Djuna Barnes‘ „Nachtgewächs“ und andere Dinge, die man mit 40 nicht mehr verstehen muss

Vierzig ist das neue Zwanzig. Sagt man.
Wer von Ihnen ist vierzig? Und wer fühlt sich wie zwanzig?

forever 40

Und wollen wir das überhaupt? Gut, unsere Zwanziger hatten den Vorteil, dass es das Internet noch nicht gab, also nicht die ganze Welt von unseren Entgleisungen erfahren hat, aber waren sie ansonsten wirklich so grandios, wie wir sie in unserer verklärten Erinnerung heute beschreiben?

Mir sind die Zwanziger entglitten, sie rannen mir durch die Finger zwischen Rezepten für Bio-Babybrei und dem Versuch, herauszufinden, was genau es eigentlich bedeutet, verheiratet zu sein. Die Dreißiger habe ich auf den Knien verbracht, Buntstift-Malereien aus dem Ahornparkett schrubbend (nur nebelfeucht natürlich), die Kinder in der Schule, mein Mann in der Praxis, und habe mich gefragt, wo verdammt nochmal meine Zwanziger geblieben sind und was aus „Freiheit genießen“, „die Welt entdecken“ und „Karriere aufbauen“ geworden ist.

Deswegen will ich diese Dekade analysieren, noch bevor sie mich komplett überschwappt und ich sie in meinen Fünfzigern bereuen muss.

Midlife crisis going wellDie Vierziger sind eine Transition. Angeblich. Natürlich waren das die Zwanziger und die Dreißiger auch, aber jetzt fällt es uns zum ersten Mal auf. Die Hälfte unseres Lebens ist vorbei und ja, das bedeutet zwar, dass die andere Hälfte noch vor uns liegt, aber der Punkt ist, dass es die Hälfte ist, in der alle Entscheidungen bereits getroffen sind, alle Weichen für unser Leben schon gestellt. Jetzt kommt die Lebenshälfte, in der ich die Konsequenzen trage für das, was die Idiotin, die ich mit neunzehn war, beschlossen hat; wegen ihr bin ich kein Rock Star, keine Senatorin, ich heile kein Ebola, ich lösche keine brennen Häuser, ich habe nicht einmal eine Rolle bei fucking Grey’s Anatomy.

Ich möchte meinem neunzehnjährigen Ich den Hintern versohlen – und danach will ich ihn wiederhaben. Ja, ich weiß, es gibt diese Frauen, die in ihren Vierzigern nochmal richtig durchstarten, mit fast fünfzig schwanger werden oder studieren, sich „Carpe Diem“ auf den Oberarm tätowieren lassen, wieder Chucks tragen oder mit Joggen anfangen, aber das hat doch immer einen seltsam bitteren Beigeschmack. Ja, ich weiß, manche schlafen auch mit den neunzehnjährigen Freunden ihrer Söhne (ich habe es verdient, dass Sie das ansprechen, also werde ich gar nicht erst versuchen, mich zu verteidigen) und das hat nicht nur einen bitteren, sondern geradezu einen verzweifelten Beigeschmack (vor allem deshalb, weil ich nunmal nicht JLo bin). Es ist besser als die übliche männliche Variante (mit der Babysitterin schlafen und sich einen Porsche kaufen), aber nur marginal. How BitchyAltwerden ist schlimm genug, dabei auch noch seine Würde zu bewahren fast ausgeschlossen, wenn man nicht Meryl Streep ist (und Frauen, die einen eigenen Stylisten haben, zählen im Grunde sowieso nicht). Menopause ist nichts für Weicheier. Man versucht uns einzureden, die Vierziger wären die neuen Zwanziger, aber das sind sie nur für die, die aussehen wie Halle Berry, der Rest von uns ist einfach vierzig und das ist (genau wie früher auch) das doppelte von zwanzig.

