Ein Interview mit Barbara Wally (Teil 2)

2010 drehte Andreas Horvath eine Dokumentation über Sie und Ihren Mann, “Arab Attraction”, der in den Kinos umstritten war. Viele feierten ihn als sehr nachdenklichen Film, der eine Brücke zwischen Orient und Okzident schlägt und Einblicke in eine andere Welt gewährt, andere fanden es unerträglich, 115 Minuten lang einer Frau, die ihr Leben lang feministisch, unabhängig und eigenbestimmt war zuzusehen, wie sie sich von einem Imam darüber belehren lässt, dass es den Frauen vorherbestimmt ist, unter dem Schutz eines Mannes zu leben und Sie der lebende Beweis seien, dass Frauen erst als verheiratete Muslima wirklich glücklich sein können. Wie zufrieden sind Sie mit dem Film heute und was war Ihre Motivation, ihn zu drehen?

poster-aaDer Imam, der diesen Schwachsinn erzählt hat, hat selbst vier akademisch gebildete, berufstätige Töchter. Ich glaube, man sieht im Film ganz gut, wie grimmig ich über seine Hypokrisie war. Er nannte aber nicht mich als Beispiel für weibliches Unglück einer berufstätigen Frau – dazu interessierte er sich viel zu wenig für mich – sondern eine englische Wissenschaftlerin, an Details erinnere mich nicht. Es war für ihn schon schwierig, hinzunehmen, dass ich im Zentrum des Films stehen sollte und nicht er. Er hat die Funktion eines Leiters des Welcome-Komitees für westliche Besucher, die Muslime werden wollen. Khadher und ich waren mehrmals in seinem Zentrum und vor ihm habe ich auch die Eintrittsformel gesprochen. Nach dieser Szene im Film sind wir allerdings nie mehr zu ihm gegangen.

Ich werde „Arab Attraction“ demnächst wieder sehen, der Film wird auf einem kleinen Festival in Villach gezeigt. Er war auf sehr vielen Festivals, in Skandinavien, in osteuropäischen Ländern, den Niederlanden, in Deutschland und Israel. Wenn ich ihn von Zeit zu Zeit bei solchen Gelegenheiten sehe, halte ich ihn mir wie einen Spiegel vor: Bisher war er immer noch stimmig.

Es gibt übrigens noch einen anderen Film über Alkhadher und mich, der kurz vorher entstanden ist: „Die Fremdgängerin“, eine ORF-Produktion, die schon viele Male im ORF und auf 3Sat gezeigt wurde.

Ich habe beide Filme vorwiegend aus politischen Gründen zugesagt: Es gab damals – leider wie heute – sehr fremdenfeindliche und besonders anti-muslimische Wellen, nicht nur in Österreich, und ich wollte dagegen angehen und zeigen: „Es geht, man kann zusammenleben, man kann die Brücke schlagen, Fremdheit hat auch einen besonderen Reiz, die Welt neu zu sehen, sich zu verändern, neue Beziehungen einzugehen, sich auf ein Abenteuer mit dem Unbekannten einzulassen“. Auch wollte ich ein bisschen über muslimisches Leben informieren, denn die meisten Menschen haben keine Ahnung davon, so wenig wie ich, als ich anfing, mich darauf einzulassen.

Bild: Barbara Wally mit ihrem Mann. Foto: ORF/MMK Media/Barbara Wally.

Bild: Barbara Wally mit ihrem Mann. Foto: ORF/MMK Media/Barbara Wally.

Die aggressivste Reaktion auf den Film und meine Veränderung erhielt ich bei einem Gespräch im Salzburger „das Kino“, bei dem hauptsächlich Frauen meiner Generation und etwas jüngere im Publikum saßen, welche den Grünen nahe stehen und die sich als wahre Feministinnen verstanden und mir Verrat ankreideten. Sie konnten sich wohl nicht von dem Klischee lösen, dass ein muslimischer Mann automatisch ein Frauenunterdrücker sein muss und eine muslimische Frau eine unterdrückte Frau. Ich erinnere mich, dass mein Satz, „dass ich es nach einem sehr anstrengenden Berufsleben und einem Privatleben als Alleinerzieherin durchaus genieße, wenn ich Arbeiten außer Haus delegieren kann und ich es nicht als Einschränkung meiner Freiheit empfinde, wenn ich keine Einkäufe schleppen muss“ wütendes Murren auslöste und eine Frau drohte, mich zu schlagen.

