Mama Cash und andere Dinge, die Sie in Amsterdam verpasst haben (2)

Sarah van Brussel und Zohra Moosa gewähren uns Einblicke in die Arbeit von Mama Cash. Beide Interviews wurden auf Englisch geführt, wer sie im Original lesen möchte, klickt bitte hier.

Sarah van Brussel

Sarah van Brussel

Allgemeine Fragen an Sarah van Brussel aus dem Philantropic Partnerships and Communications Team von Mama Cash:

Sarah, jedes Jahr unterstützen Sie ca. 100 Organisationen, Netzwerke oder Frauenfonds. Wie entscheiden Sie, wen Sie fördern? Bewerben sich Organisationen üblicherweise um einen Zuschuss oder machen Mitglieder der Organisationsleitung Vorschläge?

Das Team von Mama Cash muss einige schwierige Entscheidungen treffen, denn wir erhalten jedes Jahr viel mehr Anfragen als wir bewilligen können. Wir geben Organisationen und Gruppen den Vorzug, die in ihrer Gesellschaft aber auch innerhalb der Frauenrechtsbewegung selbst marginalisiert werden. Für viele unserer Empfänger sind wir der erste internationale Spendengeber.
Seit 2014 gilt für erstmalige Antragsteller eine zeitlich begrenzte Anmeldefrist. Unser Ziel war es, den Antragstellern schneller zu antworten, die Verfügbarkeit der Spenden und die Aussicht eines Antragstellers auf Unterstützung transparenter zu gestalten und sicherzustellen, dass alle neuen Antragsteller gleiche Chancen auf Unterstützung haben.

Einer der wichtigsten Faktoren, durch den sich Mama Cash meiner Meinung nach von anderen Frauenorganisationen unterscheidet, ist, dass sie sich nicht nur auf finanzielle Hilfe beschränkt. Können Sie uns dazu etwas erzählen?

SemillasAktivismus ist harte Arbeit. Um diese Art von Tätigkeit auf lange Sicht aufrechtzuerhalten, bedarf es mehr als nur Geldmittel, eine Vision und harte Arbeit. Aktivistische Gruppen müssen sich auch untereinander treffen, ihre Erfahrungen austauschen und sich mit anderen Gleichgesinnten organisieren. Manchmal brauchen sie auch Partner, die die Fragen stellen, die für die Organisationen wichtig sind, um sich auf ihre Strategien zu konzentrieren und ihre Ressourcen effizienter einzusetzen.
Mama Cash unterstützt auf begleitende Weise und arbeitet eng mit den Beitragsempfängern zusammen, um ihnen zu helfen, langfristig ihr Vorgehen und ihren Bedarf an Kapazitäten zu planen. Dies beinhaltet auch, dass Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz, Fürsprache, Aufbau an Kapazitäten und Kommunikation angesprochen werden.
In vielen Fällen unterstützen wir die Organisationen selbst, aber manchmal nutzen wir Peer-to-Peer (gegenseitige) Schulungen, wenn einer unserer Empfänger oder Partner gute Voraussetzungen dafür hat. Ein Beispiel: Im Jahre 2013 ließen wir unserer Schwesterorganisation Semillas in Mexiko eine Spende zukommen, um damit Fundraising-Workshops für sechs unserer Empfänger von Zentral- und Lateinamerika bereitzustellen.

Ein wichtiges Werkzeug zur Weiterentwicklung sind auch Convenings („Zusammenkünfte“) wie man z.B. in diesem Video sehen kann:

In Ihrem thematischen Portfolio beschreiben Sie, dass bei der Zusammenarbeit mit Frauenorganisationen vier Themen immer wieder auftreten: Körper, Geld, Stimme und Frauenfonds. Warum bekämpfen wir immer die gleichen Dämonen, wenn auch in unterschiedlichen Kontexten? Würden Sie sagen, dass sich die Frauenrechtsbewegung in den letzten 30 Jahren insgesamt nicht sehr weiterentwickelt hat, wenn wir nach wie vor mit den gleichen Problemen kämpfen?

Nein, eher das Gegenteil. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass die Frauenbewegung einige wunderbare Veränderungen mit sich gebracht hat. Die Tatsache, dass wir noch nicht da sind, wo wir hin wollen, sagt mehr über das Ausmaß des Problems an sich aus als über den Stand der Entwicklung.
Während der letzten 30 Jahre haben die Bemühungen der Frauenrechtsbewegungen zu grundlegenden Veränderungen bezüglich der öffentlichen Einstellung, Gesetzgebung, Regierungsgewalt, in der privaten Wirtschaft und bürgerlichen Gesellschaft geführt. Frauenbewegungen haben unser Geschlechterdenken und die den Geschlechtern zugeschriebene Bedeutung verändert; sie haben unsere Sicht auf verschiedene Dinge gewandelt: Gewalt, sexuelle und reproduktive Gesundheit, die damit verbundenen Rechte und was als Beschäftigung gilt.

