Orgasmen und andere Dinge, die nicht passieren

Zitat Susan Sontag
Nein, liebe Männer, nicht so voreilig: der weibliche Orgasmus passiert durchaus – nur leider seid ihr immer seltener dabei.

Aber damit wir uns gleich zu Anfang richtig verstehen: das hier wird keiner dieser nöligen, selbstmitleidgetränkten „Männer-sind-ja-sooo-schlecht-im-Bett-und-bringen-uns-arme-Frauen-so-gut-wie-nie-zum-Orgasmus“-Monologe. Wenn Frauen nicht kommen, ist das in allererster Linie ihre eigene Schuld. So.

Valentines dayDas Hauptproblem ist zunächst einmal die Wertigkeit, die dem weiblichen Orgasmus von der Gesellschaft, vor allem aber auch von uns selbst, beigemessen wird. Der männliche Orgasmus ist eine evolutionäre Notwendigkeit, nicht mehr und nicht weniger, unverzichtbar für Fortpflanzung und Weiterbestehen unserer Gattung, blahblahblah…. (Ja, ich weiß, und ihr dachtet schon, sie wären ganz grundlos so unheimlich stolz auf ihr Sperma, oder?)

Was den weiblichen Orgasmus angeht, ist die Wissenschaft immer noch uneinig, ob er von der Natur überhaupt vorgesehen war, da er auf die Fortpflanzung keinerlei Einfluss hat (interessant ist eine Forumsrecherche zu diesem Thema, denn wer die Frage, ob man wohl wahrscheinlicher schwanger wird, wenn man einen Orgasmus hat, ins Netz stellt, bekommt innerhalb von wenigen Tagen die hundertfache Antwort „Wäre ein Orgasmus nötig, dann hätte ich sicher keine drei Kinder!“).Fake Orgasm

Der Kondomhersteller DUREX stellte in seiner Sexual Wellbeing Global Survey mit über 26.000 Teilnehmern aus 26 Ländern fest, dass nur etwa jede dritte Frau beim Geschlechtsverkehr regelmäßig einen Orgasmus bekommt – bei Männern sind es immerhin 80%. Dennoch sind zwei Drittel der befragten Männer mit ihrem Sexleben unzufrieden, bei den Frauen nur knappe 20%, das zeigt, wie wenig Ansprüche viele Frauen an ihre sexuelle Befriedigung stellen. Auch bei den Sexpraktiken gehen die Wünsche weit auseinander: fast jeder vierte Mann wünscht sich z.B. Analsex, dafür können sich aber nur 4% der Frauen erwärmen. Fast die Hälfte aller Befragten gibt an, durch Selbstbefriedigung leichter und häufiger zum Orgasmus zu kommen als durch Sex mit dem Partner.

Friends with benefitsSchlechter Sex ist also in erster Linie ein Kommunikationsproblem. Dass Männer nicht kommunizieren können, ist bekannt (deswegen werden bei Sportveranstaltungen ja Tröten, Hupen und Hüte mit klatschenden Händen verteilt), da wir Frauen aber für uns in Anspruch nehmen, so große Kommunikatorinnen zu sein, ist das diesbezügliche Versagen für uns besonders schändlich. Doch eben das ist das Problem: unabhängig davon, ob die Evolution unseren Orgasmus nun vorgesehen hat oder nicht, uns fällt es unglaublich schwer, ihm diese Unbedingtheit zu verleihen, die er für Männer hat. Und wenn wir schon nicht auf ihn bestehen können, wenn er für uns keine Notwendigkeit hat, wenn wir ihn schon nicht wichtig nehmen, wie sollten es Männer dann tun?

Was Sex betrifft, sind wir die Meisterinnen im Schönreden. Einen Dollar für jedes Mal, wenn Frauen zu mir den Satz sagen  „Man muss ja nicht immer kommen. Nähe ist ja auch schön…“ und ich müsste nicht diesen Blog schreiben, sondern säße irgendwo in der Karibik in einem Luxushotel!

