Tür 07 – Interview Farah Salka

Tür 06 - Libanon

Wir bleiben bei unserer siebten Tür unserer 24 Türen in die Welt noch einen Tag im Libanon und besuchen Farah Salka, eine Feministin und Menschenrechtsaktivistin in Beirut. Von 2010 bis 2013 war sie in der Geschäftsleitung von Nasawiya, seither koordiniert sie das „Anti-Racism-Movement“ (ARM), das sich vorwiegend um die Unterstützung der zahlreichen Migranten im Libanon kümmert. ARM führt zwei große Gemeindehäuser für Migranten (Migrant Community Center, MCC) und wird bald etwas außerhalb von Beirut zwei weitere eröffnen.

Farah SalkaTrotz ihrer vielen Aufgaben nahm Farah sich Zeit für ein Interview mit mir. Das Interview wurde auf Englisch geführt, wer es im Original und in voller Länge lesen möchte, klickt bitte hier, für unsere 24 Türen in die Welt wurde es in der deutschen Übersetzung etwas gekürzt.

Im Libanon gilt nicht die Scharia, dennoch gibt es beispielsweise keinerlei Gesetze gegen häusliche Gewalt oder Vergewaltigung in der Ehe. Im Grunde bedeutet das, während wir uns darüber unterhalten, die Arbeitsgesetze für Frauen zu verbessern und ihnen ein freieres Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen, sind sie in ihren eigenen vier Wänden immer noch nicht sicher. Wird der Libanon je bereit sein für eine neue Gesetzgebung?

Du hast Recht, der Libanon folgt nicht der Scharia. Aber es sind nicht nur Länder unter der Scharia (das sind ohnehin nur noch sehr wenige), in denen die Situation für Frauen mehr als schlecht ist. Nehmen wir den Libanon als Beispiel: wir sind ein Land, das nach außen hin überall mit seiner „Säkularisation“ und seiner „Progressivität“ wirbt, mit seiner großartigen Menschenrechtsbilanz, Meinungsfreiheit, demokratischen Regierung und Geschlechtergleichstellung. Doch man muss nur einen kurzen Blick hinter die Fassade werfen, um festzustellen, wie leer diese Phrasen sind und wie endlos lange der Weg dorthin in Wirklichkeit noch ist. Der Libanon ist Lichtjahre von all diesen Zielen entfernt.

Die Lage für Frauen im Libanon ist katastrophal, ganz egal, worüber wir sprechen: Nationalität, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, Frauen in Machtpositionen, Frauen, die als Hausangestellte arbeiten, Flüchtlingsfrauen, such dir etwas aus. In jedem dieser Bereiche stehen die Dinge mehr als schlecht. Der Libanon ist ein gescheiterter Staat, ein korruptes, sektiererisches Land regiert von  selbsternannten Machthabern (allesamt alte Männer), die noch aus dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 übrig geblieben sind. Es „regieren“ also immer noch dieselben reichen korrupten Männer, die im Grunde Diebe und Kriminelle sind. Und bis der Tag kommt, an dem dieses Regime endlich fallen wird, ist es schwer, sich irgendwelche substantiellen Veränderungen in unserem Land auch nur vorzustellen, vor allem solche, die das Leben der Menschen (vor allem von Frauen und Randgruppen) auch wirklich nachhaltig positiv verändern könnten. Hier hatte noch nie eine feministische Frau eine Machtposition inne, noch nie! Wie können wir da erwarten, dass sich die Gesetzgebung zugunsten von Frauen verändert? Das wird einfach nicht passieren. Es geht also nicht darum, dass der Libanon nicht bereit ist, uns stehen einfach viel zu viele Hindernisse im Weg, die wir erst überwinden müssten. Das libanesische Volk ist bereit. Die libanesischen Frauen sind bereit. Sie sterben, tagein tagaus. Es ist nicht wahr, dass wir nicht bereit sind, natürlich sind wir das. Aber die, die die Macht an sich gerissen haben, sind es nicht. Sie haben keinerlei Interesse daran, die Leben von Frauen zu schützen. Warum sollten sie auch? Sie können tun, was immer sie wollen und niemand wird sie für ihre Verbrechen je zur Rechenschaft ziehen. Sieh dir nur die Müllkrise an, in der der Libanon gerade steckt. Es ist absolut wahnsinnig, wie weit dieses System gegangen ist. Aber es muss fallen, früher oder später.

Anti Racism
Du arbeitest für die Anti-Rassismus-Bewegung (Anti-Racism Movement, kurz „ARM“). Wie sind du und die anderen libanesische Aktivistinnen dazu gekommen?

