kaufen, weil nach zehn Jahren unser Anblick allein nicht mehr absolute Verzückung bei unseren Männern auslöst (oder, nebenbei gesagt, deren Anblick bei uns)? – Aber wozu sich über all das Gedanken machen, wir haben unsere 55 Regeln, wir haben unser Skript und wir haben ein Leben lang, um unseren Text und unsere Gesten zu verinnerlichen. Wozu ein Problem lösen, wenn man die Lösung des Problems einfach vorspielen kann? Darin sind wir ja gut.

Immerhin räumen die Autorinnen ein, dass auch ein Rules Girl möglicherweise nicht immer Lust hat, sich die Beine zu rasieren, ihrem Ehemann ein tolles Essen zu zaubern oder nonstop gutgelaunt, liebevoll und willig zu sein. Sie räumen auch ein, dass es sehr viel anstrengender ist, eine Rules-Ehefrau zu sein als eine ganz normale (natürlich ist es das auch auf jeden Fall wert, das ist keine Frage) und raten daher zu Stressabbau durch Yoga, Meditation, Aerobic, Tennis – oder gerne auch das Aufsuchen eines Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe „if things get too hard for you“ (kein Witz!). Wer sich an The Rules hält, braucht also zwar eine Selbsthilfegruppe, um seine Ehe durchzustehen, aber man hat immerhin einen Mann! Es ist vermutlich auch in Ordnung, täglich Xanax zu nehmen oder ein paar Lines Koks zu ziehen, Hauptsache man hält sich ansonsten an The Rules! (Männer lieben Frauen mit den richtigen Prioritäten….)

HoneyDie mit Abstand einleuchtendste Passage aus The Rules ist jedoch folgende: „It’s not necessary to have a high IQ to do The Rules, just a certain degree of determination. In fact, highly educated girls have the hardest time with The Rules. They tend to think this is beneath them.“ Schockierend diese arroganten gebildeten Frauen…..

Das Erschreckende ist, wann immer ich The Rules (seit meiner Entdeckung dieses Manifests) in meinem Freundeskreis erwähne, ist die erste Frage, die von einer in die Runde gestellt wird immer: „Ob das wohl funktioniert?“ Die Meinungen sind geteilt (etwa zwei Drittel sind der Ansicht, dass The Rules genau das sind, was Männer bei der Stange hält, etwa ein Drittel sind der Ansicht, dass Männer sich ganz andere – gegenteilige – Verhaltensweisen wünschen), doch die Diskussion ist da und offensichtlich scheint es auch keine Frau zu geben, die sich darüber nicht schon einige Gedanken gemacht hat. Ich will dann immer losbrüllen „WEN INTERESSIERT ES, OB DAS FUNKTIONIERT ODER NICHT???“ Hätten wir die Garantie, dass es klappt, wäre es das dann wirklich wert? Wäre es tatsächlich eine Option, 45 Jahre Theater zu spielen, um auf dem Papier glücklich verheiratet zu sein? Das ist so, als stünde in der Times ein Artikel darüber, dass ein Wissenschaftler herausgefunden hat, glühende Lava zu trinken würde Cellulite vorbeugen und wir wüssten nichts besseres, als uns gegenseitig zu fragen „Ob das wohl funktioniert?“ Verdammt nochmal, wie bescheuert sind wir eigentlich?

Aber die Wahrheit ist, wir finden den Gedanken, Männer dauerhaft zu manipulieren (oder es zumindest zu versuchen) gar nicht soo befremdlich, weil wir daran gewöhnt, ja, damit aufgewachsen sind. Wir können ihn inhaltlich hinterfragen, weil wir die Manipulation an sich moralisch längst ad acta gelegt haben. Schon als Kinder wachsen wir auf mit augenzwinkernd vorgetragenen Weisheiten unserer weiblichen Familienmitglieder darüber, wie Männer sind und wie „wir Frauen“ am besten mit ihnen umgehen, um Konflikte zu vermeiden und sanft unseren Kopf durchzusetzen. Die Möglichkeit, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen in einem Umfeld, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind und sich gegenseitig respektieren, wird gar nicht in Betracht gezogen. Männer sind diese mysteriösen Wesen, von denen einerseits ehrfürchtig andererseits etwas spöttisch gesprochen wird; die unsere Mütter einerseits nicht ganz für voll zu nehmen scheinen, die andererseits aber jede größere Entscheidung der Familie absegnen müssen, weil den Frauen dafür offensichtlich die Kompetenz fehlt; mit deren übergroßer Autorität uns gedroht wird („Warte nur, was der Papa dazu sagt, wenn er nach Hause kommt!“) und mit denen wir doch gleichzeitig viel seltener aneinander geraten als mit unseren Müttern. Wir manipulieren unsere Väter, unsere Großväter, unsere Brüder (und beißen uns an unseren Müttern meist die Zähne aus, weil die ja durch dieselbe Schule gegangen sind wie wir). Als Teenager finden wir heraus, was andere Männer von uns wollen (oder zumindest, was wir glauben, das sie von uns wollen) und wie wir es ihnen geben, um möglichst begehrenswert für sie zu sein. Im Lauf unseres Lebens und mit den wechselnden Männern unseres Lebens machen wir vielleicht kleinere inhaltliche Korrekturen, aber das Grundprinzip „Wie vermittle ich ihm, dass ich genau das bin, was er will“ bleibt bis über die Menopause hinaus weitestgehend unangetastet.

