Ein Interview mit Barbara Wally (Teil 1)

Professor Dr. Barbara Wally ist eine bekannte österreichische Kunsthistorikerin und Feministin. Sie hat in Paris, Florenz und Salzburg studiert, war über ein Vierteljahrhundert lang Leiterin der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg und mit über 200 Publikationen über Jahrzehnte eine unentbehrliche kritische Stimme in der internationalen Kunstwelt.

2004 lernt sie den jemenitischen Fahrer Alkhadher kennen und aus der überzeugten Atheistin wird eine Muslima, aus der streitbaren Feministin eine Zweitfrau im Jemen.

Ich durfte ihr 20 Fragen stellen und daraus wurde ein angeregter Austausch über Kunst und Religion, Liebe und Eifersucht, Feminismus und Islam, die politische Situation im Jemen – und ihre revolutionäre Küche.

 Teil 1 des Interviews gibt es heute,
Teil 2 folgt am kommenden Donnerstag um 20.00 Uhr!

Im Februar 2015 übernahmen die Huthi-Milizen offiziell die Macht über den Jemen und lösten das Parlament auf. In dem bitterarmen Land liefern sich die schiitischen Huthi-Rebellen und Verbündete des nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abd Rabbuh Mansur Hadi seither seit Monaten blutige Gefechte. Die Lage im Land ist sehr instabil. Wann waren Sie zuletzt im Jemen und wie haben Sie die Situation der Menschen dort vorgefunden?

Unser Garten in Sanaa: im Hintergrund die "uneinsichtige" Laube für Treffen mit den Nachbarinnen

Unser Garten in Sanaa: im Hintergrund die „uneinsichtige“ Laube für Treffen mit den Nachbarinnen

Mein letzter Aufenthalt in Sanaa war vom
15. Januar bis 15. März diesen Jahres. Wir verbrachten viel Zeit im Garten unseres Hauses, das in einem zentralen und belebten Viertel liegt. Die Äpfel und Pfirsiche setzten schon an, und jetzt denke ich manchmal: Da haben die Nachbarskinder wenigstens frisches Obst in der herrschenden Versorgungsnotlage. Die Reisedaten planen wir immer länger voraus, denn es gilt ja einiges familiär und beruflich zu koordinieren.

Alkhadher und ich arbeiten, seit wir den Reisebürobetrieb 2011 einstellen mussten, journalistisch und berichten über die Lage im Jemen. Daher verfolgen wir die Vorgänge sehr nah und genau. Die Lage ist vor allem seit dem erzwungenen Rücktritt des früheren langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh sehr labil und wird durch Machtkämpfe innerhalb des Landes destabilisiert, welche von Regierungen angrenzender Länder für Interventionen und einen Stellvertreterkrieg missbraucht werden. Nach der Revolution vom Februar 2011 schien es, als könne sich Jemen in Richtung eines föderalen demokratischen Staatswesens entwickeln. Viele Jugendliche und sehr viele Frauen wurden zunächst am Change Square und dann in der Nationalen Dialogkonferenz politisiert und wollten an der Gestaltung der Zukunft des Jemen mitwirken. Die Monarchen der Golfstaaten sehen jedoch jegliche Politisierung in Richtung Demokratie als Bedrohung und bekämpfen sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Abdrubbah Mansur Hadi und die anderen traditionellen Machthaber sind dabei zu Schachfiguren degradiert. Im Februar 2014 kam die Kehrtwende und der bis dahin friedliche politische Transfer wurde durch militante und aggressive Gegenströmungen blockiert.

Sie lernten Ihren Mann Alkhadher 2004 bei einer Ihrer Reisen in den Jemen kennen; er war damals Ihr Fahrer, weil nicht alle Teile des Jemens ohne einheimischen Führer bereist werden können. Wie verliebt man sich in einem Land mit strikter Geschlechtertrennung, in dem es Mann und Frau verboten ist, sich auch nur allein im selben Raum aufzuhalten?

