Tür 06 – Nasawiya

Tür 06 - Libanon

Die sechste unserer 24 Türen in die Welt öffnet sich in den Libanon; ein Land, in dem der bekannteste Feminist über eine lange Zeit ein Mann mit langem weißen Bart und schwarzem Shia Turban war: Ayatollah Muhammed Hussein Fadlallah

fadhlallah picBis zu seinem Tod 2010 vertrat er äußerst progressive Ansichten: er ermutigte Frauen, Selbstverteidigungskurse zu besuchen und sich politisch zu engagieren und (für viele fast noch wichtiger) forderte Männer auf, mehr Pflichten im Haushalt zu übernehmen. Ach ja, wer ihn und den Rest seiner politischen Ansichten kennt (er verehrte Chomeini, wollte immer einen religiös geführten Staat, er wurde oft mit der Hisbollah in Verbindung gebracht, von vielen sogar für ihren ideologischen Führer gehalten) wird nicht überrascht sein, dass er im Zuge dessen, Frauen auch erlaubte, den Märtyrertod zu sterben (nach schiitischer Tradition war das bis dato immer verboten, vielleicht hatte er Nachwuchssorgen), somit war die libanesische Gleichstellung der Geschlechter also offiziell abgeschlossen.

Nasawiya sah das Gott sei Dank anders. Mitten im Herzen von Beirut, in einem mehrstöckigen Gebäude in Mar Mikhaël entstand 2010 eine Kernzelle im Kampf gegen Misogynie, Homophobie, Sexismus, Patriarchat und die Missachtung der Menschenrechte. Und das unglaubliche daran: Nasawiya operierte nicht im Verborgenen, versteckte sich nicht hinter einer Anwaltskanzlei oder einer Arztpraxis, druckte keine Flugblätter im Keller oder besprühte Regierungsgebäude in der Dunkelheit. Nasawiya hatte einen ehemaligen Laden angemietet, die Straßenfront war aus Glas (durch das übrigens nie ein Stein geworfen wurde), Schaufensterjeder konnte einen Blick hinein werfen und am Eingang prangte groß und stolz das lilane Nasawiya-Schild. Allein das war schon revolutionär, denn Nasawiya heißt übersetzt „Feminismus“ und das ist ein Wort, das es im Arabischen vor 30 Jahren noch gar nicht gab und das bis heute (auch bei Frauen) sehr negative Konnotationen hervorruft. Feministinnen sind im Libanon (und nicht nur im Libanon) Männerhasserinnen, Außenseiterinnen, schlechte Mütter, Ungläubige…. Manche Beiruterinnen glaubten sogar, dass die Mitglieder von Nasawiya Extremistinnen sind, die Hunden beibringen, Männern den Penis abzubeißen.

Dabei ist Libanons Gesetzgebung (die Scharia gilt nicht im Libanon) zwar liberaler als die vieler anderer arabischer Staaten, aber dennoch nicht einfach. Durch die achtzehn staatlich anerkannten Religionen im Land (z.B. Shi’a, Sunni, Maronitische Christen etc.) gelten für diese jeweils andere Gesetze. Gott sei Dank haben die unterschiedlichen Religionen eine gemeinsame Schnittmenge gefunden: sie unterdrücken alle die Frauen. Was für ein Zufall! Polygamie ist erlaubt, Alleinerziehende Mütter führen eine soziale Nicht-Existenz, das heiratsfähige Alter bei Mädchen beginnt ab 12,5 Jahren, alle Erziehungsrechte für Kinder liegen beim Vater, es gibt keinerlei Gesetze, die Vergewaltigung in der Ehe oder häusliche Gewalt regeln….

dsc_0044Libanesinnen dürfen seit 1954 zwar wählen, werden aber kaum repräsentiert. 1973 wurde IWSAW (Institute for Women’s Studies in the Arab World) gegründet mit dem Ziel, dafür zu sorgen, dass Frauen bessere Bildung und damit mehr Unabhängigkeit erlangen. Es gibt hier z.B. das Projekt „Who Is She“, in dem die Biographien erfolgreicher libanesischer Frauen vorgestellt werden, doch die Zahl der weiblichen Vorbilder ist gering.

Nasawiya war nicht die erste feministische Organisation im Libanon (wird hoffentlich auch nicht die letzte bleiben) aber sie verband eine Vielzahl kreativer Ideen und Projekte, die revolutionär waren, wie z.B. „Take Back the Tech„, ein Camp in dem junge Frauen an technische Berufe herangeführt wurden. Mein Lieblingsprojekt von Nasawiya war jedoch  The Adventures of Salwa.

salwas-guideSalwa ist ein Cartoon-Charakter, die sich vehement gegen jede Form der sexuellen Belästigung einsetzt. In kurzen 30 Sekunden langen Cartoons kommt Salwa in alle möglichen Situationen (im Büro, am Strand oder an der Uni), in der Männer sie belästigen und sie sich selbstbewusst  (und symbolisch mit Hilfe ihrer Handtasche) zur Wehr setzt. Sie zumindest bleibt, auch wenn Nasawiya selbst seit Ende 2014 nicht mehr existiert. Das ist das Hauptproblem im Libanon: nichts hat Bestand, auch nicht die guten Dinge, vor allem nicht die guten Dinge, alles ist ständig im Wandel, alles ist ständig im Übergang – wohin weiß niemand. Der Krieg in der unmittelbaren Nachbarschaft, die Rolle der eigenen Hisbollah darin, die unzähligen Flüchtlinge…. und die eigene immer selbstgerechter und korrupter werdende Regierung haben es Nasawiya schwer und dann unmöglich gemacht, ihre Arbeit fortzusetzen, trotz der internationalen Unterstützung durch Mama Cash.

Es geht uns doch gar nicht so schlecht, schaut euch mal die Frauen in Saudi-Arabien an“ ist ein gängiges Mantra im Libanon (wenn man sich mit Saudi-Arabien vergleicht, steht man immer gut da) und damit versucht man sich schön zu reden, wie viele Missstände es im Land gerade in feministischer Hinsicht noch gibt.

Morgen sprechen wir darüber (und über vieles andere) mit Farah Salka, die 3 Jahre lang eine leitende Position bei Nasawiya hatte und heute als Menschenrechtsaktivistin in Beirut arbeitet und vor allem Flüchtlinge betreut.

 

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