Ja, es gibt Vor- und Nachteile (die gibt es immer) und wir wollen hier keine Schwarzmalerei betreiben. Und wenn man ein paar Dinge im Hinterkopf behält, kann man es sich auch einfacher machen:

  1. Du bist erwachsen. Jedenfalls so erwachsen man sein kann (und das ist nicht besonders, wie du bemerkt haben wirst), wir tun alle nur so.
  2. Gott existiert. Oder nicht. In den Zwanzigern war es cool, daran zu zweifeln, in den Dreißigern warst du an Weihnachten mit deinen Kindern in der Kirche und heute hast du andere Sorgen.
  3. Du hast gelernt, „Nein“ zu sagen. Sogar zu deiner Mutter und zu Männern.
  4. Es ist in Ordnung, wenn du Djuna Barnes‘ „Nachtgewächs“ nie ganz verstehen wirst, wir lieben es und wir respektieren das Blut, das durch seine Seiten fließt, das reicht.
  5. Dass ein Mann „nett“ ist, reicht für eine Beziehung nicht aus. Du hast es getestet.
  6. Es ist in Ordnung, wenn du nach der Arbeit nicht nach Hause kommst, deine Louboutins abstreifst, aus deinem Weinkeller einen 2008er Hundred Acre Ark Vineyard Cabernet Sauvignon holst und dich damit auf deine Pottery-Barn-Couch setzt und ein gutes Buch liest. Es ist vollkommen in Ordnung, sich die Turnschuhe auszuziehen, eine Cola aus dem Kühlschrank zu nehmen und auf deiner Ikea-Couch „American Idol“ anzuschauen. Du bist vierzig, niemanden kümmert es mehr, was du tust.
  7. Zieh nicht an, was „in“ ist (auch nicht, wenn das, was jetzt in ist, dir zufällig gefällt, und das, was in war, als du jung warst, ganz schrecklich war). Du bist zu alt für in. Trag schwarz.
  8. Hör auf Zeitschriften zu lesen, lies Bücher. Die Zeiten, in denen schöne Bildchen Dir vorgeben, wie Du auszusehen oder zu leben hast, sollten vorbei sein.
  9. Bezeichne dich nicht als „flippig“. Was in deinen Zwanzigern süß und extravagant war, gleitet in den Vierzigern schnell ins pathologische ab. Nicht positiv aufzufallen ist in deinem Alter weit weniger schlimm als negativ aufzufallen.
  10. Sei nicht beleidigt, wenn Schüler dir in der U-Bahn einen Platz anbieten. Setz dich einfach.
  11. Du kannst immer noch alle zehn Bände von Thomas Manns Tagebüchern lesen, du solltest nur bald damit anfangen.
  12. Natürlich könntest du mit regelmäßigem Training immer noch  beim New York Marathon mitlaufen. Aber das wirst du nicht.
  13. Die Größe spielt eine Rolle. Definitiv. Die Größe deiner Wohnung, die Größe deines Bankkontos, die Größe deines Hinterns und die Größe, die du beweist, wenn du keinen Schreikrampf bekommst, wenn die zwölfjährige Verkäuferin bei Macy’s dir sagt, dass es diesen Pullover in deiner Größe nicht gibt.
  14. Zwanzigjährige Arbeitskolleginnen erscheinen dir naiv, weltfremd und ahnungslos weil sie es sind.
  15. Du wirst nicht mehr rot bei unglaublich gutaussehenden, unglaublich charmanten Männern. Du wirst misstrauisch. Erfahrung.
  16. Versuch nicht, Miley Cyrus zu verstehen. Lass es einfach.
  17. Keine Katzen. In deinem Alter gibt es bei diesem Thema null Diskussionsspielraum. Keine Katzen.
  18. Vergib dir selbst. Hass meinetwegen deine kleine Schwester, deine Eltern, deinen Boss, die Freunde deiner Kinder und (vor allem) deine Ex-Männer, aber vergib dir selbst. Alles.
  19. Dass das Jahrzehnt, in dem du geboren wurdest, so weit zurück liegt, dass es jetzt „retro“ (und damit total angesagt) ist, bedeutet leider nicht, dass du cool bist.