Ich unternahm die erste Rundreise im Jemen im Dezember 2004 mit einer Freundin, die seit vielen Jahren im Jemen als Ausgrabungszeichnerin arbeitete, arabisch spricht und mit den jemenitischen „Sitten“ vertraut ist. Sie hat mich etwas eingewiesen, dennoch habe ich sicher viele faux pas begangen. Diese erste Reise war eine klassische Rundreise und sollte die Sehnsüchte nach dem Jemen, die sich seit der großen Jemen-Ausstellung – sie wurde, glaube ich, Mitte der 80er Jahre im Haus der Kunst in München gezeigt – in mir angestaut hatten, stillen. Alkhadher habe ich damals als Fahrer und Führer nicht sehr stark wahrgenommen, auf meinen Fotos der ersten Reise ist er kaum präsent. Schon gegen Ende dieser ersten Reise wollte ich wiederkommen – und zwar bald. Die Faszination kam auf der zweiten Reise im Frühjahr 2005 in das abgelegene und schwer zugängliche Wadi Massilah, auf der ich krank wurde. In dieser Situation nahm ich intensiv wahr, wie befremdlich Vieles war und wie sehr es mich anzog.

Alkhadher

Alkhadher

Alkhadher wurde für mich die personifizierte Faszination, die vom Land und von den Jemeniten ausging. Da war etwas, was ich mit Würde bezeichnen möchte. Auf Deutsch ist das ein sehr altvaterisches Wort, heute kaum mit Bedeutung zu füllen, auf Arabisch ist „karama“ ein ganz wichtiger Begriff, eigentlich das Schlüsselwort für die Revolution von 2011 in den Ländern des Arabischen Frühlings. Die Verletzung der Würde hat bei vielen Menschen die revolutionäre Energie ausgelöst. Dann war da bei Khadher noch eine ganz intensive innerliche Stärke und ein Ernst, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Dem wollte ich auf den Grund gehen und damit begann eine lange mentale Reise.

Die Geschlechtertrennung, die Sie ansprechen, gilt landesweit sehr streng unter Jemeniten, aber nicht auf der touristischen Ebene, vor allem nicht bei allein reisenden Frauen. Deshalb sind die im Tourismus tätigen Männer im Jemen auch etwas verrufen, weil sie mit ausländischen Frauen die Grenzen der Geschlechtertrennung überschreiten – aber natürlich nur sehr begrenzt – Körperberührung ist absolut tabu.

Zu diesem Zeitpunkt war Ihr Mann bereits verheiratet und hatte mit seiner Erstfrau Fosia sechs Kinder. Im Jemen darf ein Mann bis zu vier Frauen haben, solange er sie gleich behandelt. Aus wirtschaftlichen Gründen ist die Polygamie daher rückläufig, nur etwa 10-20% der jemenitischen Männer haben mehrere Frauen. Diese Gleichbehandlung bezieht sich jedoch auf alle Aspekte des täglichen Lebens, nicht nur auf finanzielle. Gibt es keine Eifersucht, wenn es Ihrem Mann sozusagen verboten ist, Sie zu bevorzugen?

Die Bezeichnung Erstfrau, Zweitfrau ist eine westliche, welche der Sichtweise orientalischer Kultur nicht gerecht wird – das schreiben Sie ja selbst. Alkhadher kommt aus einem stämmisch-traditionellen und religiös tief verwurzelten Bergdorf in der zentralen Provinz al Beidha. Er ist das älteste von bisher 25 Kindern seines Vaters mit vier Frauen, hat also Polygamie im Vaterhaus erlebt. Er selbst wurde, als er 17 Jahre alt war, mit der 14-jährigen Nachbarstochter, die er zuvor nur als Kleinkind gesehen hatte, verheiratet. 10 Jahre später, also als sie 24 und er 27 Jahre alt war, hatten sie 6 Kinder und es war sehr schwer, die Familie zu erhalten. Sie übersiedelten kurz bevor wir uns kennenlernten nach Aden, wo sie seither leben.

Es ist richtig, dass Polygamie rückläufig ist, vor allem in den Städten. Im Jemen leben noch etwa 70% der Bevölkerung auf dem Land, aber die Landflucht ist groß. Andererseits halten die Migranten in den Städten engen Kontakt mit der Verwandtschaft auf dem Land – was ihnen in der derzeitigen Kriegssituation eine relativ sichere Zuflucht bietet. Viele Großfamilien leben auf dem Land im Familienverband in sehr großen Häusern. Da ist Polygamie nur ein Teil des familiären Zusammenlebens mehrerer Generationen und Verwandter. In der Stadt gibt es schon aus Gründen der Wohnsituation eine Tendenz zur Kleinfamilie. Polygamie setzt dann tatsächlich größere Ressourcen voraus, weil mehr als eine gleichwertige Unterkunft und mehr als ein Haushalt geschaffen werden muss. Alkhadher ist sehr religiös und bemüht sich, die Regel der gleichen Behandlung strikt zu befolgen.

