Die Vagina und andere Dinge, von denen Frauen keine Ahnung haben

VaginaHabe ich schon erwähnt, dass „Sports Illustrated“ eine meiner absoluten Lieblingszeitschriften ist? Wenn Sie Ihre masochistischen Anwandlungen ausleben wollen, ohne sich gleich das gesamte Fifty-Shades-of-Grey-Auspeitsch-Set  zu bestellen, dann brauchen Sie sich nur eine Sports Illustrated zu kaufen und fühlen sich danach definitiv, als hätte man Ihnen eben ganz gepflegt den Hintern versohlt. Mehr Demütigung geht nicht. Wenn Sie sich schlecht fühlen wollen, dann ist das Ihre Zeitung.

Penis JokeOhne die Sports Illustrated wüssten wir nur, dass wir keine perfekten, von allein stehenden Brüste, keinen flachen Bauch, keine absolut makellos glatten Oberschenkel und keinen Kardashian-Hintern haben, aber dank der beständigen Suche dieses Magazins nach weiblichen Körperstellen, bei denen man Frauen noch zusätzlich ein schlechtes Gefühl geben könnte, wissen wir jetzt auch, dass wir zum Beispiel keine Thigh Gap oder Bikini Bridge haben. Und ich bin sicher, während wir hier sprechen findet Sports Illustrated gerade neue, bislang noch unentdeckte, komplexfreie Gebiete der weiblichen Anatomie, bei denen sie den Frauen dann raten kann, sie absaugen, aufspritzen, glätten, straffen, färben, bleichen, tätowieren, rasieren, piercen oder einfach mit einer Menge Zumba-Stunden in Form bringen zu lassen.

Diese Saison ist die Labioplastik das neue Schwarz.

Dear VaginaJa, Sie haben richtig gehört, man lässt sich jetzt die Schamlippen verkleinern, straffen, verjüngen, verschönern…. Diese Eingriffe werden mittlerweile fast ebenso häufig vorgenommen wie Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen. Wenn Sie sich also immer noch Gedanken um Dinge wie Augenringe, Schwangerschaftsstreifen oder Falten machen, sollten Sie das lieber nicht laut sagen, denn es macht  Sie schönheitstechnisch zum John-Boy Walton. Diese Dinge sind sowas von durch. Frauen sind es leid, sich wegen Bauchfett oder Orangenhaut schlecht zu fühlen, sie wollen endlich eine neue Körperstelle, für die sie sich unzulänglich fühlen können und nun ist sie endlich da: die Vagina. Wir wussten doch, es gab einen Grund dafür, dass Generationen von Frauen sie in ihrem ganzen Leben kein einziges Mal angeschaut haben: sie ist hässlich! Endlich hat uns darauf mal jemand aufmerksam gemacht! Millionen Frauen weltweit griffen zum Spiegel, sahen sich die Sache „da unten“ mal an und machten einen OP-Termin aus. Wir haben zwar die Vaginas von Doutzen Kroes, Adriana Lima oder Alessandra Ambrosio noch nie gesehen, aber eines ist sicher: sie sind besser als unsere, also muss etwas unternommen werden. (Das allein beweist schon die Genialität von Sports Illustrated: obwohl es ihr gar nicht erlaubt ist, das betreffende Körperteil abzulichten oder näher zu besprechen, kann sie uns das Gefühl geben, dass unseres – ohne jegliche Vergleichsobjekte – mangelhaft ist. Genial, oder?) Wir haben zwar nicht wirklich Ahnung von unseren Vaginas (Umfragen zeigen immer wieder, dass Frauen den Unterschied zwischen Vagina und Vulva nicht kennen, auf unbeschrifteten Anatomiezeichnungen ihr Perineum nicht finden und selbst Schwierigkeiten haben, die Harnröhre richtig zu platzieren). Also Frauen, die sich nicht sicher sind, wo ihre Klitoris ist und für ihre Tampons eine Einführhilfe brauchen, fragen sich plötzlich, ob ihre Schamlippen symmetrisch sind? Zu groß? Zu klein? Zu schlapp? Zu faltig? Und wünschen sich, sie hätten mehr Pornos gesehen (oder im College doch die obligatorische lesbische Erfahrung gewagt), um mehr Vergleichsmaterial zu haben.

Sports IlluGut, fairnesshalber muss man sagen, Sports Illustrated hat wirklich versucht, uns Bildmaterial zu liefern, wie zum Beispiel beim Cover der Swimsuit Edition mit Hannah Davis, in dem sie ihre Bikinihose wirklich so weit runterzieht, wie die Jugendschutzbehörden gerade noch durchgehen lassen, so dass wir jetzt wissen, wie unbehaart („Bush“ ist nicht nur politisch absolut undenkbar geworden), schlank und glatt sie wirklich überall ist. Früher wäre so ein Bild im Playboy gewesen, heute liegt es im Zeitschriftenladen zwischen Vogue und Good Housekeeping, damit Mrs. Smith aus Ohio klar wird, dass sie eine Fettabsaugung im Venushügel braucht.

Man möchte meinen, die Vagina wäre die Linie im Sand, bei der wir unerschütterlich und endlich „Nein“ sagen. Wir lassen uns einreden, dass unsere Haare nicht genug glänzen, unsere Augen nicht genug leuchten und unsere Zähne zu gelb sind, aber erlauben wir wirklich, dass über unsere Vaginas gelästert wird? Ja, tun wir. Und ich glaube sogar, dass es leichter ist, Frauen wegen ihrer Vaginas zu verunsichern als wegen ihrer O-Beine oder Schlupflider, weil es nämlich impliziert, dass wir schlecht im Bett sind. So wie auch Kelly Clarkson auf ihre Gewichtszunahme angesprochen zuallererst betont, ihr Sexleben sei nie besser gewesen als jetzt (wollte das jemand wissen?), so könnten auch unschöne Schamlippen ein Indiz dafür sein, dass man keinen oder schlechten Sex hat, und das ist natürlich unvorstellbar.

PeriodUnd bevor Sie sich jetzt auch einen Spiegel besorgen und nachsehen, ob Ihr Fitnesscenter neben Bauch-Beine-Po auch Vaginakurse anbietet, bedenken Sie folgendes: Nächstes Jahr um diese Zeit wird es niemanden mehr kümmern, wie Ihre Vagina aussieht (außer Sie und Ihren Mann vielleicht), denn nächstes Jahr wird Sports Illustrated uns gesagt haben, dass die Unterseite Ihrer Zunge gebleached werden muss, Ihre Fußsohlen nicht gebräunt oder Ihre Ellbogen nicht straff genug sind. Wer glaubt, nach der Ohrläppchenstraffung (die gibt es wirklich!) hätte er alles gesehen, der täuscht sich.

Und wissen Sie was? Sie werden es lesen, sie werden die Stirn runzeln, sie werden darüber nachdenken – und sich schlecht fühlen.
Und warum? Sie stehen drauf.

The Vagina Monologues (Taschenbuch)


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