Ghosting und andere Wege, sich aus der Verantwortung zu stehlen

Zitat GhostingBis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, was Ghosting ist. Wer seine Zeit nicht vor allem auf Facebook, Twitter und Instagram verbringt, dem entgehen leicht neue gesellschaftliche Phänomene wie dieses (oder z.B. auch „FOMO“, die „fear of missing out“, die bei vielen Psychologen mittlerweile als Diagnose anerkannt ist, und die beschreibt, wie minderwertig und benachteiligt sich viele Nutzer der sozialen Medien fühlen, wenn sie sehen, was für ein scheinbar tolles Leben alle anderen haben). Und nein, das ist kein Witz, das gibt es wirklich.

Also zur Erklärung für uns medial Unsoziale: Ghosting bedeutet, eine Beziehung zu beenden, indem man einfach alle Kontakte abbricht und die Versuche des früheren Partners, wieder Kontakt aufzunehmen, ignoriert.

Aaah, mit der Definition kam mir das durchaus bekannt vor, auch wenn ich bislang nicht wusste, dass es dafür ein Wort gibt. Aber Partner oder Beziehungen, die wir gewissermaßen „ausgeschlichen“ haben, wie man Medikamente langsam ausschleicht, wenn die Beschwerden weg sind, jeden Tag die Dosierung ein wenig verringert, haben die meisten von uns schon hinter sich, oder? Eine Partnerschaft, die einfach immer weniger wird und im Sande verläuft, ohne dass es die eine große Aussprache gab, das ausdiskutierte Ende, den Schlusspunkt.

Laut aktuellen Umfragen geben rund 20% aller Erwachsenen zu, schon „geghostet“ zu haben.

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Auch Charlize Theron soll ihre Beziehung zu Sean Penn auf diese Weise beendet haben. Gut, das Zurückschrecken vor Konflikten ist nicht neu (kennt nicht jeder irgendeine Version der Geschichte des Mannes, der sagte, er gehe Zigaretten kaufen, und der dann nie wieder kam?). Wir alle würden uns manchmal (und haben es sicher auch schon getan) lieber auf dem einfacheren Weg aus der Affäre ziehen, aber Fakt ist, dass uns die sozialen Medien das natürlich erleichtern. So viele unserer Kontakte sind schon lange „nichts Persönliches“ mehr, wir chatten, wir befrienden, wir connecten, wir networken…. und wir hören einfach wieder damit auf, wenn das Gegenüber uns langweilt oder nervt. Facebook hat die Bedürfnisse seiner Benutzer da genau erkannt: Wir können blockieren, ausblenden, nicht mehr anzeigen, von der Freundesliste entfernen….. natürlich alles, ohne eine einzige Aussprache mit dem betreffenden Gegenüber gehabt zu haben, ohne die geringste Rücksicht auf seine Wünsche nehmen zu müssen . Eben weil das alles so schön einfach ist, halten wir uns ja so gerne in den sozialen Medien auf. War es da nicht nur eine Frage der Zeit, bis wir diese Taktiken auch in unser reales Leben übertragen?Spectrum-of-Ghosting.0011Ehrlich gesagt, finde ich das gar nicht so dramatisch. Dann gab es eben nicht das eine klärende Abschlussgespräch, das ohnehin mit Schreien und Tränen endet. Was bis dahin nicht gesagt wurde, ändert sowieso nichts mehr. Wenn in Beziehungen die Luft raus, was bleibt dann überhaupt noch zu sagen? Ähnlich wie die Mosuo bin ich der Ansicht, dass Trennungen mit so wenig Trara wie möglich über die Bühne gehen sollten – im Interesse aller Beteiligten.

dont-compromise-yourself-youre-all-youve-got-9Sehr viel beängstigender finde ich unser alltägliches Ghosting, wenn es nicht romantische Beziehungen, sondern unser Leben generell betrifft. Sehr viel öfter als aus dem von anderen schleichen wir uns nämlich aus dem eigenen Leben, auf die eine oder andere Weise. Die letzten paar hundert Jahre hieß das zwar „Kompromiss“ und nicht Ghosting, ist aber im Grunde dasselbe.