Sie gründeten mit Ihrem Mann zusammen ein Reisebüro, um westlichen Touristen den wunderschönen Jemen näher zu bringen (seit 2011 ist das aufgrund der politischen Situation nicht mehr möglich). Die Erlöse dieses Unternehmens kamen auch der Erstfrau zugute. Kam es über das Reisebüro zu engeren Kontakten zwischen Ihnen und ihr? Wie ist Ihre Beziehung zu Alkhadhers Erstfrau und seinen Kindern?

Mit Adensafari auf Architekturreise mit Architekten und Designern aus Shanghai, 2007.

Mit Adensafari auf Architekturreise mit Architekten und Designern aus Shanghai, 2007.

Das Reisebüro Adensafari haben wir schon 2006, also vor unserer Heirat gegründet. Die Initiative ging von mir aus, weil ich dachte, dass wir beide gemeinsam die notwendigen Voraussetzungen für so ein Unternehmen mitbringen und dass wir auf diese Weise auf unverfängliche Weise etwas gemeinsam unternehmen konnten.

Die meisten Reisebüros in Sanaa sind kleine Familienunternehmen – so wie unseres – und veranstalten bis zu 10 Reisen pro Jahr. Wir haben uns von Anfang an auf ein Publikum mit speziellen Interessen konzentriert: Architekturexperten, Frauen, die muslimische Lebensweise kennenlernen wollten, KünstlerInnen, JournalistInnen. Es waren sehr schöne Reisen und ich lernte auf diese Weise das Land sehr gut kennen – abgesehen von der nördlichen Provinz Saada, die schon seit 2004 wegen der Huthikriege gesperrt war. 2011 mussten wir – wie die anderen Reisebüros – den Betrieb einstellen, nachdem die Entführungen von Touristen immer mehr zum Geschäftszweig von Stämmen und al Qaida wurden.

Für mich war es selbstverständlich, dass der Verdienst aus dem Reisebüro beiden Familien zugutekam, dass sich auch die Lebensqualität der Familie in Aden verbesserte – sonst wäre ja Alkhadher in ein Dilemma gekommen. Ich kann mich sehr gut selbst erhalten und stelle auch gewisse Ansprüche. Von Anfang an habe ich versucht, die Lebensweise, die Verhaltensweisen und ihre Regeln zu verstehen und mich einzufühlen. Fosia und die Kinder habe ich schon auf unserer ersten Reise kennengelernt und auch die Armut gesehen, in der sie damals lebten. Mein Kontakt zu den Kindern ist gut, jeweils drei kommen im Ramadan  zu uns nach Sanaa und wir verleben den Ramadan gemeinsam.

Alkhadher mit seinem ältesten Sohn Mohamed in unserem Wohnzimmer (Maglis) in Sanaa. Wir essen morgens und abends in der Küche am Tisch, mittags auf jemenitisch am Boden im Maglis.

Alkhadher mit seinem ältesten Sohn Mohamed in unserem Wohnzimmer (Maglis) in Sanaa. Wir essen morgens und abends in der Küche am Tisch, mittags auf jemenitisch am Boden im Maglis.

Ich vermisse sehr, dass wir in diesem Jahr den Ramadan nicht gemeinsam erleben konnten. Seit März kann ich nicht in den Jemen reisen und Alkhadher kann nicht ausreisen, weil die Grenzen durch die saudische Belagerung blockiert wurden und es auch keine Flüge mehr gibt.

Sie gründeten außerdem in Sanaa eine Medienakademie für Frauen. Was genau können wir uns darunter vorstellen?

Leider ist die Medienakademie für Frauen nie zustande gekommen, obwohl es eine sehr gute Idee war, Frauen auf kurzem Weg zu stärken und ihre Macht in der Öffentlichkeit herzustellen. Man muss davon ausgehen, dass Frauen – so stark sie in der Familie und im Haus sein mögen – in der Öffentlichkeit keinen Platz, ja, nicht einmal ein Gesicht haben. Selbst auf Facebook oder Twitter zeigen sich Mädchen und Frauen meist entweder verschleiert oder mit Kinderfotos, dennoch nehmen sie die social media intensiv wahr, um sich eine Öffentlichkeit zu schaffen. Die Idee war, Frauen in den Medien Fotografie und Video-Dokumentation journalistisch auszubilden, sodass sie von hinter der Kamera einen weiblichen Aspekt in die Berichterstattung einbringen können. Außerdem wäre es Journalistinnen eher möglich, Frauen zu interviewen und vor die Kamera zu bringen als männlichen Journalisten. Ich hatte als Partnerin die deutsche Dokumentarfilmerin Fibi Kraus, die mit einem Jemeniten verheiratet ist und schon mehrere Filme mit jemenitischen Frauen gemacht hatte.

