Flüchtlingskrise – Klopf, klopf, der Krieg ist da

Zitat Warsan ShireStellen Sie sich vor, es klopft an der Tür und die Realität steht draußen. Kein anderes Thema ist so medienpräsent wie die „Flüchtlingskrise“. Die Augen der Welt sind nicht auf den Nahen Osten gerichtet, wo sich das eigentliche Drama abspielt, sondern auf Europa, insbesondere auf Deutschland. Die Frage, wie sich die ISIS- und bürgerkriegsgebeutelten Länder des Nahen Ostens jemals von dieser Katastrophe erholen sollen, steht hinter der Frage zurück „Wird Europa den Flüchtlingsstrom unbeschadet überstehen?“ – Und was genau ist eigentlich unbeschadet in der heutigen Zeit?

Flüchtlinge warten am Budapester Hauptbahnhof auf einen Zug nach Deutschland

Flüchtlinge warten am Budapester Hauptbahnhof auf einen Zug nach Deutschland

Das Pendel schlägt aus zwischen Willkommenskultur und Fremdenhass, zwischen brennenden Asylantenheimen und Selfies mit Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof, zwischen Friedensnobelpreishoffnungen für Merkel und sinkenden Umfragewerten für ihre Politik. Endlich gibt es wieder ein Thema, zu dem jeder eine Meinung hat.

Die anfängliche Begeisterung weicht langsam der Ernüchterung, dass der Ausnahmezustand zur Routine geworden ist, man wendet die Aufmerksamkeit wieder den eigenen Problemen zu, schließlich steht jetzt schon Weihnachtsdeko in den Läden, der Skikurs für den Sohnemann muss gebucht werden und wo feiert man dieses Jahr eigentlich Silvester?

Der Alltag hat uns wieder, denn trotz applaudierender Menschenmassen, als die ersten Züge mit Flüchtlingen nach Deutschland kamen, bleibt eine Wahrheit bestehen: Die Flüchtlinge sind Fremde und daran hat sich nichts geändert. Wir wissen wenig bis nichts über deren Herkunftsländer. „Bei denen ist Krieg“, das ist klar, aber sonst? Sie sind zum größten Teil Muslime, das ist auch klar, und das macht vielen Deutschen Angst, wenn man dann aber zu erklären versucht, dass diese Muslime Deutschland nicht radikalisieren wollen, sondern im Gegenteil ja eben gerade vor radikalen Islamisten flüchten, erntet man meist nur verständnislose Blicke. Die Welt im Nahen Osten war schon immer kompliziert, aber dafür wenigstens weit weg, jetzt ist sie plötzlich mitten in Europa. Plötzlich wird offensichtlich, dass man abends bei der Tagesschau doch zuhören hätte sollen, wenn es um IS und Hisbollah, um Mossad und Hamas, um die Syrische Armee und Schia ging. Nur beim Wetterbericht zuzuhören und am nächsten Morgen das Feuilleton zu lesen, reicht also vielleicht doch nicht?

1990 wurde William Nicholsons Roman „Der Marsch“ verfilmt und obwohl ich damals noch ein Kind war, haben mich Buch und Film ungeheuer beeindruckt. Er spielt in der Zukunft, durch den Klimawandel sind große Teile Afrikas unbewohnbar geworden, die Menschen dort leben in unvorstellbarer Armut.

Der MarschDer Nordafrikaner Isa El-Mahdi, der einen Marsch von Flüchtlingen aus sudanesischen Flüchtlingslagern organisiert, steht im Mittelpunkt. In beeindruckenden Bildern zieht ein immer länger werdender Strom an Menschen durch die Wüste auf dem Weg über Libyen, Algerien und Marokko nach Europa. Tausende von Menschen, die sich mit letzter Kraft auf den Weg machen, einer letzten Hoffnung folgen. „Wir glauben, wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa“, sagt El-Mahdi im Film und 25 Jahre später wurde das Zukunftsszenario Realität. Millionen von Menschen haben sich auf den Weg gemacht in der Hoffnung, dass Europa sie nicht sterben lässt, wenn es sie vor sich sieht, wenn sie da sind, sichtbar. – Aber tun wir genau das nicht schon seit Jahrzehnten: Menschen beim Sterben zusehen, während wir wichtigere Probleme haben?
Nichts an der „Flüchtlingskrise“ ist neu, weder die Flüchtlinge noch die Krise, es ist uns nur alles näher gekommen, es ist schwerer zu ignorieren, dabei waren wir genau darin bislang doch immer so gut.