Fragen Sie sich doch bitte mal, wie oft in ihrem Leben Sie schon von einer Sache überzeugt waren, sich ein Ziel setzten, einen Vorsatz fassten, einen Plan absteckten…. – und wie oft daraus einfach nichts wurde. Und zwar nicht, weil es tatsächlich eine offizielle Planänderung gab, weil sie ihr Ziel änderten oder den Vorsatz überarbeiteten – sondern einfach weil es im Sande verlaufen ist. Sie haben sich nicht umentschieden, Sie haben geghostet:

Reisen
Ganz klar, „die Welt sehen“ stand bei uns allen ganz oben auf der Liste. Ayers Rock, den Machu Pichu, das Nordlicht, Kapstadt, die Chinesische Mauer….. ach ja, die Malediven wären auch nicht schlecht. Aber erst hat man ja studiert, da reichte die Kohle nicht, das macht man alles nach dem Studium. Aber nach dem Studium musste man ja endlich Geld verdienen. Und wenn man endlich Geld hatte, dann musste man ja langsam mal „gesettled“ werden, Eigentumswohnung und so, Hochzeit, Mops und Kind….. Es ist nicht so, dass man bewusst entschieden hätte, den Machu Pichu gegen 15 Gardasee-Reisen oder „Urlaub auf dem Bauernhof“ zu tauschen, wir haben einfach geghostet…

Partnerschaft
Erinnern Sie sich noch wie kritisch Sie früher anderen Paaren gegenüberstanden, bei denen ganz offensichtlich war, dass das Zweckgemeinschaften sind? Sie würden niemals so einen Kompromiss eingehen, schließlich sind wir die Dirty-Dancing-Generation, die Überwindung aller Schranken ist möglich, wenn man sich nur genug liebt. Nichts weniger als bloße Leidenschaft und verzehrende Liebe sollte Ihre Partnerschaft bestimmen….. Aber dann hat der ganze Freundeskreis geheiratet und die biologische Uhr tickte und der Typ im Bett neben Ihnen war zwar vielleicht nicht Tänzer Johnny, aber Sie fingen an, sich ganz und gar leidenschaftslos,  dafür aber geradezu erschreckend rational zu fragen, wie hoch die Chancen denn wohl sind, dass man Johnny noch treffen würde (und wieso hat man in Stochastik nicht besser aufgepasst?). Also man hat nie so wirklich offiziell mit Patrick Swayze Schluss gemacht, man hat eben nur geghostet…

Erziehung
Also immer wenn man irgendwelche verzogenen Schrazen im Supermarkt auf dem Boden liegen und Zeter und Mordio schreien hört (und die Mutter sich pädagogisch natürlich total falsch verhält) oder in der U-Bahn irgendsoein Gör seine Eis verklebten Hände an Ihren neuen Zara-Mantel schmiert (auch da versagt die Mutter total) weiß man ganz genau, was man bei den eigenen Kindern später mal gaaanz anders macht und hat ein genaues Bild davon, wie die Kids sich später entwickeln (in groben Zügen so wie bei den Gilmore Girls, Rory ist ein Traumkind). Man selbst war eigentlich auch auf dem besten Wege dahin, leider erwiesen sich die schließlich geborenen Kinder als schwieriger im Handling als die geplanten noch nicht-existenten. Es ist nicht so, dass man sich ganz bewusst für seinen popelnden, pupsenden Gehorsamsverweigerer und gegen Rory entschieden hätte, man hat einfach geghostet…

Religion
Die meisten von uns wurden mit irgendeinem Glauben erzogen und haben Kindheitserinnerungen an religiöse Feste, Feiertage oder Familienrituale. Die meisten von uns haben nie ernsthaft ihren Glauben hinterfragt und eine klare Entscheidung dagegen getroffen, dennoch sind die Kirchen heute sonntags leer und die eigene Religion kommt einem eigentlich erst kurz vor Weihnachten wieder in den Sinn. Wir haben mit unserer Religion also nicht wirklich bewusst Schluss gemacht, wir haben geghostet…