Dass es dann nicht klappte, hat mit den politischen Entwicklungen zu tun. Ich dachte zuerst, man müsste eine starke Struktur mithilfe ausländischer NGO’s und jemenitischer Frauen aufbauen. Mehrmals gab es Arbeitskreise, Gespräche mit Kooperationspartnern und gemischten Gremien – in meinem Computer habe ich noch immer hunderte Seiten Konzeptpapiere. Im Zuge der Revolution 2011 zogen viele NGO’s ab, Personal wurde gewechselt oder sie verlagerten ihre Aktivitäten. Dann sah ich, dass in den Zeltlagern am Change Square zum Teil genau das ganz informell passierte, was ich institutionell erreichen wollte: Workshops in Dokumentarfotografie und Videodokumentationen der revolutionären Geschehnisse. Besonders hervorheben möchte ich Sara Ishaq, die mit „Karama has no Walls“ eine erschütternde Doku des Massakers am Change Square am 18.März 2011 lieferte, die im Vorjahr Oscar-nominiert war. Sara und andere gaben am Change Square Workshops und das von mir angestrebte Empowerment funktionierte ganz ohne Struktur. Inzwischen ist wieder alles ganz anders – derzeit herrscht Krieg und Not und an die Medienakademie ist nicht zu denken. Die Frauen, die mit der Revolution 2011 und der Nationalen Dialogkonferenz 2013, in der sie mit einer 30% Quote vertreten waren, politischen Raum ergriffen hatten, kämpfen heute um ihr Überleben und das ihrer Kinder.

Ihr Mann ist 22 Jahre jünger als Sie. War der Altersunterschied oder die Tatsache, dass Sie Ausländerin sind, im Jemen je ein Problem?

Schwierige Frage. Im Jemen ist das Problem des Altersunterschieds jedenfalls geringer. Das hat damit zu tun, dass das Alter in Zahlen in der muslimischen Auffassung an sich unwichtig ist. Bis vor kurzem gab es keine Geburtsurkunden – das trifft übrigens auf alle muslimischen Staaten zu, die nicht britisch/französisch kolonisiert wurden. Im Islam sind Geburt und Tod relativ unwichtig, weil sie nur die Zeitspanne des Erdenlebens darstellen, nicht aber die Zeit des Lebens in Gott. Geburtstage werden daher nicht gefeiert und viele ältere Leute wissen nicht, wie alt sie sind. Viele Altersangaben in Dokumenten sind auch frei erfunden, weil die Geburt seinerzeit nicht registriert wurde. In diesem Zusammenhang finde ich die westliche Konnotation „Barbara Wally, 67“ als unangenehm, ja diskriminierend. Khadhers Mutter ging da viel gewiefter vor: Sie fragte mich, wie viele Tage ich im Ramadan das Fasten ausgesetzt habe. Ich habe damals längere Zeit gebraucht um dahinter zu kommen, dass sie wissen wollte, ob ich noch Kinder bekommen könne [Anm. v. Jill: Frauen müssen im Ramadan während der Menstruation nicht fasten, die Tage aber später nachholen]. Aber ja, das Problem ist da und es steigert sich mit den Alters-Wehwehchen. In dem Augenblick in dem ich Muslima wurde, und das war vor unserer Eheschließung – zählte die Kategorie Ausländer nicht und ich wurde mit offenen Armen in die “Umma” aufgenommen.

In einem Interview mit ECHO Salzburg von 2008 antworteten Sie auf die Frage, ob Sie als Feministin denn kein Problem damit hätten, Zweitfrau zu sein, dass es im Westen jede Menge Zweitfrauen und Zweitmänner gebe, nur nicht legalisiert. Sie spielten damit auf die jährlich wachsenden Untreue-Statistiken an, laut denen mittlerweile (je nach Studie) 50-70% aller Langzeitpaare „Nebenbeziehungen“ führen. Halten Sie Monogamie für generell überholt? Wird es Zeit für die Wiederentdeckung eines Beziehungsmodells à la Sartre/Beauvoir?

