Tür 18 – Palmyra

Tür 02 - Syrien

Every person has two homelands … His own and Syria”, sagte Frankreichs führender Archäologe André Parrot einmal und meinte damit, dass Syrien die Wiege der Menschheit ist – der gesamten Menschheit. Zu dieser Wiege kehren wir durch die achtzehnte unserer 24 Türen in die Welt zurück, nach Palmyra.

Systematisch zerstört ISIS die Weltkulturschätze, die Syriens historische Bedeutung verkörpern. Im Januar besetzte ISIS eine Bibliothek im irakischen Mosul und verbrannte tausende  Bücher. Im Februar wird ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie ISIS Artefakte im Zentralmuseum in Mosul zerstört. Im März machen Sprengsätze und Bulldozer Nimrud, Iraks bedeutendste archäologische Fundstätte, dem Erdboden gleich. Nur wenige Tage später zerstören sie auch die Ruinen von Hatra.

Dann kam Palmyra. “Among the great cities of antiquity, Palmyra is comparable only to Petra in Jordan, Angkor Wat in Cambodia, and the Athenian Acropolis in Greece”, beschrieb es Princeton-Professor Glen Bowersock.

_83022106_palmyra_epaIn der Tat gehörten Palmyras gut erhaltene Ruinen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus zum UNESCO-Weltkulturerbe. Doch ihre Zerstörung ist noch nicht einmal das Schlimmste, was sich in Palmyra ereignete, denn eine Woche zuvor wurde der 82-jährige ehemalige Chef-Archäologe Khaled al-Asaad von ISIS geköpft und der Leichnam öffentlich zur Schau gestellt.

Palmyra ist ein multikultureller Ort, aber im siebten Jahrhundert wurde ein Teil des Bel-Tempels als Moschee genutzt, also warum zerstören die Dschihadisten Bauwerke, die auch ihre eigene Religion und Geschichte repräsentieren?

Ikonoklasmus (also die Zerstörung von Denkmälern der eigenen Religion) ist eigentlich ein christliches Phänomen, schon Moses soll immerhin das Goldene Kalb zerstört haben. Im Koran gibt es keinerlei Stellen, die als Bilderverbot ausgelegt werden können, in den Hadithen jedoch gleich mehrere Passagen, in denen diejenigen, die sich ein Bild von Allah machen, als weniger gläubig oder gar ungläubig dargestellt werden. Die Überzeugungen der Wahhabiten (die ISIS-Kämpfer sind fast ausnahmslos Anhänger der Sekte der Wahhabiten, die als besonders traditionalistisch und radikal gilt) ist jedoch mit Sicherheit nicht der einzige Grund für die Zerstörung:

  • Kleinere Kunstgegenstände werden nicht zerstört sondern auf dem Schwarzmarkt in den Westen verkauft (die 1,5 Millionen Dollar, die ISIS pro Tag durch Ölverkäufe einnimmt, reichen offenbar nicht für die Kriegskassen)
  • Publicitygründe spielen sicher ebenfalls keine kleine Rolle, ISIS will empören, erschrecken, schockieren, Reaktionen provozieren. Die Zerstörung zweitausend Jahre alter Bauwerke soll ihre angebliche Machtposition dem Westen gegenüber stärken und die Hilflosigkeit des Westens untermauern.

Die westliche Welt ist betroffen, der Umfang der Zerstörungen in ihren Augen unfassbar und dennoch bleibt die Frage, ob wir überhaupt das Recht haben, über zerstörte Ruinen zu trauern, wenn der Krieg seit März 2011 fast eine Viertelmillion Syrer das Leben gekostet hat. Wo ist die Relation zwischen Mensch und Stein?

Part of me died today,” twitterte der pakistanische Schriftsteller Tarek Fatah nach der Zerstörung Palmyras und verdeutlicht damit, dass man Menschen auf viele verschiedene Arten verwunden kann. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, dass wir leben, sondern vor allem auch darauf, wie wir leben. Menschen brauchen die Unversehrtheit ihres Leibes, aber Menschen brauchen auch kulturelle Identität.

khaledEs wird vermutet, dass Khaled al-Asaad enthauptet wurde, weil er sich selbst unter Folter weigerte, ISIS die Aufbewahrungsorte weiterer Funde zu verraten. Al-Asaad selbst hat damit die kulturelle Identität seines Volkes über sein eigenes Leben gestellt. Und zeigt die Reaktion der Öffentlichkeit nicht, dass er damit Recht hatte? Die Bestürzung über das zerstörte Palmyra ist kollektiv, die über al-Assads Enthauptung nur eine mediale Randnote. Er hat, wie im Lauf der Geschichte viele andere Menschen vor ihm, den Tod vorgezogen vor einem Überleben, das einen zu hohen Preis gefordert hätte.

Das heißt nicht, dass wir Artefakte über Menschen stellen sollen, aber es heißt, dass es unser Recht ist, um Palmyra zu trauern, nicht um den Verlust der Steine, sondern um den Verlust des kulturellen Erbes der Syrer. Selbst da, wo ISIS nicht tötet, lässt es die Menschen nicht mit einem tief verankerten Grundrecht leben: mit ihrer Geschichte.

Etwas, was zweitausend Jahre standhielt, wurde in Schutt und Asche gelegt, nicht um Leben zu nehmen, sondern Identität. Wir wissen, dass Menschen wichtiger sind als Dinge, aber manchmal brauchen Menschen Dinge, um ihre Identität nicht zu verlieren, um noch sie selbst sein zu können. Und manchmal sind diese Dinge so unwiederbringlich wie die Menschen, die an ihnen festzuhalten versuchten.

Zerstört

 

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