Tür 10 – Wajeha al-Huwaider

Tür 10 - Saudi Arabien

Heute machen wir durch die zehnte unserer 24 Türen in die Welt noch einmal einen Abstecher nach Saudi-Arabien und unser heutiges Thema wird besonders die Autofahrer unter Ihnen interessieren, denn wir besuchen heute Wajeha al-Huwaider.

wajeha-al-huwaiderWajeha ist eine saudi-arabische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und sie liebt Autofahren. Wirklich. Sie ging dafür sogar ins Gefängnis. Saudi-Arabien ist nämlich das einzige Land der Welt, das seinen Frauen verbietet, sich motorisiert fortzubewegen. Gut, auch unmotorisiert haben Frauen dort keinen großen Bewegungsspielraum. Es gibt kein offizielles Gesetz gegen Frauen am Steuer, aber es ist eine tief verankerte Tradition und der saudische Klerus behauptet sogar, weibliche Autofahrerinnen würden „die Moral unterminieren“.

BurgerEs sei an dieser Stelle erwähnt, dass das Fahrverbot noch nicht einmal der freakigste Aspekt der saudischen Lebensweise ist. Wir sprechen hier immerhin von einem Land, in dem Frauen unter 45 nicht ohne ihren Ehemann reisen dürfen, in dem es bei McDonald’s geschlechtergetrennte Burgerschalter gibt und in dem es Frauen verboten ist, Barbies zu kaufen.

Oh, und mein absoluter Liebling: am Valentinstag dürfen Blumenläden keine roten Rosen und nichts Herzförmiges verkaufen, zum Schutz der Tugendhaftigkeit und der Moral. Es sind außerdem über 50% aller Universitätsabsolventen Frauen, aber nur 15 % aller Frauen arbeiten, weil die meisten Berufe für Frauen nicht zugänglich sind. Sie sehen schon, Saudi-Arabien ist ein Paradies für Feministinnen, nicht nur dieser Pseudo-Freiheitsbrei wie im Westen. In Saudi-Arabien kann man sich als Feministin noch so richtig austoben, da ist wenigstens noch was zu tun!

Wajeha lenkte 2008 die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die saudi-arabischen Missstände, als sie ein phantastisches Video aufnahm, indem sie es wagt, die saudische Königsfamilie zu rügen, keine Athletinnen zu den Olympischen Spielen nach Peking zu senden. Sie erinnerte die Königsfamilie daran, dass der Prophet Mohammed ausdrücklich gesagt habe, Männer und Frauen sollten sich sportlich betätigen. Weil sie befürchtete, sich damit noch nicht unbeliebt genug gemacht zu haben, setzte sie sich am Internationalen Frauentag selbst hinters Steuer und fuhr mit einem Auto über die Grenze zwischen Saudi-Arabien und Bahrein und wurde selbstverständlich sofort verhaftet. Die Regierung ließ ihren Pass konfiszieren und die Kolumne, die sie damals noch für eine saudi-arabische Zeitung schrieb, wurde sofort abgesetzt.

Im Arabischen Frühling 2011 rief sie mit Manal al-Sharif die „Woman2Drive“-Kampagne ins Leben, filmte ihre Freundin beim Autofahren und lud das Video auf YouTube hoch.

600px-WOMEN2DRIVE_logoDer Fairness halber muss man zugeben, dass die Sache mit dem Fahrverbot immerhin Arbeitsplätze schafft, der Economist veröffentlichte 2002 Zahlen, wonach es in Saudi-Arabien geschätzte 500.000 Chauffeure für Frauen gab und diese etwa 1% des Bruttoinlandsproduktes ausmachten.

Doch Wajeha interessiert sich mehr für Frauenrechte als fürs Bruttoinlandsprodukt. Trotz aller Repressalien machte sie immer wieder auf die „Apartheid der Geschlechter“ aufmerksam, die ihrer Meinung nach in Saudi-Arabien herrscht. 2010, kurz bevor Präsident Obama sich mit dem saudischen König Abdullah traf, schrieb sie sogar einen offenen Brief an Obama, in dem Folgendes stand:

As I’m watching the Gulf of Mexico birds which are totally covered with black oil stain I can relate to their suffering as a Saudi woman. These birds can hardly move: they have no control over their lives, and they cannot fly freely to go to a place where they can feel safe. This describes Saudi women’s lives. I know that kind of pain. I have been living it most of my life.

Mit Amerika verbindet sie eine große Liebe, hat doch ein Auslandsaufenthalt in den Staaten sie zur Feministin und zur begeisterten Autofahrerin gemacht. Noch heute erzählt sie in Interviews oft von der anderen, aber phantastischen Welt, die sie dort vorfand, und vor allem davon, wie anders sie sich als Frau wahrgenommen fühlte:

„Before that, I knew that I’m a human being. However, in the United States I felt it, because I was treated as one. I learned life means nothing without freedom. Then I decided to become a real women’s rights activist, in order to free women in my country and to make them feel alive.“

Seit 2013 erlaubt die saudische Regierung Frauen übrigens das Fahrradfahren – aber nur in dafür vorgesehenen Arealen, in Begleitung eines männlichen Beschützers und nur zur Unterhaltung, nicht um etwas zu transportieren. Wow. Kommen als nächstes Rollschuhe? Die Revolution hat begonnen!

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