Wir haben 2010 damit angefangen, als wir unser erstes Video veröffentlicht haben, um auf den Rassismus an Stränden im Libanon aufmerksam zu machen. Hier sind ein paar Links, die du dir dazu ansehen kannst:

 

Dann haben wir angefangen, eng mit den Leitern von Migranten-Gemeinschaften zusammenzuarbeiten und sie bei ihren Aufgaben zu unterstützen, z.B. bei der Organisation von Demonstrationen oder Solidaritätsprojekten. Heute konzentrieren wir uns darauf, Rassismus in all seinen Formen zu bekämpfen und ARM wurde offiziell ins Leben gerufen.

Warum brauchte Beirut ein Gemeindezentrum für Migranten (Migrant Community Center, kurz „MCC“)?

Das Hauptziel von MCC Beirut (das von ARM 2011 ins Leben gerufen wurde) ist es, die Lebensqualität von Migranten im Libanon zu verbessern. Das MCC ist ein sicherer, freier Ort, der auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, an dem sie sich treffen, austauschen und gegenseitig unterstützen können und an dem sie Zugang zu Informationen und die Möglichkeit zur Weiterbildung haben. Mittlerweile kommen Menschen aus 17 Ländern zu uns und wir haben derzeit 190 Studenten, die an den 13 verschiedenen wöchentlichen Kursen teilnehmen, die wir anbieten.

Im Moment arbeiten wir gerade daran, zu expandieren und zwei weitere MCCs zu eröffnen (MCC Jounieh und MCC Saida), eines im Norden und eines im Süden Beiruts, nach dem Vorbild des bereits bestehenden. Sobald sie eröffnet sind, werden wir freie (oder sehr günstige) Dienste anbieten:Farah

  • kostenloses Bildungsprogramm mit dem Fokus auf Kommunikationsfähigkeiten (Sprachen und ICT)
  • Steigerung institutioneller Kapazitäten durch das Anbieten verschiedener Kurse für Projektplanung, Interessenvertretung, Fundraising etc.
  • Informationsmöglichkeiten durch Vorträge von Experten, Selbsthilfegruppen, Rechtshilfe, Gesundheitsvorsorge etc.

Wie ist die aktuelle politische Situation im Libanon? Syrische Flüchtlinge stellen praktisch ein Fünftel der Bevölkerung, mehr als eineinhalb Millionen kamen über die Grenze. Wie ist deren Situation im Libanon?

Kurz gesagt, die Situation ist wirklich schlecht. Libanon ist so kurz davor als Staat zusammenzubrechen wie man nur sein kann. Nichts funktioniert. Alles ist grauenhaft organisiert. Wir haben keinen Präsidenten. Wir haben ein illegal operierendes Parlament bestehend aus korrupten selbsternannten Machthabern, die sich nicht zur Rechenschaft ziehen lassen. Müll. Wasser. Elektrizität. Internet. Arbeit. Flüchtlinge. Frauenrechte. Immigranten. Menschenrechte. Alles. Wir sind ein Land mit 4,5 Millionen Einwohnern und haben mittlerweile 1,5 bis 2 Millionen Flüchtlinge hier, was absolut WAHNSINNIG ist. Die Flüchtlinge leben hier unter den schlimmsten vorstellbaren Bedingungen, weit unter der Armutsgrenze und sind in einer hoffnungslosen Lage. Hätten andere Regierungen (vor allem die, die direkt für die schreckliche Situation von Syrien und der Syrer verantwortlich sind) einen angemessenen Teil der Flüchtlinge aufgenommen und nicht immer nur 100 hier und 1.000 da (und vor allem auf einem weniger lebensgefährlichen Weg), sondern hätten ihre Verantwortung gegenüber diesen Menschen übernommen, wären wir heute nicht in dieser Situation.

Europa sollte entweder diesen Krieg beenden, seine Beteiligung an diesem Krieg einräumen und seine Unterstützung des Kriminellen Bashar sofort einstellen, wo immer es der Fall ist (und es ist in sehr vielen Bereichen der Fall), oder all die syrischen Flüchtlinge aufnehmen, die es an der Seite anderer durch seine Beihilfe zu dieser Tragödie überhaut zu Flüchtlingen gemacht hat. Und das Wort Tragödie ist noch eine Untertreibung wenn man beschreiben will, was in Syrien passiert ist und immer noch passiert.

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Sie können Farahs Arbeit in den MCCs sehr gerne durch Spenden unterstützen, senden Sie einfach per Facebook eine Nachricht an die MCCs oder eine Nachricht an ARM. Die Nicht-Facebook-Nutzer können auch eine E-Mail an die MCCs direkt (mccbeirut@gmail.com) senden, dann bekommen Sie alle Infos, die Sie für eine Geldspende benötigen.

Wenn Sie speziell den syrischen Flüchtlingen im Libanon direkt helfen möchten, können Sie das über die lokale libanesische Organisation SAWA tun, spenden können Sie hier.

 

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