ISIS vs. St. Martin

In den letzten paar Tagen wurden die deutschen Fußballfans, die Sportpresse und ihre heißgeliebte Nationalmannschaft zweimal mit so etwas ähnlichem wie Realität konfrontiert  – zum Glück ist das gerade noch (zwei)mal gut gegangen. Nicht auszudenken, wenn einer der millionenschweren Profi-Fußballer von „Moslems“ verletzt worden wäre. Mit einer Viertelmillion toter Syrer können wir leben, aber ein Mitglied der „Weltmeister“-Elf mit verletztem Schussbein wollen wir uns lieber gar nicht vorstellen, da wären die deutschen Grenzen wohl inzwischen dicht.

Bitte Hand heben, wer diese Sätze in den letzten Tagen und Wochen schon gehört (oder gesagt?) hat:

  • „Wir haben es ja schon immer gewusst, die Flüchtlinge bringen nur Probleme.“
  • „Die hätte man nie einfach so reinlassen dürfen.“
  • „Es können doch nicht alle, bei denen Krieg ist, zu uns kommen!“
  • „Was wollen die alle bei uns? Sollen sie doch zuhause bleiben, wir können ja nichts dafür, dass bei denen Krieg ist!“
  • „Die haben doch alle falsche Ausweise, das sind doch alles Kriminelle.“

Ich erinnere mich noch, wie ich während der O.J. Simpson Verhandlung in New York total genervt war, dass man an keiner Supermarktschlange stehen oder keine 5 Minuten in einem Wartezimmer sitzen konnte, ohne den Fall von vorne bis hinten durchzudiskutieren, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was man sich momentan in Deutschland anhören muss, wenn man irgendwo auf die U-Bahn wartet. Und die deutschen Politiker stehen dem in nichts nach, denn es müssen ja schon Vorkehrungen für die nächste Wahl getroffen werden. In den USA haben bereits mehrere (natürlich republikanische) Gouverneure erklärt, sie wollen keine syrischen Flüchtlinge mehr aufnehmen. In Bayern twittert Markus Söder: Paris „ändere alles“.Söder

Auch wenn sich viele deutsche Politiker von Söders klaren Worten distanzieren, inhaltlich sind viele bei ihm. „Wir müssen die Ängste der Menschen im Land ernst nehmen“ ist das Mantra der letzten Wochen und ich habe das Gefühl, wenn ich diesen Satz noch ein einziges Mal höre, werfe ich meinen Schuber mit den 10-bändigen Thomas-Mann-Tagebüchern nach dem Fernseher (ich weiß, symbolischer wäre der Koran, der ist aber nicht schwer genug).

Wenn Sie zu diesen Menschen gehören, die Angst vor Moslems haben, weil sie keinen Unterschied zwischen Moslems und Dschihadisten machen, dann können wir Sie nicht ernst nehmen, weil Sie offenbar sehr ungebildet und dumm sind! Umgekehrt sollten Sie aber die Erweiterung Ihrer Allgemeinbildung ernster nehmen. Politiker werden Ihnen das nicht ins Gesicht sagen, denn sie wollen ja von Ihnen wiedergewählt werden, aber glauben Sie mir, es gibt keine Partei, die nicht genau das über Sie denkt (sogar die in den letzten Wochen immer beliebter gewordene AfD).

Die Attacken von Paris machen Ihnen Angst? Dann stellen Sie sich bitte vor, in einem Land zu leben, in dem Paris jede Nacht und jeden Tag passiert – seit vier Jahren! Denn genau davor fliehen die Flüchtlinge aus Syrien! Allerdings mit dem Unterschied, dass es keinen interessiert und der Eiffelturm, die Oper in Sydney oder das Brandenburger Tor nicht in den Farben ihres Landes beleuchtet wird.

Moslems sind keine Terroristen! Fast alle islamistischen Gruppierungen entspringen dem Wahhabismus, einer sehr traditionalistischen und radikalen Form des sunnitischen Islam (bei den 24 Türen zur Welt, die am 1. Dezember bei uns auf Jills Blog starten, werden wir in dieses Thema detaillierter einsteigen). Der Rest des Islam distanziert sich vehement von dieser Glaubensauslegung. Nur weil die Dschihadisten während ihrer Anschläge „Allahu Akbar“ (Gott ist größer) rufen, repräsentieren sie damit nicht den Islam. Wer Schwierigkeiten hat, das zu verstehen, den möchte ich daran erinnern, dass Pegida auch „Wir sind das Volk“ ruft, dabei aber hoffentlich auch nicht alle Deutschen repräsentiert, oder?

ALLAHU-EKBER

Sicherheit ist eine Kernkompetenz“, höre ich in letzter Zeit immer wieder verschiedene Parteien sagen, aber das ist Quatsch. Sicherheit ist eine Illusion. Wer auch immer Ihnen verspricht, dass mit geschlossenen Grenzen, härteren Kontrollen, Zäunen oder der Abschottung vor Flüchtlingen Ihre Sicherheit steigt, belügt Sie.