Im Film bezeichnen Sie Ihren Mann als Ihr „Lebensschicksal“. Das klingt für mich nach etwas, wogegen man sich nicht wehren kann, obwohl man das vielleicht manchmal gewollt hätte. Haben Sie sich je gewünscht, Sie hätten sich in einen österreichischen Oberstudiendirektor Ihres Alters verliebt, der Ihre Überzeugungen und Ihr Image in der Öffentlichkeit nicht so aus der Bahn geworfen hätte wie Alkhadher es tat?

Darüber spreche ich nicht gern, weil es dabei um etwas sehr Substantielles und Persönliches geht. Ab einem bestimmten Augenblick habe ich empfunden, dass ich keine Alternative habe, als diesen Weg einzuschlagen und habe das bedingungslos angenommen. Das hat gar nichts mit Mut zu tun, zu dem mich viele beglückwünschten. Mit Alkhadher verbindet mich jedenfalls mehr und anderes, als ich in Beziehungen früher erlebt habe.

Auf der Rückfahrt von einer Adensafari-Reise 2006, etwa 50 km nordöstlich von Sanaa. Wir haben beide eine "Qatbacke".

Auf der Rückfahrt von einer Adensafari-Reise 2006, etwa 50 km nordöstlich von Sanaa. Wir haben beide eine „Qatbacke“.

Den zitierten Oberstudiendirektor hat es 20 Jahre lang gegeben, aber mein Beruf hatte in dieser Zeit immer Vorrang vor meinem Privatleben. Und Hypothesen über Optionen in der Vergangenheit stelle ich nie auf, das ist reiner Zeitverlust.

Ich bin manchmal von Frauen kontaktiert wurden, die eine Beziehung mit einem muslimischen Mann hatten und in Beziehungsproblemen steckten. Meistens hatten sie sich nie wirklich auf den Mann und seine religiös-kulturelle Prägung eingelassen, sondern von ihm einseitig eine Anpassung an westliche Lebensvorstellungen erwartet. Das halte ich für eine kolonialistische Mentalität und habe wenig dafür übrig.

Sie liebten immer die feministische Kunst. Haben Nancy Spero und andere Künstlerinnen Sie in den Jemen begleitet oder gab es auch einen künstlerischen Paradigmenwechsel in Ihrem Leben?

Die 83-jährige Malerin in New York. © MdM Salzburg

Die 83-jährige Malerin in New York. © MdM Salzburg

Ich habe mich, seit ich 2009 die Leitung der Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg abgegeben habe, schrittweise aus der Kunstszene zurückgezogen und schreibe auch nicht mehr über Kunstthemen, nachdem ich seit 1978 über 200 Artikel vorwiegend zu Themen der zeitgenössischen und feministischen Kunst verfasst hatte, darunter mehrfach über Nancy Spero.

Ich habe Nancy Spero sehr verehrt und stand ihr auch persönlich nahe. Ihr künstlerisches Konzept war sehr stringent und sie war auch ein Modell für mich, wie man feministische „Progression“ vorantreibt, ohne männlichen Identitäten den Boden entziehen zu wollen. Ihre Strategie bestand darin, einen weiblichen Kosmos aus Gestalten der Geschichte, der Mythen und Religionen, aber auch der zeitgenössischen Medien, also ein Repertoire an weiblichen Ikonen herzustellen. Von diesem Kosmos von über 200 Figurinen stellte sie Schablonen in verschiedenen Größen – immer aber kleiner als lebensgroß – her, und ließ diese Figuren Raum greifen, indem sie sie auf Wänden installierte und mit einander in Beziehung setzte. Das Programm war: Es gab immer starke Frauen, sie wurden aber verdrängt und klein gemacht, sie sind aber, wenn auch klein, fähig und aufgerufen, Raum zu ergreifen und Öffentlichkeit zu besetzen. In ihrer Kunst war Nancy durch ihre Pariser Zeit und die Begegnung mit Helene Cixous und den Schriften von Antonin Artaud geprägt.

In ihrem Leben hatte sie es als Künstlerin nicht leicht: Klein und physisch zart, mit relativ leiser Stimme, dem starken Ehemann und Künstlerkollegen Leon Golub mit seinem alles übertönenden Stimmorgan, 3 Söhnen und einem Riesenhund, in den 70er Jahren in einem Minenfeld der Kunst in den USA, weil diskriminierte Vietnamkriegs-Gegnerin, von der herrschenden Minimal-Art-Szene marginalisiert, aktiv für feministische Kunst engagiert, aber in harter Konkurrenz mit dem Westküsten-Feminismus. Sie hat das alles durchgefochten und dann, wie so viele Künstlerinnen, erst im Alter große Karriere gemacht.

