Der Papst und andere Dinge, für die wir vielleicht noch nicht bereit sind

ZitatVor zwei Wochen besuchte der erste lateinamerikanische Papst Amerika und wurde vom ersten afroamerikanischen Präsidenten empfangen – zwei Immigranten, die die Welt verbessern wollen, trafen sich in Zeiten der weltweit größten Flüchtlingskrise. Man könnte fast meinen, da hätte eine höhere Macht ihre Hand im Spiel gehabt, oder?

Pope Francis talks with President Barack Obama, accompanied by first lady Michelle Obama, after arriving at Andrews Air Force Base in Md., Tuesday, Sept. 22, 2015. The Pope is spending three days in Washington before heading to New York and Philadelphia. This is the Pope's first visit to the United States. (AP Photo/Susan Walsh)

(AP Photo/Susan Walsh)

You shake our conscience from slumber,” sagte Obama in seiner Begrüßungsansprache und das ist vielleicht die kürzeste aber treffendste Beschreibung für Papst Franziskus, die ich bislang gehört habe.

Der argentinische Papst, der früher einmal Jorge Mario Bergoglio hieß, und dem man, vielleicht mehr als jedem seiner Vorgänger abnimmt, etwas von seiner früheren Person mit in sein Amt genommen zu haben,  wurde 1998 Erzbischof von Buenos Aires  und verwandelte (gewissermaßen als Amtsantritt) erst einmal  die bischöfliche Residenz in eine Herberge für reisende Priester. Pope YoungSelbst bezog er ein leerstehendes Büro in den Räumen der Diözese. Da die Heizung in dem Bürogebäude am Wochenende immer ausgeschaltet wurde, brauchte er einen tragbaren Heizlüfter, den er neben seine Pritsche stellte. Sein Essen machte er sich meistens selbst in der kleinen Teeküche, die zum Büro gehörte.

Jorges Großeltern waren Immigranten aus Italien, aus dem Piemont, die vor Mussolinis Regime flüchteten. Sie sollten eigentlich auf der Principessa Mafalda, einem italienischen Kreuzfahrtschiff, die Überfahrt machen, verpassten jedoch das Schiff. Die Principessa sank, die Bergoglios waren gerettet und nahmen ein anderes Schiff, doch seine Eltern blieben immer tief beeindruckt von dieser „Segnung“ des Herrn und der Rettung ihrer Leben. Jorges Großmutter Rosa erzählte ihm die Geschichte oft, auf Italienisch natürlich, und sie vererbte ihm ihre Leidenschaft für Sprachen und Literatur. Zu seinen Lieblingsbüchern gehört Die Brautleute von Alessandro Manzoni. Nicht wenige sind der Ansicht, dass Bergoglios Vision der modernen Kirche als eine Art Feldlazarett beeinflusst wurde von Manzonis  Beschreibung der heldenhaften Priester in der Kriegszeit. Sie sind ganz nach Bergoglios Geschmack: nicht ewig betend, sondern zupackend, helfend, lindernd.

JMB UBahnAls er schließlich zum Papst gewählt wurde, blieb er seiner Linie treu: als erste Amtshandlung zog er ins Gästehaus des Vatikans und hielt regelmäßig selbst Morgengottesdienste ab – allerdings nicht vor der römischen Kurie sondern für Büroangestellte, Gärtner und Hausmeister des Vatikans. Ohne Notizen hält er dort Predigten, als wäre er ein ganz normaler Priester. Vielleicht ist er das ja auch, immer noch. „Die Kirche verlangt von uns allen, bestimmte Dinge zu verändern“, sagt er bei einer solchen Morgenpredigt vor den Gärtnern und Hausmeistern. „Sie verlangt von uns, uns von dekadenten Strukturen zu lösen, denn sie sind nutzlos.“

Pope Francis arrives at Catholic University for a Canonization Mass in Washington September 23, 2015. Pope Francis is making his first visit to the United States. REUTERS/Doug Mills/Pool - RTX1S4WF

Pope Francis arrives at Catholic University for a Canonization Mass in Washington September 23, 2015. Pope Francis is making his first visit to the United States. REUTERS/Doug Mills/Pool – RTX1S4WF