Mit Alkhadher und meinem Sohn Manuel im bayrischen Wirtshaus, 2012

Mit Alkhadher und meinem Sohn Manuel im bayrischen Wirtshaus, 2012

Mein Leben ist nicht nach den in meinem Umfeld üblichen Normen verlaufen: Ich habe zuerst ein Kind bekommen, es allein erzogen, daneben studiert, Karriere gemacht und dann mit 60 geheiratet. Mein Sohn war schon mit 20 selbständig, zog weg (er lebte 15 Jahre in New York und jetzt in Dakar) wie ich es in seinem Alter auch getan hatte. Mit 40 war ich daher Single und hatte ein langes und ziemlich glückliches Leben vor mir, in dem der Beruf Vorrang hatte.

Es ist mir am Anfang nicht leicht gefallen, Alkahdher mit Fosia zu teilen, ihr ist es wahrscheinlich noch schwerer gefallen. Aber Fulltime-Ehefrau wäre bei mir auch gar nicht gegangen. Ich habe nach unserer Heirat noch drei Jahre voll gearbeitet. Wir waren viel unterwegs mit Adensafari, er war bei der Familie in Aden, kam dazwischen nach Salzburg, es war eine erfüllte Zeit. Dann, nach meiner Pensionierung, hat sich die halbe-halbe Zeiteinteilung als praktikabel erwiesen, wir teilen das Jahr im Vorhinein ein und sprechen die Termine ab. So habe ich meine Paar- und meine Singlezeiten und habe gelernt, beides zu genießen. Wenn wir nicht zusammen sind, skypen wir täglich – sofern möglich.

Heiraten war mir nicht wichtig, kein Kriterium, aber für meinen Mann wäre es völlig unmöglich gewesen, eine sexuelle Beziehung ohne eine formelle Eheschließung einzugehen. Das habe ich akzeptiert und mir ist inzwischen auch klar geworden, dass eine Heirat in einem muslimischen Land eine nicht verhandelbare Notwendigkeit für ein Zusammenleben von Mann und Frau ist.

Monogamie oder Polygamie sind für mich keine Kriterien, weil sie eine Eheschließung, also eine Legalisierung der Beziehung voraussetzen und diese im westlichen Lebensstil ja ihre Bedeutung verloren hat. Meistens schließt man heute eine Ehe zur Regelung von Besitzverhältnissen oder wegen Green Cards, Staatsbürgerschaften, oft erst nach langem „ehe-ähnlichen“ Zusammenleben. Für homosexuelle Partnerschaften hat die Legalisierung heute wohl eine größere Bedeutung als für heterosexuelle.

Simone de Beauvoir und J.-P. Sartre erscheinen mir in ihrer ritualisierten, egozentrischen und inszenierten Paarbeziehung (ich habe sie noch in Cafés am Montparnasse erlebt) kein Modell zu sein.

Sie sind für Ihren Mann in den Islam eingetreten. Die meisten muslimischen Frauen im Jemen tragen Niqab. Empfinden Sie die Verschleierung für sich selbst als großen Einschnitt? Tragen Sie auch den Schleier wenn Sie in Ihrer Heimat Österreich sind? Und wie stehen Sie zu europäischen Burkaverboten?

Vor dem Uralten Portal eines früher jüdischen Hauses in Jibla, der Stadt der Königin Arwa. Mädchen werden zwar schon früh in eine genderspezifische nachrangige Rolle gedrängt, haben aber bis zum Beginn der Pubertät relativ viel Freiraum zur Entfaltung.

Vor dem Uralten Portal eines früher jüdischen Hauses in Jibla, der Stadt der Königin Arwa. Mädchen werden zwar schon früh in eine genderspezifische nachrangige Rolle gedrängt, haben aber bis zum Beginn der Pubertät relativ viel Freiraum zur Entfaltung.

Ich weiß nicht, ob die Formulierung, dass ich „für“ meinen Mann in den Islam eingetreten bin, richtig ist. Ich bin durch meinem Mann erstmals mit dem praktizierten Islam in Berührung gekommen. Theoretisch haben mich Religionen immer interessiert, schon vom feministischen Standpunkt aus. Da waren aber nun diese Innerlichkeit und dieses Charisma, die mich fasziniert haben, die ich überhaupt nicht kannte und deren religiöser Basis ich auf den Grund gehen wollte. Deshalb habe ich den radikalen Schritt getan, mit einer Formel vor Zeugen in den Islam einzutauchen. Inzwischen, mit dem Kennenlernen und Praktizieren der Religion, ist die Faszination geringer geworden der Zugang kritischer. Freilich, ohne Alkhadher wäre es nie dazu gekommen.