Als ich in den Jemen ging, konnte Nancy schon nicht mehr größere Reisen unternehmen. Wenn ich sie in New York besuchte, hat sie mich aber immer detailliert über mein „neues Leben“ ausgefragt. Mit anderen Künstlerinnen, feministischen und solchen die sich nicht etikettieren lassen, bin ich nach wie vor in gutem Kontakt.

Sommerakademie Salzburg 2007, mit lehrenden KünstlerInnen (Asta Groeting ganz links)

Sommerakademie Salzburg 2007, mit lehrenden KünstlerInnen (Asta Groeting ganz links)

Asta Gröting kam mit ihrer Familie zu einer Reise in den Jemen mit. Sie beschäftigt sich sehr intensiv mit der Rolle von Frauen im Islam, hat auch eine Performance mit einer Abaya gemacht und wir sind in kontinuierlichem Kontakt. Valie Export, mit der mich viele gemeinsame Aktivitäten verbinden, hat den Schleier in ihrer Kunst thematisiert, ebenso Elke Krystufek, die ihren Studenten „Arab Attraction“ zeigte. Mit Shirin Neshat, die die Rolle der Frauen in muslimischen Gesellschaften in ihren Fotos und Videos thematisiert, habe ich kontrovers diskutiert. Gerade mit Künstlerinnen gibt es nach wie vor viele Berührungspunkte, weil sie Klischees kritisch hinterfragen und z.B. mit dem Schleiermotiv die Subjekt-Objekt-Rolle der Frau hinterfragen.

Hatten Sie Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit, als Sie Ihre Entscheidung trafen, Alkhadher zu heiraten? Wie hat Ihr direktes Umfeld reagiert?

Nein, ich hatte keine Angst vor der Öffentlichkeit. Ich war viele Jahre öffentlich tätig, habe selbst Öffentlichkeit hergestellt und kein Bedürfnis, „everybodys darling“ zu sein. Gerade mit feministischen Aktivitäten und Postulaten bin ich so oft mit negativem Feedback konfrontiert worden, dass ich gelernt habe, zu relativieren und bei der Umsetzung meiner Vorhaben solche Reaktionen weniger zu berücksichtigen. Nach Bekanntwerden meiner Entscheidung haben mich sowohl beruflich wie privat manche Menschen geschnitten und den Kontakt abgebrochen, weil sie meinen Schritt nicht nachvollziehen konnten oder wollten. Ich war auch selbst durch den Bruch in meinem Leben verunsichert, den ich mit meiner Harmoniesucht sofort zu überbrücken versuchte. Andererseits war ich viel zu beschäftigt, alle Reaktionen wahrzunehmen. Ich habe in diesen 10 Jahren unglaublich viel dazugelernt, die arabischen Sprache, den Jemen, seine Geschichte die Bevölkerung, die regionale Situation, die politischen Verhältnisse, den Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen, die gesellschaftliche Normen, die Küche und natürlich viele neue Menschen. Am wichtigsten war wohl, dass meine Familie meinen Entschluss respektiert und Alkhadher herzlich aufgenommen hat und seine Familie mich ebenso akzeptiert hat.

Die erste arabische Frau, die jemals den Friedensnobelpreis bekam, war die Jemenitin Tawakkol Karman, die sich stark für Frauenrechte im Jemen einsetzt, darunter auch für die Abschaffung der Polygamie. Wie bekannt ist Tawakkol Karman unter jemenitischen Frauen und werden ihre Forderungen nach Reformen von Jemenitinnen geteilt oder stehen ihr viele traditionelle Frauen skeptisch gegenüber? Halten Sie eine Abschaffung der Polygamie im Jemen in absehbarer Zeit für möglich?

Tawakkol-KarmanTawakkol Karman ist im Jemen sehr bekannt, aber vielleicht weiß man die Bedeutung des Friedensnobelpreises nicht so richtig einzuschätzen. Sie ist bekannt, aber nicht unumstritten, weil sie politisch die Reformpartei Islah vertritt, in der die Muslimbrüder und auch fundamentalistische Salafisten organisiert sind. Diese Partei hat sich bisher nicht sehr für Frauenrechte eingesetzt, weshalb es Tawakkol Karman weder parteiintern noch in ihrer Außenwirkung leicht hat. In letzter Zeit nimmt sie eher zu allgemeinen politischen Themen Stellung, was angesichts des Krieges nicht verwunderlich ist. Frauen werden in solchen Situationen wieder zurückgedrängt, sie sind in der Notlage voll damit ausgelastet, das tägliche Überleben der Kinder zu sichern. Frauenfragen treten zurück, das ist ein Mechanismus von Kriegen. In den Verhandlungsrunden sind nun wieder nur Männer vertreten.