Einige Beispiele:

  • Ungerechtigkeit, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung wurde früher toleriert; dies ist inzwischen unakzeptabel. Gewalt gegen Frauen und Mädchen beispielsweise wird eher als ein soziales und politisches Problem (nicht als ein privates, individuelles Problem) angesehen und die meisten Menschen lehnen eine Rechtfertigung dafür ab.
  • Fälle von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, von denen wir einmal dachten, dass sie außergewöhnlich seien, sind mittlerweile alltäglich. Ein Beispiel: Frauen bekleiden Führungsrollen in der Politik, in der Geschäftswelt und in sozialen Bewegungen; dies hat die Sichtweise darauf geändert, was Frauen leisten und erreichen können. Auch ist der politische und rechtliche Schutz von Frauenrechten weiter verbreitet: Anti-Diskriminierungs-Richtlinien und Gesetze bieten Schutz am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen und darüber hinaus.
  • Frauen, Mädchen und Transgender (Menschen, deren Identitätsgeschlecht nicht ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen entspricht), für die oft andere Personen das Sprachrohr waren, möchten jetzt ihre eigene Stimme sein. Viele verschiedene Gruppen von Frauen, Mädchen und Transgendern organisieren sich eigenständig, sprechen für sich selbst und bringen ihre eigenen Anliegen vor. Viele dieser Personen sehen sich selbst sowohl ihrer speziellen Bewegung (wie einheimische Bewegungen) als auch (weiter gesteckte) Frauenbewegungen zugehörig.
  • Unser Hauptaugenmerk lag früher darauf, Frauen vor körperlichem Schaden zu bewahren. Jetzt konzentrieren wir uns mehr auf die positiven Aspekte der Gesetze, treten für die Freiheit von Frauen ein und achten darauf, dass Frauen ihre Stärke und Handlungsfähigkeit entdecken.

Mehr über unsere Erfolge bei Frauenrechtsbewegungen finden Sie hier: change is happening

Ihr Ziel ist eine langfristige Zusammenarbeit mit den Organisationen, die Sie unterstützen. Können Sie uns von einer Initiative berichten, mit der Sie bereits mehrere Jahre zusammenarbeiten? Wie können wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen?

ATRAHDOM ist ein wunderbares Beispiel für eine Gruppe, die wir bereits seit mehreren Jahren unterstützen. Als sich ATRAHDOM 2009 um eine Spende von Mama Cash beworben hat, geschah dies zum ersten Mal bei einer Organisation außerhalb Guatemalas. Die Gruppe hatte bis dahin ihre Arbeit durch eigene Ressourcen und die Unterstützung von Partnern finanziert.
Atrahdom my bodyATRAHDOM sagt: “Der Minister für Frauenfragen begann, uns bei arbeitsrechtlichen Themen einzubeziehen. Wir standen in regelmäßigem Kontakt und berieten das Ministerium, bis wir den Mut fanden, um finanzielle Unterstützung zu bitten. Im September 2009 wurde uns für in den Vororten von Guatemala City ansässigen Organisationen ein Zuschuss in Höhe von 3.000 USD bewilligt, um eine Reihe von Workshops über den Umgang mit Gewalt und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu organisieren. Wir begannen Verhandlungen mit der Regierung über kleinere Fonds. Und es war, als würde Geld zu noch mehr Geld führen, denn wir hörten von Mama Cash, bewarben uns und erhielten unsere erste internationale Unterstützung. Das war im Dezember 2009. Ein wichtiger Wendepunkt für ATRAHDOM. Unsere politische Bedeutung wuchs. Wir wurden stärker, hatten mehr Mitarbeiter, größere Büroräume und wurden respektiert.” ATRAHDOMs Jahresbudget stieg bis zum Jahr 2013 mit Hilfe von sechs institutionellen Spendern (Mama Cash ausgenommen) auf 114.000 EUR an.
Atrahdom2009 hatte ATRAHDOM keine festen Mitarbeiter, der Großteil der Arbeit wurde von den fünf Gründerinnen erledigt. ATRAHDOM hatte auch keine Büroräume. Die Organisation traf sich in einem kleinen Hotel, das einem der Mitglieder gehörte und veranstaltete in dessen Räumlichkeiten Workshops. Anfang 2009 organisierte ATRAHDOM ein Fundraising mit feministischen Partnerorganisationen und Gewerkschaften und damit war es ihnen möglich, die erste Büroausstattung zu kaufen. Heute hat ATRAHDOM 11 Teilzeitangestellte plus einige ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie investierten in die Weiterbildung der Mitarbeiter, des Vorstands und aller Freiwilligen, so dass heute alle Mitarbeiter, die die Organisation öffentlich repräsentieren in ATRAHDOMs Namen sprechen.
Um es mit den Worten der Organisation auszudrücken: “Mama Cash hat uns von Anfang an unterstützt. Dank dieser Unterstützung konnten wir als Organisation wachsen. Der Wert dieser Unterstützung geht weit über das Finanzielle hinaus. Mama Cash war immer für uns da. Sah uns. Half uns. Das gab uns das Gefühl, beachtet zu werden, gab uns ein Gefühl der Sicherheit. Mama Cash fragte immer, wie es uns ging, und das war sehr wichtig, besonders in Zeiten, in denen wir Bedrohungen ausgesetzt waren. Wir werden wahrgenommen.
ATRAHDOM vertraute besonders auf Mama Cashs Unterstützung in den Bereichen Rechtsberatung und Ressourcenbeschaffung. Die Gruppe nahm an diversen Empfänger-Meetings von Mama Cash teil. am regionalen Feminist Encounter 2011 sowie  in „Venir al Sur“ 2012.  ATRAHDOM nahm außerdem an einer Initiative von Mama Cash und ihrer Partnerorganisation Semillas teil, die sechs Empfängern in Lateinamerika helfen sollte, sich Resourcen zu erschließen und strategisch zu handeln. Der 5-tägige Workshops fand 2013 statt und ATRAHDOMs Einnahmen sind seither maßgeblich gestiegen.