Wir müssen heiraten, ob wir wollen oder nicht (und ich glaube tatsächlich, die meisten von uns wollen es im Grunde nicht, denn warum sollten wir uns freiwillig in Situationen begeben, in denen eine Trennung langwierig und teuer wird, in der wir unseren Namen ändern, unsere Identität aufgeben, uns sozusagen „integrieren“ sollen in eine bereits bestehende Familie, zahlreiche Behördengänge zur Änderung unseres Passes, unseres Bankkontos, unserer E-Mail-Adressen usw. auf uns nehmen……), denn die grauenhafte, unaussprechliche Alternative wäre, unverheiratet zu sein und das muss unter allen Umständen vermieden werden.

Simone de Beauvoir sagte vor vielen Jahren: „Why one man rather than another? It was odd. You find yourself involved with a fellow for life just because he was the one that you met when you were nineteen.” Die Aussage hat heute noch ebenso ihre Gültigkeit wie damals, nur ist die Zahl neunzehn nicht mehr relevant. Heute haben Frauen meist ihre ganz eigene Vorstellung, in welchem Alter und in welcher Lebenssituation sie verheiratet sein müssen und der Erwählte ist der, der uns zu diesem Zeitpunkt am nächsten steht. Heißt das, dass er unsere große Liebe ist, unser Seelenverwandter, der eine und einzige? Nein, er ist der, der da war, als es Zeit wurde. Wir sagen das nicht auf Dinner Partys, wir posten es nicht auf unseren Facebook-Accounts und wir drucken es nicht in unsere Heiratsanzeigen, aber wir wissen, dass es wahr ist.

The+perfect+wife_43fda7_5306597Und ja, wir sind härter geworden. Die wunderbare Gloria Steinem brachte es auf den Punkt mit dem Satz „It may seem as if women are truly becoming the men they want to marry“, denn wir entwickeln uns in unseren Singlejahren tatsächlich immer mehr zu den Alphamännchen, die wir in Dating-Börsen eigentlich suchen: wir sind fokussiert, zielstrebig, karriereorientiert, anspruchsvoll, selbstbewusst – nur um all das über Bord zu werfen, sobald der Mann auftaucht, den wir heiraten wollen.

Und ich wünschte wirklich von Herzen, ich könnte Ellen Fein und Sherrie Schneider die Schuld für dieses unerhörte Verhalten geben, doch wir alle wissen, dass wir uns so bereits verhalten haben lange bevor die beiden es auf die Bestsellerlisten geschafft haben, denn wenn wir ehrlich sind, kaufen wir keine Bücher mit neuen, unangenehmen Wahrheiten, wir kaufen am liebsten Bücher, die uns bestätigen, was wir schon immer geglaubt haben.

Große Frauen haben ihr Leben lang, Generationen lang, dafür gekämpft, dass wir eine Wahl haben, in tausend Aspekten unseres Lebens bestimmen können, was wir tun wollen, wie wir leben wollen. Es ist unser Recht, uns dafür zu entscheiden, nicht zu arbeiten, keine Karriere machen zu wollen, unser Leben mit einem Mann teilen zu wollen, bei den Kindern zuhause bleiben zu wollen….. Wählen zu dürfen beinhaltet auch, eine Wahl treffen zu dürfen, die Hubertine Auclert nicht gefallen würde und niemand darf uns hierfür ein schlechtes Gewissen einreden. Aber wir schulden es der Geschichte und uns selbst, eine Wahl für etwas zu treffen, nicht dagegen; zu wählen was wir lieben, anstatt wegzulaufen vor dem, was wir fürchten; nicht zu tun was alle immer taten, weil wir uns davor scheuen, uns von der Masse abzuheben. Bücher wie The Rules (und vor allem deren unglaublicher Erfolg) zeigen deutlich, dass Heiraten nicht einer von vielen Lebensentwürfen ist, die wir in Betracht ziehen, die uns glücklich machen, und wenn wir den Mann fürs Leben nicht bis 39 gefunden haben, dann finden wir ihn eben mit 59 oder nie, dann schreiben wir eben doch noch unsere Doktorarbeit, machen eben doch noch unsere kleine Galerie auf, reisen mit unseren zwei besten Freunden nach Argentinien, lernen Mandarin oder eröffnen eine Bäckerei. Heiraten ist keine Wahl mehr, war es im Grunde noch nie, es ist ein Zwang; vor 150 Jahren war der Rest der Welt besessen davon und ließ uns keine Wahl (eine unverheiratete Frau war damals praktisch gar nicht überlebensfähig) und heute, da die Welt endlich zur Vernunft gekommen ist und uns die Wahl lässt, sind wir selbst besessen, machen uns klein, machen uns lächerlich, verbiegen uns bis zur Unkenntlichkeit, belügen uns selbst, hören auf so genannte Expertinnen, die uns sagen, dass wir für immer unglücklich und einsam sein werden, wenn wir wir selbst sind.

Wählen Sie.
Wählen Sie, was immer Sie wollen, aber
wählen Sie bewusst,
wählen Sie frei und
wählen Sie gut.

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