Kennen Sie eigentlich … Marina Abramović?

Warum sprechen eigentlich immer alle von Vincent van Goghs abgeschnittenem Ohr als Epitom der Selbstaufgabe für die Kunst? Ohren sind überschätzt. Wer sagt, dass das kein Versehen beim Rasieren war?

Abramovic KWieso spricht denn keiner von Marina Abramović? Sich mit einer Rasierklinge ein Pentagramm in den Bauch zu ritzen, nachdem man vor den Augen der Zuseher erst 1 Kilo Honig gegessen und 1 Liter Rotwein getrunken hat, muss doch wohl einen höheren Stellenwert auf der künstlerischen Leidensskala haben als so ein lächerliches Ohrläppchen, oder?

Trotzdem erzielen Van Goghs Werke auf Versteigerungen absolut unvorstellbare Preise und Marina hat einen großen Teil ihres Künstlerlebens in einem Wohnwagen gelebt und am Hungertuch genagt. Gut, Van Gogh wurde auch erst nach seinem Tod so berühmt, das wird ihr aber ein schwacher Trost sein.

MARINA ABRAMOVIĆ THE ARTIST IS PRESENT: MARINA ABRAMOVIĆ. Photo Credit: Jeff Dupre/ Courtesy of HBO Documentary Films & Music Box Films.

1946 in Belgrad geboren (ihre Eltern waren Partisanen, ihre Mutter Majorin bei der Armee, ihr Vater ein Nationalheld), studierte sie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad, konnte ihre Herkunft jedoch nicht verleugnen. Es liegt eine Disziplin, eine Härte in ihren Werken, die jedermann einsichtig nicken lässt, wenn sie sich selbst als „Soldatin der Kunst“ beschreibt. Rasch wendet sie sich von der Malerei ab und wird Performance Künstlerin und versucht damit, ein Genre der Kunst greifbar zu machen, das wie kein anderes zur Flüchtigkeit verdammt ist. Es gibt keine Grenze für sie zwischen Kunst und Leben, alles an ihr ist Katalysation, alles Gelebte und Gelittene da, um kompromisslos projiziert zu werden.

Liebeskummer ist ein unglaublicher Schmerz, aber Schmerz ist gut, denn wir lernen vom Schmerz. Niemand gelangt irgendwohin mit Glücklichsein. Nur Schmerz transformiert Erfahrungen. Wenn du glücklich bist, okay, dann bist du glücklich, aber das ist alles. Schmerz ist der wahre Lehrer. In meiner Arbeit geht es immer darum, die Angst vor dem Schmerz zu verlieren. Und um Schmerz zu überwinden, muss man erst mal volle Kanne rein.

screen-shot-2012-09-02-at-4-31-36-am„Volle Kanne rein“ könnte der Titel der Autobiographie sein, die sie vermutlich nie schreiben wird. In früheren Performances hat sie sich Haare ausgerissen, ist immer mit voller Wucht gegen eine Wand gelaufen, hat sich mit einem Messer immer wieder in die Hand gestochen, sich ausgepeitscht oder geschrien bis sie keine Stimme hatte. Einmal starb sie fast bei einer Performance in der Mitte eines benzingetränkten brennenden Kreuzes oder als sie einem Besucher erlaubte, ihr eine geladene Waffe an den Kopf zu halten. Bittet man Marina um Hilfe bei der Suche nach dem einfachen Weg, steht man ziemlich allein da, denn den ist sie nie gegangen, davon hat sie keine Ahnung.

© 2010 Scott Rudd www.scottruddphotography.com scott.rudd@gmail.com

© 2010 Scott Rudd
www.scottruddphotography.com
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2010 schließlich veränderte The Artist Is Present  ihr Leben. 7 Stunden täglich setzte sie sich beinahe regungslos auf einen Holzstuhl im New Yorker Museum of Modern Art, ihr gegenüber ein leerer Stuhl, auf den Besucher sich setzen können – oder auch nicht.

Marina Abramovic«: The Artist Is Present Photo by Marco Anelli. © 2010 Marina Abramovic«

Marina Abramovic«: The Artist Is Present Photo by Marco Anelli. © 2010 Marina Abramovic«

Sie spricht nicht, sie lächelt nicht, sie sitzt nur da und sieht ihr gegenüber an. Siebeneinhalb Stunden täglich. Sechs Tage die Woche.  Über Monate. Über 1400 Besucher setzen sich auf diesen Stuhl. Sharon Stone war dabei, Tilda Swinton, James Franco, Willem Dafoe, Lady Gaga. Nicht um sie zu sehen, das ist ein Trugschluss, sondern um von ihr gesehen zu werden. Viele weinten, denn nichts rührt uns mehr, nicht ist erschütternder, als tatsächlich wahrgenommen zu werden.

