Tür 01 – Ali al-Nimr

Tür 01 - Saudi Arabien

Eigentlich wollte ich unsere 24-tägige gemeinsame Reise durch die Welt in Syrien beginnen, einfach weil es das Land auf der Welt ist, das im Moment die meiste Aufmerksamkeit braucht und verdient. Aber das muss noch einen Tag warten, heute öffnet sich die erste unserer 24 Türen in die Welt erst einmal nach Saudi-Arabien, denn dort braucht Ali al-Nimr Ihre Hilfe, ihm läuft die Zeit davon, sein Todesurteil kann jeden Tag vollstreckt werden.

Am Freitag hat die Saudi-Arabische Regierung bekannt gegeben, dass sie in den nächsten Tagen über 50 Gefangene wegen „terroristischer Aktivitäten“ hinrichten lassen will, auch Ali steht auf der veröffentlichten Liste der 52 Männer. Nur dass Ali nicht wirklich ein „Mann“ ist.

Ali Pic2012 nahm der damals 17-jährige Ali an einer Demonstration teil. Der Arabische Frühling in Saudi-Arabien war in vollem Gange und Ali demonstrierte in seiner Heimatstadt Qatif gegen das saudische Königshaus. Ali ist kein Aktivist, einfach ein Jugendlicher, der mit seinen Mitschülern an einer Demo teilgenommen hat. Anders als seine Mitschüler wurde er jedoch verhaftet und wegen der angeblichen Zugehörigkeit zu einer Terrorzelle zum Tode verurteilt. Mit tagelanger Folter wurde er zum Unterzeichnen eines zur Anklage passenden Geständnisses gezwungen. Warum macht sich die saudische Regierung diese Mühe bei einem 17-jährigen Schüler? Weil Ali nicht irgendjemand ist, er ist der Neffe von Nimr al-Nimr, dem bekanntesten Prediger der schiitischen Protestbewegung im Osten des Königreiches (die al-Nimrs gehören der schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien an, Staatsreligion ist der hanbalitische Islam, eine Form des Sunnismus). Nimr al-Nimr hat den Rang eines Ajatollah und galt als oppositioneller Führer, ehe auch er 2014 verhaftet und zum Tode verurteilt wurde, wegen internationaler Proteste wurde das Urteil jedoch noch nicht vollstreckt.

Das ist auch Alis letzte Hoffnung. Nachdem das Königshaus trotz Gnadengesuch seiner Eltern bei König Salman das Urteil bestätigt hat, kann jetzt nur noch internationaler Druck Ali helfen. Bisher hat sich kein Land außer Frankreich in einem offiziellen Appell an Saudi-Arabien gewandt und die Freilassung des Jungen verlangt, es kommt daher auf uns, also wirklich auf jeden Einzelnen an.

Bitte beteiligen Sie sich unbedingt an dieser Petition von amnesty international, für Sie sind es nur ein paar Klicks, für Ali könnte es über Leben oder Tod entscheiden:

Der Link zur Amnesty-Petition lautet: https://www.amnesty.ie/content/saudi-arabia-stop-execution-ali-al-nimr

Ali soll gekreuzigt werden. Bei dieser besonderen Art der Todesstrafe wird das Opfer erst geköpft, dann wird der Kopf wieder am Hals angenäht und der Leichnam wird an ein Kreuz gebunden oder genagelt und für mehrere Stunden öffentlich zur Schau gestellt.

In diesem Jahr sind laut UNO-Menschenrechtkommission schon über 130 Menschen in Saudi-Arabien hingerichtet worden. Hat die UNO etwas dagegen unternommen? Nein. Stattdessen wurde Saudi-Arabien im September dieses Jahres an die Spitze des UNO-Menschenrechtsrates gewählt. – Nein; das ist kein ironischer Scherz meinerseits, Faisal bin Hassan Trad, der saudi-arabische UN-Botschafter in Genf, sitzt jetzt dem Menschenrechtsrat vor. Dass Saudi-Arabien eine der schlechtesten Menschenrechtsbilanzen weltweit hat (Frauenrechte oder Schutz von Minderheiten sind beispielsweise nicht existent, Christen werden verfolgt, auf Homosexualität steht die Todesstrafe etc.) scheint dem nicht im Weg zu stehen. Tja, Öl ist eben doch wichtiger als Menschenrechte, das haben wir ja schon immer vermutet…. Realpolitik nennt man das wohl.

Es ist höchste Zeit für eine kritische Auseinandersetzung unserer Heimatländer mit Saudi-Arabien. Westliche Regierungen drücken beide Augen zu, weil sie Saudi-Arabien als Pfeiler der Stabilität in einer Region, die von Kriegen zerfressen wird sehen (auch Obama musste auf Kuschelkurs gehen um sich im iranischen nuklear-Deal durchzusetzen), aber wir müssen endlich erkennen, dass Krieg nicht die einzige Form von Konflikt ist und die Weigerung Saudi-Arabiens, sich bei einfachsten Menschenrechten auf minimalste gemeinsame Nenner zu einigen, ist weiß Gott bekannt.

Ach, übrigens, wer gerne auswandern möchte: Saudi-Arabien ist dringend auf der Suche nach Henkern, es wurde erst kürzlich eine Stellenausschreibung veröffentlicht, weil wegen des „rapiden Anstiegs von Exekutionen“ dringend acht neue Henker benötigt werden…..

Sicher ist Saudi-Arabien nicht das Problem im Nahen Osten, aber es ist ein Problem. Eben wegen seiner enormen wirtschaftlichen Stabilität könnte es seine Machtposition nutzen, um die sunnitisch-schiitischen Wogen zu glätten und den Nahen Osten positiv stärken, stattdessen beeinflussen sie die Länder negativ und schwächen damit die ganze Region. Den höchsten Preis bezahlt momentan der Jemen für Saudi-Arabiens menschenverachtende Politik, denn der Bürgerkrieg im Jemen wird gezielt von Saudi-Arabien angeheizt. Unter König Abdullah schien es Licht am Ende des Tunnels zu geben, doch seit seinem Tod im Januar 2015 und durch die Machtübernahme König Salmans stehen wir wieder am Anfang. Jeder von uns sollte bei sich selbst (und seinen gewählten Politiker) ernsthaft hinterfragen, ob ein niedriger Benzinpreis die Kooperation mit einem Land wert ist, das Minderjährige köpft, ihnen die Köpfe wieder annäht und sie an ein Kreuz nagelt, nur um ein Exempel zu statuieren. Vielleicht wäre es vielmehr endlich an der Zeit für ein Exempel der westlichen Länder gegenüber Saudi-Arabien.

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