Auch wenn unsere Politiker uns manchmal einen anderen Eindruck vermitteln (und die AfD uns das einreden möchte), sind dennoch nicht alle Politiker Idioten. Wenn es einfache Lösungen gäbe, hätte man sie umgesetzt. Jeder gangbare Weg erfordert aber leider Opfer unsererseits, und genau das ist der Punkt: denn was Opfer betrifft, ist uns die Gegenseite meilenweit voraus.

If you have a handful of people who don’t mind dying, they can kill a lot of people. That’s one of the challenges of terrorism. It’s the ideology that they carry with them and their willingness to die”,

sagte Obama am Montag beim G-20-Gipfel und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Eine Ideologie, die zu jedem Opfer bereit ist, muss einer anderen überlegen sein, deren Mantra seit Jahrzehnten ist, dass ihr alles zusteht und sie auf nichts verzichten muss. Seien wir ehrlich: Opfer sind nicht unsere Stärke.

Das Problem ist nur, dass es nahezu unmöglich ist, Freiheit zu verteidigen ohne sie einzuschränken.

In den kommenden Jahren werden wir Opfer bringen müssen, also gewöhnen wir uns lieber schnell daran:

  • Flüchtlinge aufzunehmen bedeutet, dass sie auch in Ihrer Nähe untergebracht werden
  • Die Einwanderung von Flüchtlingen in Europa zu beschränken bedeutet, dass große Geldsummen zur Verfügung gestellt werden müssen, um die syrischen Flüchtlinge in ihren Nachbarländern (Libanon, Jordanien etc.) menschenwürdig unterbringen und versorgen zu können
  • Die aktuellen Vorgänge in der Welt zu verstehen (oder verstehen zu wollen) heißt, dass man sich intensiv damit auseinandersetzen und auch mit seinen Kindern darüber sprechen muss. Frieden fängt im Kleinen an, nehmen Sie Kontakt zu Flüchtlingen in Ihrer Nähe auf, laden Sie Flüchtlingskinder ein, die mit Ihren Kindern zur Schule gehen, hören Sie sich an, was sie alles durchgemacht haben, damit Sie verstehen, wie essentiell unsere Hilfe ist. Nicht nur die Politik muss eine Lösung für „das Flüchtlingsproblem“ finden, es wäre schon ein großer Schritt geschafft, wenn jeder von uns eine kleine Lösung für das Problem eines einzigen Flüchtlings findet.

Sie können eine Menge tun, denn genau Sie sind in vielen Aspekten die eigentliche Ursache des Problems. Warum wurden in den letzten Jahren die Gelder, die in die Flüchtlingslager im Nahen Osten flossen, immer weiter gekürzt statt aufgestockt? Weil man Ihnen die Kosten im Haushalt nicht verkaufen konnte. (Sie erinnern sich, Politiker wollen von Ihnen gewählt werden.) Warum sind sich fast alle westlichen Länder darüber einig, dass man mit Luftangriffen allein ISIS nicht besiegen kann, dass Bodentruppen geschickt werden müssen, und wieso wird das trotzdem nicht geschehen? Weil man Ihnen nicht verkaufen könnte, dass Ihre Soldaten nach Mosul geschickt werden. Warum lassen sich Politiker aller Parteien dazu hinreißen, immer wieder die Terroranschläge in Paris mit dem Flüchtlingsstrom in Verbindung zu bringen? Weil es das ist, was Sie hören wollen.

Sie haben also sehr viel mehr Einfluss als Sie glauben, daher sollten Sie in Zukunft bitte äußerst verantwortungsvoll mit Ihrer Macht umgehen, denn vieles, was Sie bisher taten, hat ISIS direkt in die Hände gespielt. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die die großen Parteien unter Druck setzen, nationaler zu handeln, weil Sie sie indirekt damit bedrohen, sonst rechts zu wählen, dann rate ich Ihnen, einfach gleich einen 100 Euro-Schein zu nehmen (und vielleicht auch ein paar besonders scharfe Küchenmesser), alles in einen Umschlag zu stecken ihn an „Sogenannter Islamischer Staat, Mosul, Irak“ zu adressieren und abzuschicken, so können Sie ISIS direkt unterstützen, ohne andere mit hineinzuziehen. Sie sind empört? AfD-Alternative-fuer-Deutschland-VolksverdummungGlauben Sie mir, AfD wählen ist noch schlimmer.

