Kritik und andere Dinge, mit denen Sie nicht umgehen können

Zitat KritikVor ein paar Monaten sagte Nobelpreisträger Tim Hunt öffentlich auf einer Tagung, er arbeite nicht gern mit Frauen, weil die immer losheulten, wenn er sie kritisierte. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass wir alle (geschlechtsunabhängig) langsam verlernen, mit Kritik umzugehen. Und wer ist an dieser Gesellschaftskrankheit Schuld? (Kleiner Tipp: es sind immer entweder unsere Mütter, „die Medien“ oder Facebook). Und? Na? Richtig, es ist natürlich Facebook.

Seeking DisorderDas Bedürfnis, zu veröffentlichen (alles von sich, Gedanken, Gedichte, Fotos, Handarbeiten, Gemälde, Urlaubserlebnisse, Hochzeiten, Krankheiten….) ist ein Keim, den Facebook gesät hat und der von den Aufmerksamkeiten und Lobhudeleien der virtuellen Gemeinde tüchtig gegossen wird.

Das „Was machst du gerade?“-Feld von Facebook reicht da den meisten nicht mehr aus, eine eigene Homepage muss her, ein eigener Blog oder – besser noch – ein ganzes Buch, angefüllt mit:

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Eine gute Freundin von mir hat kürzlich die Diagnose MS erhalten und bestellte sich erwartungsvoll den Erfahrungsbericht einer Betroffenen, der bei Amazon durchgehend positive Bewertungen bekam.

In Händen hielt sie ein paar Tage später ein stümperhaftes Werk voller Grammatikfehler, medizinischer Unwahrheiten und einer Menge Gejammer, Selbstmitleid und Selbstbeweihräucherung. Wer will sowas lesenMutig hinterließ sie die erste negative Rezension (sachlich, freundlich, konstruktiv) und bekam auf ihren Zehnzeiler prompt einen Dreißigzeiler der Autorin zurück, in der ihr (etwas weniger sachlich, freundlich und konstruktiv) erläutert wurde, dass sie das Buch nicht verstanden habe, dass ihre Kritik vollkommen ungerechtfertigt sei, dass das Schreiben des Buches einen so hohen therapeutischen Wert für die Autorin gehabt habe und sie eine tiefe emotionale Bindung zu ihrem Text habe. – So weit so gut, die Frage ist nur: musste man das veröffentlichen? Der emotionalen Bedeutung und dem therapeutischen Wert des Schreibens wäre man auch in einem privaten Tagebuch nachgekommen, oder?

Praise make you feelEine Bekannte von mir ist Architektin und fotografiert gerne architektonische Strukturen. Wie jeder Hobby-Fotograf hat sie einen eigenen Fotoblog und veröffentlicht auf verschiedenen Foren ihre Bilder, die zahlreiche Klicks und Likes bekommen. Vor ein paar Wochen wurde nun eines ihrer Fotos einmal kritisiert (ebenfalls sachlich, der Kritiker bemängelte die Unschärfe, die unkreative Bildkomposition und den seiner Meinung nach falsch gesetzten Bildfokus). In einer Antwort, die den Umfang der Kritik ebenfalls weit übertraf, erklärte auch sie ihm, dass er nicht das nötige Backgroundwissen besitze, ihr Bild zu beurteilen, dass dies ein Foto des Geburtshauses ihres Großvaters in New Mexico sei, zu dem sie extra eine lange Reise gemacht hatte, um es für ihren Großvater zu fotografieren, der hierfür schon zu gebrechlich sei, dass ihr das Bild sehr am Herzen liege, der Bildfokus oder die Schärfe daher vollkommen sekundär sei etc. Auch hier ist die Frage: musste es veröffentlicht werden? Gerahmt an der Wand des Großvaters hätte es seinem Zweck doch sicher mehr gedient als in einem Online-Bilderportal, oder?

Ich bin der Ansicht, dass Dinge, die mir persönlich viel bedeuten oder gut gefallen und Dinge, die zur Veröffentlichung geeignet sind, vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe sind. Ich habe mit 15 Jahren Seiten und Seiten in meinem Tagebuch gefüllt, würde aber jeden, der versucht, sie online zu stellen, kaltblütig erwürgen, obwohl ich einige Textstellen durchaus rührend und gelungen finde.