Würden Männer je so einen Satz sagen? Wer Nähe will, kann auf der Couch kuscheln, bei einem Strandspaziergang Händchen halten oder im Kino ein bisschen knutschen (alles wunderschöne Dinge), aber wenn Sie Sex haben, dann wollen Sie verdammt nochmal kommen, denn darum geht es beim Sex (wie jeder Mann bestätigen kann).

Also warum haben wir so große Probleme, vor anderen und uns selbst gegenüber einzugestehen, wenn wir schlechten Sex haben?

Hier eine kleine Checkliste,
die ein bisschen bei der Realitätsfindung helfen soll:

Sexstein 1-10

Ist doch eigentlich gar nicht so schwierig, oder? Männer hatten jedenfalls noch nie ein Problem, sich frei von der Leber weg über schlechten Sex zu beklagen, also was ist los mit uns?

Und es ist ja nicht nur so, dass wir unsere Unzufriedenheit im Bett nicht thematisieren, wir gehen sogar einen großen Schritt weiter: wir lügen. Ja, lügen. Wir täuschen den Orgasmus vor und wie sonst sollte ich diese Broadway Show, die Frauen zweimal pro Woche auf die Laken legen, nennen, wenn nicht lügen?

237 musclesIch meine, Männer haben im Bett doch nur deswegen so ein großes Ego, weil wir Frauen es ständig aufblasen (der schlimmste Blowjob überhaupt). Wenn wir ihnen über Jahre vormachen, drei Minuten grunzen reichen, um uns Sterne sehen zu lassen, woher sollen sie es dann besser wissen?

Die arme Frau, die einem Enddreißiger mit 20 Jahren Sexerfahrung und 20 vortäuschenden Ex-Partnerinnen sagt, dass keine Frau so je gekommen sein kann oder kommen wird, ist dann (natürlich) frigide. Eines ist aus männlicher Sicht klar: wenn die Frau nicht kommt, ist sie selbst schuld. Wenn sie hingegen kommt, ist das ganz und gar sein Verdienst.

So wurde unser Orgasmus (wenn er denn tatsächlich einmal stattfindet) von den Männern annektiert. Wenn ein Mann kommt, ist es nicht die Leistung der Frau; Männer kommen mit ihren Schwänzen in Staubsaugerschläuchen, Gummipuppen oder ihrer eigenen Faust; wenn aber die Frau kommt, ist der Mann unheimlich stolz auf sich, macht es zu seiner Leistung – als könnte ich nicht auch kommen, wenn ich im Schwimmbad vor dem Massagestrahl stehe oder mich auf eine schleudernde Waschmaschine setze oder mir einer ein paar neue Batterien für mein Lieblingsspielzeug gibt?

Und nein, reden wir gar nicht erst über den vaginalen  Orgasmus, bitte, wirklich, lasst mich davon gar nicht erst anfangen……

Was vielen Frauen nicht klar ist, ist, dass Männer nach dem ersten pubertären Samenerguss in ihrem Jugendbett unter ihrem Kissen eine Art Sexanleitung finden (vergleichbar mit dem kleinen Geschenk, das die Zahnfee bringt, wenn der erste Milchzahn unters Kissen gelegt wird). In dieser Liste sind die uralten Sex-Weisheiten der Ahnen verankert, die Liebeskunst der Vorväter, von Generation zu Generation weitervererbt. Es wird bereits diskutiert, die Original-Papyrusrolle aus den Bergen bei Qumran zum Teil des Weltkulturerbes zu machen. Gott sei Dank spreche ich zufällig Aramäisch, hier eine Übersetzung des Dokuments:

02ListeAra 1-20

So, mit dieser Anleitung (soz. dieser „Grundausstattung“) werden pickelige Sechzehnjährige also auf die Frauenwelt losgelassen. Und was tun wir? Versuchen wir, behutsam aber bestimmt entgegenzusteuern?

doing down thereNein, wir bestätigen sie! Wir hecheln beim Sex wie in den Presswehen, sagen Sätze wie „Das kann jedem mal passieren“, wenn sie keinen hoch kriegen oder „Es macht mir gar nichts, wenn du so schnell kommst“ wenn er fertig ist, ehe wir den BH aufmachen konnten. Wir beschweren uns bei unseren Freundinnen, unserem Tagebuch und irgendwelchen Zeitschriften-Kummerkästen, aber die Männer lassen wir brav in dem Glauben, sie wären die Größten. Ich habe kürzlich sogar ein Dossier in einem bekannten Frauenmagazin gelesen, in dem ausdrücklich dazu geraten wird, den Orgasmus vorzutäuschen.

