Tür 20 – Joumana Haddad

Tür 06 - Libanon

Die zwanzigste unserer 24 Türen in die Welt führt uns zurück in den Libanon, zu einer Frau, die ebenfalls schon lange für politische Gerechtigkeit in ihrem Land kämpft, wenn auch auf ganz andere Weise als Farah Salka.

Joumana_HaddadJoumana Haddad steht auf Kriegsfuß mit Scheherazade, der Tochter des königlichen Wesirs aus Tausendundeine Nacht.

In Tausendundeine Nacht wurde König Schahrayâr von seiner Frau mit einem Sklaven betrogen und beschließt tief gekränkt, nie wieder einer Frau sein Herz zu schenken, sondern sich stattdessen jede Nacht eine neue Frau zu nehmen, und sie im Morgengrauen zu töten. Scheherazade begann in der Nacht, in der sie zu ihm gerufen wurde, jedoch eine Geschichte zu erzählen, von der der König so gebannt war, dass er wissen wollte, wie sie weiterging, und ließ sie deswegen am Leben. 1001 Nacht unterhielt sie ihn mit ihren Geschichten (und bekam nebenbei drei Kinder von ihm), bis er von ihrer Treue überzeugt war und von seinen Serienmörder-Tendenzen Abstand nahm. Die Erzählung ist berühmt, Scheherazades Rolle darin die einer fragwürdigen Heldin, umgeht sie doch männliches Fehlverhalten geschickt, anstatt sich dagegen zu wehren, was sie in Joumanas Augen zum Sinnbild der weiblichen Kritiklosigkeit an Männern macht, wie sie in ihrem ersten nicht-lyrischen Buch „Wie ich Scheherazade tötete“ immer wieder betont. An keiner Stelle wird König Schahrayâr für seine Morde kritisiert, es kommt zu keiner Einsicht über die Grausamkeit seiner Taten, Scheherazade schmeichelt sich nur ein, macht sich unentbehrlich, macht sich zu einer Exotin, zu einem Besitz, den er nicht aufgeben will – und das Abendland macht sie dafür zur feministischen Heldin. We (women, most of us),schreibt Joumana in ihrem Buch,are tired of you (men, most of you) seeing us as only your mothers, your daughters, your sisters, your lovers, your wives, your properties, your accessories, your servants, your toys … we are tired of you needing us to cover up with a black cloak, or to over-expose ourselves like cheap sex objects, in order for you to feel secure in your manhood.

The DevilAls Kind waren ihre Lieblingsbeschäftigungen Lesen und Masturbieren. Mit 12 Jahren (da belagerten die Israelis gerade Beirut) veränderte sich ihr Leben für immer, denn sie entdeckte de Sade.

Sie begann ihre Karriere als Journalistin bei der libanesischen Tageszeitung An Nahar, wusste aber schon damals, dass sie eigentlich in der Literatur zuhause ist. Ihren ersten Mann heiratete sie mit 19 Jahren, bekam zwei Söhne und ließ sich mit 29 wieder scheiden. Mit ihrem zweiten Mann lebt sie nicht zusammen, sie haben Häuser, die 15 Minuten voneinander entfernt sind, und das sind genau die 15 Minuten Unabhängigkeit, die sie braucht.

Sie wurde katholisch erzogen, ist aber mittlerweile Atheistin, weil sie alle drei abrahamitischen Religionen für misogynistisch hält. Besonders hasst sie den Genesis-Teil, in dem Eva aus der Rippe von Adam erschaffen wurde. Sie ist eine Frau, die sich von Zorn nährt und ihn umleitet in ihre Kunst. Bisher hat sie vier Gedichtbände und zwei biographische Bücher auf den Markt gebracht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, aber man hat das Gefühl, der Zorn reicht für viele mehr.

covernew2009 war sie die Herausgeberin des ersten und einzigen arabischen Erotikmagazins Jasad (was übersetzt „Körper“ heißt), das jedoch 2011 nach acht Ausgaben aus finanziellen Gründen abgesetzt werden musste, weil sich die arabischen Unternehmen nicht trauten, in diesem Magazin Werbung zu machen. Die veröffentlichten Ausgaben waren wunderschön und enthielten Reportagen über Polygamie, Jungfräulichkeit, Zwangsehen, Erotika… Sie bestand darauf, dass alle Autoren unter ihrem richtigen Namen publizierten, keine Pseudonyme, keine Heuchelei. Diesen Winter nimmt sie einen neuen Anlauf und es soll wieder erscheinen.

Mit Heuchelei hat sie so ihre Schwierigkeiten. Im Islam entlarvt sie diese unter anderem am Beispiel von Nabokov’s Lolita: das Buch ist zwar in fast allen arabischen Ländern verboten, jedoch sind Kinderehen in denselben Ländern nicht nur erlaubt, sondern werden sogar gefördert.
Auch mit den islamischen Frauen geht sie hart ins Gericht. Man müsse unterscheiden, sagt sie immer wieder, nicht alle arabischen Frauen seien Opfer, viele haben es sich in einer Art komfortablen Nische der Unterdrückung bequem gemacht und den Kampf aufgegeben: „[They] indulge in being a victim, especially when [they’re] living a comfortable life, like many women in Saudi Arabia“ oder sind, wie ihre Landsfrauen im Libanon, mit einer sehr oberflächlichen Emanzipation zufrieden. Es müsse da dringend eine Unterscheidung zu jenen Frauen, z.B. in Afghanistan, geben, die aufgrund der viel strengeren Gesetzgebung an ihren Lebensumständen momentan nichts ändern könnten, im Gegensatz zu denen, die sich einfach weigerten, selbst die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. “It’s really important for me to say that. Because I frankly don’t feel that many women are doing enough to change their state.

The Blue TreeIn ihrem neuesten Buch “Superman is an Arab” geht sie detaillierter darauf ein, was sie von den Frauen der Gegenwart erwartet, und das sollte sich auch im Westen jede Frau auf die Fahne schreiben: „It all starts with the mother who raises Superman by telling his sister to serve him, by treating him like a god. Secondly, women need to be financially independent. This is a major issue. You see many women calling for their rights and yet they wouldn’t lift their fingers to be responsible. It’s not about having three maids at home and the latest car. The third thing is for a woman to believe in herself. Stop being Scheherazade and compromising your basic rights. Don’t feel like bribing the man is the only way to get what you want. Have the guts to say no. The hell with being thought of as a good woman! Let other people insult you and point fingers. But believe me, if they do that they will also fear you. Transparency scares the assholes.

Sie lebt immer noch in Beirut, obwohl es sie zornig macht, nein, gerade weil es sie zornig macht. Sie braucht ihre Wut um zu schreiben, sagt sie. Obwohl manchmal: I would just like to be living in a country where waking up does not feel like going to war every morning.“

 

 

Superman is an Arab: On God, Marriage, Macho Men and Other Disastrous Inventions (Taschenbuch)


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Wie ich Scheherazade tötete: Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau (Taschenbuch)


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I Killed Scheherazade: Confessions of an Angry Arab Woman (Taschenbuch)


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