Kennen Sie eigentlich … Sheryl Sandberg?

Die Vorzeige-Feministin unserer Generation schlechthin ist Sheryl Sandberg:
Facebook-Chefin, Buchautorin, Obama-Beraterin, Frauenrechtlerin.

Im Juni 2015 haben wir sie von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Am Ende des Sheloshim (nach dem tödlichen Unfall ihres Mannes Dave Goldberg vor 2 Monaten) meldete sie sich über Facebook zurück.

Der Sheloshim ist die jüdische Trauerphase, die auf die Shiva folgt, ein Monat der Ruhe, nicht mehr so streng wie die Shiva (man sitzt wieder auf Stühlen, man verlässt wieder das Haus, man dürfte sogar wieder zur Arbeit gehen) aber dennoch eine Zeit des Trauerns, während der man keine Musik hört, nicht auf Feste geht, kein Bad nimmt, sich ganz bewusst auf das Leid einlässt. Der Schmerz ist im Judentum etwas, wofür man sich Zeit nimmt (aber nicht zu viel), auf den man sich bewusst konzentrieren, ihn erleben, sich ihm hingeben, ihn teilen, ihn verarbeiten muss. Für Juden ist der Schmerz eine Aufgabe, der man sich stellt. Und das tut sie. Mit 1700 Worten kam sie zurück und teilte uns mit, sie habe in diesen dreißig Tagen gefühlte dreißig Jahre gelebt. „I am thirty years sadder. I feel like I am thirty years wiser.

Während des Sheloshim werden zerbombte Städte wieder aufgebaut aus Ruinen, zerstörte Landkarten einer Biographie neu gezeichnet. Man hat keine Wahl. Man hat immer geahnt, dass das Leben so sein kann und kann nicht fassen, dass man Recht behielt.

Sie schreibt sehr persönlich, wie immer. Für Sheryl ist alles persönlich, nix mit Work-Life-Balance und ähnlichem Mist, alles ist Leben, immer, das war ihr vorher schon klar. Sie ist eine ohne viel Schminke, ohne Statussymbole, ohne Diät-Coach und Face-Lifting. Ihre Kinder besuchen öffentliche Schulen, wenn sie im Firmen-Jet unterwegs ist, macht sie gerne den Platz neben Zuckerberg frei, um anderen Mitarbeitern die Chance zu geben, ein Vier-Augen-Gespräch mit ihm zu führen. Ihre Entscheidungen trifft sie aus dem Bauch heraus, auch wenn diese für Dritte oft seltsam anmuten. Sie verließ ihre mächtige Position bei Google, um bei Facebook anzufangen, einem Unternehmen, bei dem man damals nicht sicher war, ob es jemals Geld machen würde, bei dem jedoch absolut sicher war, dass sie niemals CEO werden würde, weil Zuckerberg diesen Posten niemals aufgeben wird.

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Für Sheryl ist alles eine Gewissensfrage. Dave Goldberg erinnerte sich in einem Interview an die Zeit der Entscheidungsfindung, in der Mark Zuckerberg fast wöchentlich zu ihnen nach Hause kam und sie sich Fragen stellten wie „Was wollen wir?“, „Was sind unsere Ziele?“, „Was ist uns wichtig?“. Es wäre fast so gewesen, als hätte er Sheryl und „Zuck“ bei Dates beobachtet, erklärte er einmal lachend.

Sie ist eine, die hinter ihren Entscheidungen steht, die zwar gern um Rat fragt, aber die Verantwortung selbst trägt. So auch bei den Entscheidungen des Sheloshim, in dem es darum geht, den Schmerz nicht weiter zu bekämpfen, sondern als lebenslangen Begleiter zu akzeptieren. Nach so einem Verlust liegen viele Menschen am Boden, doch manche leiden im Stehen oder, besser noch, in der Vorwärtsbewegung.