Viermal in der Woche hält er diese Messen ab wenn er nicht  auf Reisen ist. Sie sind eines von vielen Symbolen für das bescheidenere Papsttum, das er anstrebt: er fährt U-Bahn, er hat kaum Personal, er trägt seine alten schwarzen Schuhe weiter und verweigert sich den päpstlichen roten, nimmt Fußwaschungen bei Gefängnisinsassen vor, küsst den Kopf eines stark entstellten Mannes und (vermutlich für alle am überraschendsten) läutet eine tolerantere Haltung gegenüber Homosexuellen ein mit seinem berühmten Satz „Who am I to judge?“. Ein Diener will er sein, kein König, den Menschen dienen nicht der Kirche, die Menschen zur Gottesanbetung zurückführen, anstatt selbst eine Fangemeinde um sich zu scharen. Doch bei aller Bescheidenheit hat er vielleicht ehrgeizigere Ziele als jeder andere Papst vor ihm.

Auf seine Amerikareise hat er sich akribisch vorbereitet, er ist sich der Bedeutung dieser Reise vollkommen bewusst gewesen. Vor allem sprachlich scheint er intensiv gearbeitet zu haben, denn Englisch war immer seine schwächste Sprache. Er spricht Spanisch, Italienisch und Latein fließend, Französisch und Deutsch ganz passabel, aber die englische Sprache liegt ihm nicht. Bei seiner Rede im Weißen Haus war jedoch klar erkennbar, wie sehr er seit Süd-Korea 2014 an sich gearbeitet hat, wie wichtig es ihm war, dass seine Sprachkenntnisse der Botschaft nicht im Weg stehen.
Nicht vorbereitet war er sicher auf Sofia Cruz, die in Washington alle Absperrungen durchbricht und auf das Papamobil zuläuft. Selbstverständlich wird die Fünfjährige sofort von Sicherheitskräften gestoppt, auf eine kurze Geste des Papstes hin jedoch dann doch zu ihm gebracht. Sie bekommt einen Kuss und einen Segen, doch sie hat auch etwas für Franziskus: sie überreicht ihm ein gelbes T-Shirt und einen selbst verfassten kurzen Brief, in dem sie um Unterstützung für illegale Einwanderer bittet, damit diese die Chance erhalten, legal in den USA bleiben zu können. Ihre eigenen Eltern stammen aus Mexiko.5jährigeDamit rennt sie bei Papst Franziskus offene Türen ein. Einwanderer, Flüchtlinge, Menschen, die vor Krieg und Armut fliehen, sind sein zentrales Thema. In seinen beißenden Kommentaren über die Exzesse des Kapitalismus ausgerechnet in dem Land, in dem das Streben nach Mehr gewissermaßen ein verfassungsmäßiges Recht ist, spricht er zwar vielen aus dem Herzen, muss jedoch auch die Kritik ebenso vieler in Kauf nehmen, die versuchen, ihn in (wenig schmeichelhafte) politische Schubladen zu sortieren, aus denen er immer wieder zu entwischen scheint. Konservative bezeichnen ihn als Marxisten oder gar Kommunisten, aber wer hört schon auf die Konservativen in der Welt? Eben. Präsidentschaftskandidat Jeb Bush, republikanischer Katholik (oder katholischer Republikaner?), äußert sich spöttisch über die Umwelt-Enzyklika des Papstes: “I hope I’m not going to get castigated for saying this by my priest back home, but I don’t get economic policy from my bishops or my cardinals or my pope”. Aber dass die Bushs generell beratungsresistent sind und auf niemanden hören, ist ja auch in Rom bekannt, deswegen wird diese Aussage den Papst in keine großen Krisen gestürzt haben.

Pope Francis and President Barack Obama smile as they exchange gifts, at the Vatican Thursday, March 27, 2014. President Barack Obama called himself a "great admirer" of Pope Francis as he sat down at the Vatican Thursday with the pontiff he considers a kindred spirit on issues of economic inequality. Their historic first meeting comes as Obama's administration and the church remain deeply split on issues of abortion and contraception. (AP Photo/Gabriel Bouys, Pool)

(AP Photo/Gabriel Bouys, Pool)

He delights in confounding categorizations,” sagte Austen Ivereigh, der Autor der Papstbiografie “The Great Reformer: Francis and the Making of a Radical Pope”. “There is a sense in which the elites always want to own him, and he’s always eluding them.” In der Tat würden viele Regierungshäupter ihn momentan gerne auf ihrer Seite wissen; der geopolitische Einfluss des Papstamtes (und damit der Kirche) war seit den Borgias nicht mehr so stark wie heute, aber die Eliten (selbst die wohlmeinenden) sind Papst Franziskus suspekt.