Die von ihnen zitierte Aussage Karmans wundert mich, weil ich kürzlich eine gegensätzliche Äußerung gehört habe: Sie sei sehr zufrieden mit ihrer Ehesituation, weil die andere Frau ihres Mannes ihr viel mehr Freiraum für die Ausübung ihres Berufes verschaffe. Als Vorkämpferinnen in Frauenfragen gelten unter Jemenitinnen eher die Frauenrechteaktivistin Amal Basha und Nadia al-Sakkaf. Letztere war Herausgeberin der „Yemen Times„, dann federführend in der Nationalen Dialogkonferenz und bis zum Putsch 2014 Informationsministerin der Regierung Hadi. Es gibt aber auch viele andere Frauen im Jemen, die für die nachfolgende Generation Vorbildcharakter haben. Sehr wichtig sind für die jungen Frauen die social media, insbesondere Facebook und Whatsapp, weil sie sich damit eine Halböffentlichkeit schaffen können.

DSC01957Im Moment ist es sehr schwer, über zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen im Jemen zu spekulieren. Das Land ist durch die fast völlige Zerstörung der Infrastruktur um Jahrzehnte zurückgeworfen. Es gibt starke Kräfte innerhalb und außerhalb des Landes, welche den Krieg fortsetzen und die Zerstörung vorantreiben wollen. Millionen Menschen werden in die Flucht geschlagen werden. Der Kriegstod vieler Männer wird möglicherweise zu einer Zunahme der Polygamie führen, um unversorgten Witwen und Waisen Versorgung und Schutz zu verschaffen. Dies entspricht übrigens der ursprünglichen Funktion der Polygamie: Die Witwen und Waisen der Mitkämpfer des Propheten Mohammed zu versorgen. In der Ausbruchssituation vor dem Krieg wies die Tendenz unter jüngeren Leuten im Jemen aber eindeutig gegen die Polygamie, die man für ein altmodisches Relikt hält.

In der Nacht, in der die Huthi-Rebellen die Hauptstadt einnahmen und alle Nachrichtenorgane belagerten, teilte Nadia al-Sakkaf der Welt über Twitter mit, was im Jemen passierte und bekam innerhalb weniger Stunden über 20.000 Follower. Sind die (im Westen mittlerweile oft umstrittenen) social media im arabischen Raum so wichtig, weil sie so viel schwerer kontrollierbar sind? Ist die virtuelle Freiheit umso unverzichtbarer, je fragiler die reale Freiheit ist? Haben auch ländliche, ärmere Haushalte im Jemen Zugang zum Internet? Gibt es Statistiken, wie viele Frauen Internetzugang haben? – Sakkaf sagte in einem Interview im Mai 2015: “I look at what is going on and my heart sinks. It’s not just about politics. It’s about the social texture of the country falling apart.” Würden Sie das auch so sehen und kann sich der Jemen, der sich ja nie als gleichberechtigter Partner im Golf gefühlt hat, davon Ihrer Meinung nach je erholen?

Es gibt zur Zeit keine gesicherten Zahlen über Internetzugang von Frauen. Diese sind, selbst wenn vorhanden, zur Zeit auch nicht relevant, weil das Internet im ganzen Jemen zur Zeit kaum nutzbar ist. In den meisten Gegenden, vor allem in den Städten, gibt es seit langem keine regelmäßige Stromversorgung. Der Strom bleibt flächendeckend tagelang aus, sodass auch die Mobiltelefone nicht mehr funktionieren.

Alkhadher mit seiner Jüngsten Mosraa und dem Zweitältesten Abdelmajid, Beit Baus, 2011

Alkhadher mit seiner Jüngsten Mosraa und dem Zweitältesten Abdelmajid, Beit Baus, 2011

Man kann aber mit Sicherheit sagen, dass es seit 2010 eine explosionsartige Ausbreitung der social media gegeben hat. Mädchen und junge Frauen drängen am meisten in Facebook und Whatsapp, weil sie Kommunikation außerhalb der ihnen zugestandenen privaten Sphäre suchen. Ich habe im Ramadan 2014 beobachtet, dass die 20-jährige Nawal mit Whatsapp mit ihren Schulfreundinnen in Aden stundenlang „tratscht“ und die Tagesneuigkeiten ausgetauscht hat, während die 13-jährige Mosraa [Anm. v. Jill: Nawal und Mosraa sind Alkhadhers Töchter] fast ununterbrochen in Facebook vertieft war. Sie schaut meistens Bilder an und schreibt dazu ihre Meinung, nimmt aber auch mit fremden Mädchen Kontakt auf. Dazu muss man sagen, dass wir in unserem Haus in Sanaa eine Grundausstattung an Solarenergie angeschafft haben, und das war für die Kinder im Ramadan ein digitales Schlaraffenland, zumal wir mehrere Computer haben. Der 19-jährige Jacub surfte lieber mit dem Mobiltelefon und stöberte manchmal auch in verbotenen Seiten.

