Tür 05 – Rula Ghani

Tür 04 - Afghanistan

Wir bleiben bei unseren 24 Türen in die Welt noch einen Tag länger in Afghanistan und besuchen eine Frau, die keine Aktivistin ist, sie protestiert nicht auf der Straße, druckt keine Flugblätter, schmuggelt keine Videos aus dem Land oder schreibt heimlich einen verbotenen Blog, in dem sie für Frauenrechte  kämpft.  Trotzdem gilt die neue First Lady von Afghanistan Rula Ghani als revolutionäre Tabubrecherin – einfach weil sie sichtbar ist. Ihre Vorgängerin, die Ärztin Zeenat Karzai, führte mit ihren drei Kindern zwölf Jahre lang eine Existenz im Verborgenen, weggeschlossen im Präsidentenpalast in Kabul. „Gute“ Frauen sind in großen Teilen des Islam unsichtbar und unhörbar. Afghanische Männer würden ihre Frauen nie in der Öffentlichkeit erwähnen. Ein harmloses „…und wie geht es Ihrer Frau?“, das im Westen als bloße Höflichkeitsfloskel angesehen wird, wäre in Afghanistan geradezu unverschämt. Frauen hat man, aber man spricht nicht über sie.

Präsident Aschraf Ghani zeigt seine Frau Rula nicht nur, er bedankte sich in seiner Antrittsrede sogar öffentlich bei seiner „geliebten Frau und Lebenspartnerin“ für ihre Unterstützung und kündigte an, dass sie zukünftig für karitative Zwecke aktiv sein werde. Unvorstellbar!

GhaniHundert Jahre ist es her, dass eine afghanische First Lady eine so öffentliche Person war, daher ist es nicht verwunderlich, dass Rula oft mit Soraya Tarzi, bekannt als Königin Soraya, Frau von König Amanullah Khan verglichen wird, die auch nicht mit einem Palastdasein im Verborgenen zufrieden war. Die gebildete Soraya war Gesundheitsministerin, etablierte die erste Mädchenschule in Afghanistan und das erste Krankenhaus für Frauen. Sie setzte sich für Frauenrechte und (schlimmer noch) kurzärmelige Kleider ein und nicht wenige Afghanen sind sicher, dass sie und ihre liberalen Ansichten einen entscheidenden Anteil an der Abdankung und dem späteres Exil des Königspaares hatten).

Rula Ghani ist um einiges vorsichtiger. Sie stammt aus einer wohlhabenden, maronitisch-christlichen Familie aus dem Libanon und lernte ihren Mann in den 70ern an der Amerikanischen Universität in Beirut kennen. Nach der Hochzeit zog das Paar nach Kabul, wo Ashraf Ghani an der Universität lehrte. 1977 ziehen sie in die Vereinigten Staaten, Aschraf promoviert an der Columbia, Rula studiert dort Politikwissenschaften und Journalismus. Aus der geplanten „kurzen Auslandserfahrung“ werden dreißig Jahre. Ihre beiden Kinder Mariam, eine Künstlerin in Brooklyn, und Tarek sind Amerikaner und leben bis heute in den Staaten. Erst mit den NATO-Truppen kamen Rula und Aschraf zurück nach Afghanistan, die Gräuel der russischen Besatzung, der Bürgerkriegsjahre und des Taliban-Regimes haben sie nur aus der Ferne gesehen. Für viele Afghanen ist das ein Problem: Aschraf mit seinen amerikanischen Kindern, seinen modernen Ansichten und vor allem seiner ausländischen Frau ist „keiner von ihnen“ mehr. Während der Präsidentschaftswahl wurde Rulas libanesische Herkunft und vor allem ihr christlicher Glaube ständig thematisiert.  Atta Mohammed Noor, Gouverneur der Provinz Balkh und Verbündeter von Ghanis Konkurrent Abdullah Abdullah, machte Stimmung, indem er immer wieder behauptete, die Ghanis seien im Grunde religionslose Ungläubige. Im Internet gibt es sogar Gerüchte, Rula sei eine Agentin des israelischen Geheimdienstes.

Doch die Ghanis sind nicht dumm: sie gehen sehr behutsam vor; wissen, dass man Afghanistan nicht verändern kann ohne die Gesellschaft mit zu verändern, zu viel Liberalismus könnte einen Backlash unter den Traditionalisten auslösen. In Aschrafs erstem Anlauf als Präsidentschaftskandidat 2009 waren seine dreißig Jahre in den USA noch unverkennbar präsent in seinen Äußerungen und seinem Auftreten, doch die Ghanis haben dazugelernt: Im Wahlkampf 2014 trug Aschraf einen Vollbart, Kaftan, Pluderhosen und ist nun nie mehr ohne Gebetskette zu sehen. Dasselbe gilt für Rula: trotz ihrem christlichen Glauben (sie ist nie konvertiert) kennt sie den Koran in- und auswendig und zitiert ihn gerne in ihren Reden, vor allem die progressiveren Stellen wie z.B. dass Frauen zwischen den Geburten zweier Kinder 30 Monate Pause haben sollten, baut sie gerne in ihre Ansprachen über Familienplanung und Gesundheitsvorsorge ein. Es ist eine Revolution von innen, leise, behutsam, aber nicht weniger wirkungsvoll als das, was RAWA geleistet hat.

Doch eine Sache hat sich nicht verändert: auch die aktuelle First Lady ist viel im Palast in Kabul, denn die Sicherheitsvorgaben hält sie für zu kostenintensiv und zu aufwändig. Wollte sie einkaufen gehen, müssten die Sicherheitskräfte erst den Markt sperren, und das ist einer bescheidenen Frau wie Rula zuwider. Wie viele ihrer Vorgängerinnen verbringt sie daher den Großteil ihrer Zeit hinter Palastmauern, aber nicht isoliert und versteckt, sondern in ihren eigenen Büroräumen, mit ihren acht Mitarbeitern und mit täglichen Besuchern aus dem Volk, von politischen Organisationen, karitativen Einrichtungen oder privaten Bittstellern, die alle wissen, dass Rula die erste First Lady ist, mit der man sprechen kann und deren Antworten gehört werden.

 

Fixing Failed States: A Framework for Rebuilding a Fractured World (Taschenbuch)


Neu ab: EUR 13,13 Auf Lager
gebraucht ab: EUR 7,24 Auf Lager

We Are Afghan Women: Voices of Hope (Gebundene Ausgabe)


Neu ab: EUR 14,63 Auf Lager
gebraucht ab: EUR 1,58 Auf Lager

print
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.