Kennen Sie eigentlich … Ayaan Hirsi Ali?

Sie ist die berühmteste Islamkritikerin der Welt und vermutlich die Frau, die von islamistischen Fundamentalisten am meisten gehasst wird. Ihre Familie wird rund um die Uhr bewacht, niemand kennt ihren genauen Aufenthaltsort – das ist der Preis dafür, dass sich die gebürtige Somalierin schon fast ihr ganzes Erwachsenenleben für die Rechte muslimischer Frauen einsetzt.

Ali_van GoghAls der niederländische Regisseur und Satiriker Theo van Gogh im November 2004 am helllichten Tag mitten in Amsterdam ermordet wird, steckt an dem Messer in seiner Brust eine Todesdrohung für Ayaan Hirsi Ali.

Sie hatte das Drehbuch zu van Goghs islamkritischem Kurzfilm „Submission über die Unterdrückung muslimischer Frauen geschrieben, in dem unter anderem nackte Muslima in einen durchsichtigen Schleier gehüllt sind, mit fünf Suren aus dem Koran auf ihren Körpern.

Ali_01Ayaan Hirsi Ali wurde 1969 in Mogadischu geboren und gehört zum Darod-Clan, der für seine schönen Frauen berühmt ist, auch Waris Dirie gehört zu diesem Clan. Ayaan bedeutet „Glück“ auf Somali, doch diese Vorhersage sollte sich für sie nicht bewahrheiten, ihre Kindheit ist unruhig und unglücklich. Mit fünf Jahren wird sie einer Klitorisbeschneidung unterzogen. Die Familie zieht erst nach Saudi-Arabien, dann nach Kenia, und überall ist für Ayaan spürbar, wie viele Freiheiten ihr Bruder genießt und wie wenig sie und ihre Schwester. Als sie schließlich in Kenia den Koranunterricht verweigert, wird  ihr von ihrem  Koranlehrer bei der darauf folgenden Züchtigung der Schädelknochen gebrochen. Als sie 22 ist, schickt ihr Vater sie nach Kanada, um einen Cousin zu heiraten, den sie nie gesehen hat. Auf dem Weg dahin macht Ayaan einen Zwischenstopp in Düsseldorf bei Verwandten, wo sie auf ihr kanadisches Visum wartet. Anstatt wie geplant weiterzureisen, fährt sie mit dem Zug über die niederländische Grenze und beantragt dort Asyl. Fünf Jahre später, 1995, erhält sie die niederländische Staatsbürgerschaft, weitere fünf Jahre später hat sie ihr Studium der Politikwissenschaften abgeschlossen. Vom Islam hat sie sich im Laufe der Jahre immer weiter entfernt und ist mittlerweile Atheistin.

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Der 11. September ist ein Wendepunkt in ihrem Leben, ein Trauma, der Anfang einer neuen Weltunordnung. Ayaan wendet sich endgültig vom Islam ab und wird zu einer radikalen Kritikerin. Den Propheten Mohammed bezeichnet sie als einen „Tyrannen“, als einen „perversen Mann“, der in Frauen lediglich „Söhnefabriken“ sieht. Sie prangert die Feministinnen der westlichen Welt an, die Unterdrückung der muslimischen Frauen weltweit als „Kultur“ zu tolerieren, sie bezeichnet Mohammed als Vergewaltiger und Kinderschänder, sie verurteilt die europäische Außenpolitik den Nahen Osten betreffend als naiv und feige. Sie schlägt um sich.

Niall Ferguson and Ayaan Hirsi AliManche sehen in ihr einen weiblichen Salman Rushdie, andere eine Art reinkarnierten Voltaire. Nach dem Mord an van Gogh muss sie untertauchen, doch sie schweigt auch im Exil nicht. Dabei hat sich in ihrem persönlichen Leben viel getan: Sie hat den berühmten britischen Historiker und Bestsellerautor Niall Ferguson geheiratet und in Großbritannien sind sie eine Art intellektuelles Glamour-It-Paar.

Vom gemeinsamen Sohn Thomas gibt es (wegen Gefahr von Anschlägen) keinerlei Fotos. Politisch sind sie und Ferguson sich einig: Der Westen muss zu seiner politischen Führungsrolle zurückfinden, das sei die „Aufgabe des weißen Mannes“.

Der Westen ist von Selbstzweifeln zerfressen und wir werden das bereuen. Wir hatten einen großen Einfluss in der Welt. Wir haben unsere Ideen exportiert, Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte. Warum tun wir das nicht mehr? Es war zum Wohl der Menschen. Heute aber gibt es einen lächerlichen Relativismus. Heute ist es fast blasphemisch, wenn man überhaupt von westlichen Werten spricht.“ Man beachte das „Wir“, wenn sie vom Westen spricht, mit ihren Wurzeln hat sie abgeschlossen, alle Brücken abgebrochen, religiös, politisch, emotional.

Ali_03Bei all ihren öffentlichen Auftritten ist sie schön aber reserviert, freundlich aber kühl. Sie strahlt eine gewisse Härte aus, aber wie könnte sie nicht? Man fragt sich, ob sie absichtlich so viel Angriffsfläche bieten will, ob Ayaan den Hass gegen sie mittlerweile als Instrument, Rechtfertigung, Kompass und Ritterschlag in einem sieht. Sie schürt diesen Hass, werfen viele ihr vor, und provoziert damit Gewalttaten wie etwa die Ermordung van Goghs. Sie sei eine der wenigen, die ohne Angst zu sprechen wage, verteidigen sie andere.

2005 wird sie vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt gekürt, 2006 wird sie als Kandidatin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, 2008 erhält sie den Prix Simone de Beauvoir pour la liberté des femmes.

Wie alle großen Revolutionäre ist sie umstritten, eine Art Spiegelfläche, auf die jeder projiziert, was er sehen möchte, je nachdem, gegen welches Licht man sie hält. Fakt ist, dass sie unter Einsatz ihres Lebens auf Missstände hinweist, ja, sie uns sogar entgegen schreit, ob wir es hören wollen oder nicht (und meist wollen wir es nicht hören), ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Angst, ohne Kompromisse oder falsche Diplomatie.

Ali_04Theo van Gogh sagte kurz vor seinem Tod zu ihr: „Ich bin der Dorftrottel, dem sie nichts tun. Aber sei du vorsichtig, denn du bist die Apostatin.“ Vorsichtig ist sie nicht, nie gewesen. Aus ihrem Versteck kehrte sie 2007 in die Niederlande zurück und lebt dort mit ihrer Familie und ihren Bodyguards. Und sie schreibt. Schwarz auf weiß. Und sie spricht. Laut und deutlich.

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