AudienceWantedEs gibt Fotos von meinen Kindern, die ich mir fast täglich ansehe, weil sie mir so gut gefallen, trotzdem käme ich nicht im Traum auf die Idee, sie online zu posten. Ich nähe gerne mal etwas für die Kinder oder ein bestimmtes Bastelprojekt hat uns schon öfter über ein paar Wochen kontinuierlich begleitet und ich bin stolz auf unsere Ergebnisse, doch trotzdem würde ich meine Kindershirts nicht online stellen oder unsere gebastelten Sachen auf Facebook posten. Wieso also ist es so selbstverständlich geworden, dass alles, was wir tun, Publikum braucht?

Den subjektiven „Wert“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) seines Werkes kann und sollte jeder selbst bestimmen. Veröffentlichung aber sollte den Sinn haben, dass es einen objektiven Wert für andere gibt, dass tatsächlich die Chance besteht, dass andere und nicht nur das eigene Ego von der Veröffentlichung profitieren.

EgoWie also mit dieser Veröffentlichungswut umgehen? Sollte man kritisieren? Darf man überhaupt kritisieren? Ist es klüger, sich seinen Teil zu denken und einfach kommentarlos weiter zu klicken, wenn einem etwas nicht gefällt?

Ja, man sollte kritisieren; ja, man darf es auch und nein, man sollte nicht einfach immer weiterklicken, denn wenn 15 Bekannte das Buch der MS-Autorin in den Himmel loben und alle enttäuschten Leser ihre Meinung für sich behalten, dann verfälscht das nicht nur das Bild für zukünftige Käufer (wie meine Freundin), es verfälscht auch das Bild für die Autorin. Wenn in Fotoforen die 20 Menschen, denen Bilder gefallen, positive Kommentare senden, und die 100, denen sie nicht gefallen, schweigen, ist das kein realistisches Feedback.trouble

Unsere Generation hat ohnehin ein Problem damit, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln, ich habe das Gefühl, unser Pendel schlägt ständig hin und her zwischen Hochmut (keiner ist so was Besonderes wie ich) und Minderwertigkeitskomplex (ich bin ein totaler Versager, der gar nichts auf die Reihe kriegt). button_mit_zitat_kritikWer sich für jeden Text, jedes Bild, jedes Produkt ein Publikum wünscht, der muss nicht nur mit der Applausverweigerung zurechtkommen sondern auch mit den Kritikern, sonst bleibt eben doch nur das Tagebuch oder die heimische Fotowand.

Wer Öffentlichkeit sucht, muss die objektive Meinung dieser Öffentlichkeit akzeptieren können, kommentarlos und klaglos, anstatt sie mit seitenweisen subjektiven Argumenten stechen zu wollen wie beim Poker (schließlich fragt bei positiven Rezensionen der Künstler ja auch nicht nach, ob derjenige das Werk wirklich verstanden hat, oder? Und wenn das Werk selbst nicht überzeugen konnte, dann werden es seitenweise Belehrungen auch nicht).quote-i-much-prefer-the-sharpest-criticism-of-a-single-intelligent-man-to-the-thoughtless-approval-of-the-johannes-kepler-100962

Facebook hat uns das anerzogen mit seinem „Gefällt mir“-Button, dem nur Stillschweigen gegenübersteht, etwas kann mir nicht „nicht gefallen“, ich muss mich positiv äußern – oder gar nicht. Wie um alles in der Welt kann man Milliarden von Menschen dazu auffordern, Dinge von sich preiszugeben und bietet dann nur einen „Gefällt mir“-Button an, aber kein „Gefällt mir nicht“?facebook-dislike-graf

Ich will disliken können, denn es gibt eine Menge da draußen was mir nicht gefällt! Achja, und wenn wir schon dabei sind, ein „So what???“-Button wäre auch ganz gut, das ist nämlich eine Frage, die ich mir beim Browsen erschreckend oft stelle. So what