Sheryl schreibt in ihrem Brief über ihre weinenden Kinder, über die Leere, über andere Eltern, denen sie bei einer Schulveranstaltung nicht in die Augen sehen konnte, weil sie damals nicht wusste, wie sie damit umgehen soll, wenn sie jemand anspricht. Sie schreibt darüber, dass ihre Mutter neben ihr in Daves Bett schläft, wenn sie sich jede Nacht in den Schlaf heult. Sie kann das, weil sie keine Angst mehr hat. Der erste Luxus, der einem mit dem Verlust des Geliebten genommen wird, ist die Angst. Angst kann man sich nicht mehr leisten. Es gibt sie einfach nicht mehr. Wer durch die Wüste gewandert ist, stolpert nicht mehr über den Sandkasten im Hinterhof. Angst wird zu einer Banalität; zu einer Laune, bei der man nicht glauben kann, dass man sich je dazu hinreißen ließ. Ich lebe in einer Welt, in der mir Frauen Dinge sagen wie „Ich hätte so gerne kurze Haare, aber ich traue mich nicht, sie abzuschneiden“ oder „Ich würde so gerne mal Neuseeland sehen, aber ich habe Angst vor dem langen Flug“ oder „Ich würde mich so gerne selbständig machen, aber was, wenn ich keinen Erfolg habe?“. Mir ist angst und bang um diese Frauen, denn was passiert, wenn das Schicksal entscheidet, ihnen den Luxus der Angst zu nehmen? Und was ist mit Ihnen? Werden Sie noch wissen, wo Ihr Mut einmal war, wenn es darauf ankommt? Werden Sie noch wissen, dass die Tapferkeit in der Schublade im Abstellraum ganz unten liegt, bei den alten Jeans, die Sie mit 18 getragen und  nur aus sentimentalen Gründen noch nicht weggeworfen haben?

famous-motivational-quote_16815-0„Courage is a muscle, it is strengthened by use“, sagte Ruth Gordon einmal und selten wurde ein wahrerer Satz gesprochen.

Aber daran sind wir nicht mehr gewöhnt, Mut ist nicht mehr gefordert in unserem glattpolierten Alltag, in dem wir gelernt haben, all das, was wir nicht gut können, zu vermeiden. Wer Flugangst hat, fährt mit dem Zug, die Xenophobiker sehen zu Hause fern, die Arachnophobiker kaufen sich Insektengitter. Wer nicht gut in Physik ist, der wählt es ab, wer nicht schnell laufen kann, nimmt den Bus. Hindernisse muss man schon lange nicht mehr überwinden, man umgeht sie einfach und nennt das Flexibilität. Wir sind die Weltmeister der Vermeidung und nennen das Kompromissbereitschaft. Bis dann eines Tages etwas geschieht. Etwas wie ein Sportunfall in Mexiko. Und plötzlich die unfassbare Erkenntnis, dass der Schmerz nicht flexibel ist und keine Kompromisse macht.

Sheryl Sandberg, laut Forbes-Magazine eine der zehn mächtigsten Frauen der Welt, die Harvard-Absolventin, Überfliegerin, Mutter, Freundin, Vorgesetzte, Jüdin, Milliardärin, CEO, Wohltäterin, Autorin…., lernt gerade die ultimative Lektion ihres Lebens: Schmerz ist nicht verhandelbar. Es gibt keine Strategie, kein Rezept, keine Powerpoint-Präsentation, kein Medikament, kein Buch, keinen Google-Link, keine Bachblüten, keine Lösung. Der Schmerz ist da, nie zuvor wird in Ihrem Leben jemals etwas so da gewesen sein, und es wird keinen Weg daran vorbei geben. Der Schmerz hat keine Bedeutung, keinen tieferen Sinn, es sei denn, wir geben ihm einen. Wir alle wissen, wie grauenhaft zerbrechlich das Leben ist, bis zu diesem einen Moment, in dem es tatsächlich zerbricht, und der Schock ist grenzenlos. – Ich bete, dass es diesen Moment in Ihrem Leben nie geben wird und weiß doch gleichzeitig, dass es unwahrscheinlich ist. Also wie bereiten wir uns darauf vor?