Für Mädchen ist es unvorstellbar, ihren richtigen Namen und ihr Abbild in Facebook zu publizieren, das wäre „haram“(verboten). Noch immer gilt das absolute (aber durch den Koran in keiner Weise gedeckte) Tabu, Bilder von Mädchen oder Frauen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie geben entweder Fotos von sich als Kleinkind ein oder Comicfiguren und Tierporträts und wählen dazu einen „Decknamen“. Das macht die Sache so virulent: Sehr viele Mädchen haben Mobiltelefone und machen Selfies, fotografieren sich mit ihren Freundinnen. Die Fotos dürfen zwar im privaten Fotoalbum, aber auf keinen Fall im Internet landen, weil dieses ein öffentlich zugängliches Medium ist und irgendein männliches Wesen sie sehen könnte. In den social media haben die Mädchen die Möglichkeit, die ihnen zugestandene private Sphäre zu überschreiten und zu kommunizieren, aber sie dürfen ihre Identität nicht preisgeben. Das ist ziemlich irrsinnig und wird früher oder später neurotisieren und zum Aufbrechen des Verbots öffentlicher Identität von weiblichen Wesen führen. Wenn ich beruflich mit Jemenitinnen verkehre, merke ich, dass E-Mail und Internet noch nicht wirklich angekommen sind und professionell genutzt werden.

Q2013-Al-SakkafZu Nadia al-Sakkaf: Ich bewundere und schätze sie außerordentlich. Sie hat Großartiges geleistet, schon als sehr verantwortungsbewusste Herausgeberin der Yemen Times. Die Idee mit der Medienakademie fand Nadia sehr gut und wollte Absolventinnen in Praktika in ihrer Zeitung weiter ausbilden.

In der Nationalen Dialogkonferenz nahm sie eine führende Rolle ein und es ging ihr genau darum: so etwas wie eine nationale Identität in einer föderalen Struktur zu schaffen, auf deren Grundlage sich die jemenitische Gesellschaft frei entfalten könne. Im Jemen dominieren bis heute stämmische Strukturen, das bedeutet, dass die Loyalität zum Stamm und dessen Territorium Vorrang hat vor anderen Loyalitäten. Nationale Identität ist im Jemen erst ein sehr junges und labiles Konstrukt.

In ihrer journalistischen Karriere und ihrer NGO wirkte Nadia al-Sakkaf stets als Mentorin für den weiblichen journalistischen Nachwuchs. Als sie das Informationsministerium übernahm, hatte sie große Pläne. Das Ministerium ist ein ziemlich protziger Neubau (falls er noch steht) und wurde vom Expräsidenten Salih hauptsächlich als Instrument zur Kontrolle und Überwachung der Medien eingesetzt. Sie wollte daraus ein Instrument schaffen, das die Medienfreiheit garantiert und für Transparenz der Regierungsarbeit sorgt. Dazu blieb ihr nur wenig Zeit. Als die Huthis im September 2014 Sanaa überrannten, stürmten sie bald mit Kalaschnikows ihr Büro, besetzten mit Gewalt die Räume der Mitarbeiter, bedrohten sie mit Waffen, beschlagnahmten die Papiere und richteten sofort eine rigide Zensur ein. Kurz danach traf ich sie in ihrer NGO, sie wollte sich auf deren Arbeit konzentrieren. Nadia ist zwar im Gegensatz zu vielen Journalisten, die gekidnappt und misshandelt wurden, vor physischen Angriffen der Huthis gefeit, weil sie eine Hashimi ist, aber es blieb ihr nichts anderes, übrig als mit der Exilregierung nach Riad zu gehen. Dort wurde sie zur Ministerin für die Koordination der Hilfsmaßnahmen der sogenannten Allianz ernannt, wollte aber die Bedingungen der saudischen Allianz wohl nicht erfüllen. Derzeit ist sie außer Landes und nimmt über die social media Stellung.