Die Klamottenfrage interessiert mich persönlich wenig. Ich trage im Jemen die Abaya (das ist ein schwarzes bodenlanges, hochgeschlossenes Mantelkleid mit langen Ärmeln) und dazu ein buntes großes Kopftuch). Das wird in Sanaa voll akzeptiert und ich fühle mich darin wohl, weil ich meinen alternden Körper lieber bedecke als zur Schau stelle und das „darunter“ bei mir eher informell ausfällt. Junge Jemenitinnen tragen darunter knallenge Jeans und T-Shirt und legen Wert darauf, dass die Jeans unter der Abaya hervorlugen und auch die Sneakers gut zur Geltung kommen. Die Chunna, der im Jemen verbreitete Gesichtsschleier, der alles außer den Augen verdeckt, lehne ich für mich ab und fühle mich darin behindert: ich höre schlechter, werde nicht gehört, kann nicht von den Lippen lesen. Am schlimmsten ist die Sehbehinderung beim Autofahren. Daher nehme ich die Chunna nur, wenn ich nicht erkannt werden will. Fürs „inkognito“ eignet sie sich hervorragend und wird von den jemenitischen Frauen auch so genutzt.

In Europa kleide ich mich europäisch und nehme ein Kopftuch nur fürs Gebet. Alkhadher trägt im Jemen die Futa (den Wickelrock) und ein Hemd, am Kopf die Sumata, das große Kopftuch, das sich je nach Wetter auf viele verschiedene Arten binden lässt. In Europa kleidet er sich europäisch. Nach anfänglichen Unsicherheiten haben wir keine Kleidungsprobleme mehr.

Was die „Burka“ betrifft, das afghanische Ganzkörpergewand mit Gitter vor den Augen, so finde ich Ihren Blog dazu (Anm. v. Jill: Das Burkaverbot und andere Themaverfehlungen) großartig, vor allem auch die Cartoons. Ich habe einige Mühe, Postings von Männern mit Humor zu nehmen, in welchen mit der Behauptung gegen die Burka agitiert wird „Wo wir doch unsere Frauen mit so viel Mühe befreit haben!“

Wie sieht Ihr Alltag aus, wenn Sie im Jemen sind?

In letzter Zeit ziemlich häuslich. Das hat damit zu tun, dass seit 2013 die kommerziellen Entführungen von Ausländern stark zugenommen haben. Ich habe mich zwar persönlich nie besonders davor gefürchtet, wollte eine solche Situation aber auch nicht provozieren, zumal die Preise für die Freilassung auf bis zu 10 Mio USD gestiegen sind und die Gefangenschaft bis zu 2 Jahren gedauert hat. Alkhadher und ich haben ein schönes Haus im früher türkischen Viertel von Sanaa, sehr zentral gelegen und mit einem kleinen Garten. Es liegt aber auch an einem neuralgischen Punkt, in unmittelbarer Nähe des Palasts des Ministerpräsidenten, der russischen Botschaft und des Ministeriums für Bürgerangelegenheiten, wo alle Staatsangestellten periodisch Papiere präsentieren müssen. Wir hatten daher Gelegenheit, sehr viele der Umwälzungen, hunderte Demonstrationen und andere Ereignisse sozusagen aus dem „Küchenfenster“ zu beobachten. In den letzten drei Jahren haben immer mehr Ausländer Sanaa verlassen und ich verlor dadurch einige Expatriate-Kontakte. Mit meiner Nachbarin Imam, die eine echte eingeborene Sanania ist, habe ich guten Kontakt, sie kommt öfters, immer in der Chunna, am Nachmittag zum Tratsch in die Gartenlaube.

Die uneinsichtige Laube für das Treffen mit den Nachbarinnen.

Die uneinsichtige Laube für das Treffen mit den Nachbarinnen.