Reasons faking orgasmDie Argumentation dahinter ist so lächerlich wie die der Frauen, die mir davon erzählen: Männer seien ja so verletzt und  verunsichert, wenn man sie sexuell in Frage stelle, dass danach gar nichts mehr läuft. Hat man ihnen einmal gesagt dass sie schlecht im Bett sind, sind sie traumatisiert fürs Leben. Stattdessen solle man sie „ermutigen“ (Presswehen-Hecheln), ihr sexuelles Selbstbewusstsein stärken (Orgasmus vortäuschen) und sie öfter bestätigen („Es ist immer soo gut mit dir!“), dann würden sie durch die hierdurch gewonnene Selbstsicherheit automatisch besser im Bett. Ähm. Ja. Bestimmt. Und für solche Frauenzeitschriften geben wir auch noch Geld aus!


Ist es nicht rührend, wie besorgt wir um die zarten Seelchen der Männer sind, sobald es um Sex geht? Wir haben kein Problem, sie in Grund und Boden zu brüllen, wenn sie die Spülmaschine wieder mal nicht ausgeräumt haben, wir machen unbesorgt eine Szene, wenn sie den Hochzeitstag vergessen und stellen die ganze Beziehung in Frage, wenn sie Weihnachten nicht mit unseren Müttern feiern wollen, aber wenn es um unseren Orgasmus geht, dann beschützen wir wie Löwenmütter das zerbrechliche Ego unseres Liebsten. – Ich bin so stolz auf uns.

upset fakingAber ist diese Vermeidung des Themas wirklich so altruistisch wie wir gerne glauben möchten, oder ist das doch eher das Pfeifen im Wald, weil wir selbst vor diesen Gesprächen noch mehr Angst haben als die Männer? Sind wir bereit für eine sachliche Analyse unserer Sexualität?

Mir erzählen Frauen, deren Namen ich nichtmal kenne, am Spielplatz nach kurzem Smalltalk ungefragt ihre Entbindungsgeschichten (warum auch immer, aber das ist ein All-Time-Favorite-Thema bei Müttern) und natürlich hatte nicht nur jede einzelne von ihnen die schlimmsten, schmerzhaftesten und dramatischsten Entbindungen in der Geschichte des Homo Sapiens, sondern mir werden dabei auch Sachen anvertraut wie „Ich hatte einen Dammriss und musste mit 12 Stichen genäht werden“ oder „Seit der zweiten Entbindung muss ich Einlagen tragen, weil ich immer noch leicht inkontinent bin“. – Danke für diese Informationen. Frage ich dieselben Frauen jedoch bei der Recherche für meinen Blog danach, wie oft sie Sex mit ihren Männern haben, wie oft sie masturbieren oder was sie für Sexspielzeug zuhause haben, sitze ich ganz schnell alleine auf der Bank.

In den Medien ist der Orgasmus längst zu einer komplett unerotischen Sache geworden; ein Wettbewerb, Gewinner ist der mit den meisten Orgasmen und den wenigsten Kohlehydraten; ein Mittel zum Zweck für Diäten, Rückenschmerzen, Migräne… Was der intimste, innigste, privateste Moment sein sollte, ist zur Komödie auf dem Marktplatz geworden; öffentlich bewertet und diskutiert, für nicht gut genug befunden. Und dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) ist er in unserem ureigenen Umfeld immer noch ein Tabu.

relationsships

Wir sprechen nicht über das, was wir wollen, wissen es oft selbst nicht einmal. Aus blanker Angst (vor Verlust, vor Zurückweisung, vor dem Alleinsein etc.) einigen wir uns oft stillschweigend und fast unbewusst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und verlieren dabei zwar  nicht den Partner, aber leider immer öfter uns selbst.

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