suriye-syria-refugeeSeit Jahren reißt der Flüchtlingsstrom der Syrer z.B. in den Libanon nicht ab, weit über eine Million hat das selbst nicht gerade wohlhabende Land mit nur 4,5 Mio. Einwohnern mittlerweile aufgenommen, weitgehend unkommentiert von der Welt. Kaum kommen aber die ersten Flüchtlinge in Europa an, werden natürlich Sondersendungen darüber ausgestrahlt und es sind „Breaking News“.

Lebanon Syria's InfluenceFür Europäer (und besonders für die Deutschen) mag es sich so anfühlen, als hätte sich ganz Syrien auf den Weg zum Münchner Hauptbahnhof gemacht, doch die Realität sieht anders aus: Die Syrer sind derzeit das größte Flüchtlingsvolk der Welt. Über 3,7 Millionen Syrer sind Flüchtlinge. 95% von diesen 3,7 Millionen sind jedoch verteilt auf nur 5 Länder: Libanon, Jordanien, Irak, Ägypten und die Türkei.

Syrian TabNur 4% aller syrischen Flüchtlinge sind in Europa. Das größte Flüchtlingscamp ist in Zaatari in Jordanien, allein in diesem einen Lager leben mittlerweile mehr als eine Viertelmillion syrische Flüchtlinge.
Zaatari

Allein die Versorgung der Flüchtlinge in Zaatari kostet über eine halbe Million Dollar pro Tag – Geld, das Jordanien nicht hat und die Organisationen vor Ort (wie z.B. Ärzte ohne Grenzen) ebenfalls nicht auf Dauer aufbringen können. 70% aller syrischen Flüchtlinge sind vollkommen auf sich allein gestellt, weil sie (noch) bei gar keinem Camp angekommen sind. Was wir in Europa also als Krise bezeichnen, ist in anderen Ländern schon seit Jahren weit schlimmer und wird auch in Europa noch bedeutend schlimmer werden.

In Deutschland sonnen sich im Moment alle Deutschen in der positiven Publicity, seit der Fußball-WM 2006 gab es keine dermaßen zelebrierte Gastfreundschaft mehr, doch bei genaueren Hinsehen zerbröckelt vieles in Heuchelei: die tonnenweisen Sachspenden sind zum großen Teil unbrauchbarer Müll. Freiwillige Helfer in den Unterkünften packen Federboas, Schwimmflossen, alte Faschingskostüme oder zerbrochenes Spielzeug aus. Rollschuhe ohne Rollen, Jacken mit Löchern oder gar kaputte Elektrogeräte machen einen großen Teil der „Hilfsbereitschaft“ der Deutschen aus. Das lange überfällige Ausmisten des Kellers wird auf Facebook als „Habe eben einen ganzen Kofferraum voller Spenden ins Flüchtlingsheim gebracht“ propagiert, hat mit echter Hilfe aber meist wenig zu tun. Diese Dinge auszupacken, anzusehen und schließlich zu entsorgen kostet die Ehrenamtlichen wertvolle Zeit, die sie für die Flüchtlinge bräuchten. Auch die ersten Selbstdarsteller stehen auf dem Plan, Alt-Hippies wie Konstantin Wecker werden mit ihren pazifistischen Hymnen endlich wieder in Talk Shows eingeladen und erklären so naseweis wie naiv, dass sie ja schon immer wussten, dass die Abrüstung die Lösung aller Probleme ist. Til Schweiger baut publicitywirksam an seinem Asylantenheim-Luftschloss mit Söldnergeldern, jeder Soap-Star twittert über seine gespendeten Nike-Schuhe. 150.000€ kostet ein Konzert, das als „größte politische Kundgebung Münchens“ verkauft wurde, in dem es leider nur marginal um Politik ging. MUC imageEin Konzert „für Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer“ sollte es werden, unter den 25.000 Leuten, die sich am 11. Oktober auf dem Königsplatz versammelten, waren nur seltsamerweise wenig Flüchtlinge (offenbar hat man nach wochenlanger lebensgefährlicher Flucht nicht den Wunsch, gleich im Anschluss Sportfreunde Stiller zu hören) und nur wenig mehr freiwillige Helfer, dafür umso mehr Münchner, die sich über ein kostenloses Konzert freuten und teilweise sogar versuchten, die kostenfreien Tickets über Ebay zu Geld zu machen.

