Tür 19 – Nebahat Akkoc

Tür 19 - Türkei

Nebahat Akkoc sagt, sie sei in der Folterkammer zur Feministin geworden. Dabei öffnet sich die neunzehnte unserer 24 Türen in die Welt nicht etwa in den Iran oder Irak, nach Syrien oder Afghanistan, sondern in die Türkei.  Die Türkei gehört zu Europas beliebtesten Urlaubsländern, wer günstig am Strand liegen will, fliegt nach Side, wer Kulturreisen bevorzugt, besucht das wunderschöne Istanbul. Politik ist Nebensache, wenn man nach sieben Tagen all inclusive wieder nach Hause fliegt.

nebahat_akkoc_ausschnitt_2Nebahat wohnt nicht in Side und nicht in Istanbul, sie ist eine Grundschullehrerin im anatolischen Diyarbakir. Und sie ist Kurdin. Nach dem Militärputsch 1980 kam es hier zu Massenverhaftungen kurdischer Linker. Ihr Mann, ebenfalls Lehrer und ein Gewerkschaftler, wird verhaftet und sitzt  im Gefängnis Nummer 5, das die britische Times zu den schlimmsten Gefängnissen der Welt zählt. Mit „Luxusproblemen“ wie Feminismus beschäftigte sie sich damals nicht: „Über Feministinnen dachte ich: Was habt ihr für Sorgen. Wir haben hier Krieg!“  Als Krieg empfanden in der Tat viele den offenen Konflikt, der Mitte der 80er Jahre zwischen der PKK und dem Türkischen Staat ausbrach.

Auch im Umfeld des Paares gibt es viele Tote. Anfang der neunziger Jahre werden 16 ihrer Lehrerkollegen vom Türkischen Staat umgebracht. Doch der Tag, der ihr Leben veränderte, war der 13. Januar 1993. Ihr Mann hatte früh das Haus verlassen und war auf dem Weg zur Arbeit als Nebahat und ihre damals 13-jährige Tochter die Schüsse hören. Die Polizisten, die bei ihr klingelten, um ihr zu sagen, dass ihr Mann tot ist, wollen ihr keinerlei Auskunft über Täter oder Tathergang geben – daraufhin verklagte Nebahat den türkischen Staat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Nebahat lässt sich von der Schule in den Ruhestand versetzen und wird politisch aktiv.  1994 wird sie zusammen mit 16 anderen Aktivisten (ausschließlich Männer) verschleppt und zwölf Tage lang  gefangen gehalten, völlig isoliert von den anderen. Später erfuhr sie, dass sie viel brutaler gefoltert worden war als die Männer. Damals wurde sie Feministin, damals erkannte sie, dass Frauen doppelt Gewalt angetan wurde: vom Staat und in der eigenen Familie. Fünf Jahre dauert sie an, die Schikane von Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, untergeschmuggelten Bildern, die beweisen sollen, dass sie PKK-Mitglied ist, obwohl sie der Organisation immer fern stand. 15 mal wird sie in diesen Jahren verhaftet und immer wieder schwer misshandelt. 1999 ist es schließlich vorbei: der Europäische Gerichtshof gibt ihr Recht. Ein teuer bezahltes Urteil.

KAMER-VAKFI1997 begann sie mit ihrer feministischen Arbeit und gründete KAMER. 95% der türkischen Frauen gaben damals in einer Befragung an, dass Gewalt durch Männer normal sei. Nur 5% konnte sich ein Leben ohne häusliche Gewalt vorstellen.

Nebahat ist Pragmatikerin, in ihrer Organisation muss Veränderung für Frauen spürbar und erlebbar sein. Neben der unmittelbaren Aufnahme misshandelter Frauen bietet KAMER eine Vielzahl von Möglichkeiten für Frauen an, vom Klitoriskurs bis zum Existenzgründerseminar.

Mitten in der Altstadt von Diyarbakir, der Kurdenhochburg am Tigris, im tiefsten Anatolien,  gibt es nun das Restaurant Hasan Paşa Hanı und jeder Mann, der dort einen Tee trinkt oder etwas zu essen bestellt, unterstützt damit Frauen, denn er sitzt mitten in der feministischen Schaltzentrale. 2000 Gäste werden hier täglich bewirtet, wenn nicht gerade Ramadan ist.  1998 war es das erste Restaurant, das von einer Frau geführt wurde,  heute sind allein in Diyarbakir 45 selbständige Gastronominnen. Die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen ist essentiell, predigt Nebahat, ohne sie sind sie auch in allem anderen nie frei.

Und wohin mit den Kindern, während Mama ein Restaurant leitet oder ein anderes Unternehmen gegründet hat? KAMER gründete auch Kindergärten und bildet Erzieherinnen aus. Und da nicht alle Frauen im Osten der Türkei Wirtinnen oder Kindergärtnerinnen sein können, begannen auch viele zu nähen und ihre Waren in eigenen Läden zu verkaufen. Mittlerweile unterstützt KAMER sie dabei, auch die Stoffe selbst herzustellen, so gibt es mittlerweile 3 Produktionsstätten, an denen zahlreiche Weberinnen arbeiten. Dreiundzwanzig Niederlassungen hat KAMER inzwischen in der Türkei, auch im modernen Westen des Landes.

Die Frauen bei KAMER lernen in erster Linie, dass die Unterdrückung der Frau überall auf der Welt nach Mustern abläuft, sie hat Parallelen, sie hat vor allem System. Dieses System gilt es aufzubrechen, idealerweise mit dem Ehemann zusammen (spätestens wenn Nebahat Fernseh-Sexologen kommen lässt, um den Paaren in Kursen zu erklären, wie man mehr Spaß im Bett haben kann, werden auch die meisten Männer zu begeisterten Feministen), doch auch Frauen, die sich scheiden lassen (etwa ein Zehntel), werden von KAMER unterstützt.

Wenn auch Sie KAMER und Nebahats Arbeit unterstützen möchten, können Sie das hier tun.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass in den letzten fünfzehn Jahren in den Köpfen der türkischen Frauen viel passiert ist. Acht von zehn Frauen sind heute der Ansicht, dass Gewalt in der Ehe nicht normal ist. –  Die Politik hat mit dieser Veränderung in den Köpfen leider nicht Schritt gehalten. Im letzten Jahr wurden in der Türkei 281 Frauen umgebracht, das waren fast 70 mehr als im Jahr 2013. Frauen, die ihre Rechte einfordern, erzeugen Aggression bei Männern und bislang gab es keine wesentlichen Änderungen in der Gesetzgebung der Türkei, die Männern diese Aggressionen verbieten. Erdogan ist  vermutlich gerade mit wichtigerem beschäftigt….

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