Urlaub und andere Blamagen

Betty WilliamsWann immer ich Leute vom Urlaub als von der „schönsten Zeit des Jahres“ sprechen höre, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Es gibt wohl kein anderes Ereignis (außer der Hochzeit vermutlich), das wir dermaßen verklären wie unsere Urlaube.

Family Vacation

50 Wochen im Jahr wachen wir im selben Bett auf, kaufen Brötchen beim selben Bäcker, schleppen uns in dieselbe Arbeit – um dann glorreiche zwei Wochen im Jahr die Pause vom eigenen Leben zu zelebrieren. Und natürlich müssen das dann die schönsten zwei Wochen des Jahres sein, ganz klar. Urlaub ist das Eingeständnis, dass unser Alltag einfach nicht genug ist, dass unser normales Leben nicht reicht, dass Zuhause einfach todlangweilig ist – also all das, was wir ständig so auf Facebook posten, Quatsch ist, wäre unser Leben nämlich so toll, warum würden wir dann den Urlaub so herbeisehnen?

Vacation RelaxationIm Urlaub wird alles anders. Theoretisch. Da machen wir jeden Tag Yoga. Da lesen wir sechs Bücher in vierzehn Tagen. Da probieren wir jeden Tag ein neues Gericht. Da haben wir Sex am Strand. Da werden wir braun. Da wird unsere Beziehung wieder viel besser funktionieren. Da schlafen wir aus. Da fotografieren wir aber auch Sonnenaufgänge. Da machen wir einen drauf. Da lassen wir uns heiße Steine auf den Rücken legen. Da gehen wir spazieren. Der Urlaub. Zwei Wochen das lange geplante, teuer bezahlte Pauschal-Glück. Einfach mal weg sein und hoffen, dass dort alles besser ist, dass Wegsein reicht, dass eine kleine 6-Flugstunden-Korrektur des Aufenthaltsortes eine Korrektur der generellen Lebenseinstellung ersetzt.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, etwas anderes zu sehen, als vielmehr darum, jemand anderer zu sein. Wir erwarten uns vom Urlaub ein Flip-Flop-tragendes, braungebranntes Alternativ-Ich, gelöster, entspannter, spontaner, abenteuerlustiger, glücklicher. Ist es da ein Wunder, dass der Urlaub an diesen Erwartungen scheitern muss? Neben Meeresfrüchte-Buffet und Cocktails am Strand ist im All-Inklusive-Paket nämlich auch unser eigenes Leben beinhaltet, das wir nicht zuhause lassen können, um mehr Platz im Koffer für Souvenirs zu haben. Wir nehmen alles mit, unsere nörgelnden Kinder, unseren antriebslosen Mann, unsere Selbstzweifel, unsere Wut über nervende Chefs/Arbeitskollegen/Schwiegermütter, unsere Blase an der Ferse und die quälende Frage, ob wir nicht unsere Lebensentscheidungen ganz anders hätten treffen sollen. Und im Urlaub wird all das viel schlimmer, nehmen wir all das viel übler, sind wir noch viel wütender auf unseren Mann, der auch hier nur träge im Liegestuhl liegen will und sich dem Kulturprogramm verweigert; auf unsere Kinder, die sich auch hier nur kloppen und sich nur statt mit Papierkügelchen mit Sand bewerfen und unseren Arbeitsalltag, der sich ungefragt ständig in unsere Gedanken schleicht. Hier ist all das ein Kapitalverbrechen, denn schließlich sind wir im Urlaub, all das wollten wir ja gerade hinter uns lassen, oder wofür haben wir sonst 3.578 € für vierzehn Nächte bezahlt?

Vacation Kids

Also kämpfen wir. Bei Urlaub vs. Wir steht es vielleicht 1:0 für den Urlaub, aber wir geben nicht auf. Wie schwer kann es schon sein, sich anders zu fühlen? Wir greifen zu härteren Maßnahmen:

1. Keine Unterwäsche mehr
Unterwäsche wird kompromisslos mit Bikinis ersetzt, auch am Abend, wenn wir essen gehen; unter jeder Klamotte lugen Bikinibänder hervor, weil eben Urlaub ist!

