Kennen Sie eigentlich … Azar Nafisi?

Freiheit ist für Frauen oft etwas, das erobert werden muss, und wenigen Frauen ist das heute noch so bewusst wie Azar Nafisi. Sie kam als Tochter des Bürgermeisters von Teheran zur Welt, verließ das Land mit dreizehn, um eine englische Schule in Lancaster zu besuchen. Sie studierte Literatur und Philosophie in Oklahoma, kehrte jedoch 1979 mit ihrem zweiten Ehemann in den Iran zurück. Azar unterrichtet an der englischen Fakultät der Universität Teheran und beendet gleichzeitig ihre Dissertation. Und bekommt im selben Jahr noch ihren Doktortitel verliehen.

Azar NafisiAls sie sich nach der Revolution und der Machtübernahme durch die Mullahs weigert, den Tschador zu tragen, wird sie der Universität verwiesen. Zum Hausfrauendasein gezwungen bekommt sie erst einmal zwei Kinder – aber nein, das ist nicht der Grund, warum sie zu meinen Heldinnen gehört. Sie fängt nämlich nicht an, Topflappen zu häkeln oder Kissenbezüge zu klöppeln, sondern sie lädt im Verborgenen Studentinnen in ihre Wohnung ein, wo sie der Überwachung der Regierung weniger ausgesetzt ist als in der Universität, und liest mit ihnen heimlich westliche und regimekritische Literatur. Bei diesen Treffen geht es nicht ausschließlich um literaturwissenschaftliche Themen, sie spricht mit diesen jungen Frauen über Kultur, Politik, Feminismus und die Bedeutung des Lesens. Zwei Jahre lang treffen sie sich jeden Donnerstagmorgen, essen Schokolade von weinroten Tellern, sprechen über Nabokov, Fitzgerald und Austen, hinterfragen ihre Zukunft, teilen ein lebensgefährliches Geheimnis.

1997 verlässt sie mit ihrem Mann endgültig den Iran, kehrt in die Vereinigten Staaten zurück und schreibt im Exil ihren ersten Roman „Reading Lolita in Teheran“, der sich ganze 117 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times hält (das war vor „50 Shades of Grey“, da war die Bestsellerliste noch aussagekräftiger).

Es gibt viele Menschen auf der Welt, die den Einfluss der Literatur auf politische und gesellschaftliche Prozesse anzweifeln oder rundheraus bestreiten, doch Fakt ist, dass in allen Diktaturen der Vergangenheit und Gegenwart die Machthaber so große Angst vor der subversiven Kraft der schreibenden Kunst haben, dass diese immer zuerst zensiert werden muss. Literatur verändert vielleicht nicht die Welt, jedenfalls nicht in erster Instanz, aber sie verändert den Leser, was im Grunde viel machtvoller ist, und das Potential birgt, jede noch so etablierte Ideologie zu bedrohen. Azar und ihre Studentinnen lebten in einer Welt, in der es Frauen verboten war, sich die Nägel zu lackieren, rosa Socken zu tragen oder laut zu lachen, daher war es nichts geringeres als eine Revolution im Kleinen, was Azar Nafisi mit „ihren Mädchen“ in ihrem Wohnzimmer vollzog, denn es gibt wenige Dinge, die so politisch und so unantastbar sind wie Lesen.

Also bitte, beenden wir die Hausfrauen-Diskussionen hier und jetzt ein für allemal: benutzen Sie Pampers, kaufen Sie Ihre Kissenbezüge bei Walmart und lassen Sie Ihre Blumenvasen im Schrank, das erspart Ihnen eine Menge Zeit, die Sie mit Lesen verbringen können, denn Lesen verstärkt den Wunsch nach Freiheit, stimuliert unseren Intellekt, immunisiert gegen Engstirnigkeit und nebenbei können Sie damit sogar beweisen, dass nicht alle Frauen barfuß und schwanger in der Küche nur noch darüber nachdenken, wie man die Küche möglichst stylisch umdekorieren könnte.

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