Kennen Sie eigentlich … Susan Sontag?

Was mir Susan Sontag immer schon so besonders sympathisch machte, war ihre Schwärmerei für Thomas Mann. Während andere in ihrem Alter Erroll Flynn anschmachteten, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als sich mit dem deutschen Nobelpreisträger zu treffen, der sich ganz in ihrer Nähe in Pacific Palisades im Exil befand. Kann ich immer noch nachvollziehen, hätte ich mit 14 die Wahl zwischen Thomas Mann und Johnny Depp gehabt, hätte ich mich auch mit Thomas Mann getroffen. Ich bin ein Freak, ich weiß. Jedenfalls rief sie ihn einfach an und bat ihn, ihn besuchen zu dürfen. Unglaublich, oder? Und was ich an der Geschichte so besonders mag ist, dass sie so realistisch endet: Thomas Mann gewährte ihr zwar die Audienz, doch das Treffen fand sie enttäuschend.

Thomas Manns Villa in Pacific Palisades

Thomas Manns Villa in Pacific Palisades

In ihrer Vorstellung wollte sie mit ihm über Kafka diskutieren, doch Thomas Mann schien das Mädchen, das ihm da gegenüber saß, nicht recht ernst zu nehmen (eine Todsünde, Susan Sontag konnte bis an ihr Lebensende fast alles verzeihen, außer nicht ernst genommen zu werden) und gar etwas gelangweilt zu sein.

Aufgewachsen war Susan Sontag in einem Trailer am Rand der Wüste in Arizona. Bildungsferne Schicht würden wir heute nennen, in was die überaus wissbegierige Hochbegabte da hineingeboren ist. Mit 17 ist sie bereits Studentin (sie studiert Literatur, Theologie und Philosophie) und heiratet ihren Soziologieprofessor Philip Rieff, mit dem sie eine Studie über Freuds Einfluss auf die moderne Kultur erarbeitet. Mit 19 wird sie schwanger und bekommt ihren Sohn David. Die Ehe scheitert nur kurze Zeit später. Marie Curie war ihr großes Vorbild, deren Brillanz, Nobelpreis und auch ihr Liebesleben. Sie ist der vielleicht schillerndste Beweis dafür, dass ein messerscharfer Verstand und eine große Emotionalität sich nicht nur nicht ausschließen, sondern möglicherweise sogar befruchten. Sie träumte von einer ebenbürtigen Partnerin, einer vollkommenen Liebe, die ihre Sucht nach Büchern, nach Wissen, nach schierem Weltverstehen mittrug und war in langen Phasen ihres Lebens geradezu niedergeschmettert von Liebeskummer und Depression.

Susan Sontag blue quoteIn solchen Phasen war Schreiben ihre einzige Rettung; und die Erkenntnis, dass nichts ihren Verstand so schärfte wie das Unglück. Sie konnte nicht gut schreiben, wenn sie glücklich war, und stand ihren glücklichen Tagen daher bis zuletzt ambivalent gegenüber. Erst ihre von ihrem Sohn posthum veröffentlichten Tagebücher verdeutlichen, wie existenziell das Denken für ihr Leben war. Sie analysierte sich und ihr Werk trocken, distanziert und mit einer gewissen kargen Reduziertheit. Man vergibt ihr, wie unerbittlich sie andere beurteilte, wenn man in ihrem Tagebuch liest, wie hart sie mit sich selbst ins Gericht geht, wie sie täglich an ihren immensen Ansprüchen an sich scheitert. Sie wäre gerne als Romanautorin anerkannter gewesen, denn obwohl Der Liebhaber des Vulkans und In Amerika durchaus auch positive Kritiken bekam, galt und gilt sie als brillante Essayistin, wird sie als kritische Stimme ihrer Kultur, als Analytikern einer Generation wahrgenommen, nicht als Schriftstellerin. Sie ist eine der wenigen Frauen, die als Intellektuelle berühmt sind, die es geschafft haben, aus ihrem Hochleistungsgehirn eine Profession zu machen, eine Frau, die keinerlei Definition bedarf. Sie schrieb Essays über Fotografie, Politik, Kunst, Literatur…. – und sie wurde gehört, weil sie Susan Sontag war. Sie kommt einer amerikanischen Version der femme de lettres näher als irgendjemand sonst ihrer Zeit.

Susan SontagDer uralte Drang, die Welt mit Kultur und Information zu bevölkern – der Welt Dichte, Schwere zu geben -, mich anzufüllen. Ich habe beim Lesen immer das Gefühl zu essen. Und mein Bedürfnis zu lesen ist wie ein schrecklicher, rasender Hunger. So dass ich oft versuche, zwei oder drei Bücher gleichzeitig zu lesen“, schreibt sie in ihr Tagebuch, schon ahnend, dass ihre Tage gezählt sind. 1974 erkrankt sie (mit 41 Jahren) an Brustkrebs. Fünf Jahre später ist sie, der Glück eigentlich fremd ist, selbst überrascht, als sie als geheilt gilt.

maxresdefault1988 lernt sie Annie Leibovitz, die berühmte amerikanische Fotografin, kennen, als sie gerade ein Buch über AIDS schreibt, für das Leibovitz die Bilder liefern soll. Die 16 Jahre jüngere Leibovitz erinnert sich, dass sie vollkommen verschüchtert war und Angst hatte, mit Susan Sontag (damals bereits 55) zu sprechen aus Angst, dumm und ungebildet zu wirken. Dennoch werden sie rasch ein Paar, endlich ein Gegenüber, das Susans Leidenschaften teilt, die Gier nach Erfahrung besitzt, den Mut zur Gegenwartskritik, den Willen zur Neudefinierung von Kultur. 2001 bekommen sie mit Hilfe eines anonymen Samenspenders die gemeinsame Tochter Sarah, die Annie austrägt. Die Beziehung dauert an bis zu Susans Tod 2004 (sie starb an Leukämie). Annie bekommt ein Jahr später noch Zwillinge, die sie Susan und Samuelle nennt.

Sontag SäuglingUmstritten ist der Umgang der beiden mit Susans Tod. Annie schlägt vor, ihren körperlichen Zerfall bis zuletzt mit der Kamera zu begleiten und in einem letzten Kraftakt, in einem letzten immensen Anspruch, dem sie gerecht werden will, stimmt Susan zu und stirbt in Bildern, eindrücklich, bedrückend, erdrückend. Sohn David verurteilt diese Respektlosigkeit später vehement, doch ich glaube, wir können uns alle sicher sein, dass Susan nichts in ihrem Leben tat, ohne es zu wollen. Ihr politischer Einsatz (z.B. gegen den Vietnamkrieg, gegen die Bush-Regierung, für Frauenrechte etc.) hat Bestand und noch heute sind ihre Essays von überwältigender Stimmigkeit, scharf und akkurat, unerbittlich und zutreffend. Sie war relevant, für ihre Zeit, für ihre Kultur, für die intellektuelle Identität ihrer Generation, und was könnte mehr Bedeutung haben?

Wenn sie im Moment gerade bei Thomas Mann ist, dann wird er sie dieses Mal sicher ernst nehmen.

Sontag

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