Tür 15 – Homosexualität im Islam

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Heute öffnen wir mit der fünfzehnten unserer 24 Türen in die Welt wieder einmal keine Tür zu einem speziellen Land, sondern zu einem großen Thema im gesamten Islamischen Raum: der Homosexualität bzw. deren offizieller Nicht-Existenz. Regeln und Definitionen verwischen sich nicht nur beim bacha bazi in Afghanistan, sondern beim Thema Männerliebe im gesamten Nahen Osten.

Haram ist ein wichtiges Wort im arabischen Raum, denn haram bedeutet verboten. Doch im Islam ist haram oft Interpretationssache, irgendeine Taste auf der Klaviatur der Heuchelei, und ob man sie richtig anschlägt, kann über Leben oder Tod entscheiden.

gencislamimudafaaIm Juni dieses Jahres sollte in Istanbuls İstiklal Caddesi (der Unabhängigkeitsstraße) die 12. Gay Pride Parade der Türkei stattfinden, doch die friedlichen Demonstranten wurden von der türkischen Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas attackiert; selbst Tage später wurden in Ankara noch zahlreiche schwulenfeindliche Poster aufgehängt, unter anderem mit der Aufforderung, alle zu töten, die zum „Geschlechte Lots“ gehören.

Lot ist die zentrale Gestalt bei der Deutung der Homosexualität für den Islam. Er geht zurück auf die biblische Geschichte von Sodom und Gomorrha, die auch im Koran steht, in der der Prophet Lot (Abrahams Neffe) die Männer seines Volkes warnt, andere Männer zu begehren. Es gibt fünf Stellen im Koran, die so gedeutet werden können, dass es homosexuelle Kontakte in Lots Volk gab und diese verurteilt werden, u.a. in Sure 26, Verse 165-166:

„Wollt ihr euch denn mit Menschen männlichen Geschlechts abgeben und (darüber) vernachlässigen, was euer Herr euch in euren Gattinnen (als Ehepartner) geschaffen hat? Nein, ihr seid verbrecherische Leute.“

20120204_IRD001_0Eine explizite rechtliche Diskussion über Homosexualität, deren Bestrafung oder ähnliches enthält der Koran nirgendwo, das fällt in die Bewertung des Fiqh, der islamischen Rechtswissenschaften.
Seltsam ist nur, dass der Islam über tausend Jahre lang kein Problem mit Homosexualität hatte, ganz im Gegenteil, es gibt z.B. wunderbare Homoerotik von muslimischen Dichtern. Der Westen hat im Zuge der Kolonialisierung die Homophobie im Nahen Osten eingeführt, unsere Erkenntnisse über richtigen und falschen Sex, über das, was man tut und was man eben einfach nicht tut, haben wir gerne und erfolgreich weitergegeben. Mittlerweile steht der schwule Geschlechtsverkehr in sieben islamischen Ländern unter Todesstrafe (im Jemen, Iran, Sudan, Saudi-Arabien, Nigeria, Mauretanien und in den VAE). Eine staatliche Anerkennung von homosexuellen Paarbeziehungen gibt es gegenwärtig in keinem islamisch geprägten Staat, dagegen werden in mehreren Staaten aber immer wieder brutale Todesstrafen gegen Homosexuelle verhängt und ausgeführt.

Schwulsein ist also im Islam haram, verboten, so scheint es, doch so einfach ist das auch wieder nicht. Die Frage, wie verboten es ist, hängt nämlich davon ab, in welchem Land man ist und ob man ein Top oder ein Bottom ist (unglaublich, aber wahr).

