„C’est pour la Syrie“

Am Freitag dem dreizehnten wurden wir an etwas erinnert, was wir eigentlich nicht wissen wollen: es ist Krieg. Nicht nur „da unten“, weit weg, im Nahen (aber gefühlt meilenweit entfernten) Osten, sondern auch bei uns, mitten in Europa. Ein Anschlag in Paris musste passieren, damit Papst Franziskus das bereits lange Offensichtliche, aber noch länger Ignorierte beim Namen nennt:

Die Anschläge sind ein Teil des Dritten Weltkriegs

Carnage“ ist das Wort, das in der Pariser Horrornacht am häufigsten fällt, „Gemetzel“. 132 Tote und 350 Verletzte wurden bislang gezählt, alle Facebook-Titelbilder sind in den französischen Nationalfarben, kein Jahr nach Charlie Hebdo sind wir wieder einmal solidarisch mit Paris. Seltsamerweise hat niemand die libanesische Flagge als Profilbild,

Twitterdenn keine 24 Stunden vor den Paris-Attacken erlebte Beirut seinen eigenen Terror: Im Süden der Stadt gab es mehrere Explosionen in der Nähe eines Marktes, bisher wurden 43 Tote und über 230 Verletzte gemeldet.

Beirut

Gab es dafür Sondersendungen oder Schweigeminuten? Nein, denn das ist ja „da unten“, „die kennen das ja“, „die sind das ja gewöhnt“. Die Realistin in mir antwortet darauf, dass wir uns wohl auch daran gewöhnen, es auch kennenlernen müssen, denn eines ist klar: Paris war erst der Anfang.

ISIS hat weder in Frankreich noch im Libanon Regierungsgebäude attackiert, keine Anschläge waren auf politische Ziele gerichtet. Meiner Meinung nach sagt es viel über die Intentionen von ISIS aus, dass ein Fußballstadion, ein Markt, ein Konzert, Restaurants… attackiert wurden, statt Botschaften. Das Ziel ist unsere Art zu Leben. Der Anschlag galt der scheinbaren Profanität unserer Lebensweise.

C’est pour la Syrie“, sollen die Attentäter in der Pariser Konzerthalle immer wieder gerufen haben, „Das ist für Syrien“; und bezogen sich damit wohl darauf, dass Frankreich (anders als beispielsweise Deutschland) aktive militärische Unterstützung im Kampf gegen ISIS leistet (Deutschland beschränkt sich auf die Zurverfügungsstellung von Geldern und die Bewaffnung z.B. der jesidischen Armee, die gegen ISIS vor 3 Tagen die Sindschar-Berge zurückerobern konnte). Ist Frankreich also Ziel solcher Angriffe, weil es politisch aktiver und deutlicher agiert als die meisten anderen europäischen Länder? Was den Rest von Europa jetzt natürlich darin bestärkt, noch zurückhaltender zu sein. Aber ist es so einfach? Sich im Gewitter ducken und hoffen, dass der Blitz beim Nachbarn einschlägt (mit dem man sich hinterher natürlich solidarisch zeigt)?

Aus Sicht von ISIS ist der Westen ein Mob voller reicher Ungläubiger, der sich in die Belange der islamischen Welt einmischt, vordergründig Moral heuchelt, im Grunde aber mit allen Parteien Geschäfte macht. Ehrlich gesagt ist letzteres von der Wahrheit nicht weit entfernt. ISIS finanziert sein Recruiting, seine Waffen, seine Stützpunkte, seine Versorgung etc. aus einer nicht enden wollenden Geldquelle: 1,5 Millionen Dollar verdient ISIS pro Tag durch Ölverkäufe. Wie und an wen? Über die Türkei (wohlgemerkt enger Verbündeter der USA im Kampf gegen ISIS) an den Westen, also an uns. Woher haben sie Waffen? Laut einem Bericht der von der EU beauftragten Forschungsgruppe Conflict Armament Research (Dispatch_IS_Iraq_Syria_Ammunition) hat ISIS Waffen aus mehr als 20 Ländern, alte und neue, dem Gegner im Kampf abgenommene und gekaufte. Auch deutsche Handgranaten des Typs D41 setzte ISIS ein – woher haben sie die wohl? Die erste Vermutung, dass sie wohl für kurdische Kämpfer bestimmt waren, wurde von der Bundeswehr sofort dementiert, denn die Kurden seien mit dem moderneren Modell D51 beliefert worden – seitdem wird über den Vorfall der Mantel des Schweigens gehüllt.

Raushalten, um den eigenen Kopf zu retten, geht also nicht, wir sind längst mittendrin. Und auch das deutsche „Tja, also wir haben aufgrund unserer Geschichte ja so unsere Probleme mit militärischen Einsätzen….“ kann nicht gelten, denn in jedem anderen Kontext beansprucht Deutschland für sich, endlich nicht mehr auf seine WWII-Vergangenheit reduziert zu werden, dann kann es auch nicht jedes Mal, wenn es um die Drecksarbeit Krieg geht, mit diesem abgenutzten Argument ankommen und alles den Amerikanern, Briten und Franzosen überlassen. Das Gut Freiheit hat nun einmal seinen Preis, nicht nur im Nahen Osten.