Es gibt von Zuckerberg ein sehr klares Statement darüber, dass es bei Facebook nie einen „Dislike“-Button geben wird mit der Begründung, dass er glaubt, dass die Menschen dann weniger posten würden (und wäre das nicht wirklich einfach unglaublich, unvorstellbar schrecklich?). Mit anderen Worten heißt das, dass der Mann, der die meisten Meinungserhebungen in der Geschichte der Sozialforschung in Auftrag gegeben hat, zu dem Ergebnis gekommen ist, dass wir absolut kritikunfähig sind. Wir veröffentlichen aus der Sicherheit heraus, dass viele einfach aus Freundlichkeit heraus den Like-Button drücken und sich nicht die Mühe machen oder das Konfliktrisiko eingehen, extra einen negativen Kommentar zu verfassen. So können wir mehr oder weniger auf Kommando ein Lobbad nehmen, wenn wir es brauchen.

Facebook hat uns dazu erzogen, entweder zu loben oder zu schweigen und so gewöhnen wir uns immer mehr daran, dass 27 Leute unser neuestes Selfie liken und wir von den 62, die es total lächerlich finden, nie etwas erfahren. Langsam aber sicher führen wir unrezensierte Leben, Lob ist der einzige zugelassene Input von außen. Und so werden wir auch in unserem realen Leben immer kritikunfähiger. Mit ungläubiger Empörung reagieren wir darauf, wenn in unserem Umfeld tatsächlich jemand etwas an uns auszusetzen hat, können auch da keine Kritik stehenlassen, argumentieren verbissen, unnachgiebig, kindisch, beleidigt. Und das führt dazu, dass wir immer seltener kritisiert werden. Das hat aber keineswegs damit zu tun, dass alles an uns so likable ist. Es hat auch nichts damit zu tun, dass unsere Freunde so einfühlsam und taktvoll sind. Es liegt schlicht und ergreifend daran, dass es ermüdend ist, Menschen zu kritisieren, die nicht kritikfähig sind und einem mit 3 Seiten antworten, wenn man sie in 5 Sätzen negativ bewertet. Die „Ich denke mir meinen Teil, sage aber nichts“-Gruppe ist nicht etwa philanthropischer als der Rest von uns, sie will nur Konflikten aus dem Weg gehen. Die Wahrheit zu sagen ist nämlich auch nicht immer likeable.

Sandwich KritikUnd dann ist es offensichtlich auch noch entscheidend, die Kritik richtig zu formulieren (während es aber seltsamerweise vollkommen egal ist, wie man Lob formuliert). Schon Make-up-Ikone Mary Kay Ash wusste, dass jede Kritik zwischen zwei Komplimente gepackt werden muss, damit ihre Kundinnen nicht eingeschnappt sind – sind wir wirklich solche Kleingeister?

In meiner Welt gibt es wenige Dinge, die so wertvoll sind wie Kritik. Jemand, der mich kritisiert, hebt sich damit klar von der Horde Heuchler und Jasager ab, die uns alle umgeben. Wenn mich jemand kritisiert, geht er damit einen sehr unbequemen Weg, er stellt meine Bedürfnisse über seine, nimmt in Kauf, sich unbeliebt zu machen, um mir die Chance zu geben, von seiner Kritik zu profitieren und mich nicht mit etwas Falschem ins offene Messer laufen zu lassen, nur damit wir keinen Konflikt haben. Und ich mag auch dieses strategische Vermeiden von Kritik nicht, das Bearbeiten eines Werkes, bis es keinerlei Angriffsfläche mehr bietet, die weichgezeichneten Bilder, die politisch korrekt gefeilten Texte, um ja niemandem zu nahe zu treten. Mir kann man gar nicht nahe genug treten. Ich mag Sachen mit Kanten, wenn es geht sogar sehr scharfe. Ich mag Dinge mit rauen Oberflächen, die nicht einfach so „flutschen“, die schwer zu schlucken sind, die Leuten nicht gefallen, die provozieren – und auch mal kritisiert werden. Es gibt keinen Weg, sich weiter zu entwickeln, wenn man sich nicht von klügeren Leuten (und eben manchmal auch nicht so klugen) kritisieren lässt. Wer das nicht aushält, sollte zu etwas zurückfinden, was Privatsphäre heißt. Die älteren von uns erinnern sich vielleicht noch, die gab es vor dem Internet mal. Man muss nämlich nicht alles zur Kritik stellen. Behalten Sie einfach etwas mehr für sich.

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