Tür 16 – Razan Zaitouneh

Tür 02 - Syrien

Die sechzehnte unserer 24 Türen in die Welt bringt uns heute ins syrische Douma, einem Vorort von Damaskus. Am 9. Dezember 2013 wurde dort die syrische Menschenrechtsanwältin Razan Zaitouneh zusammen mit ihrem Ehemann Wa’el Hamada und den Aktivisten Samira Khalil und Nazem Hammadi aus ihrem Büro entführt. Bis heute fehlt jede Spur von ihnen.

Razan-Before.jpg.crop_displaySeit 2004, also lange bevor der Aufstand gegen das Regime von Baschar al-Assad begann und als die westliche Welt noch entschlossen in eine andere Richtung sah, veröffentlichte Razan unzählige Artikel und Analysen über die Situation der Menschen und Menschenrechte in Syrien auf allen öffentlichen Portalen, die zuhören wollten.

Nach der Eskalation im Arabischen Frühling 2011 ging sie in den Untergrund, wechselte alle paar Tage ihr Versteck und dokumentierte Menschenrechtsverletzungen aus dem Verborgenen über ihre Facebook-Seite. Im Mai 2011 wurden ihr Mann und dessen Bruder vom Geheimdienst verhaftet und drei Monate in Einzelhaft gehalten, ehe sie wieder freigelassen werden. Sie fliehen in die von Rebellen kontrollierten Gebiete der Ost-Ghuta und Razan wird dort Zeugin des Giftgasangriffs und der Belagerungen. Auf der Website der Berliner NGO „Adopt a Revolution“ schreibt sie damals erschüttert:

„Die SyrerInnen werden nicht vergessen, dass die internationale Gemeinschaft in der Lage war, das Regime zur Vernichtung seiner Chemiewaffen zu zwingen – aber nicht in der Lage ist, das Regime zu zwingen, die Belagerung ganzer Städte zu beenden, in denen täglich Kinder an Hunger sterben. Dabei stimmt die Formulierung ‚nicht in der Lage sein‘ überhaupt nicht. Richtiger wäre: ‚es wollte nicht‘ oder ‚es war nicht interessiert‘“.

Intern-EnglishA4Nur einen Tag vor ihrer Entführung klagte sie auf „Adopt a Revolution“ den Westen an, er würde tatenlos zusehen, wie Assads Armee ganze Ortschaften systematisch aushungern lasse. „Starve or surrender“ heiße die Devise der syrischen Armee. In dem Artikel schrieb Razan: „In Ghuta, wo ich derzeit lebe, sind in den drei Monaten nach den Giftgaseinsätzen mindestens 23 Kinder an Unterernährung gestorben. Der Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten ist das Ergebnis der Belagerung durch das Regime. Meine Freunde essen nur noch einmal am Tag Linsen, das einzige Lebensmittel, das in einigen der belagerten Stadtteile noch verfügbar ist. Doch für den Westen sind das ’nebensächliche Details‘, die ihn keinesfalls beunruhigen. Solche Nebensächlichkeiten müssen Thema der Konferenz Genf II sein.“

Dass religiöse Extremisten hinter der Entführung der „Douma 4“ stecken, ist ein naheliegender Verdacht, vor allem, da es Razan immer ein Anliegen war, politisch neutral nicht nur die Verbrechen des Assad-Regimes, sondern auch seiner Gegner zu dokumentieren – von Hinrichtungen durch Soldaten der Freien Syrischen Armee bis zum Terror islamistischer Brigaden unter Führer Zahran Alloush (der zum Moment der Entführung mächtigsten Gruppierung in diesem Gebiet Syriens) gegen die Zivilbevölkerung.

FreeRazanBis heute fehlt jede Spur von Razan. Aber seien wir ehrlich: Wer sucht schon nach ihr? Seit dem Frühling 2011 wurden tausende Syrer entführt, inhaftiert, gefoltert, umgebracht oder sind einfach „verschwunden“, letzteres betrifft besonders Menschenrechtsaktivisten und Widerstandskämpfer wie Razan. Free Syria‘s Silenced Voices ist eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass diese Menschen im Chaos des Bürgerkrieges nicht vergessen werden, dass sie und ihre Leistungen in Erinnerung bleiben und weiterhin eine Rolle spielen. Helfen Sie bitte dabei, den öffentlichen Druck auf Ihre eigene Regierung und mittelbar auf die syrische Regierung zu steigern, in dem sie sich mit ein paar Klicks an dieser Initiative beteiligen und klar machen, dass wir das „Verschwinden“ von Menschen wie Razan nicht einfach so hinnehmen.

“The road ahead is still long and riddled with obstacles and mines. The end is still blocked, and what lies beyond it remains unknown – what lies beyond the siege, the revolution, and the war. It is a dream binding us all, as though we were one long human chain carrying pickaxes and moving slowly but steadily down that road”. (Razan Zaitouneh)

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