Soviel zum Thema Flüchtlings-Empathie. Hätten die so wohltätigen, teilnehmenden Stars (wie z.B. Herbert Grönemeyer, der derzeit gerade noch zu beweisen versucht, dass er in Deutschland überhaupt Steuern bezahlt) stattdessen Geld gespendet und hätte die Stadt für die 150.000€ beispielsweise die sanitären Anlagen in den Unterkünften verbessert, wäre damit tatsächlich jemandem geholfen gewesen. So stellte das Konzert nur unter Beweis, dass auch in Zeiten, in denen angeblich für nichts Geld da ist, immer noch Reserven für die Selbstdarstellung bleiben.

Einen ganz anderen Weg ging Sarah Connor: ohne großes Medienspektakel nahm sie schon vor Wochen eine syrische Frau aus Aleppo mit ihren fünf Kindern bei sich zuhause auf. Sie wollte es gar nicht publik machen, um die Privatsphäre der Familie zu schützen, und bat auch nun, nachdem ein Boulevard-Magazin doch darüber berichtet hatte, um Zurückhaltung.

„Ich maße mir nicht an, ein Vorbild zu sein. Ich kann verstehen, dass nicht jeder Flüchtlinge bei sich aufnehmen kann oder will“, erklärte sie in „Die Zeit“.„Aber was sich jeder erlauben kann, ist, ein bisschen Wärme, Nähe, Trost und Liebe zu spenden, ohne sich fürchten zu müssen.“

Davon könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden. Vielleicht geben wir alle etwas weniger Kellerinhalt und etwas mehr Zeit?

Muc streikDoch die Wahrheit ist leider, dass viel von dieser Krise „Made in Europe“ ist. Erst ein Jahr ist es her, dass in Deutschlands Flüchtlingshauptstadt München, nur ein paar hundert Meter vom mittlerweile berühmten Hauptbahnhof entfernt, am Sendlinger Tor, 29 Flüchtlinge in den Hungerstreik gegangen sind, um gegen die unmenschlichen Asylgesetze in Deutschland zu protestieren – an denen sich aber bis heute nichts geändert hat, vielleicht auch deswegen, weil es damals noch nicht so medienwirksam war, sich für Flüchtlinge zu engagieren?

In Deutschland gibt es nämlich die sog. Lagerpflicht (Geduldete dürfen nicht aus ihren Unterkünften ausziehen), die Residenzpflicht (sie dürfen einen festgelegten Bereich auch nicht für einen Verwandtenbesuch oder ähnliches verlassen) und vieles mehr, was eigentlich grundlegenden Menschenrechten widerspricht. Es ist nicht damit getan, Flüchtlinge in Europa aufzunehmen, in Lager zu pferchen und ihnen den Inhalt unserer leergeräumten Kellerabteile zu bringen: sie müssen hier leben können. Integration ist zum Unwort des Jahres geworden, überstrapaziert und schon ganz geschmacklos vom vielen Gebrauch, aber irgendeine Form der Aufnahme, die impliziert, dass sie nicht nur eine vorübergehende Notlösung ist, muss erfolgen. So könnte das überalterte Europa durchaus von den über 60% Flüchtlingen, die noch unter 18 Jahren sind, profitieren – wenn es sie denn ausbilden und ihnen eine Arbeitserlaubnis geben würde. Es muss auch endlich etwas gegen die Angst vieler Deutschen getan werden, eine generelle Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge nehme Deutschen die Arbeit weg: eine Volkswirtschaft hat keine festgesetzte Zahl von Arbeitsplätzen, die irgendwann erschöpft ist, vielmehr könnte Deutschlands Wirtschaft von der Zuwanderung profitieren. Doch zu allererst muss Deutschland seine Asylgesetze ändern: Für Flüchtlinge aus bereits anerkannten Flüchtlingsstaaten müsste es „humanitäre Visa“ geben, die den Menschen erlauben, sicher und kostenfrei nach Europa zu kommen, anstatt ihr Leben und ihre Habe Schleppern anvertrauen zu müssen und sich auf eine lebensgefährliche, oft Monate dauernde Reise zu begeben. Es sollten kleine konsularische Kontrollposten an strategisch wichtigen Transit-Positionen (z.B. in Bodrum in der Türkei oder in Zuwara in Libyen) eingerichtet werden, an denen sich Flüchtlinge registrieren lassen können und im Anschluss die Menschen mit plausiblen Asylgründen auf einer öffentlichen Fähre oder zur Verfügung gestellten Flugzeugen sicher nach Deutschland gebracht werden. Mehr als einmal habe ich Flüchtlinge sagen hören, sie hätten ihr Geld lieber Deutschland gegeben als einem Schlepper.

