Clinton, advanced version: Hillary

hillary_clinton_quote_2Im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft spielt der „Likability“-Faktor eine große Rolle. Das könnte Hillary Clintons größtes Problem sein, denn während kein vernünftiger Mensch bezweifelt, dass sie hochintelligent, tough, eloquent, souverän und diplomatisch ist, ertappen wir uns doch immer wieder bei der Frage: aber mag ich sie?

Natürlich wird es ein unerklärliches Phänomen bleiben, warum Trump dagegen für viele Leute durchaus likable ist, aber lassen wir das.

In einem Jahr wird Hillary Clinton aller Wahrscheinlichkeit nach erste Präsidentin der Vereinigten Staaten sein (sollte sie nicht bis dahin selbst mit einer Praktikantin beim Oralsex erwischt werden). Es müsste schon einiges passieren, um sie aus ihrer Favoritenrolle zu verdrängen und es scheint, als hätte Amerika solche Angst vor diesem Tag im nächsten November, an dem es wieder einen Clinton zum Präsidenten wählen wird, dass wir nichts anderes tun, als uns eine im Grunde perfekte Kandidatin schlecht zu reden:

  • Sie lächelt nicht genug.
  • Sie ist arrogant.
  • Sie muss emotionaler werden.
  • Sie wirkt immer so kühl.
  • Sie ist zu alt.
  • Nicht schon wieder ein Clinton im Weißen Haus!

Ja, dass dieses Jahr ein Clinton und ein Bush kandidieren, sieht international nicht gut aus. Der Guardian sprach gar schon von einer Dynastisierung der amerikanischen Demokratie, in der die politische Macht zwischen ein paar reichen Familien aufgeteilt wird, doch hier kam Hilfe von unerwarteter (und sicher unbeabsichtigter) Seite. Ausgerechnet den Wahlkampf seines Sohnes Jeb nutzte George Bush sen. nämlich, um endlich einmal loszuwerden, welche Fehler George W. Bush während seiner Amtszeit gemacht hatte und wie schlecht ihn Vizepräsident Cheney (der sogar von Bush sen. als „Hardliner“ bezeichnet wird, schön dass diese Erkenntnis jetzt auch schon in republikanischen Kreisen angekommen ist) beraten habe. Wenn also von früheren Familienmitgliedern im Oval Office nun Kritik statt Unterstützung kommt, ist der Vorwurf der internen Machtzuschusterung per sé nicht mehr haltbar.

PortraitArrogant ist sie natürlich, aber entschuldigen Sie bitte, sie tritt gegen Trump an….

Was ihr Alter betrifft: Die Jüngste ist sie wirklich nicht mehr, vor wenigen Wochen wurde sie 68. William Henry Harrison, der ebenfalls mit 68 Jahren Präsident wurde, tat späteren Kandidaten keinen Gefallen, als er nur vier Wochen nach seiner Amtseinführung starb, aber Hillary legte erst in diesem Herbst ein umfassendes medizinisches Gutachten vor, das bestätigt, wie topfit sie ist. Seltsam nur, dass die Altersfrage bei den Männern (trotz statistischem Nachweis, dass Männer früher sterben) ein viel unwichtigeres Thema ist. Alle Hauptkandidaten beider Parteien sind im Rentenalter, Bernie Sanders ist sogar schon 74. Die einzigen beiden jüngeren Kandidaten, Ted Cruz und Marco Rubio (beide Mitte vierzig) werden zwar nicht müde, von einem Generationswechsel zu sprechen, doch beide scheinen weit lethargischer als ihre in die Jahre gekommenen Gegner. Auch Trump ist älter als Hillary, aber wenn wir über Trump und eine mögliche Präsidentschaft sprechen, ist sein Alter unser geringstes Problem.

Hillary selbst nimmt Anspielungen auf ihr Alter mit dem selbstironischen Humor, den ihr die Presse immer wieder abspricht zu haben: „Ich werde jedenfalls die jüngste Präsidentin in der Geschichte der USA sein“ oder „Ich bekomme im Weißen Haus keine grauen Haare, denn ich färbe schon seit Jahren„.