Nicky-McIntyre-web-300x300Was sind Ihrer Meinung nach die größten Veränderungen bei Mama Cash seitdem Nicky McIntyre als Executive Director die Leitung übernahm?

Nicky hat Mama Cash von einem einfachen niederländischen Fonds, der mit internationalen Spenden unterstützt, zu einem wirklich internationalen Frauenfonds mit Sitz in den Niederlanden gewandelt.
Unter Nickys Führung hat Mama Cash auch ihre Spendenstrategie überarbeitet. Früher unterstützte Mama Cash viele Gruppen mit kleinen Spenden (das „Lass viele Blumen blühen“ Konzept), mittlerweile unterstützt sie weniger Gruppen und tätigt mehrjährige flexible Großspenden.

Mama Cash besteht aus einem sehr internationalen Team, das mit seiner Internationalität auch viele verschiedene Blickwinkel zu allen Themen beiträgt. Wie wichtig ist diese Vielfalt für Ihre Arbeit?

Das ist entscheidend. Unsere internationalen Mitarbeiter bringen eine großartige Vielfalt ein, hinsichtlich Wissen, Hintergründe und Erfahrungen, die jeden Aspekt unserer Arbeit bereichern. Diese Vielfältigkeit wird von uns unterstützt und gefördert stellt sie doch einen der zentralen Werte in unserer Organisation und zwischen unseren Partnern dar. Das beinhaltet die aktive Förderung der Rechte für Lesben, bisexuelle Frauen und Transgendern, für heranwachsende Mädchen und junge Frauen, für Frauen, die mit HIV/AIDS leben, für einheimische Frauen, Migranten, Prostituierte, Frauen in Armut, Frauen aus ethnischen oder religiösen Minderheiten und Frauen mit Behinderungen.

StaffDiese internationale Vielfalt garantiert auch faszinierende und erhellende Gespräche beim Mittagessen im Büro von Mama Cash 😉

Wie viele Initiativen, die Sie unterstützen, besuchen Sie vor Ort und wie eng bleiben Sie in Verbindung? Gibt es bei Mama Cash feste Ansprechpartner für die Initiativen und die ihr Anliegen dem Vorstand vorbringen?

Wir versuchen, für unsere Spendenempfänger so gut wie irgend möglich erreichbar zu sein. Wir beschäftigen bei den jeweiligen Projekten Mitarbeiter, die ein paar der Sprachen beherrschen, die in der betreuten Region gesprochen werden. Die Verantwortlichen der Programme unseres Portfolios stehen mit den Empfängern in regelmäßigem Kontakt. Der Vorstand ist lediglich auf Strategieebene, nicht jedoch in die letztendliche Entscheidung, wie Spendengelder verwendet werden, eingebunden; diese Entscheidungen werden vom jeweiligen Programmteam getroffen.
Am häufigsten treffen wir unsere Spendenempfänger bei internationalen Konferenzen und Zusammenkünften (organisiert von uns oder von anderen), so können wir unser Reisebudget optimal nutzen. Sollte einer unserer Empfänger in der Nähe einer dieser Reisen sein, versuchen wir, ihm einen Besuch abzustatten. Den laufenden Kontakt halten wir über Skype und Email. Wir verwenden unsere Spenden lieber für die jeweiligen Programme, und nicht für Reisekosten, um unsere Spendenempfänger zu besuchen.