2. Bräunen
Über ein „Schatz, deine Schultern sind rot, du solltest in den Schatten“ können wir nur verächtlich schnauben. Anfänger! Wir sind nur noch 5 Tage da und wollen schließlich die braungebrannteste im Büro sein. Und ich benutze das Wort „braun“ hier wirklich mit grooooßem Interpretationsspielraum, denn es gibt ja auch die Farben Rotbraun, Kastanienbraun und Verbrannt. Während wir die kleine Emma mit LSF 50 eincremen und ihr am besten noch ein UV-Shirt drüberziehen, gehen wir selbst aufs Ganze, schließlich wollen wir schnelle Erfolge.

3. Henna-Tattoos
Ähm…. Ehrlich gesagt weiß kein Mensch, warum wir das machen….

4. Oben ohne
Im Urlaub sind wir gerne mal ganz verwegen: oben ohne.
sand-in-shortsAuch wenn sich der zehnjährige Sohnemann im heimischen Freibad schämt, dass Mama sich zum Badeanzugwechsel einen dieser Oma-Frottee-Umhänge überzieht, stellt er im Urlaub schockiert fest, dass Mama oben ohne (die Brüste haben diesen ganz besonderen Weißton, den nur Körperteile haben, die vor Tschernobyl zum letzten Mal Sonne gesehen haben) weit verstörender ist, aber Mama zieht es durch. Sie ist zwar deutlich öfter im Wasser als sonst, aber was soll’s. Sich komisch fühlen zählt schließlich auch als anders fühlen.

5. Kaufen, Kaufen, Kaufen
Obwohl schon an Tag 3 klar ist, dass dieser Urlaub nicht so wird, wie man ihn sich vorgestellt hat, stellt sich fast zeitgleich schon eine gewisse vorweggenommene Urlaubsmelancholie ein, man weiß jetzt schon, mit welch wehmütiger Verklärtheit man an ihn zurückdenken wird („Weißt du noch, dieser aufdringliche Verkäufer auf dem Markt, der uns gar nicht mehr gehen lassen wollte?“) und wie dringend man daher Erinnerungsstücke benötigt. Wir kaufen alles, wovon sicher ist, dass wir es zuhause keinesfalls benutzen werden: Strohhüte mit Werbung für den Urlaubsort, Fußkettchen aus Muscheln und Glöckchen, bunte Perlenarmbänder, riesige Ohrringe, sich innerhalb von 5 Tagen selbst auftrennende Batiktaschen, Aschenbecher, Olivenöl, Fake-Markenuhren, Luftmatratzen, Flip-Flops, Tunikas, T-Shirts mit pseudo-witzigen Urlaubs-Sprüchen….. Über Platz im Koffer brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, das meiste davon ist kaputt, ehe wir zurückfliegen, oder wir sind einfach so „drüber weg“.

6. Strand
Der Strand ist für die meisten von uns untrennbar mit Urlaub verbunden. Wir treten in Quallen, wir regen uns über Algen auf, wir ritzen uns die Oberschenkel beim Schnorcheln an Felsen auf, wir haben den Sand bis zum Abend an Körperstellen, an die wir gar nicht denken wollen, aber trotzdem ist der Strand ein Aschram, in den wir jedes Jahr wieder pilgern. Für zehn Euro am Tag die Liegestühle 47/48 in Reihe neun zu haben (einer davon hat immer ein Loch oder eine kaputte Lehne, aber die guten in den vorderen Reihen wurden schon vor Sonnenaufgang von irgendwelchen Briten besetzt) gehört zum Urlaubsglück einfach dazu.

LonelyBeach

Strand unserer Träume

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Strand in der Realität

7. Authentic Tourist-Outfits
Einer der großen Vorteile des Urlaubs ist, dass uns dort keiner kennt. Allerdings machen wir uns im Urlaub auch so zurecht, dass uns selbst enge Verwandte an der Strandpromenade vermutlich gar nicht wiedererkennen würden, selbst wenn sie auch dort wären.

touristsFür uns Frauen heißt das meistens zu kurze Hosen, zu enge Kleider, zu große Blumenmuster; für Männer heißt das meistens Socken in Sandalen, nackter Oberkörper auch im Supermarkt und eine Bauchtasche. Generell für alle gilt einfach die Regel: Zieh dir Sachen an, in denen du zuhause nie auf die Straße gehen würdest.

8. Essen
Während wir zuhause sehr gerne beim Griechen, Spanier, Inder oder Thailänder essen gehen, ist uns das im Ursprungsland dieser Speisen suspekt. Wenn wir tatsächlich im Ausland sind, bestellen wir am liebsten Spaghetti Bolognese, Schnitzel oder gehen aus Sicherheitsgründen gleich zu McDonald’s (da weiß man, was man hat).

