Tür 13 – Mona Eltahawy

Tür 13 - Ägypten, Saudi Arabien

Ägypten ist von den Ländern, die wir durch die 24 Türen in die Welt besuchen wohl jenes, das Sie am ehesten schon selbst bereist haben. Wir kennen es als beliebtes Reiseland mit unvergleichlichen Kultur-Denkmälern, als Tauchparadies, Touristenhochburg mit orientalischem Flair und günstigen Goldpreisen. Doch Ägypten hat auch ein ganz anderes Gesicht, das viele von uns nicht sehen oder nicht sehen wollen, um uns den nächsten Urlaub nicht zu verderben. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bezeichnet Ägypten als „Toxische Mischung aus Kultur und Religion“. Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Kinderehen und Ehrenmorde sind nur einige der Dinge über Ägypten, von denen wir nichts wissen wollen. Dass wir aber dennoch davon erfahren, dafür sorgen vor allem zwei große ägyptische Frauen, eine alte und eine junge, Nawal El-Saadawi und Mona Elthahawy. Die große ägyptische Schriftstellerin Nawal El-Saadawi werden wir im Januar im Rahmen unserer Heldinnen vorstellen, Mona besuchen wir heute und stoßen damit eigentlich gleich zwei Türen auf, denn Mona ist in Ägypten und Saudi-Arabien zuhause.

Nach einer kosmopolitischen Kindheit (sie wurde 1967 in Ägypten geboren, zog aber mit ihren Eltern im Alter von sieben Jahren nach Glasgow) kam ein Bruch in ihrer Jugend, als ihre Eltern 1983 beschlossen, nach Saudi-Arabien zu ziehen. Eine 15-jährige zu sein, ist überall auf der Welt schwierig, räumt sie ein, doch besonders schwierig ist es für ein liberal im Westen erzogenes Mädchen, das sich in einem der Islam-konservativsten Länder der Welt wiederfindet. In Schottland waren ihre Eltern, beide Ärzte, absolut gleichberechtigt gewesen, in Saudi-Arabien erlebte sie nun mit, wie ihre Mutter wieder zum unmündigen Kind wurde, das nicht Arbeiten, nicht Autofahren, und keine Entscheidungen ohne Mann treffen durfte.

In Saudi Arabia, you have two options: You either lose your mind or become a feminist.” Früh kam Mona Eltahawy zu dieser unumstößlichen Überzeugung und wurde daraufhin natürlich zur Feministin.

Mona-Eltahawy-Dirk-Eusterbrock-e1429438532675Mona trug den Hidschab, als sie nach Saudi-Arabien zogen, entwickelte aber bald eine ambivalente Beziehung zur Verschleierung und legte ihn während ihrer Studienzeit an der American University in Kairo/Ägypten schließlich ab. Später wurde sie einmal in der Kairoer Metro von einer Frau im Niqab angesprochen, die zu ihr sagte: „Would you rather eat a piece of candy that was in a wrapper or unwrapped?“ Mona antwortete schlicht: „I’m a woman, not a piece of candy.“

Im Arabischen Frühling war sie in Ägypten auf den Straßen, ist jedoch tief enttäuscht, dass die politische Revolution keine feministische mit eingeschlossen hat: „We were out there, marching with men, side by side, but I kept hearing about sexual assaults against women in the protests, and it became obvious that men were trying to push women out of politic space. Nothing has improved for women, nothing. And in an era of revolution, that is absolutely unacceptable and unconscionable.

Im November 2011 wird sie während einer Protestdemonstration auf dem Tahrir Platz in Kairo von der ägyptischen Miliz brutal attackiert, festgenommen und zwölf Stunden misshandelt. Die Polizisten belästigen sie sexuell und brechen ihr beide Arme. Fast drei Monate lang sind ihr (im wahrsten Sinne des Wortes) die Hände gebunden; drei Monate lang ist eine, die vom Schreiben lebt und überlebt, in Gips gefangen und entdeckt in dieser Zeit zwei neue Leidenschaften: Vicodin und Twitter. Als „trance-like“ beschreibt sie diese ersten Monate nach dem Angriff, sie sei nicht sie selbst gewesen. Doch sie ist wieder sie selbst geworden, schon aus reiner Kampfeslust: “For anyone who continues to exist as a dissident just to survive is a form of resistance”.

Die Erlebnisse verarbeitete sie 2012 in ihrem berühmten, bei Foreign Policy veröffentlichten Essay „Why do they hate us“.

Wie viele Opfer sexueller Gewalt hat auch sie das Bedürfnis, sich ihren Körper zurückzuerobern. Mona tut dies mit Tattoos. Seit ihre Arme verheilt sind, übermittelt sie Botschaften mit ihnen.

Mona-LEADAuf ihrem rechten Arm hat sie ein Bild von Sachmet, der alt-ägyptischen Göttin des Krieges und der Sexualität: „The way I put it, she’ll kick your ass and then fuck your brains out. She has the head of a lioness and the body of a woman.

Auf ihrem linken Arm hat sie in arabischer Kalligraphie den Namen der Straße, auf der sie attackiert wurde, die Mohamed Mamoud Street, die während der Revolution zu traurigem Ruhm gelangte, und darunter das arabische Schriftzeichen für Freiheit.

Sie kämpft auch mit ihrer Religion oder – besser gesagt – allen Religionen, da sie davon überzeugt ist, dass alle auf die Unterdrückung der Frau hinauslaufen durch den gemeinsamen Kult um deren Jungfräulichkeit: „All religions, if you shrink them down, are all about controlling women’s sexuality… They’re obsessed with my vagina.“

Mittlerweile lebt sie in New York City, arbeitet als freie Journalistin für zahlreiche große Zeitungen und hat sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Im April 2015 gab sie sich selbst die Antwort auf ihr „Why do they hate us“-Essay mit ihrem lange erwarteten ersten Buch „Headscarves and Hymens: Why the Middle East Needs a Sexual Revolution“. Das Buch ist politisch und persönlich in einem, erwartungsgemäß feministisch und gleichzeitig verstörend intim. “I have had to fight hard to keep these paragraphs in, knowing that my family will see them and disapprove, but this is my revolution.

Ihre eigene Revolution hat sie hinter sich, was die arabische Welt betrifft, so wartet sie noch auf die große Umwälzung. „I think when the revolution begins in Saudi Arabia – and it will, of this I’m sure – it will solve so many of our problems. Saudi Arabia gets away with what it gets away with because it has oil and it has billions of dollars to spend on weapons deals from Canada, from Europe, from the U.S. Just as insidiously, it is home to the two holiest sites for Muslims. Once the revolution begins in Saudi Arabia, I think people will start to recognize that Saudi Arabia doesn’t own the copyright to Islam”.

Bis es so weit ist, tut der überzeugte Manchester United-Fan das, was sie am besten kann: schreiben. Ihr Buch ist eine Offenbarung und auf ihrer Homepage kann man viele ihrer großartigen Publikationen für amerikanische Printmedien nachlesen. Sie steht, wie Ayaan Hirsi Ali und viele andere muslimische Aktivistinnen und Frauenrechtlerinnen auf einer Todesliste der islamistischen Fundamentalisten, doch das sieht sie mittlerweile gelassen, wie das meiste in ihrem Leben. Sie ist wütend und sie hat ein wütendes Buch geschrieben, aber sie hat keine Angst mehr.

Sie ist Kummer gewöhnt, dennAs a woman with an opinion, you get a lot of shit.”

 

Headscarves and Hymens: Why the Middle East Needs a Sexual Revolution (Taschenbuch)


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