Marjan SaxMarjan Sax hat im Jahr 1983 bewiesen, dass eine einzelne Person sehr viel bewegen kann. Was würden Sie Frauen sagen, die Frauenorganisationen unterstützen möchten, aber zögern, weil sie der Meinung sind, dass sie nicht die Kraft, die Mittel und die Möglichkeiten dafür haben?

Die couragierten Organisationen, die für die Rechte von Frauen, Mädchen und Transgendern einstehen, haben eine unerschöpfliche Energie, sind voller Visionen und Ehrgeiz. Alles, was sie brauchen, sind Geldmittel, unterstützende Netzwerke und Zugriff auf Bildungsmöglichkeiten, um den größtmöglichen Einfluss zu haben und ihre Gemeinden und Nationen zu verändern. Aus diesem Grund macht eine Spende einen gewaltigen Unterschied für kleine Gruppen.
ATRAHDOM-change-part-4-300x165Unsere Empfänger zeigen uns unentwegt, dass eben die kleinen Gruppen und Initiativen einen gewaltigen Unterschied machen: Eine Gruppe von heranwachsenden Mädchen in Malawi, die dazu beigetragen hat, Kinderehen zu verbieten, eine Gruppe von HIV-positiven Frauen in Namibia, die eine Grundsatzentscheidung gegen den Staat gewonnen haben, ob sie ohne ihr Einverständnis in staatlichen Krankenhäusern sterilisiert werden sollen, eine Gruppe für Transgender-Rechte in Chile, die erfolgreich für ein Gesetz auf Geschlechteranerkennung eingetreten ist. Wir glauben fest, dass Veränderung in den Basisgruppen beginnt.
Wir würden auch sagen, dass diese kleinen Gruppen nicht allein sind. Sie sind Teil einer Bewegung, nicht nur von anderen Basisgruppen auf der ganzen Welt, sondern auch von gleichgesinnten Spendern und Fonds.

Bitte erzählen Sie uns mehr über Ihr Projekt „Organisiere ein Event“, bei dem Leuten die Möglichkeit gegeben wird, ihre eigene Initiative zu starten und Spenden zu sammeln.

Aktivismus gibt es in verschiedensten Formen. Viele unserer Unterstützer wollen nicht nur Geld sammeln, sondern sich auch öffentlich für Frauenrechte einsetzen. Aus diesem Grund starten sie ihre eigene Initiative, um Geld zu sammeln und Frauenrechte mehr ins Bewusstsein zu rufen. Unsere loyalen Unterstützer haben alles gemacht: Dinner Partys, 80-Kilometer-Wanderungen, Bücherverkäufe, Boot-Camp-Training, bitterkaltes Neujahrsschwimmen in der Nordsee, Kunstauktionen. Wir sind unendlich dankbar, da sie auf diese Weise nicht nur imstande sind, mehr Geld für Frauenrechte zu sammeln, sondern auch die Philosophie von Mama Cash und die fantastische Arbeit unserer Spendenempfänger zu verbreiten.

 


 

Zohra Moosa

Zohra Moosa

Fragen an Zohra Moosa, Director of Programmes bei Mama Cash:

Zohra, Sie sind zu Mama Cash gekommen, nachdem Sie dreieinhalb Jahre  Women’s Rights Advisor für Action Aid (UK) waren, dort lag ihr Fokus auf Frauenrechte. Worin unterscheiden sich diese beiden Positionen?

Mama Cash konzentriert sich auf die Rechte von Frauen, Mädchen und Transsexuellen rund um den Globus – und tut das nicht aus dem Blickwinkel der Entwicklungshilfe heraus, sondern setzt in allererster Linie ihren Schwerpunkt auf Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Das ist also schon ein sehr großer Unterschied. Ein weiterer ist, dass Mama Cash ganz explizit eine feministische Initiative ist, die auch von Frauen geleitet wird; Frauenrechte sind also nicht nur eines der Gebiete, auf denen wir arbeiten, sondern der Fokus bei allem, was wir tun. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich Mama Cash nicht in erster Linie als eigene Organisation mit eigenen Projekten und Zielsetzungen versteht, sondern weltweit feministische Aktivistinnen und ihre Bewegungen finanziell unterstützt.

