Tür 09 – Rula Quawas

Tür 09 - Jordanien

Die neunte unserer 24 Türen in die Welt öffnet sich heute nach Jordanien.

Rula Quawas ist mein Lieblingsbeispiel dafür, dass eben nicht nur unsere „Heldinnen“ die Welt verändern, sondern jeden Tag auch ganz normale Menschen. Rula Quawas war Professorin für amerikanische Literatur an der University of Jordan in Amman.

dr-qawas-teaching-at-the-university-of-jordan.680.453.sAls erste Dozentin nahm sie feministische Theorie in den Lehrplan auf. Feministinnen werden in Jordanien (wie in praktisch allen islamischen Ländern) als Agentinnen des Westens, als Islamgegnerinnen, als Ungläubige betrachtet, doch das hielt Rula nicht davon ab, einen feministischen Klassiker zu unterrichten: Kate Chopins „Awakening“. Das Buch ist 1899 zum ersten Mal erscheinen und sorgte schon damals für Aufruhr. Edna, die Protagonistin des Romans, verlässt ihren Mann und ihre zwei Kinder, um etwas zu tun, was man heute wohl „Selbstfindung“ nennen würde. Und was wäre eine gute Selbstfindung ohne die dazugehörigen Liebesaffären? Eben. Sie realisiert aber sehr schnell, dass die Gegebenheiten der Welt Frauen nicht wirklich ermöglichen, sich selbst zu verwirklichen, sie lässt ihre zwei Liebhaber zurück und begeht am Ende Selbstmord.

1899 war das Buch  ein Skandal! Alle Buchhandlungen und Bibliotheken in Chopins Heimatstadt St. Louis weigerten sich damals, das Buch zu führen, Freundinnen zogen sich von ihr zurück, der Autorin wurde Unverantwortlichkeit und das Fehlen jeglicher Moral vorgeworfen – über 100 Jahre später in Jordanien war das ganz ähnlich.

Mit ihrem neuen Lehrplan machte sich Rula keine Freunde – jedenfalls nicht bei ihren empörten Kollegen. Dafür waren ihre Vorlesungssäle voll. Dass an der Universität plötzlich weibliche Promiskuität (oder Sex überhaupt) diskutiert wurde, schien unfassbar. Ermutigt von den neuen Möglichkeiten wählten die Studentinnen von 2011 selbst ein Abschlussthema für den Kurs aus: nach vielen Themenvorschlägen einigte man sich auf „Sexuelle Belästigung auf dem Campus“. Ein Film sollte es werden. Mehr als 100 Studentinnen ganz verschiedener Bereiche wurden dazu befragt, alle schienen das Projekt gut zu finden und zu unterstützen, unter der Studentenschaft war seine Relevanz auch keine Frage, da es auf dem Campus immer wieder zu Übergriffen gekommen war. Nach Beendigung des Films bekamen die Studenten ihre Note und der Fall schien beendet. Doch sechs Monate später bekam Rula einen Anruf ihres Dekans: Das Video war auf YouTube aufgetaucht.

Er warf ihr vor, die Universität in Verruf gebracht, ihre Studentinnen „beschmutzt“ zu haben. Kurz darauf las sie in der Zeitung, dass ihr Posten als Fachbereichsleiterin an der Universität neu besetzt worden war, niemand hatte es für nötig befunden, ihr auch nur Bescheid zu geben.

Jeden Tag treffen Menschen wie Sie und ich Entscheidungen, nichts großes, nicht über Leben und Tod, und dennoch werden sie gerade in ihrer Kleinheit bedeutsam. Sie fordern persönliche Opfer, zeigen anderen den Weg, weil nämlich jede unserer Entscheidungen eine politische ist, ob wir uns darüber im Klaren sind oder nicht, und weil eben diese normalen Menschen nicht weglaufen vor dieser Verantwortung, nicht warten, dass andere etwas tun, mit mehr Geld, mehr Macht, mehr Zeit….. sie tun es einfach. Menschen wie Sie und ich.

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