Einstweilen verlieren wir uns (wie so oft) in Nebenschauplätzen. Ob das Testspiel gegen die Niederlande stattfinden soll? Ein mehr als zögerlicher Jogi Löw bringt es auf den Punkt mit der Aussage „Gibt es im Moment nicht wichtigeres als Fußball?“ Doch selbstverständlich sind da größere Mächte am Werk, Werbeverträge müssen eingehalten, Sponsoren befriedigt werden, der Rubel muss Rollen, Paris hin oder her, deshalb muss auch Löw später einlenken: „Man muss funktionieren.“ Als „ein Zeichen setzen“ sollte uns das Spiel verkauft werden (wow, ISIS hätte sicher gezittert vor der Entschlossenheit der westlichen Welt), doch die Funktionäre wurden rasch der Illusion beraubt, dass wir noch in einer Welt leben, in der der DFB politische Entscheidungen trifft.

Im Rest von Europa gibt es Schweigeminuten und Solidaritätsbekundungen – die leider niemandem helfen. Ein Fußballspiel ist kein Trost für die Angehörigen der Pariser Toten und organisiertes Schweigen hilft keinem der hunderttausenden Opfer im Nahen Osten. Geschwiegen und Fußball geschaut haben wir schon viel zu lange. Also kehren wir zurück zu unserer Allzweckwaffe: wir machen weiter, als wäre nix geschehen und verkaufen das als „dem Terror die Stirn bieten“. Cafe-articleLargeZeitungen weltweit (z.B. auch die New York Times) zeigen heute Fotos von mehr oder weniger gelangweilt in Pariser Cafés oder Bars sitzenden Franzosen, die Bier oder Kaffee trinken, und untertiteln das mit „Zeichen der Auflehnung gegen den Terror“ und ähnlichem. Hallo? Ein Bier in einer Bar war noch nie ein politisches Statement und wird auch nie eines werden. Café au Lait in Straßencafes gab es lange vor ISIS (und hoffentlich auch noch lange danach), bitte machen wir uns doch beim nächsten Cappuccino nicht vor, dass er uns zum Widerstandskämpfer macht! Wir kehren nicht aus Heldentum zur Normalität zurück, sondern weil die Alternative noch viel erschreckender wäre, da müssten wir uns ja tatsächlich überlegen, was wir ändern könnten. Machen wir also Ignoranz bitte nicht zum revolutionären Akt.

Was sich bei uns langsam einstellt ist eine gewisse Mitgefühls-Fatigue. Es passiert so viel, in so kurzen Abständen, dass wir uns langsam emotional ausklinken. Ja, Syrien ist grauenhaft, ja, der Jesiden-Genozid unvorstellbar, ja, dass es jetzt Angriffe in Paris und ernstzunehmende Drohungen in Hannover gibt, macht einem eine Heidenangst. Aber wenn wir ehrlich sind: schlaflose Nächte haben wir wegen der Heizölrechnung, der Ehekrise, dem verlorenen Smartphone und weil wir nicht wissen, auf welche Silvesterparty wir gehen sollen. An unsere in der Presse in den letzten Tagen so oft zitierte „Art zu leben“ werden wir uns bis zuletzt klammern, ich bin mir nur noch nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist.

Die Christen unter Ihnen wissen sicher, dass letzte Woche, am 11.11., St. Martin war, das christliche Fest des Teilens und des Mit-Laternen-hinter-einem-Pferd-Herlaufens. Die Philosophie des St. Martin war wohl nie aktueller als gerade in diesem November, nie zuvor ging es so sehr darum, eben gerade nicht genau so weiter zu machen wie bisher, sondern Abstriche zu machen von unserer bisherigen Lebensweise und ein neue, allgemeingültigere zu finden, die andere inkludiert, statt auf deren Kosten zu gehen.

Ein bisschen so wie Martin
möchte ich manchmal sein
und ich will an andre denken,
ihnen auch mal etwas schenken.
Nur ein bisschen, klitzeklein,
möcht´ ich wie Sankt Martin sein.

Dieses Lied wurde letzte Woche bei hunderten Martinsfesten in Deutschland gesungen und hinterließ sicher nicht nur bei mir einen schalen Nachgeschmack. Erinnern wir uns doch bitte daran, dass St. Martin nicht zum frierenden Bettler sagte „Ach, dir ist kalt? Ja, dann lass mich doch mal zuhause nachschauen, was ich noch so im Keller habe. Da müsste noch ein Mantel sein, bei dem ich noch keine Zeit hatte, ihn wegzuschmeißen, den kann ich dir bei Gelegenheit mal vorbeibringen. Wie sieht‘s denn übermorgen gegen 17 Uhr aus? Da könnte ich nach dem Fitness-Studio bei dir vorbeikommen, dann muss ich nicht extra fahren….

Martin hat damals seinen Mantel geteilt, einfach so, und er hat nicht irgendetwas gegeben, das er nicht mehr braucht, das ihm im Keller Platz wegnimmt, also keine Bedeutung mehr für ihn hat, nein, er hat die Bedürfnisse eines anderen für einen Moment über die eigenen gestellt, er hat ein Opfer gebracht. Es wird höchste Zeit, dass wir uns das bewusst machen. In dieser ganzen Kriegs-Gemengelage sind wir nämlich die einzigen, die das nicht können.

 

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