Sie gehören zu den festen Bloggerinnen auf Englands berühmtem Feministinnenblog „The F Word“. Würden Sie sagen, dass bloggen und die sozialen Netzwerke immer mehr an Bedeutung gewinnen, da Onlinemedien in nicht-demokratischen Ländern schwerer zu kontrollieren sind als Printmedien und Fernsehen? Wird der politische Wandel zukünftig mehr und mehr in den sozialen Medien stattfinden?

Ich glaube, Feministinnen sind kreativ und nutzen jeden Weg um unsere Sache voranzubringen. Die sozialen Medien sind in diesem Kontext in der heutigen Zeit definitiv für viele ein sehr nützliches Werkzeug. Sie können damit Bewusstsein schaffen, gemeinsame politische Agendas bilden und kollektive Aktionen organisieren. Und sie sind ein Weg für Aktivistinnen, sich über sonst fast unüberwindbare Grenzen hinweg zu verbinden und gemeinsam zu agieren. Das gilt für Länder in Westeuropa ebenso wie für den Rest der Welt. Aber die sozialen Medien sind eben nur das: ein Werkzeug. Politischer Wandel erwächst immer aus einer Vielzahl von Aktionen von Menschen, die völlig unterschiedliche Methoden und Vorgehensweisen haben.

Können Sie uns über ein bestimmtes Erlebnis berichten, bei dem Ihnen bewusst wurde, dass Mama Cash nicht nur auf dem Papier etwas zum Positiven verändert hat, sondern bei dem sie diese Veränderung auch direkt im Leben der beteiligten Personen gespürt / gesehen haben?

ATRAHDOM-FIDieses Jahr konnte ich mehrere Gruppen besuchen: ATRAHDOM und SITRADOMSA, die wir in Guatemala unterstützen und denen wir helfen, die Arbeitsgesetze für Frauen (vor allem für Textilarbeiterinnen, Hausmädchen, Landwirtschaftshelferinnen und Heimarbeiterinnen) im Land zu verbessern. Ich hatte dabei die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie diesen Frauen unsere Ausbildung und Unterstützung zu Gute kommt. Es geht vor allem darum, ihnen zu helfen ihre praktischen Fertigkeiten zu verbessern, ihre Rechte und allgemeine juristische Rahmenbedingungen besser zu verstehen und strategisch handeln zu können. Wir unterstützen die Frauen in ihrem Bestreben, positive Veränderungen für sich selbst und andere herbeizuführen.

Wie sieht bei Ihnen ein „ganz normaler Tag im Büro“ aus?

Normalerweise ist es eine ganz gute Mischung verschiedener Dinge, was schön ist. Es beinhaltet natürlich Arbeit bei unseren subventionierten Projekten, indem ich z.B. Gelder bewillige und/oder mein Team dabei unterstütze, neue Strategien für unsere „Begleitung“ (damit bezeichnen wir unser Programm, die Hilfskapazitäten für unsere Fonds auszubauen) zu finden. Heute haben wir zum Beispiel erst genau darüber gesprochen. Üblicherweise gehört zum Tag immer auch Fundraising, weil ein großer Teil dessen, was Mama Cash tut, darin besteht, das Einkommen, das wir dann an Fonds und Initiativen weitergeben können, zu erhöhen. Anders als viele andere Organisationen haben wir keine festen Dotierungen, sondern bringen unser volles Einkommen jedes Jahr aufs Neue auf. Und schließlich ist auch unsere dritte Hauptaufgabe immer präsent, nämlich die positive Einflussnahme auf unsere Spendergemeinschaft. Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch, sicherzustellen, durch Kernfinanzierungen und flexible und Langzeitfinanzierungen unseren Einfluss auf einige der innovativsten kleinen, selbst geführten und leider zu Randgruppen gehörenden Aktivistinnen im Bereich Frauen-, Mädchen- und Transsexuellen-Rechte aufrecht zu erhalten und zu teilen.

untitledIn welchem Land oder in welcher Region ist es, Ihrer Erfahrung nach, für Frauen am Schwierigsten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Darauf gibt es keine einfache Antwort, da das wirklich davon abhängt, von welchen “Frauen” man spricht. Es gibt kein einziges Land auf der Welt, in dem Frauen generell – und ganz sicher keines, in dem jede Frau – ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Aber die gute Nachricht ist, dass sich in jedem Land dieser Welt Frauen aktiv dem Status Quo widersetzen und sich für eine neue Zukunft für sich selbst, jede andere Frau, Mädchen oder Transsexuelle stark machen.

 

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