Tür 17 – Chadīdscha bint Chuwailid, erste Muslima der Geschichte

Tür 10 - Saudi Arabien

Die siebzehnte unserer 24 Türen in die Welt bringt uns ins Mekka des sechsten Jahrhunderts. Ja, Sie haben richtig gelesen, wir besuchen heute nämlich Chadīdscha, die erste Muslima der Geschichte und so viel ist klar: An ihr liegt das schlechte Frauenbild des Islam sicher nicht.

99WON-13Mohammed-2-Chadidscha-BM-Lifestyle-BerlinChadīdscha war nämlich praktisch eine frühe Angelina Jolie. Ernsthaft. Ehe sie Mohammed Superstar heiratete, führte Chadīdscha ein äußerst ausgefülltes und emanzipiertes Leben. Wie Angelina hatte sie bereits zwei Ehen hinter sich und einige Kinder, die sie problemlos alleine großzog. Sie galt als geradezu atemberaubend schön (Bildmaterial kann ich leider keines liefern, die Paparazzi waren damals noch nicht so engagiert wie heute), hochintelligent, reich und dazu noch sehr wohltätig. Hätte man damals UN-Botschafterin werden können, wäre Chadīdscha zweifellos im Vera Wang-Kostüm um die Welt gereist.

Chadīdscha hatte jedoch leider etwas anderes zu tun, sie betrieb nämlich eine nicht gerade kleine Karawanserei in Mekka (dem Hollywood des sechsten und siebten Jahrhunderts) mit mehreren Angestellten. Sie war nicht auf Bräutigamssuche, als sie Mohammed (ein Cousin, den sie als Kleinkind zuletzt gesehen hatte) wieder traf, eher im Gegenteil. Zweimal verwitwet war sie fest entschlossen, nie mehr zu heiraten. Mohammed (eigentlich Abū l-Qāsim Muhammad ibn Abd Allāh ibn Abd al-Muttalib ibn Hāschim ibn Abd Manāf al-Quraschī – aka Brad Pitt) trat rein beruflich wieder in ihr Leben; der 15 Jahre jüngere Mann wollte nämlich für sie arbeiten. Er stand ihr in Punkto Schönheit wohl in nichts nach, denn es gibt seitenweise Ergüsse über seine elegante Stirn, seine perfekten Körperproportionen, sein seidiges schwarzes Haar, seine langen Wimpern und seine leuchtenden Augen. Auch hier müssen wir uns auf spätere Überlieferungen verlassen.

Mohamed

Mohamed

Eine Karawanserei ist eine Art Kombination aus Raststätte, Hotel und Großhandelsunternehmen. Reisende konnten bei Chadīdscha mit ihren Tieren rasten, essen oder übernachten, ohne Angst vor Überfällen haben zu müssen. Gleichzeitig waren Karawansereien aber auch die wichtigsten Handelszentren, Chadīdscha betrieb also gewissermaßen ein Import-Export-Unternehmen mit angeschlossenem Bellagio. Mohammeds erster Auftrag im Jahr 595 (er war 25, Chadīdscha 40) war, Waren nach Syrien zu exportieren, denn Chadīdscha machte solche Reisen mit ihrer Handelskarawane nie selbst, sondern ließ sie von Angestellten erledigen. Als Mohammed Wochen später von dieser Reise zurückkehrte, hatte er größere Profite mitgebracht, als jeder andere vor ihm, weswegen Chadīdscha ihn auch für die Winterreise nach Saudi-Arabien einsetzte. Als er auch von dieser erfolgreich zurückkehrte, war Chadīdscha sicher, dass sie nun doch einen Mann gefunden hatte, der eine dritte Ehe wert war. Aber nicht einmal in Mekka vor 1400 Jahren war diese Erkenntnis einfach umgesetzt, sondern auch damals brauchte man dringend Input und Hilfe von Freundinnen. Chadīdscha suchte ihre Freundin Nufaysa auf und sie tranken zwar wahrscheinlich keine Cosmopolitans (das ist jedenfalls nicht überliefert), aber sie schmiedeten den Plan, dass Nufaysa Mohammed ansprechen, Chadīdschas Interesse bekunden und herausfinden sollte, ob auch er Gefallen an Chadīdscha habe. In diesem Fall sollte die Heirat arrangiert werden. Indirekt machte also Chadīdscha Mohammed einen Antrag. So hatten Brad und Angelina sich gefunden und waren fortan Mekkas glamouröses Powerpaar. Ganz emanzipiert und ihrer Zeit weit voraus wurde Chadīdscha auch zu einer „Spätgebärenden“, denn sie und Mohammed bekamen sechs Kinder: Qasim, Abdullah, Zaynab, Ruqayyah, Umm Kulthum und Fatima, die Söhne Qasim und Abdullah starben jedoch noch im Säuglingsalter. Bei der Eheschließung beschloss Chadīdscha, bereits eine sehr reiche Frau, nicht mehr zu arbeiten sondern ihr Leben mit dem neuen Ehemann zu genießen. Auch Mohammed hatte kein besonderes Interesse an Arbeit, und so führten die beiden ein sehr zurückgezogenes Leben.