Das Gegenteil sollten wir tun: Endlich anerkennen, dass Papst Franziskus Recht hat, wenn er das, was von der Presse oft so euphemistisch als „Konflikt im Nahen Osten“, selbst als Weltkrieg bezeichnet. Dem Westen muss klar werden, dass wir nicht mehr in Talk-Shows und Parteitreffen „entscheiden“ können, welche Rolle wir übernehmen, denn wir spielen unsere Rollen seit Jahren, das Drehbuch ist im Frühling 2011 in Homs fertiggestellt worden (als wir gerade mit Wichtigerem beschäftigt waren) und seitdem halten wir uns alle an unsere Stichworte und (re-)agieren genau wie vorgesehen. Brav nennen wir eine terroristische Dschihadisten-Gruppe „Islamischer Staat“ und räumen ihr damit eine Relevanz und einen staatspolitischen Stellenwert ein, die sie nie hätte bekommen dürfen; brav fürchten wir uns nun vor den Flüchtlingen, die erschöpft über unsere Grenzen schleichen und fragen uns, wie viele ISIS-Kämpfer wohl darunter sind; brav lassen wir unsere Angst und unsere Ahnungslosigkeit von Politikern instrumentalisieren – und das ist genau das, was ISIS in die Hände spielt.

Aussteigen können wir also nicht aus diesem international inszenierten Stück, aber es wird Zeit, dass ISIS die Regie entzogen wird und wir Verantwortung übernehmen. Was in Paris am vergangenen Wochenende geschah, war grauenhaft, aber es war nicht überraschend und es lässt sich nicht im Mindesten vergleichen mit dem, was die Menschen im Nahen Osten in den letzten Jahren zu erleiden hatten ohne eine auch nur vergleichbare mediale Aufmerksamkeit. Lassen Sie uns bitte Solidarität nicht mit Angst vor Anschlägen im eigenen Land verwechseln, denn echte Solidarität definiert sich darüber, nicht regional zu unterscheiden.

Das ganze Wochenende kamen neue Mitteilungen, aus welchen Ländern die mutmaßlichen Attentäter kamen, ob sie Franzosen waren oder tatsächlich aus Syrien eingereist sind und wenn ja, wie? Als würde das eine Rolle spielen. Auch diese Spekulationen sollen nur unsere Angst schüren. Derzeit werden weniger als die Hälfte aller Flüchtlinge bei der Einreise in Europa registriert, das ist wahr. Aber Dschihadisten kommen normalerweise nicht zu Fuß über Griechenland nach Europa, denn wie oben bereits geklärt: Dschihadisten haben genügend Geld für einen gefälschten Pass und ein Flugticket. Die Wahrheit ist außerdem, dass der Terror-Strom in beide Richtungen verläuft: Es wird geschätzt, dass sich mittlerweile 15.000 Europäer im Nahen Osten ISIS angeschlossen haben, wenn diese also als Selbstmord-Attentäter zurückkommen, brauchen sie noch nicht einmal einen gefälschten Pass, denn ihr europäischer Pass öffnet ihnen alle Türen.

Wir müssen lernen, dass die Welt nicht mehr schwarz-weiß ist, sie ist komplizierter und gefährlicher geworden und wir müssen anfangen, uns wirklich damit zu beschäftigen. Es reicht nicht mehr, die Worte PKK oder Hamas oder Hisbollah schon mal gehört zu haben, wo sind nochmal genau die Kurden und wer waren nochmal die Jesiden? Und wie war das mit den Sunniten und Schiiten? Und gibt’s nicht auch noch Alawiten? Es gibt eine Menge Themen auf der Welt, bei denen wir uns aussuchen können, ob wir uns damit beschäftigen – dieses ist keines davon. „Ach, Wein ist nicht so meins, da kenne ich mich leider gar nicht aus“ ist ein vollkommen legitimer Satz, „Ach, Politik ist nicht so meins, da kenne ich mich leider gar nicht aus“ ist es nicht. Wir dürfen unseren Kindern nicht vorleben, dass Politik etwas ist, das andere machen und sie uns nicht wirklich betrifft. Dieser Krieg muss relevant werden in unserem Alltag, denn wenn Paris etwas verdeutlicht hat, dann, dass er uns sehr wohl betrifft.

Jetzt gerade findet eine Neuordnung der Welt statt und unserer Rolle darin müssen wir gerecht werden.

Unser Blog wird seinen Beitrag leisten (und damit selbstverständlich auch wieder #BloggerFuerFluechtlinge unterstützen), denn vom 1.12. bis zum 24.12. wird es im Advent hier ein Special mit dem Titel 24 Türen in die Welt geben. Unsere Türen führen (natürlich) vor allem in den Nahen Osten, stellen Länder, Zusammenhänge, Einzelschicksale, Widerstandskämpfer, politische Verbindungen und ganz normale Menschen aus den Ländern, aus denen wir eigentlich nur in den Nachrichten hören, vor. Und mit 5 Minuten am Tag sind Sie dabei und können Ihren Beitrag leisten zu einem besseren Verständnis von etwas, das uns nicht mehr länger fremd sein darf.

C’est pour la Syrie.

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