Nur wenn sie ganz sicher ist, dass kein Mann sie aus den Nachbarfenstern sehen kann, schlägt sie die Chunna zurück. Sie ist eine sehr schöne Frau und liebt die Chunna, weil sie sie davor schützt, beglotzt zu werden. Manchmal kommen auch andere Nachbarinnen dazu. Wenn sie dann richtigen Sanani Dialekt sprechen, verstehe ich kaum etwas, aber immerhin so viel, dass es um Männer, Kinder, Gaspreise, Stromausfälle und die labile Lage geht. Beim letzten Besuch im Februar lief das Gerücht, dass Kinderfänger unterwegs sind, um Kinder für Organtransplantationen zu rauben und sie ließen die Kinder deshalb nicht mehr auf die Straße. Zu den neuen viel beachteten Ereignissen zählte auch, dass ein Mann aus dem Hadramaut, der sich in der Nachbarschaft ein großes Haus gebaut hat, ein starkes Aggregat angeschafft hat und nun die ganze Nachbarschaft mit Standleitungen versorgt hat, in denen er sie bei Stromausfällen mit genug Strom für ein paar Glühbirnen und einen Fernseher versorgt. Zu dieser Zeit gab es höchstens drei Stunden Strom am Tag, inzwischen nur noch alle paar Tage. Die Großzügigkeit des Mannes aus dem Hadramaut wurde von den Frauen mit viel Anerkennung bedacht und ebenso seine Tochter, die Universitätsprofessorin ist und mit einem schicken Auto, aber auch mit Chunna, täglich zur Uni fährt. Imams Mann ist bei der Kriminalpolizei für Fingerabdrücke zuständig, sie haben vier Kinder zwischen 8 und 20.

Ich habe in unserem Haus eine ganz unjemenitische Sitte eingeführt: eine westliche Wohnküche, nach unseren Maßstäben eher altmodisch, aber für jemenitische Verhältnisse völlig unvorstellbar.

Küche Sanaa: inzwischen habe ich auch einen Geschirrspüler, der funktioniert, wenn es Wasser und Strom gleichzeitig gibt

Küche Sanaa: inzwischen habe ich auch einen Geschirrspüler, der funktioniert, wenn es Wasser und Strom gleichzeitig gibt

Im traditionellen Jemen ist die Küche die Werkstatt der Frau, die von Männern nie betreten wird. Sie ist schmutzig, laut und rauchig und deshalb außerhalb des Wohnbereichs untergebracht, entweder in einem Verschlag außerhalb des Hauses oder auf halber Treppe zum Dach, damit der Rauch abzieht. Selbst in der Stadt sind viele Küchen vorsintflutlich. Da sehr viel mit Getreide und Hülsenfrüchten gekocht wird, braucht es auch viele Geräte wie Mühlen, Mörser, Siebe, Fleischwölfe zur Zubereitung. Die Frauen arbeiten grundsätzlich am Fußboden. Natürlich streben jemenitische Frauen nach einer Verbesserung ihrer Arbeitssituation, die sich wohl langsam mit Etagenwohnungen durchsetzen wird.

Jeweils im Ramadan führen wir ein Familienleben zu fünft. Dann bringt Alkhadher jeweils drei seiner sechs Kinder nach Sanaa mit und wir verbringen den Ramadan gemeinsam. Diese Zeit genieße ich immer sehr, auch den Wahnsinn mit Pubertierenden, wobei die muslimische Pubertät ziemlich ähnlich zu verlaufen scheint wie anderswo.

Als sie 2004 Ihren Mann kennenlernten, waren Sie Atheistin und Feministin. Liegt beides in der Vergangenheit, sind das abgelegte Ideale oder würden Sie sagen, dass Sie Bruchstücke von beidem in Ihr neues Leben mitgenommen haben?

Sowohl Atheismus wie Feminismus sehe ich nicht als Ideale, sondern als Ergebnisse von Denkprozessen und Lebenserfahrungen. Mein Feminismus geht bruchlos über. Mir scheint hier interessant, dass mich viele aktuelle geschlechterspezifische Situationen im Jemen an Erlebnisse in meiner Jugend in den 1950er Jahren erinnern, vor allem die Konstruktion von männlicher Dominanz aus einer Koalition von konservativer Religionspraxis und dem üblichen weit verbreiteten Machismus, der in Österreich 1950 und noch lange danach am Stammtisch und im Jemen vor allem in den Stammestraditionen verankert war. Das war und ist keine gläserne Decke, sondern eine aus Beton, meterdick.

Wenn man der Frauenfeindlichkeit in den monotheistischen Religionen nachgeht, kommt man schnell dahinter, dass diese in den Anfängen nicht vorhanden war – im Gegenteil, die Ursprünge des Christentums und des Islam sind in ihrem historischen Kontext als Sozialrevolutionen zu sehen, welche auch nach einer Verbesserung der Lage der Frauen zielten. Erst lange nach der Gründung kam – oft im Zusammenhang mit einer mystischen Auslegung – die Abwertung der Frauen, ihre angebliche moralische Minderwertigkeit, ihre Bedrohung des Männlichen, ihre Schwächen und Unfähigkeiten, welche eine männliche Herrschaft rechtfertigen sollten, in den Mainstream. In meiner Entwicklung gingen daher Atheismus und Feminismus Hand in Hand.