Nach 15 Jahren glücklicher Ehe wurde schließlich aus dem ehemaligen Kaufmann ein Prophet, denn Mohammed erschien im Jahre 610 (als er 40 war und Chadīdscha 55) zum ersten Mal der Erzengel Gabriel und enthüllte ihm die ersten Verse des Korans, die da lauteten:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel. Lies, und dein Herr ist der Edelste, Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte…“ (heute Sure 96:1-5)

Mohammed war aufgewühlt und rannte sofort zu Chadīdscha (genau das würde Brad Pitt auch tun), die die Ruhe behielt, ihn tröstete und keinerlei Zweifel an Mohammeds Schilderungen hatte. Es ist überliefert, dass sie den Islam ohne Zögern verinnerlichte, und das, obwohl sie bis zu diesem Zeitpunkt quasi Atheistin war, denn es gibt keinerlei Hinweise, dass sie bis zu diesem Tag jemals zu irgendwelchen Göttern oder Idolen gebetet hatte, wie es damals durchaus üblich war. Chadīdscha wurde also zur ersten Muslima – und zur wichtigsten, denn nicht umsonst gibt es ein berühmtes Sprichwort im Islam: „Islam did not rise except through Ali’s sword and Khadijah’s wealth„, heißt es, und tatsächlich wäre der Islam wohl nie zu einer Weltreligion geworden, hätte Mohammed nicht Chadīdschas Vermögen zur Verfügung gestanden. Nicht umsonst wurde Chadīdscha eine der „4 Great Women of Islam“ (falls Sie Inspiration brauchen: die anderen drei sind Chadīdschas Tochter Fatima, die Heilige Jungfrau Maria und Aasiyah bint Mazaahim, Frau des Pharaos).

Zehn Jahre nachdem Mohammed der Erzengel Gabriel erschienen war, starb Chadīdscha im Ramadan des Jahres 619 an hohem Fieber und hatte zu dem Zeitpunkt bereits ihr ganzes Vermögen für die Verbreitung des Islam aufgebraucht, sie hinterließ keinen einzigen Golddinar. Mohammed selbst hob ihr Grab aus und bestattete sie in der Nähe von Mekka. Ihre 25-jährige Ehe war sehr glücklich gewesen und Mohammed war monogam (was bedeuten soll, dass er keine weiteren Ehefrauen zu ihren Lebzeiten hatte). Obwohl überliefert ist, wie sehr er um sie trauerte, hielt ihn das nicht davon ab, sich für besagte Monogamie nach ihrem Tod zu entschädigen: er hatte noch zehn weitere Frauen, die aber seltsamerweise (oder in einem Akt kosmischer Gerechtigkeit) alle kinderlos blieben und nie an seine erste Ehe heran reichten. Selbst Aischa, die bei den Sunniten als seine Lieblingsfrau gilt, soll sich bei ihm darüber beschwert haben, dass er immer noch Chadīdscha nachtrauere, obwohl Allah ihn mit einer besseren, jüngeren Frau (ihr selbst) entschädigt habe.

Chadīdscha hat einen tiefen Fußabdruck in der islamischen Geschichte hinterlassen, doch leider wird neben ihrem in Ehrfurcht gehauchten Namen oft ihre Geschichte vergessen: die einer selbständigen, berufstätigen, emanzipierten, unabhängigen Frau.

 

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