9. Fotos
Tourist Shot
Unverzichtbar. Absolut unverzichtbar. Nein, nicht von der Landschaft. Von uns selbst. Die Landschaft ist nur Hintergrund, unsere Facebook-Freunde wollen schließlich uns sehen, nicht irgendwelche Statuen, Kirchen oder Museen.

Natürlich regen wir uns selber über jede Hackfresse auf, die sich in pseudo-witzigen Posen vor irgendwelche Sightseeing-Attraktionen stellt und das dann postet, aber wenn wir das machen, ist das ganz was anderes. Selfie-Stick sei Dank kriegen wir mittlerweile auch fast alles fast überall drauf.

Selfie Stick

Die Fortgeschrittenen verzichten natürlich auf jeglichen Hintergrund und fotografieren einfach nur sich selbst, vorzugsweise mit Kussmund (Frauen) oder mit hochgehaltenem Daumen (Männer).

Group-Travel-SelfieIn vierzehn Tagen kommen so schonmal gut tausend Bilder zusammen, unter denen dann tatsächlich auch zweiundsechzig gute sind, die umgehend zum Panorama-Fotobuch, zur Diashow oder zum hochgeladenen Album „Karibik 2015“ bei Facebook werden, um sie den zweihundert engsten Facebook-Freunden zu zeigen. Wer besonders stolz auf sich ist, lädt seine Fotos bei Flickr, Tell a Story oder in anderen Foren hoch, so dass (endlich) auch Wildfremde sie sehen können, nicht nur die 200 engsten Facebook-Freunde. Wozu war man schließlich weg, wenn man damit nicht angeben kann?

10. Die Anderen
Das Hauptproblem im Urlaub. Nicht erst seit „Lost“ wissen wir, dass Die Anderen nur Probleme bringen. Es könnte alles so schön sein, wenn man allein wäre. Nun hat man schon die eigene Familie / Freunde dabei, aber damit nicht genug, überall sind andere Touristen!!

Tourist ShootÜberall treffen wir gnadenlos auf unseresgleichen. Vollkommen egal, ob wir zu diesen politisch unkorrekten „grauenhaften“ Pauschalurlaubern in irgendeinem All-Inclusive-Strand-Resort gehören, kunstgeschichtsbücherwälzend durch den Louvre schlendern, mit dem Fahrrad durch die Dolomiten fahren, Bergtouren in den Alpen machen, auf Hawaii surfen, mit dem Rucksack durch Neuseeland wandern, eine Fotosafari durch Tansania machen, flittern auf den Malediven, in Norwegen auf das Nordlicht warten, den Amazonas entlangrudern oder Hippie-Revival in Indien machen – überall sind Menschen wie wir. Hunderte. Tausende. Nie wurde ein absurderes Wort geschaffen als „Individual-Tourismus“, denn der existiert nicht. Wir sind überall. Wenn Sie nicht gerade in ein Kriegsgebiet fliegen, treffen Sie auf sich selbst. Was immer Sie tun, tun vor, nach und mit Ihnen hunderte andere. Und dabei sind wir doch alle so besonders. Das ist schon hart. Wen wundert es da, dass wir regelmäßig vollkommen fertig aus dem Urlaub wiederkommen?

RelaxVor meiner letzten Reise traf ich in der Wartehalle am Flughafen auf eine Gruppe junger Frauen mit schwarzen Boob-Tubes, auf denen in neonpink „Sexy Chicks on Tour“ stand. Keine zwanzig Meter weiter versorgte sich eine Gruppe junger Männer mit Chips für den Flug, die alle T-Shirts trugen mit dieser Aufschrift:

Ich war nicht die einzige in dieser Wartehalle, die sich fragte, warum die beiden Gruppen sich das Geld für den Urlaub nicht sparen und sich einfach hier paaren. Müssen wir wirklich andere Länder da mit reinziehen? Was haben uns die getan? Lächerlich machen können wir uns doch auch zuhause, oder? Aber da ist es eben nicht dasselbe, nicht wahr? Deshalb: verreisen Sie weiter, steigen Sie in Flugzeuge, tragen Sie zu kurze Hosen, kaufen Sie überteuerte Souvenirs, holen Sie sich den jährlichen Sonnenbrand…. Aber wir sollten aufhören, diese vollkommen überzogenen Erwartungen an unseren Urlaub zu haben. Urlaub ist eben auch nur Teil unseres ganz normalen Lebens.

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