Ich kann mich noch erinnern, wie entsetzt Alkhadher war, als ich ihm erklärte, dass ich an keinen Gott glaube. Es war für ihn und ist für jeden gläubigen Muslim unvorstellbar, dass man ohne Gott existieren könne. Was meinen Feminismus betrifft, so ist er zwischen uns ein ständiges Thema und auch Alkhadher verhält sich so, wie ich es von meinem Vater gewohnt war. In der Theorie und im privaten Kreis stimmt er meinen feministischen Forderungen zu, sobald er aber in die Männergesellschaft eintaucht, wird er rückfällig. Wir brauchen viel Humor! Immerhin ist ihm die Zukunft seiner drei Töchter sehr wichtig, sie werden alle drei, soweit das der Krieg zulässt, Matura machen und auch studieren, wenn sie wollen. Das heißt aber, dass sich ihre Heiratschancen sehr vermindern. Ein Mädchen, das mit 20 noch nicht verheiratet ist, hat schon verminderte Heiratschancen. Es gibt in den Städten immer mehr unverheiratete, berufstätige Frauen, aber sie haben es sehr schwer, werden sehr genau überwacht, haben nicht mehr Freiheiten als verheiratete. Da ist die Ehe mit einem schon verheirateten Mann wahrscheinlich die bessere Lösung und erlaubt mehr Freiheit.

Allerdings habe ich bei allen drei Töchtern Alkhadhers den Schritt „unter die Haube“, also in die Chunna erlebt. Obwohl ich die beiden jüngeren Mädchen ziemlich dagegen indoktriniert hatte, haben sie, wenn auch etwas verspätet, dem sozialen Druck nachgegeben. Da gibt es den Druck der Eltern und der Brüder, der sich auf Umwegen so manifestiert: „alle meine Freundinnen tragen jetzt die Chunna, ich will nicht allein übrigbleiben“ und dazu kommt dann doch auch der Wunsch, mit dieser Initiation von der Mädchen- in die Frauenklasse aufzusteigen.

Im Westen gibt es jedes Jahr mehr Menschen, die zum Islam konvertieren, trotz (oder gerade wegen?) der generell islamophoben Atmosphäre in der westlichen Welt. Was raten Sie Frauen, die sich mit dem Gedanken tragen, zu konvertieren, nachdem Sie diesen Weg gegangen sind? Und können Sie aus Ihrer Erfahrung nachvollziehen, dass es für andere Frauen wiederum in keinster Weise mit ihren Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung zu vereinbaren wäre, als Muslima zu leben?

Ich kenne nicht viele andere Frauen, die Muslimas geworden sind. Die meisten davon sind durch persönliche Begegnungen auf Reisen oder Zusammenleben mit einem Muslim dazu motiviert worden. Die Mutter der oben zitierten Filmemacherin Sara Ishaq ist Schottin, sie lebt mit ihrem Mann und vielen Kindern in Sanaa und ist tief religiös. Es gibt übrigens für muslimische Männer keinen Zwang, nur muslimische Frauen zu heiraten. Ich kenne viele europäische Frauen, die mit Jemeniten verheiratet sind, ohne zu konvertieren. Muslimische Frauen dürfen hingegen nur muslimische Männer heiraten. Das heißt, wenn ein Westler sich in eine Muslima verliebt, muss er vor der Heirat konvertieren. Solche Fälle kenne ich auch.

Ich beantworte gern Fragen über meine Erfahrungen als Neo-Muslima, gebe jedoch nicht gerne Ratschläge. Es gibt viele Menschen, vor allem in Künstlerkreisen, die mich ausfragen und mehr über muslimisches Leben wissen wollen. Da gebe ich immer bereitwillig und ausführlich Auskunft, bin gerne Informationsquelle – so wie auch in diesem Interview. Mit Frauen, deren Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung mit muslimischem Leben total inkompatibel sind, ergibt sich naturgemäß auch keine Gesprächsbasis. Das sind oft Frauen aus dem Umkreis und der Generation von „Emma“ und ihrer Herausgeberin. Wie ich schon erläutert habe, versuche ich, nicht doktrinär zu sein und mich Fragen von verschiedenen Perspektiven anzunähern, weil man mit Totalblockaden nicht weiterkommt und auch nichts dazu lernen kann.

… mehr von Barbara Wally gibt es hier

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