Was halten Sie von Aktivistinnen und Revolutionärinnen aus dem islamischen Raum wie Ayaan Hirsi Ali, Mona Eltahawy, Aliaa Magda Elmahdy oder Wajeha al-Huwaider (um nur einige zu nennen)? Bewirken sie tatsächlich Veränderungen für die muslimischen Frauen oder sind das vor allem medienwirksame Performerinnen für den Westen?

Ich halte alle Frauen, welche die Rechte der Frauen in muslimischen Ländern vertreten und/oder auf die Probleme muslimischer Frauen im Westen aufmerksam machen sowie Informationen darüber liefern, für wichtig, ebenso wie markante Persönlichkeiten, die feministische Einzelkämpferinnen sind oder eher unbekannt in NGO’s und Frauengruppen für die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage von Frauen in muslimischen Ländern und die Solidarität zwischen Frauen in Europa und im Orient arbeiten.

Ich habe viel über Strategien nachgedacht, welche die Emanzipation effizienter machen, sie beschleunigen und den Aufstieg durch verschieden harte und dicke Decken verkürzen können, und bin aufgrund meiner Erfahrungen zu dem Schluss gekommen, dass es gerade eine Stärke von Frauen ist, nicht mit EINER Strategie sondern multi-strategisch zu arbeiten. Jede Frau so, wie sie es am besten kann und mit Respekt und Toleranz für andere Frauen, die andere Wege, Mittel und Strategien benützen. Das geht für mich so weit, dass ich auch akzeptieren kann, wenn Frauen erfolgreich erotische Strategien anwenden. Das primäre Ziel muss sein, wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen zu erreichen, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten, die Rechte der Frauen zu stärken und ihre Freiheiten zu erweitern. Im Jemen ist das Grundhindernis die starke wirtschaftliche Abhängigkeit, so wie dies auch bis in die 1970er Jahre in Europa war. Diese wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann, die im Jemen noch durch die allgemeine Armut verschärft wird, ist primär nicht Folge des Islam und seiner religiösen Normen, sondern durch die stämmische Struktur und Tradition bedingt. Die extrem fundamentalistische Auslegung des Islam im Salafismus und Wahabismus hat sich historisch mit den stämmischen Traditionen zur Unterdrückung der Frauen mittels wirtschaftlicher Abhängigkeit akkordiert. Ich vergleiche dies durchaus mit der Koalition von christlichen Kirchen und weltlichen Potentaten in Europa vom Mittelalter bis ins 19. Jhdt. zwecks Unterdrückung der Bevölkerung und Ausrottung renitenter Frauen als Hexen.

Einerseits gibt es durchaus historische Parallelen und die Lage der Frauen im Jemen erinnert mich an manches, was ich als Heranwachsende in Europa erlebt habe, anderes ist aber nicht vergleichbar. Viele feministische Errungenschaften, wie etwa die Kriminalisierung der Vergewaltigung in der Ehe, sind in Österreich gerade einmal 20 Jahre alt. Ich erinnere mich, wie empört meine Mutter war, als mein Vater seine Erlaubnis geben musste, damit ihre Kinder in ihren Pass eingetragen wurden, das war Ende der 1950er Jahre. Als ich meinen Sohn unehelich bekam, überfiel mich zwei Tage nach seiner Geburt eine Schwester mit der Aufforderung, ich solle ihn zur Adoption freigeben, damit er „in ordentlichen Verhältnissen“ aufwachsen könne – in Mitteleuropa! Dann bekam mein Sohn laut Gesetz einen Amtsvormund, weil eine uneheliche Mutter nicht in der Lage sei, ihr Kind zu erziehen … das war 1967. Uneheliche Kinder sind im Jemen auch heute kaum denkbar und werden es wohl noch lange sein, aber zur Adoption würden sie nicht freigegeben werden. Eine jemenitische Frau darf (mit oder ohne Kinder) nur in Begleitung eines männlichen Verwandten reisen. Das gilt allerdings nur im Inland, im Ausland gibt es viele selbständige jemenitische Studentinnen.

Wie schnell sich die Normen ändern zeigt z.B. dass mein Vater meiner Mutter Anfang der 50er Jahre Berufstätigkeit verbot, weil das so aussehen würde, als ob er nicht verdiene (ein Argument, das im Jemen heute an der Tagesordnung ist) und ihr 30 Jahre später vorwarf, dass sie eine Nur-Hausfrau sei. In den USA muss das alles noch viel schlimmer gewesen sein (ich denke mit Schrecken an die Doris-Day-Filme und die „Stepford Wives“), und daran erkennt man auch, dass es bei der Stellung und den Rechten der Frau eher um gesellschaftliche Normen und Entwicklungen geht als um religiöse Normen.

