Steve McCurry und die Bilder, die uns prägen

Zitat

Sie kennen seinen Namen nicht?
Macht nichts, denn seine Bilder kennen Sie bestimmt
und das ist ihm viel wichtiger.SMcC PortraitFür Menschen, die viel reisen, benutzen wir gerne Begriffe wie „Kosmopolit“ oder „Globetrotter“, aber wenn solche Bezeichnungen heute tatsächlich noch auf jemanden zutreffen, dann auf Steve McCurry, den 65-jährigen Fotografen aus Philadelphia, der die Erde zahlreiche Male umrundet hat und dabei nicht in Robinson Clubs abstieg. Er ist keiner, der Gänseblümchen oder Sonnenuntergänge fotografiert. „It’s important to photograph things that have meaning”, sagt er in einem Interview zu seinem neuen Bildband „INDIA“, der diese Woche erschienen ist.
Es zieht ihn in Gebiete, die die meisten Leute mit eigenen Augen nie sehen werden, weil die Reisen dorthin gefährlich, teuer oder zu beschwerlich wären: er fotografiert Kriege, Armut, Flüchtlinge, Soldaten, Naturkatastrophen, Krisen.

Afghanische MädchenMcCurrys bekanntestes Foto ist das “Afghanische Mädchen”.

1984 nahm er es in einem afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan auf, zusammen mit Dutzend anderen. Nur zwei Minuten verbrachte er mit dem Mädchen, doch das Bild machte ihn über Nacht berühmt und schaffte es 1985 sogar auf das Cover des National Geographic. Unzählige Male wurde McCurry seither nach ihrer Identität befragt, doch trotz der scheinbaren Intimität des Bildes wusste er jahrzehntelang nichts über das Mädchen, nicht einmal ihren Namen. Seine Fotos sind intensiv gefühlte Momentaufnahmen, sie sind nicht durchdacht oder recherchiert, er ist keiner, der Fotos plant, so war auch das afghanische Mädchen eine vollkommen spontane Aufnahme. Jahrelang versuchte McCurry, die Identität des Mädchens zu entschlüsseln, dessen Augen die Welt so tief erschüttert hatten. 2002 reiste er sogar mit einem Kamerateam von National Geographic noch einmal nach Afghanistan, um die mittlerweile dreißigjährige zu finden. Über Monate zeigte das Team das Foto des Mädchens in Straßen, Restaurants, Moscheen, Parks, doch niemand erkannte sie. Enttäuscht kehrte McCurry zurück in die Staaten. Die Crew suchte weiter und einige Zeit später erkannte ein ehemaliger Flüchtling das Mädchen wieder und führte die Crew zu einem kleinen Dorf im Landesinneren. Da nur eine Frau das Haus betreten durfte ging die Produzentin des Films hinein und machte ein Foto der Augen der mit einer Burka verhüllten Frau. In den Staaten wurden die Fotos von damals und heute sogar mit Iris-Scannern verglichen und siehe da: sie war gefunden. Sharbat Gula ist ihr Name, sie ist verheiratet und hat drei Töchter. McCurry kam sofort zurück obwohl die Chancen, dass sie sich noch einmal von ihm fotografieren lassen würde, äußerst gering waren, doch die beiden trafen sich nach achtzehn Jahren wieder und Sharbat lüftete ihre Burka für ihn….

afghan_girl2Es ist nicht mehr das Gesicht eines kämpferischen Kindes sondern das einer Frau, die unsägliches Leid hinter sich hat. Nur wenige Jahre nach dem ersten Foto wurde sie zwangsverheiratet, sie leidet an schwerem Asthma, begrub eines ihrer Kinder noch im Säuglingsalter. Ihre Augen können das afghanische Elend nicht leugnen und das ist der Grund, weswegen McCurry seine Bilder macht: um uns zu zeigen, was für so viele Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten selbstverständlich und alltäglich geworden ist, und von dem uns oft jede Vorstellung fehlt: das existenzielle Leid eines hoffnungslosen Lebens, die profunde Leere des Krieges, die Omnipotenz der Angst.

McCurry hat daher auch keinerlei Verständnis dafür, dass manche Printmedien Bilder aus Krisengebieten aus Pietätgründen zurückhalten (wie aktuell etwa das Bild des kleinen Aylan Kurdi, der 3-jährige Flüchtlingsjunge, der an einem türkischen Strand tot an Land gespült wurde). Man muss das Leid zeigen, wie sonst könnte man die Welt verstehen lassen, was außerhalb des Randes unserer gut gefüllten Teller vor sich geht? Ein Bild zeigt das oft viel eindrücklicher und brutaler als seitenweise Artikel es könnten, die zu lesen wir uns ohnehin immer seltener die Zeit nehmen.