Mit ihrem Image steht sie schon seit 30 Jahren auf Kriegsfuß, deswegen scheint sie sich ständig neu zu erfinden. Mal versucht sie, jugendlich und modern zu wirken, dann wieder fast großmütterlich, mal versucht sie nett und weniger einschüchternd rüberzukommen, mal bringt sie Gegner ganz bewusst durch ihre kühle Souveränität zum Schweigen. Sie ist zweifellos brillant, aber diese ständig neuen Rollen machen sie auch geradezu lächerlich defensiv. Immerzu versucht sie etwas zu beweisen, zu überzeugen, und das zehrt nicht nur an ihren Nerven sondern auch an unseren. „Weicher“ will sie wirken und wann immer sie auch nur einen Hauch Emotionalität zeigt, schreibt die amerikanische Presse gleich von einem „humanizing moment“ – als würde ihre Toughness sie unmenschlich machen (männlichen Kandidaten würde etwas dermaßen absurdes nie vorgeworfen, bei ihnen wäre die scheinbare Härte ein Pluspunkt).

HillaryMir ist die starke Hillary lieber und ich hatte das Gefühl, in ihrer 11-stündigen Befragung vor dem Benghazi-Ausschuss zu den Geschehnissen in Libyen während ihrer Zeit als Außenministerin hat sie endlich auch mit ihrer eigenen Persönlichkeit Frieden geschlossen. Einen ganzen Tag lang auf einem unbequemen Stuhl im Scheinwerferlicht  bornierten, hasserfüllten Republikanern gegenüber zu sitzen, die ihr Fragen stellten, die bereits vor Jahren beantwortet wurden, verlangte ihr genau das ab, worin sie schon immer am besten war: kühles Kalkül, intellektuelle Überlegenheit, kompromisslose Entschlossenheit, makellose Kontenance.

Was ihrer Kandidatur den Hals brechen sollte, gab ihr Rückenwind: Nicht nur die Presse, sondern auch die Wähler waren begeistert, wie gelassen Hillary diesen Marathon wegsteckte, sogar die dümmsten Fragen beantwortete und vehement ihren (zweifellos überlegenen) Standpunkt vertrat. Sie ist am besten, wenn sie nicht zu verstecken versucht, wie intelligent, talentiert und willensstark sie ist.

In Amerika gibt es ein Sprichwort, das sie verkörpert wie kaum ein anderer Politiker: When the going gets tough, the tough get going. Sie rannte nicht weg, als sie während der Präsidentschaft ihres Mannes nicht Gesundheitsministerin werden konnte, sie rannte nicht weg, als er mit Monica Lewinsky Sex hatte, sie rannte nicht weg, als sie 2008 gegen Obama verlor. – Sorry, Donald, sie wird nicht verschwinden.

Und sie hat eindeutig bessere Berater als die anderen Kandidaten. Im Wahlkampf gibt sie sich nicht als die erfahrene Staatsmännin, die sie ist, sondern als zornige Populistin. Sie wettert gegen die horrenden Studiengebühren und das katastrophale Steuerrecht der USA, demzufolge Krankenschwestern proportional mehr Steuern zahlen als Bankdirektoren. Sie setzt sich vehement für Klimaschutz sein, will die Rechte Homosexueller stärken und Einwanderern den Weg zur Staatsbürgerschaft erleichtern.  –  Merken Sie was?   Verzweifelte Politiker in jedem Land schwenken immer nach rechts, um die Traditionalisten und Konservativen auf ihre Seite zu bekommen. Hillary ist nicht verzweifelt. Sie braucht die konservativen Wähler nicht, sie hält sich an Obamas Gefolgschaft und will die Wahl allein mit den Jungen, Schwarzen, Frauen, Latinos und liberalen Akademikern gewinnen, ohne sich Palin und Konsorten auch nur auf zehn Fuß nähern zu müssen. Dieses „Wir müssen die Ängste der (rechten) Wähler ernst nehmen“-Geschwätz  gibt es bei ihr nicht..

voting-republican1Vor dieser Frage, wie die Wählerschaft zu akquirieren ist, stehen auch die Republikaner, wenn sie überhaupt eine Siegchance haben wollen: Stammwähler mobilisieren (also bei konservativen Werten bleiben) oder neue Wählerschichten erschließen (und sich mehr zur politischen Mitte bewegen). „Going deep or going wide“ nennen amerikanische Wahlkampfstrategen das.