gay-islamIn Saudi-Arabien zum Beispiel, dem „Königreich der Moscheen und Malls“, in dem theoretisch auf Sodomie natürlich die Todesstrafe steht, ist die Judikative in einer schwierigen Lage, dort werden auf der Klaviatur besagte Zwischentöne angeschlagen. Dass man gerne mit Männern schläft, bedeutet in Saudi-Arabien nämlich keineswegs, dass man schwul ist, sondern dass man erotische Engpässe (die Ehefrau ist gerade schwanger, menstruiert oder man hat noch keine Frau(en), die Dating-Szene ist in einem Land, in dem man mit Frauen, mit denen man nicht verwandt ist, noch nicht einmal sprechen darf, doch sehr eingeschränkt) überbrückt. Mit Schwulsein hat das natürlich rein gar nichts zu tun! Voilà, Problem gelöst – zumindest für die Tops. Während die sich nämlich darauf berufen, dass sie in einem Land ohne Kinos, Bars oder Clubs, dafür aber mit strikter Geschlechtertrennung keine Chance auf Sex vor der Ehe haben und sich daher mit Männern „behelfen“ (ähnlich der Gefängnis-Theorie im Westen, laut der es ja auch nichts über die sexuelle Orientierung eines Mannes aussagt, wenn er im Gefängnis Sex mit anderen Männern hat). In den Restaurants der großen Malls (die oft der einzige soziale Treffpunkt sind) händchenhaltende Männer zu sehen, ist daher gar nicht so selten, wie man im Westen annehmen würde. Da also auch heterosexuelle Männer auf der Suche nach Bottoms sind, sind diese leider Mangelware. Das könnte auch daran liegen, dass das Stigma der Homosexualität die Bottoms allein tragen. Wer ein Bottom ist, ist schwul – und kann deshalb auch hart bestraft werden.

Dasselbe gilt für lesbische Frauen: Frauen in Liebesbeziehungen mit anderen Frauen gelten nicht automatisch als lesbisch, es gilt als nachvollziehbarer Schritt in einer Gesellschaft, in der Frauen von fremden Männern nicht berührt werden dürfen, Bedürfnisse anderweitig zu befriedigen, bis sie endlich geheiratet werden.

Gay_Muslim_by_Keepbreathing25Wenn sich Araber also so eingeschränkt fühlen von einem Verbot, das es die ersten tausend Jahre ihrer Religion ohnehin nicht gab und von dem auch nicht ausdrücklich im Koran steht, dass es unter Strafe gestellt werden soll, warum dann daran festhalten? Bezeichnenderweise enthält die Sodom und Gomorrha-Geschichte im Alten Testament der Bibel ganz klar die Anweisung, dass Homosexuelle zum Tode verurteilt werden müssen – im Koran jedoch ist von keiner irdischen Strafe die Rede. Die tatsächliche Grundlage für den islamischen Umgang mit Homosexualität sind die sogenannten Hadithe, also Aussprüche und Handlungen Mohammeds, die jedoch fast zwei Jahrhunderte nach seinem Tod erst niedergeschrieben wurden und an deren Authentizität schon seit Jahrhunderten Zweifel bestehen. Dennoch ist das Studium der Hadithe heute noch unumgänglich in der islamischen Religionswissenschaft und sie haben auch bei der islamischen Bevölkerung einen hohen Stellenwert.

imagesEin weit verbreitetes Phänomen in der Welt (nicht nur in der arabischen): Wir wissen nicht genau, warum wir etwas ablehnen oder hassen, aber es ist schon so lange so, also machen wir weiter. Es ist viel einfacher, etwas zu umgehen, als es zu ändern, vor allem wenn auf die Straße gehen und dagegen ankämpfen Leib und Leben in Gefahr brächte. Es gibt mittlerweile westliche Boykott-Aufrufe, jeglichen Handel mit Ländern einzustellen, die nicht bereit sind, ihre Gesetzgebung bezüglich Homosexueller zu ändern, doch meiner Meinung nach ist Tradition und religiöse Identität nichts, was auf finanziellen Druck von außen nachgibt (und Saudi-Arabien kann sowieso tun was es will und der Westen wird weiterhin mit ihm Geschäfte machen). Wir sollten nicht vergessen, dass wir es waren, die unsere Vorstellungen von sexueller Moral in den Osten expandiert haben. Das könnten wir jetzt, mit unserer (angeblich?) neuen Moral ja wieder versuchen, ohne Kolonialisierung, einfach mit gutem Vorbild. Wenn wir so weit sind…..

 

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