Tür 22 – Syrische Wirtschaftsflüchtlinge

Tür 02 - Syrien

Durch die zweiundzwanzigste unserer 24 Türen in die Welt besuchen wir heute noch einmal Syrien, genauer gesagt Douma, einen Vorort von Damaskus, den wir schon durch Razan Zaitouneh kennengelernt haben.

In den westlichen Medien wird seit Wochen über Kategorien der Not diskutiert. Balkanflüchtlinge sind empört, dass ihr Asylgesuch fast kategorisch abgelehnt wird, andere können nicht nachvollziehen, wie Migranten aus den europäischen Nachbarländern nicht einsehen wollen, dass Flüchtlinge aus Syrien Vorrang haben müssen.

Was wiegt schwerer, Hunger oder Bomben? Welche Flucht ist gerechtfertigter, die vor der Armut oder die vor politischer Verfolgung?  – Das europäische Asylgesetz beantwortet die Frage eindeutig, individuell sind die Meinungen dagegen verschieden. Mittlerweile hätten sehr viele Europäer lieber Mazedonier in ihren Aylbewerberheimen als die notorisch in Terror-Verdacht stehenden Syrer.

Leid sollte man nicht gegeneinander aufwiegen“ sagen schnell vor allem immer diejenigen, die für ein Asyl von Wirtschaftsflüchtlingen sind – in der Realität tun wir das aber natürlich jeden Tag. Ehe wir mehr wertvolle Zeit mit der Frage verschwenden, ob wohl Hunger ein Leben mehr oder weniger bedroht als Armeen, sollten wir uns einem Aspekt der Syrienkrise zuwenden, der in der Presse viel zu wenig Beachtung findet: Syrer leben seit Beginn des Krieges in bitterer Armut. Besonders deutlich zeigt sich das in Douma, einer besetzten Stadt, an der die Welt jegliches Interesse verloren hat.

GemüsehändlerDurch die Besatzung und die Blockade sind die Bewohner von Douma von Lebensmittellieferungen abgeschnitten, Schwarzhändler nutzen das Elend der Bevölkerung, bieten Waren zu Wucherpreisen an – und werden reich, denn in der Ermangelung anderer Versorgung müssen die Bewohner von Douma bei diesen Schwarzhändlern kaufen. Schon Razan beschuldigte das Regime, Syrer systematisch verhungern zu lassen und seither hat sich nichts verändert. In Douma werden Früchte mittlerweile zentimeterweise verkauft, denn kaum noch jemand kann sich eine ganze Banane leisten.

Obsthändler schneiden ihre Früchte in akkurate 2 cm-Stücke, so dass sich die Menschen überhaupt noch ein wenig Obst kaufen können. Kinder, die sich an eine Zeit vor dem Krieg gar nicht mehr erinnern können, wissen oft gar nicht, was Obst ist.

douma- banaEine Banane in Douma kostet 400 syrische Pfund, das sind mehr als 1,50€ pro Banane – unerschwinglich für Syrer. Ein Töpfchen Butterschmalz (im Rest des Landes würde es etwa 4000 Syrische Pfund kosten, also unglaubliche 15€) kostet in Douma sogar 56.000 Pfund (also 230€). Hier wird eine Stadt vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu Ausschwitz gemacht; abgemagerte Menschen ohne jegliche medizinische Versorgung dienen als Kulisse für den politischen Machtkampf zwischen der Army of Islam (angeführt vom berüchtigten Zahran Alloush) und dem Regime.

Und wer glaubt, die Armut sei auf Douma beschränkt, der irrt sich. In ganz Syrien wird Nahrung mehr und mehr zum Luxusgut. Abgesehen davon, dass jeder Gang zum Markt lebensgefährlich ist, werden die Märkte dort auch immer leerer. Und auch an den syrischen Staatsgrenzen macht das Elend nicht Halt: die UN kürzt beständig die Zahlungen an die großen Flüchtlingszentren in den syrischen Nachbarländern (z.B. im Libanon). Das heißt, auch wer es über die Grenze in eines der Auffanglager geschafft hat, muss dort weiter hungern.  Um dem zu entgehen, versuchen die Flüchtlinge entweder, nach Europa zu kommen, oder sie kehren nach Syrien zurück, denn viele lassen sich lieber im Gefecht töten als den qualvollen Hungertod zu sterben..

Bis zum Jahresende fehlen dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) rund 237 Millionen USD.

Rasmus Egendal, stellvertretender Direktor des WFP war bis vor kurzem Nothilfe-Koordinator in Syrien und der umliegenden Region und sagte in einem Interview mit Zeit-Online: „Wir mussten die Rationen kürzen. In Syrien unterstützen wir rund vier  Millionen Menschen. Im September haben wir etwa 360.000 von ihnen die Nahrungshilfe komplett streichen müssen, die anderen bekommen nur noch drei Viertel der ursprünglichen Menge. In Jordanien und Libanon helfen wir etwas mehr als einer Million Menschen. Dort erhalten mehr als 360.000 Menschen keine Lebensmittelkarten mehr von uns. Die Gutscheine, die noch ausgegeben werden, reichen nur noch für ungefähr die Hälfte dessen, was für eine ausreichende Versorgung nötig wäre. Das heißt: Viele hungern.

So dramatisch das klingt, Egendal ist klar, dass diejenigen, die es noch nicht in den Libanon oder nach Jordanien geschafft haben, noch schlimmer dran sind: „In den vom „Islamischen Staat“ kontrollierten Gebieten und in Städten, die belagert werden – egal, von welcher Kriegsfraktion – gibt es vermutlich eine halbe Million Menschen, die von keiner Hilfsorganisation erreicht werden. Und schätzungsweise zehn Millionen Menschen sind alleine in Syrien in einer prekären Lage, aber von Hilfe abgeschnitten. Vor einem Jahr hat eine Erhebung des Welternährungsprogramms ergeben, dass etwa die Hälfte der syrischen Flüchtlinge nicht sicher mit Nahrungsmitteln versorgt ist. Heute sind es 90 Prozent.“

Es ist klar, dass wir in erster Linie an die Flüchtlinge denken, die zu uns nach Europa gekommen sind, und sich unsere Hilfsbereitschaft zuallererst auf sie konzentriert. Aber während in Deutschland so gut wie alle Flüchtlingsheime keine Sachspenden mehr annehmen, weil sie gar nicht wissen, wo sie alles lagern sollen, wird die Lage z.B. in den libanesischen Auffanglagern täglich schlimmer.

Die Zuwendungen der Länder und der UN reichen nicht annähernd, um die Flüchtlinge vor Ort zu versorgen. wenn Sie können, bitte spenden Sie an Organisationen wie die Caritas, die sich speziell für Flüchtlinge im Libanon engagiert.

Wer also Probleme mit den Kriegsflüchtlingen aus Syrien hat, der kann sie gerne als Wirtschaftsflüchtlinge ansehen.

Nein, Hunger und Krieg kann man nicht gegeneinander aufwiegen. Nein,  Elend ist kein Wettbewerb. Aber wenn es einer wäre, dann gewänne Syrien.

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