Die gute Nachricht ist: Um zu gewinnen, müssten sie beides tun und das können sie nicht. Damit sie junge Menschen auf ihre Seite bekommen, müssten sie sich den Themen Abtreibung, Homo-Ehe und Einwanderern annähern, wenn sie das tun, verlieren sie aber ihre Kernwähler, also die alten, religiösen Männer.

„Joker“ der republikanischen Partei sind daher Jeb Bush (Gott steh uns bei!), der mit einer Mexikanerin verheiratet ist und über diesen Weg Latino-Stimmen beschaffen soll und Marc Rubio (Sohn kubanischer Einwanderer), dessen mediale Präsenz aber ungefähr so groß ist wie die von Jean-Claude van Damme, kandidiert er überhaupt noch?

Bush Clinton

Doch unabhängig von den Versuchen der republikanischen Partei, personell abzudecken, was sie inhaltlich nicht abdecken kann, wird der Krieg im Nahen Osten die Spreu vom Weizen trennen. Während Trump nach den Angriffen in Paris vorschlägt, alle Moslems müssten sich staatlich registrieren lassen und auf die Nachfrage eines Journalisten, inwieweit sich so eine Registrierung denn von der Registrierung der Juden im Nazi-Deutschland unterscheide, nur antwortet „You tell me„, hat Hillary wieder einmal keine Schwierigkeiten, in der Krise ihre Stärke zu finden. Anders als andere Politiker ist ihre aufgeblasene Strategie nicht „Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“ oder etwas ähnlich Bedeutungsloses. Wir sind nicht mehr in der zweiten Klasse und ISIS ist kein Papierkügelchen schießender Bully. Die Strategie „Wir tun einfach so, als würde uns das nix ausmachen, dann hört er schon von selber auf“ wird nicht funktionieren. Glauben Sie mir, ISIS weiß, dass wir nur so tun, als hätten wir keine Angst! –  Hillarys Reaktion ist sehr viel präziser: Die Angriffe auf Paris dürfe man nicht dafür missbrauchen, politisch punkten zu wollen. “It is time to begin a new phase and intensify and broaden our efforts to smash the would-be caliphate and deny ISIS control of territory in Iraq and Syria.”  Auch Saudi-Arabien gegenüber wagte sie sehr viel deutlichere Worte als andere Kandidaten oder Obama selbst: “Once and for all, the Saudis, the Qataris and others need to stop their citizens from directly funding extremist organizations.”

Die Äußerungen ihrer republikanischen Rivalen bezeichnete sie als „un-amerikanisch“:

We are in a contest of ideas against an ideology of hate and we have to win. Let’s be clear, though: Islam itself is not our adversary. Muslims are peaceful and tolerant people and have nothing whatsoever to do with terrorism.”

Hillary muss sich nicht mehr neu erfinden, wir können unseren Frieden mit ihrem beißenden Lachen, ihrer spröden Stimme, ihrer Sturheit und ihrem messerscharfen Verstand machen, denn in der Hillary-Mischung ist eine Menge, wovon das Land während ihrer Präsidentschaft profitieren wird – sie muss nur selbst auch ihren Frieden mit sich machen und ich glaube, sie ist auf dem besten Weg das zu tun. Und seien wir ehrlich: die Republikaner machen es ihr im Moment einfach, zu brillieren.

1960 wurde Kennedy der erste katholische Präsident der USA, 2008 wurde Obama  der erste Schwarze im Weißen Haus. 2016 wird Hillary Clinton zur ersten Madam President.

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