„What makes a powerful image is the confluence of several key elements, such as composition, design and emotion, in a pristine moment that reveals a deeper truth.“

Behind the scenes Pirelli The Cal 2013 by Steve Mc CurryDiesem Prinzip bleibt er auch bei Auftragsarbeiten treu, als er z.B. 2013 den Pirelli-Kalender fotografieren sollte (normalerweise bekannt für seine leicht bis gar nicht bekleideten Frauen), auf die McCurry bewusst verzichtete, was eigentlich ein Skandal war.

In Rio de Janeiro fotografierte er Models wie die hochschwangere Adriana Lima oder Isabelli Fontana einmal ganz anders. „Für die Models war das eine außergewöhnliche Erfahrung. Da stand nicht ihr Körper im Vordergrund, sondern ihre Stimme. Jedes der Models engagiert sich für soziale Projekte. Plötzlich ging es nicht um Nacktheit, sondern um einen anderen Zugang zu ihrer Schönheit. Besonders interessant fand ich Petra Nmcovà, die nicht nur unfassbar sexy ist, sondern sich auch massiv für Hilfsorganisationen einsetzt. Bei der Pressekonferenz wurden dann mal andere Fragen gestellt, als immer nur: „Wie war es, nackt für diesen Fotografen zu posen?“. Da standen die Frauen ganz anders im Vordergrund.“

Dass nicht das Modell (oder gar der Fotograf) im Vordergrund steht, sondern es um die „Sache“ geht, ist für McCurry essentiell. Er hasst die Selbstdarsteller seiner Gilde; seine Fotos definieren ihren Wert nicht allein über deren Komposition und künstlerische Umsetzung, sondern vor allem über ihre Botschaft. Er muss nicht zeigen, was er mit seiner Kamera (er benutzt übrigens eine Nikon DSLR mit einem 24-70 mm Zoom-Objektiv) alles kann, er will uns zeigen, was wir alles nicht sehen. Deswegen ist er auch kein Freund stundenlanger Nachbearbeitungen am Computer, die das Bild verfälschen: „Ich mache das, was wir früher in der Schwarzweiß-Fotografie gemacht haben. „Dodge and burn“ – abwedeln und nachbelichten. Das macht man, um einzelne Bildbereiche hervorzuheben. Die eigentliche Arbeit erledige ich aber draußen mit der Kamera, nicht am Computer.“

Suma Tribe in Äthiopien 2012Für seine Bilder geht er über Grenzen – in jeder Beziehung. Er hat weder Frau noch Kinder, in seiner Wohnung in Philadelphia verbringt er nur wenige Wochen pro Jahr, doch nichts davon empfindet er als Opfer.

Jedes Fleckchen Erde gesehen, erfahren, gezeigt, für die Augen Außenstehender übersetzt zu haben, ist ein Privileg, das er für niemanden aufgeben würde, trotz aller Gefahren. In jeder denkbaren Tarnung war er schon unterwegs durch jeden denkbaren Landstrich. Kurz vor der sowjetischen Invasion schmuggelte er seine Filmrollen eingenäht in das Gewand eines Mudschaheddin, das er trug, um über die Grenze zu kommen. So ist sein Leben und so will er es haben. Die eigenen Augen offen halten und die unseren öffnen, das ist das Mantra seiner Millionen Bilder.

Sein neues Buch führt ihn zurück zu seiner alten Liebe: Indien. Es ist das Land, das ihn am allermeisten fasziniert, das er öfter als jedes andere besucht hat. Mehr als achtzig Mal hat es ihn in den letzten 35 Jahren nach Indien gezogen, selbst die Afghanistan-Reisen, die ihn berühmt gemacht haben, führten ihn über Indien.

Monsun in Indien in den 70-er Jahren

Monsun in Indien in den 70-er Jahren

Er liebt dieses Land, mehr noch als alle anderen, denn die Liebe zu den Menschen und Landschaften, die er fotografiert, scheint auf allen Bildern greifbar. Er über-ästhetisiere, wird ihm oft vorgeworfen. Krieg, Hunger und Flucht dürften nicht derart schön, ja geradezu poetisch dargestellt werden, aber genau das ist sein Geheimnis: die Poesie im Leid zu erkennen, die Schönheit der Leidenden, die Ästhetik des Schmerzes.

Steve McCurry - Afghanistan

Steve McCurry – Afghanistan

Er sieht sich nicht als Künstler, sondern als Fotojournalist, er will Wahrheiten in Bildern sagen, ohne Übertreibung, aber auch ohne jede elitäre Reduktion. Doch mehr als alles andere ist er ein Weltreisender, der uns einlädt, durch seine Kamera zu sehen, was mit Worten nicht vermittelt werden kann.

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