Tür 03 – Abdul Baset al-Saroot

Tür 02 - Syrien

Wir bleiben am dritten Tag bei unseren 24 Türen in die Welt noch ein wenig länger in Syrien und besuchen einen Freund von Fadwa: Abdul Baset al-Saroot, ehemaliger Fußballstar der syrischen Jugend-Nationalmannschaft, der mit neunzehn Jahren seinem Sport den Rücken kehrte, um Rebellenkämpfer zu werden. Wäre er vor vier Jahren geflohen, wie inzwischen vier Millionen seiner Landsleute, hätte auf ihn im Westen sicher ein weit besseres Leben gewartet als auf viele andere Flüchtlinge. Er könnte inzwischen für Manchester United oder Bayern München spielen, Millionen verdienen, Models daten, Werbeverträge erfüllen. Er könnte längst eine andere Staatsbürgerschaft haben, bei Fußballprofis geht das oft überraschend schnell und die üblichen Asylgesetze eines Landes werden gern gelockert, wenn es darum geht, das eigene Team mit einem neuen Spieler zu verstärken. Aber stattdessen wurde er zu einer Ikone der Revolution;  seit vier Jahren, seit das schicksalhafte Massaker im April 2011 seine Heimatstadt Homs zum Ground Zero machte und sein Land im Bürgerkrieg zu versinken begann, kämpft er für das, was einmal Heimat war, oder zumindest für das, was noch davon übrig ist.

ProfilSein Widerstand begann bei Protestdemonstrationen, auf Rednerpulten neben anderen friedlichen Rebellen wie Fadwa Suleiman, doch der Frieden kommt gegen die Mächte, die in Syrien wirken, nicht an, man muss fliehen oder kämpfen, und er hat sich für letzteres entschieden, er ist militant geworden, wenn auch kein militanter Islamist, eine Unterscheidung, die wir im Westen oft vergessen.

Talal Derki hat ihn eine Zeit lang mit der Kamera begleitet und einen wunderbaren Dokumentarfilm mit dem Titel „Homs – Ein zerstörter Traum“ über ihn gedreht. Es gibt darin keine dramatischen Szenen, nervenaufreibenden Gefechte oder pathetische Reden. Da ist nichts Romantisches am Leben eines Rebellen im bewaffneten Widerstand. 300 Stunden Filmmaterial wurden für den Film zusammengeschnitten, das zeigt, was man im weitesten Sinn sogar als Alltag bezeichnen könnte, den Alltag eines Bürgerkrieges. Abdul und seine Freunde hoffen auf ein Eingreifen der NATO, doch niemand kommt.  „Die Welt sieht zu, wie einer nach dem anderen von uns getötet wird„, sagen die jungen Männer resigniert. Der Film endet mit einem Cliffhanger: 2013 sitzt Abdul in einem Truck auf dem Weg zurück nach Homs. Seitdem weiß man sehr wenig über seinen Aufenthaltsort oder seine Aktivitäten. Die meisten Nachrichten sind Propaganda: tot soll er sein oder, besser noch, sich ISIS angeschlossen haben.

Abdulbasit_AlSaroot_ISISDieses Bild sollte den Beweis erbringen, dass sich der Nationalheld der dunklen Seite angeschlossen hat (laut Hala Jaber, einer angesehenen libanesischen Journalistin, hält er auf dem Bild eine Daesh-Flagge des Islamischen Staates), dabei ist das Quatsch. Das Symbol der Flagge ist universell und wird von vielen Gruppen im Nahen Osten benutzt und auf der Flagge selbst steht nur „Mohammed ist der Prophet Gottes“.

Er wird benutzt, er wird diffamiert, er wird totgeredet. Ein Jihadist sei er geworden, so seine Gegner, doch der Heilige Krieg ist nicht, was er will, ein Heiliger Frieden schon eher. Im Westen fällen wir rasch Urteile über die „Radikalität“ von Menschen (ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Radikalität überall radikal anzusteigen scheint?), doch wir vergessen, dass unsere Skalen im Nahen Osten nicht greifen, wir müssen lernen, neu zu definieren, oder besser noch, gar nicht zu definieren.

Er ist kein Terrorist, er ist kein Islamist und er ist nicht tot. Er ist immer noch der Torwart, der 19-jährige Nationalheld, der alle Bälle hält, der das Tor nicht verlässt. Der Westen hat ihn im Stich gelassen, seine Familie wurde von Assads Leuten massakriert, er selbst wurde mindestens zweimal schwer verwundet, dabei wurde ihm einmal das halbe Bein weggerissen. Er wird nie wieder Fußball spielen. Aber er ist immer noch da.

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