Sie finanzieren die Ausbildung von Khadhers Kindern, auch den Töchtern. Im Jemen sind immer noch 70% aller Frauen Analphabetinnen. Kämpfen Sie immer noch für den Feminismus und fangen auf der arabischen Halbinsel nur wieder ganz von vorne an?

Eine Schulklasse in einem kleinen Dorf auf dem Land. Wegen der geringen Schülerzahl ist die Klasse gemischt geführt, Mädchen und Buben in verschiedenen Altersstufen. Die Mädchen müssen mit Zwischenraum hinten sitzen.

Eine Schulklasse in einem kleinen Dorf auf dem Land. Wegen der geringen Schülerzahl ist die Klasse gemischt geführt, Mädchen und Buben in verschiedenen Altersstufen. Die Mädchen müssen mit Zwischenraum hinten sitzen.

Im Jemen ist die Schulausbildung an und für sich kostenlos, für Jungen und für Mädchen. Fast 50% der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, das sind also ca. 11 – 12 Mio. Kinder, davon wahrscheinlich 8 Mio. im Schulalter. Es gibt einfach nicht genügend Schulplätze für Kinder, der Staat kommt mit dem Bauen von Schulen und mit dem Ausbilden von Lehrern nicht nach. Dazu kommt, dass 70% Landbevölkerung sind und der Kinderreichtum gerade auf dem Land sehr groß ist. Im Gebirge und in den Wüstengegenden sind Schulwege oft sehr weit. Für die Mädchen kommt hinzu, dass sie eine Lehrerin haben sollen. Für Frauen ist der Lehrberuf am Land sehr schwierig, weil sie zu Hause wohnen müssen, also nicht außerhalb ihres Wohnorts lehren dürfen, und außerdem müssen sie den Dienst quittieren, sobald sie eine Familie gründen. Das war übrigens der Grund, warum Alkhadher aus dem Dorf Alsharaf nach Aden übersiedelt ist (schon bevor er mich kannte!): Für seine älteste Tochter Nawal gab es am Dorf keine Schulausbildung. Sie fing deshalb erst mit 9 in Aden mit der Volksschule an und ist jetzt mit 20 noch ein Jahr vor der Matura, während ihr 2 Jahre jüngerer Bruder Jacub schon die Matura hinter sich hätte, wenn nicht der Krieg ausgebrochen und die Schulen geschlossen wären. Die Schulklassen in den öffentlichen Schulen haben zwischen 60 bis 100 Kinder und Lehrer verdienen so um die 200 Euro im Monat, müssen also dazu verdienen um ihre Familie durchzubringen. Das alles schlägt sich in der niedrigen Qualität der Ausbildung nieder. Deshalb habe ich die Kosten für eine Privatschule übernommen, wo nicht mehr als 25 Kinder in einer Klasse sind und die Qualität des Unterrichts besser ist. Das Studium ist kostenlos. Mohamed schließt dieses Jahr mit Bakkalaureat ab und Abdelmajid sollte ins dritte Semester kommen. Natürlich können auch die Mädchen studieren, wenn sie wollen. In vielen Fächern ist das Geschlechterverhältnis an den Unis schon 50:50. Fosia kann mühsam lesen, Khadhers Mutter kann nicht lesen und schreiben, wie die meisten Frauen ihrer Generation. Khadher selbst hat auch nur 7 Schuljahre absolviert, das ist aber durch die Zeitläufte begründet. Khadhers Vater ging mit der Familie – Khadher war noch ein Kleinkind – als Gastarbeiter nach Saudi-Arabien und Khadher ging dort in die Schule. Er hat fürchterliche Erinnerungen an Gewalttätigkeiten und Erniedrigungen und hat deshalb die Schule abgebrochen.

Ich glaube, ich habe meine feministische Haltung hier schon ausreichend dargelegt. Es gibt im Jemen viel zu tun, und natürlich engagiere ich mich weiter und höre den Jemenitinnen zu, welche Bedürfnisse sie haben und welche Verbesserungen sie sich wünschen. Das sind nicht immer westliche Standards und man sollte nicht davon ausgehen, dass man hiesige Fortschritte eins zu eins übertragen könnte. Und überhaupt: In Österreich verdienen Frauen für die gleiche Tätigkeit immer noch über 30% weniger als die Männer. Wir sind hier auch noch am Anfang mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft im Jemen und wie schätzen Sie die politischen Entwicklungen im Land ein?