Die Angst ist zu unserem täglichen Begleiter geworden, weil wir es zugelassen haben. Wir sehen sie ganz selbstverständlich auch auf den Schultern unserer Freunde sitzen, sie  ist „normal“ geworden, ihre ständige Anwesenheit fällt uns kaum noch auf. Aber fürchten wir wenigstens die richtigen Dinge? Nein, denn wie man einem Kind nicht den Ozean erklären kann, wenn es ihn noch nie gesehen hat, so kann man den Schmerz nicht erklären, wenn man noch nie von ihm weggespült wurde. „Was werden andere von mir denken?“ ist das Mantra unseres Lebens, der Soundtrack ganzer Dekaden. Von allen fürchtenswerten Dingen, haben wir am meisten Angst davor, was andere von uns halten. Und das ist vielleicht die einzig positive Sache, die die Lava des Schmerzes mit sich bringt: Es wird Ihnen so egal sein, was andere von Ihnen denken. Wehmut über all die verpassten Chancen, sich lächerlich zu machen, wird Ihr Leben fluten und das Einzige, was Sie wirklich bereuen, wird die Banalität sein, die so viele Aspekte des Lebens aushöhlt, ohne dass wir es merken.

Nein, wir trainieren ihn nicht, unseren Mut, und der Preis ist hoch.

„What would you do if you weren’t afraid?“ ist ein zentraler Satz in Sheryl Sandbergs Leben. Sie stellt sich diese Frage in ihrem Feminismus-Buch „Lean In“, sie stellt sie auf Ansprachen an High Schools und Colleges, sie hat sich ein Poster davon in ihre Büroräume bei Facebook gehängt.

What would you do if you weren’t afraid?

Sheryl hat sich die Angst schon lange vorher in ihrem Leben aberzogen, so wie wir alle das auch tun sollten, denn deswegen kam sie ungebrochen aus ihrem Sheloshim. Der trainierte Muskel ihres Mutes hat standgehalten, sie wird weiter arbeiten, ihre Kinder großziehen, sich mit ihren Freunden treffen, ein- und ausatmen, ihr Leben leben. Ein anderes Leben als vorher, doch den Unterschied wird nur sie selbst bemerken, allen anderen bleibt er verborgen, denn sie ist gut.

Strong enough„Ja, die schafft das, die ist stark“, sagen wir über Frauen wie sie, als wäre sie so zur Welt gekommen, als wäre es etwas genetisches, als hätte sie sich nicht entschieden, mutig zu sein, in Situationen, in denen andere entschieden, es nicht zu sein.

Wir müssen wieder lernen, dass es keine Alternative zu Mut gibt, es darf kein Wahlfach mehr sein, das wir abwählen, um uns unsere Abi-Note nicht zu versauen, weil wir darin noch nie besonders gut waren, aber dafür haben wir ja „ein Händchen für Tischdeko“. Es gibt Situationen in unserem Leben, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen und wenn es so weit ist, sollten wir das Konzept Aufstehen schon einmal geprobt haben. Das Leben ist kurz und es zwingt uns, es immer wieder von neuem zu beginnen. Lernen Sie nicht erst in Ihrem Sheloshim, das zu akzeptieren. Ihr Leben wird nicht bestimmt von den Dingen, die Ihnen leicht fallen, sondern von denen, zu denen Sie sich überwinden, für die Sie kämpfen müssen. Also hören wir bitte auf, uns pseudo-mutige Kalendersprüche wie „be a voice, not an echo“ oder „stop dreaming your life, start living your dreams“ an die Wand zu hängen, die Nägel in Ihrer Rauhfasertapete halten vielleicht das Bild, aber Ihr Leben nicht den Inhalt.

What would you do if you weren’t afraid?
Das ist vermutlich die wichtigste Frage, die Frauen sich in ihrem Leben stellen müssen.
Stellen Sie sie, jeden Tag.
Bis Sie sie beantworten können.
Bis Sie angefangen haben, es zu tun.

Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg (Taschenbuch)


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