Und dafür genügt ein Blick. Als ihr langjähriger Geliebter Ulay (der Künstler Uwe Laysiepen) ihr gegenüber Platz nimmt, bewegt sie sich, aber nur bei ihm. Sie trafen sich 1976 in Amsterdam und lebten  praktisch für eine Dekade in einem Van, zogen als Nomaden um die Welt, performten gemeinsam, trieben sich zur Weißglut. Natürlich sah ihre Trennung nicht so aus, dass einer sagt „Wir haben uns wohl auseinandergelebt“ und der andere seine Sachen packt, nein, jeder von ihnen lief 2500km die Chinesische Mauer entlang (von entgegengesetzten Enden) und sie trafen sich in der Mitte für einen würdevollen Abschied. So, das hat Stil! Bei Marinas Performance in New York bei ihrer Performance sahen sie sich erstmals wieder.

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Sie ist die Mater dolorosa (die für uns Leidende) der Modernen Kunst und seit „The Artist Is Present“ leidet sie tatsächlich öffentlich, denn man kennt sie. Über Nacht wurde sie zu einer Art Celebrity, zu der Künstlerin, die man gerade in gewissen elitären Kreisen liebt, wenn man denn beweisen will, dass man kein Banause ist. Fast ein wenig widerwillig und orientierungslos scheint sie sich in dieses neue Leben zu fügen und es wurde ein paar Jahre still um sie, die aus dem alten Van direkt in ein Manhattaner Apartment gezogen ist.

The queue for Marina Abramovi? at the Serpentine GallerySchließlich kam sie zurück mit einer Performance, der nur auf den ersten Blick die Dramatik früherer Werke fehlt: sie kommt zurück mit Nichts. In der Londoner Serpentine Gallery eröffnet sie „512 Hours“, eine Show, die benannt ist, nach der Anzahl Sunden, die Marina in der Galerie anwesend sein wird. In der Vorbereitung zu der Show trinkt sie wochenlang nur Proteinshakes, um physisch und mental in Höchstform zu sein, denn Nichts ist kräftezehrend. Jeden Tag um 10 Uhr öffnet sie selbst die Türen zur Galerie, vor der dann schon hunderte Menschen Schlange stehen.

512 Hours Marina Abramovic Serpentine Gallery 8/2014 Photograph by MARCO ANELLI

512 Hours
Marina Abramovic
Serpentine Gallery
8/2014
Photograph by MARCO ANELLI

Nur 160 Besucher gleichzeitig werden in die drei großen Räume mit leeren weißen Wänden gelassen. Handys, Kameras, iPads und ähnliches sind verboten. Keine Ablenkungen. Manchmal lässt sie die Leute in Stille Reis oder Linsen abzählen, manchmal hält sie nur ihre Hand oder steht schweigend, mit geschlossenen Augen mitten im Raum mit ihnen. Manchmal setzt sie ihnen Kopfhörer auf und verbindet ihnen die Augen, um die innere Einkehr zu verstärken. Manchmal legt sie ihnen nur die Hände auf die Schultern oder flüstert ihnen etwas ins Ohr.

9th June 2014 -- Marina Abramovi holds and smells a member of the audience during a press preview for her latest performance piece, entitled 512 Hours, at Serpentine Gallery in London, UK. -- International acclaimed artist Marina Abramovi is in London to present her latest piece at the Serpentine Gallery, 512 Hours. Marina preforms in the gallery six days a week using herself, the audience and objects to give life to "nothing".

9th June 2014 — Marina Abramovi holds and smells a member of the audience during a press preview for her latest performance piece, entitled 512 Hours, at Serpentine Gallery in London, UK.

Ihre neue Performance zelebriert die Abwesenheit von allem, die Besinnung auf das eigene Ich, die Bereicherung durch Verzicht. „Durch Langeweile muss man hindurchgehen, damit man woanders hin gelangt“, sagt sie und tausende begeisterte Besucher (die ihr Sorge gemacht haben, denn sie hatte befürchte, Londoner seien zu zynisch, um sich auf dieses Experiment einzulassen) teilen diese Erfahrung mit ihr. Sie ist zurückgekehrt zu einer Kunst, die man sich nicht nur einfach ansehen kann, nicht passiv bleiben darf, man ist Teil davon, wie schon Jahrzehnte zuvor, als Besucher einer anderen Performance, bei der Marina über Stunden blutend auf einem Kreuz aus Eis lag, es nicht mehr ertragen konnten und sie gemeinsam wegtrugen.

Sie macht es einem nicht leicht, sie ist nicht loveable, nicht einfach, man kann sie sich nicht an die Wand hängen und damit angeben. Vom Time Magazine wurde sie zu den 100 wichtigsten Menschen 2014 gewählt, doch das bedeutet ihr wenig. Sie will nur, was wir alle wollen: wahrgenommen werden, nicht im Vorbeigehen. Sie will nicht flüchtig sein, nicht blass, keine Reflektion anderer. Und das ist sie nicht.

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