Wally mit MannDiese Fragen bewegen mich in den fünf Monaten seit Ausbruch des Krieges ununterbrochen und zerren an den Nerven. Zum Persönlichen: Es ist derzeit völlig offen, ob und wann Alkhadher und ich uns wiedersehen werden, weil es derzeit keine Möglichkeit gibt, in den Jemen zu reisen oder aus ihm auszureisen. Wir skypen täglich, sofern Alkhadher genug Strom auftreiben kann. Ich war gerade ein paar Wochen in Rumänien und habe dort nur sehr eingeschränkten Internetzugang gehabt, sodass ich oft tagelang nicht wusste, ob er lebt und wie es der Familie geht. Das war besonders schlimm in den Wochen, als Aden unter Totalblockade war, es keine Lebensmittel, keine medizinische Versorgung, kein Benzin, Gas, Strom und Wasser gab und die Stadt ständig aus der Luft bombardiert und von See beschossen wurde. Dazu Straßenkämpfe in vielen Vierteln. Viele Adanis flohen in die Dörfer ihrer Herkunft, aber Alkhadher blieb mit seiner Familie in Angst um sein Haus in Aden. Wenn wir telefonierten, habe ich oft die Einschläge gehört.

Wir arbeiten als politische Berichterstatter über die Lage im Jemen und es wurde immer schwieriger, Informationen zu bekommen. In den Medien überwiegt Zensur und Desinformation.

Der größte Fehler war meines Erachtens, dass Konfliktparteien im Jemen den Konflikt nach außen getragen und den Jemen so zum Schauplatz für einen Stellvertreterkrieg bereitet haben. Der junge saudische Verteidigungsminister und Königssohn Mohammed bin Salman ergriff die Gelegenheit und hat es sich zum ehrgeizigen Ziel gesetzt, den Jemen zu besiegen, ein Exempel zu statuieren um die Dominanz Saudi-Arabiens im Mittleren Osten sicher zu stellen. Man kann Jemeniten von außen aber genauso wenig besiegen wie Afghanen. Ich habe die Jemeniten seit meiner ersten Reise 2004 kennen und bewundern gelernt: Gastfreundlich, sozial, kommunikationsfreudig, kinderfreundlich, geduldig, durch lange Traditionen geschult im politischen Agieren, im Aushandeln von gerechten Lösungen, ungeheuer leidensfähig und bereit, auch extreme Notsituationen wie jetzt im Belagerungszustand zu ertragen.

2014 wurden in Sanaa Motorräder verboten, weil viele Morde von Tätern auf dem Rücksitz von Motorrädern verübt wurden. Die Taximopedfahrer umgingen das Verbot mit phantasievollen "Beiwagen" für ihre Kunden

2014 wurden in Sanaa Motorräder verboten, weil viele Morde von Tätern auf dem Rücksitz von Motorrädern verübt wurden. Die Taximopedfahrer umgingen das Verbot mit phantasievollen „Beiwagen“ für ihre Kunden

Ein Hauptproblem der derzeitigen Lage ist wohl die Tatsache, dass der derzeitige Jemen ein sehr junger Staat ist, gerade einmal 21 Jahre alt, und dass Loyalität zum Staat kaum entwickelt ist. Die Loyalität gilt erst der Familie und dann dem Stamm. Deshalb ist es auch relativ leicht, Konflikte zu entfachen und bewaffnete Auseinandersetzungen zu provozieren. Andererseits machen der Rückhalt in Stamm und Großfamilie resistent gegen noch so massive Attacken mit allerlei sophisticated Waffensystemen. Über die aktuellen Entwicklungen schreibe ich monatlich im Newsletter auf yemen-fai.org/. Derzeit gehe ich davon aus, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis eine friedliche Lösung gefunden werden kann, zumal immer mehr Länder – von Marokko bis China – von den USA bis Pakistan – im jemenitischen Brei herumrühren.

Liebe Frau Wally, vielen Dank für dieses Interview, Ihre Zeit, die informativen Einblicke, die Zurverfügungstellung Ihrer Privataufnahmen und die vielen anregenden „Nebenkorrespondenzen“ außerhalb des Interviews. Ich wünsche Ihrer Familie im Jemen für diese schwere Zeit alles Gute und hoffe, dass Ihre Hero-Leander-Situation bald beendet ist und der wunderschöne Jemen sich erholen kann. Ich freue mich schon auf unser Treffen nächsten Monat!

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