Auch das Thema „Wirtschaftsflüchtlinge“ (also Menschen, die aus ökonomischen Gründen ihr Land verlassen, ohne dort politisch verfolgt zu sein) müsste endlich gesetzlich geregelt werden, zumindest vorübergehend. Vor allem aus dem Balkan kommen täglich hunderte von Menschen nach Deutschland, die keine Aussicht auf Asyl haben, die also eine quälende Reise hinter sich haben, für einige Wochen in einer Unterkunft untergebracht und dann wieder abgeschoben werden. Diese chancenlosen Fälle verzögern die Bearbeitung der Asylanträge der Flüchtlinge, die tatsächlich ein Anrecht auf Asyl in Deutschland haben und darunter leiden nicht nur alle Asylsuchenden, sondern auch die Sachbearbeiter, die an den Grenzen ihrer Kapazität arbeiten. Leid dürfe nicht beurteilt und kategorisiert werden, höre ich in diesem Zusammenhang immer wieder, aber Fakt ist, dass Leid in vielen Bereichen des Lebens kategorisiert wird: bei jeder Naturkatastrophe werden den betroffenen Gebieten Farben zugeteilt, die die Schwere der Schäden zuweisen, bei jeder Massenkarambolage müssen Ärzte entscheiden, wer am dringendsten Hilfe braucht und jeder, der schonmal im Wartezimmer einer Notaufnahme war, weiß, dass auch dort die Fälle prioritär geordnet werden. Solidarität heißt eben auch, dass die Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, begreifen müssen, dass es, bei allem Elend in ihrer Heimat, den Kriegs-Flüchtlingen aus dem Nahen Osten im Moment weit schlechter geht und deren Priorität bei der Asylvergabe deswegen zurecht höher ist.

SyrienSyrien ist noch lange nicht am Tiefpunkt, das Leben dort wird täglich gefährlicher, unmöglicher. Mehr als 28.000 Menschen starben durch Kugeln oder Massentötungen, mehr als 18.000 wurden in Angriffen der Syrischen Regierung getötet, mehr als 8.000 wurden getötet nach Entführungen, Inhaftierungen oder Folter, fast 1.000 starben bei Giftgasangriffen, mehr als 27.000 starben bei Bombenangriffen, über 500 sind verhungert, alles ausnahmslos Zivilisten, also Menschen wie Sie und ich…. Und es ist noch lange nicht vorbei.

Bisher haben wir weggesehen, haben den angrenzenden Ländern, die schon seit Jahren Millionen von Flüchtlingen aufnehmen, obwohl sie selbst an der Armutsgrenze leben, viel zu wenig Gelder zur Verfügung gestellt; waren froh, dass all das so weit weg ist. Nun ist der Krieg im Nahen Osten in Europa angekommen, aus jedem Flüchtlingszug steigt ein Stück des Konfliktes, unübersehbar, unignorierbar.

Im Film „Der Marsch“ trifft der Flüchtlingsstrom an der spanischen Küste auf bewaffnete Milizen, die ihn aufhalten und ihm den Zutritt verwehren. „Wir sind noch nicht bereit für euch“, ist der nachdenkliche Schlusssatz des Filmes. 25 Jahre ist das her. Diesmal ist es kein Film. Jetzt müssen wir bereit sein.

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