Viagra für die Frau und andere Sternstunden des Feminismus

Übermorgen kommt in den Vereinigten Staaten die erste libidosteigernde Pille auf den Markt: Addyi, auch Flibanserin oder  „Pink Viagra“ genannt. Ab heute sind Frauen, die weniger oft Sex wollen als die Norm (wobei noch definiert werden müsste, wer und was genau die Norm ist), also offiziell krank und können behandelt werden. Dankeschön!Addyi-_FDA_Approved_Libido_Pink_Pill_for_WomenKlar, die Pharmaindustrie will ja mit allem Geld verdienen, werden Sie jetzt sagen, aber weit gefehlt: mit der weiblichen Unlust wollten sie das nicht, geben die Unternehmen doch selbst zu, dass die weibliche Lustlosigkeit sehr viel schlechter zu therapieren ist als gewisse hydraulische Schwierigkeiten bei Männern, da Emotionen eben im Gehirn gesteuert werden. Die weibliche Libido ist eben kein Hardware- sondern ein Software-Problem.

Ungewöhnlich einsichtig hatte der Hersteller Sprout Pharmaceuticals bereits vor Jahren zugegeben, dass das von ihnen entwickelte Medikament einfach nicht anschlägt, und als die FDA (die Arzneimittelbehörde der USA) die Pille wegen Ineffizienz zweimal abgewiesen hatte, wollten sie die Forschung einstellen. Doch dann (ich traue mich fast nicht, es zu sagen) mischten sich die Feministinnen ein und betraten die Arena. Eine unglaubliche Diskriminierung sei es, dass die Männer ihr segenspendendes Viagra bekommen hätten, dass männliche Sexualstörungen erforscht und behandelt würden, während die armen Frauen immer noch ignoriert und benachteiligt seien. Lobbyistinnen, die sich selbst „Even the Score“ (also etwa „Sorgt für Gleichstand“) nennen, arbeiteten in den Medien so wirkungsvoll, dass die Branche mittlerweile vermutet, dass das eine Werbestrategie von Sprout war (was wäre wohl das kleinere Übel: Feministinnen, die selbst auf so eine hirnverbrannte Idee kommen oder die sich für die hirnverbrannte Idee eines Großkonzerns benutzen lassen?).

COPDMwuWsAAET6xNun haben wir also ab übermorgen Addyi, unsere (natürlich pinke – wo waren da bitte die Feministinnen, die sich gegen so ein Disney-Klischee wehrten?) Pille. Und trotz der ständigen Vergleiche hat sie nichts mit der blauen Pille gemein. Während man Viagra nimmt, um tatsächlich Sex zu haben, soll Addyi von Frauen jeden Abend eingenommen werden, egal, ob Sex geplant ist oder nicht. Anders als Viagra hat Addyi auch keinerlei Wirkung auf die Genitalorgane, sondern Addyi soll im Gehirn den Botenstoff Serotonin (ein Lusthemmer) absenken und dagegen das Glückshormon Dopamin steigern. Merken Sie etwas? Es geht nämlich bei den Frauen nicht um Nicht-Können, es geht um Nicht-Wollen. Anders als Viagra soll Addyi keine physiologische Sexualstörung beheben, sondern schlicht und ergreifend Begehren schaffen. – Sind wir bescheuert? Wieso rufen wir denn nicht gleich Coelho und seinen Alchimisten an, der wird außer Gold schon auch noch einen speziellen Sextrank zustande bringen, oder?

heightening-both-libido-and-sexual-recallEinige Medien sind sich nicht zu schade, das neue Medikament als „Rettung der Monogamie“ zu betiteln; endlich müssen wir uns nicht mehr mit der Ursachenforschung über jährlich wachsende Scheidungsraten und Untreuestatistiken belasten, wir nehmen einfach abends eine Pille und finden unseren Mann wieder toll, was wiederum dazu führt, dass dieser sich auch nicht mehr anderweitig nach Befriedigung umsehen muss. Ehe gerettet, Problem gelöst, Affe tot. „Die größte medizinische Entdeckung für Frauen seit der Pille“ nennt Even the Score es, dabei liegt die messbare Effizienz der pinken Pille in Testreihen nur marginal (0,7 Punkte) über den Ergebnissen der Gruppe, die die Placebos bekommen haben. Auf Nebenwirkungen wird kaum eingegangen, was sind schon Übelkeit, rapider Blutdruckabfall, Ohnmachtsanfälle oder Schwindel, wenn man dafür 0,7 mal lieber Sex mit seinem Mann hat? Achso, und man sollte es nicht während der Menopause nehmen oder wenn man andere Medikamente nimmt oder wenn man Krankheiten hat oder wenn man Alkohol trinkt….. Aber egal, es ist da, und wenn es auch vermutlich nicht Ihre Libido ankurbeln wird, so doch wenigstens die Wirtschaft, das ist heutzutage ja auch schon was.

Hätten besagte Feministinnen die Anti-Baby-Pille (also die richtige Pille, nicht Addyi) in die Dritte Welt gebracht, damit ausgehungerte, kranke Frauen nicht weiterhin mit 20 ihr fünftes Kind zur Welt bringen müssen, dann wäre ich stolz auf diese Feministinnen gewesen, denn eine solche Aktion hätte vielleicht auf einer anderen Ebene für „Gleichstand“ sorgen können, so aber wurde im Feminismus aber (mal wieder) eine Barrikade erstürmt, die keinerlei strategische Relevanz hat.
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Addyi wurde übrigens ursprünglich als Antidepressivum entwickelt, dann aber doch auf eine andere Zielgruppe zugeschnitten, denn:

Es gibt tatsächlich noch ein paar Frauen, die nicht depressiv sind,
aber jede Frau hatte schon mal keine Lust!

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