Und er hat die absolute Angstfreiheit derjenigen, die wirklich glauben, dass dieses Leben nur Vorbereitung ist. Er scheut sich nicht, wichtige Persönlichkeiten vor den Kopf zu stoßen, die Buh-Rufe der Demonstrationen gegen ihn (trotz Absperrung) aus der Entfernung zu hören, Menschen und politische Strukturen auf unangenehme Weise zu fordern. Er kritisiert viel, am meisten auch die eigene Kirche, für ihre undurchlässigen Hierarchien, ihre Reklusion, ihr Fokussieren auf Dogmen statt auf Menschen. Er kritisiert die Globalisierung und ihre Kollateralschäden und führt die These, dass der Wohlstand in der ersten Welt früher oder später allen zugutekommt, ad absurdum. In deutlicher Sprache schildert er Schicksale von Flüchtlingen, fordert weltweit flexiblere Asylgesetze. Und dennoch hat er gerade bei diesem Amerikabesuch auch gezeigt, wie diplomatisch er geworden ist. Er stellt „Leben“ in den Mittelpunkt, spricht sich  aber explizit nur gegen die Todesstrafe aus, nicht gegen Abtreibung. Er wirbt für Religionsfreiheit (ein großes Thema für amerikanische Bischöfe) und legt einen Schwerpunkt auf interreligiöse Toleranz. Er will weder den Konservativen noch den Liberalen Schützenhilfe in ihren politischen Auseinandersetzungen geben. Er ist gegen Schwulen-Ehen (der homophoben Standesbeamtin Kim Davis aus Kentucky, die sich gottesfürchtig und medienwirksam selbst durch REUTERS1024464_ArticoloBeugehaft nicht dazu bringen ließ, schwule Paare zu trauen, gratulierte er in einer Privataudienz zu ihrem Mut), fordert jedoch mehr Toleranz und weniger Exkludierung der Homosexuellen. Er ist nicht der Wohlfühl-Papst, den die begeisterten Massen gerne aus ihm machen würden, er ist ein schwieriger Mensch, aber es ist auch eine schwierige Kirche, und vielleicht braucht es eben jemanden wie ihn, der modernere Wege zu beschreiten versucht ohne das 2000 Jahre alte Vehikel, das ihm anvertraut wurde, am Straßenrand stehen zu lassen, um diese umstrittenste aller Institutionen zu retten. Sein Fokus auf die Armut der Menschen könnte jedenfalls aktueller nicht sein.

PopeUSAAber (und jetzt kommt ein großes ABER) er kritisiert eben nicht nur die Eliten, nicht nur die Reichen und Mächtigen, die Politiker und Staatsoberhäupter. Was er am Kapitalismus am meisten ablehnt sind seine Exzesse, und das betrifft auch (und vielleicht vor allem) uns. Er erwartet nicht nur von der großen Kirche, sondern von jedem einzelnen Christen eine Fokussierung auf mehr Menschlichkeit statt auf Konsum, auf mehr Nächstenliebe als auf die Anhäufung von Dingen, auf mehr Substantielles statt auf Oberflächlichkeiten. Wir haben die Armut außerhalb unserer Ländergrenzen so lange ignoriert, so lange weggesehen, bis sich die Armut auf den Weg gemacht hat und zu uns kam, tausendfach, millionenfach, in einem nicht enden wollenden Strom, aber hat sich unser Leben, unsere Wahrnehmung, unsere Prioritätensetzung seither geändert?Let us treat

Papst Franziskus hat das Erscheinungsbild der Kirche verwandelt und die Armut in den Mittelpunkt gestellt, aber damit kann es nicht getan sein, jetzt geht es an die Substanz der Kirche – und die sind wir. Wenn man die Welt einmal aus den Augen der Armen gesehen habe, würde man davon nie wieder ganz genesen, sagte Papst Franziskus einmal, als er noch Jorge Mario Bergoglio war, aber die entscheidende Frage ist: Sind wir dazu bereit, die Welt mit anderen Augen zu sehen?

The Great Reformer: Francis and the Making of a Radical Pope (Gebundene Ausgabe)


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