  20. Du erlebst gerade deine absolute sexuelle Hoch-Zeit – dein Mann leider nicht. Die verschwitzten Laken kommen von deinen Hitzewallungen.
  21. Diese Dekade ist das ultimative Fegefeuer deiner Eitelkeiten, also wappne dich für graue Haare, schlaffe Oberarme, steife Knie und die Tatsache, dass du den Ausruf „Uuuuh, mein Rücken!“ manchmal nicht zurückhalten kannst.
  22. Heather Locklear hat es geschafft, also wie schwer kann dieses Vierzigerding sein?
  23. Gib auf und kauf dir endlich die verdammte Lesebrille.
  24. Wenn du in der Vogue etwas von „Frauen mittleren Alters“ liest, dann meinen sie dich (und hör bitte endlich auf, die Vogue zu lesen).
  25. Wenn du Klatschzeitschriften liest, erkennst du nur die Kardashians – und wenn du ehrlich bist, bist du dir nicht mal sicher, warum die berühmt sind. Und wer sind all diese anderen Leute?
  26. Und ja, Kim Kardashians Kinder heißen North und Saint. Das ist cool, Du checkst es nur nicht.
  27. Wenn du ein Haustier willst, kauf dir eine Maus oder einen Hamster. Katzen gehen keinesfalls (siehe Nr. 17), für Hunde bist du nicht mehr fit genug und ein Papagei oder eine Schildkröte könnten dich überleben.
  28. Du sagst jetzt Sätze wie „Wie heißt nochmal dieser Schauspieler, dieser große, der in diesem Film mitgespielt hat….“
  29. Du bist nicht mehr du, du bist jetzt deine ältere Schwester. In fünf Jahren bist du deine Mutter. Und was noch viel schlimmer ist: deine Mutter wird gerade wieder zu einem Kind.
  30. Sieh Dir keine „Frauenserien“ an, sie sind katastrophale Blödsinn. Wenn Deine Schönheit vergeht, brauchst Du Deine Gehirnzellen.
  31. Du bist tatsächlich sterblich. Unfassbar.
  32. Du wirst nicht den K2 besteigen, du wirst nie mehr in die Jeans passen, die seit sechs Jahren ganz hinten im Schrank liegt, du gehst öfter zum Osteopathen als zum Friseur und du weißt zum ersten Mal in deinem Leben ganz genau, wo deine Bandscheibe ist.
  33. Es ist schon eine ganze Weile her, dass du jemanden beeindruckt hast, aber andererseits ist es auch schon eine ganze Weile her, dass dich jemand wirklich beeindruckt hat.
  34. Du musst dir nicht mehr überlegen, was du aus deinem Leben machen willst, wenn du erwachsen bist und weißt noch nicht, ob das gut oder schlecht ist.
  35. Du erzählst unglaubliche Lügen wie „ich möchte heutzutage nicht nochmal zwanzig sein“ und an guten Tagen glaubst du es dir sogar.
  36. Was in den Zwanzigern die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft war, ist in den Vierzigern die Angst vor Brustkrebs. Eine Dekade, in der du gern zum Frauenarzt gehst, wird es nicht geben.
  37. Du hast immer Recht.
  38. Dafür bist du nicht mehr so lustig wie früher. Und das heißt schon was, denn wenn wir ehrlich sind, warst du nie sooo besonders lustig.
  39. Du hast gehofft, du wärst in diesem Alter dankbarer; wüsstest den Duft der Blumen, eine gute Tasse Kaffee, einen sonnigen Sonntagvormittag im Park, einen Abend mit guten Freunden mehr zu schätzen als früher, wärst achtsamer, würdest dich über die kleinen Dinge im Leben so freuen, dass dich die großen nicht mehr so unglaublich wütend machen – vielleicht in den Fünfzigern.
  40. Du weißt genau wer du bist und das ist eine verdammt tolle Sache.
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