Karriere
Erinnern Sie sich noch an Ihre Zukunftsträume während des Studiums? All die großen Pläne vom Beruf, der idealerweise erfüllt und reich macht und wenn er nebenbei noch die Welt verändert und auf Dinnerparties gut klingt (das vor allem!), würde man sich auch nicht beschweren? Oder während der Schwangerschaft, die großen Vorsätze, was man mit der vielen Freizeit mit Kind alles als „Quereinsteiger“ auf die Beine stellt: „Da schreibe ich ein Buch!“ oder „Da starte ich durch mit meinem Blog“ oder „Da entwerfe ich dann selber Kindermode“… Es ist nicht so, dass wir uns das anders überlegt und ganz bewusst mit um neun ins Bett gehen ersetzt haben, wir haben einfach nur geghostet…

Politik
Die meisten von uns hatten mal politische Überzeugungen  (vielleicht nicht die richtigen, aber immerhin hatten wir politisches Bewusstsein). Ganz schrecklich fand man entweder die Spießer und das Establishment (wenn man selbst zu den Revoluzzern gehören wollte) oder eben die Revoluzzer (wenn man selbst gern zum Establishment gehören wollte). Allen gemeinsam war die Ablehnung der politisch Gleichgültigen, die nicht verstehen, was für eine Verantwortung Demokratie ist, die nur jammern, ohne etwas zu tun. –  Wann war Ihre letzte Demo? Wann war Ihre letzte politische Diskussion mit Freunden? Wir haben nicht bewusst entschieden, ignorante politische Faultiere  zu werden, wir haben einfach geghostet…

Ideale
Sie hatten mal welche, so viel ist klar. Aber welche waren das nochmal genau? Im Altbau wohnen, hohe Decken, Stuck und Flügeltüren? Mercedes fahren? Ach nein, es muss ja was gutmenschelndes gewesen sein. Müll trennen? Einen Hund aus dem Tierheim holen? Ein Patenkind in Afrika? Sie können sich jetzt nicht mehr genau erinnern, aber was es auch war, Sie haben sich nicht bewusst dagegen entschieden, der Kompost hat nur einfach immer so gestunken und eigentlich haben Sie ja auch eine Tierhaarallergie und die eigenen Kinder sind schon so teuer… Sie haben geghostet – aber dafür sind Sie ja dem Altbau treu geblieben…

Es gäbe sicher noch viele solcher Beispiele, auch ganz individuell verschiedene in unseren Lebensbereichen. Ich möchte damit nur sagen, dass Ghosting – also das kommentarlose Verabschieden von etwas, das uns für einen kommentarlosen Abschied eigentlich viel zu wichtig sein sollte, es aber offenbar nicht mehr ist – nicht neu ist. Den Kompromiss (und seine Nachteile) kennen wir schon seit ein paar Jährchen. Sicher ist es (wie fast alles) in unserem digitalen Zeitalter einfach geworden, diese stillen Abschiede zu vollziehen, weil wir (ganz wörtlich) das Gefühl haben, dass in der virtuellen Welt hinter jeder Ecke eine neue Liebe, ein neuer Traum, ein neuer Plan wartet, dass alles noch viel austauschbarer und ersetzbarer ist als je zuvor, aber das Grundproblem war lange vor den sozialen Medien da: wir sind uns nicht treu. Und das geben wir nicht gerne zu und wir diskutieren es nicht gerne aus und deswegen ghosten wir auch im eigenen Leben.

ghosting-720x400Und das Gegengift?

Ich habe leider nichts weiter zu bieten als einen abgedroschenen Kalenderspruch, der dennoch immer noch zutreffend ist: Seien Sie einfach Sie selbst. Fordern Sie ebenso vehement ein, dass Sie selbst sich treu sind, wie Sie es vom Partner fordern, überlegen Sie sich Ihren Abschied von Teilen von sich selbst sehr genau, manche sind nämlich nicht mehr lieferbar und unwiederbringlich verloren.

Mit dem Man-selbst-sein ist es nämlich nicht getan,
man muss auch man selbst bleiben. – Andere
gibt es schließlich schon mehr als genug
.

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