Pinterest oder Deko ist das neue Prozac

Ich habe es schon einmal gesagt (in meinem Beitrag über Statussymbole) und ich sage es wieder: das derzeit definitiv wirkungsvollste Anti-Depressiva für Frauen heißt Deko.  – Wobei „Deko“ jetzt natürlich nur mein völlig unprofessioneller Begriff dafür ist, die User selbst nennen es Interior, DiY, Wohnideen, Design, Innenarchitektur, Modern Living, Style etc. Die größten Dealer sind Pinterest, Instagram und die gefühlten 10 Millionen Mom-Blogs im Netz.

Pinterest-Sie wollen auch einen Fix von dieser Droge? Alles was Sie brauchen ist ein PC und eine Menge (!!!) Zeit. Bei Pinterest „pinnt“ man. Das heißt, all die Frauen, die ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe ihre verzogenen Kinder, ihre unglückliche Ehe oder ihre gescheiterte Karriere betreffend kompensieren, indem sie Ihnen ihre perfekten Wohnungen, Cupcakes oder Tischdekorationen ins Gesicht schleudern, posten Bilder, die Sie (natürlich) begeistert anklicken und vor lauter Verlustangst „pinnen“, damit sie auf einem Ihrer Boards gespeichert sind. Ein Schlüsselsatz lautet hier „Das muss ich pinnen, das finde ich sonst nie wieder!“ – Was ja wirklich tragisch wäre. Das heißt nicht etwa, dass Sie jemals irgendetwas mit der gepinnten Idee tun werden, aber es fühlt sich gut an, dass sie es könnten. – Können Sie natürlich nicht wirklich, denn im Backen waren Sie schon immer eine Niete, das perfekt eingerichtete Esszimmer vom Bild scheitert schon allein daran, dass man bei Ihnen in der Küche isst, die weiße Couch wäre nach 10 Minuten mit Ihrem Kind und Ihrem Hund schmutzig (wenn Sie sie sich denn leisten könnten), die Zutaten für das selbst gemachte Body Scrub kosten mehr als ein gekauftes von Clinique, für die neueste DIY-Idee bräuchten Sie eine Woche Urlaub und eine Werkbank und Ihnen ist noch nicht ganz klar, wofür genau Sie selbstgezimmerte Vogelhäuschen brauchen….. Aber egal, Pinterest ist die Welt des Konjunktivs, theoretisch wäre es vielleicht irgendwann möglich….. Das reicht Ihnen.

Barbie KenSollten Sie jemals eine Oster-, Weihnachts-, Silvester- oder Geburtstagsparty schmeißen (und das müssen Sie eigentlich, denn absolut jeder bei Pinterest tut es ständig und es ist immer ein voller Erfolg), sind Sie ausgerüstet mit Ideen und Rezepten. Gut zu wissen. Manche planen ihre komplette (nicht-existente) Hochzeit auf Pinterest, haben eigene Boards mit Babyideen für Kinder, die noch gar nicht auf der Welt sind, für Häuser, die sie sich nie leisten können…..  Merken Sie was? Pinterest ist gewissermaßen die Erwachsenenversion von Barbiespielen: Man tut so, als wäre man 1,80, blond, vollbusig, reich, schön, erfolgreich, würde in einem Cabrio durch die Welt fahren und in seinem dreistöckigen Barbiehaus wohnen – und Ken hat nichts dagegen, dass man den ganzen Tag mit Cake Pops, Makramee und Blumenarrangements verbringt (und natürlich der Kamera, denn man muss ja alles dokumentieren, damit der Rest der Welt auch ausreichend beeindruckt ist), man hat ja nix besseres zu tun. Realitätsflucht nennt man das. Aber das sage ich natürlich nur, weil ich neidisch bin, weil ich auch so gern ein Leben hätte, in dem die Frage, ob ich ein Kissen mit schwarzweißen Rauten oder schwarzweißen Dreiecken (Kissen mit Rauten und Dreiecken sind der große Renner, es muss aber schwarzweiß sein!) auf die Couch drapiere, mein größtes Problem ist.

2012-09-26-ecard_momblogWer mit Pinterest überfordert ist (das ist nichts für Weicheier, wenn Sie die Namen ihrer Beistelltischchen oder Stehlampen nicht kennen, sind Sie eigentlich schon raus), der baut sein Basiswissen erstmal in diversen Mom Blogs auf (da steht im Grunde dasselbe wie bei Pinterest, aber man bekommt es häppchenweise serviert, sozusagen für Dummies, und gespickt mit persönlichen Infos aus dem Leben der Bloggerin – zwecks Identifikationspotential und so).

Je chaotischer und unbeherrschbarer unser Alltag wird, desto größer unser Bedürfnis, ihn wenigstens in einer perfekten Umgebung zu erleben; bei dem beängstigenden Gefühl, nichts wirklich kontrollieren zu können, scheint der Trieb, eine sichere Höhle zu bauen, für viele der einzige Trost. – Wieso ich die Höhle allerdings fotografieren und im Internet damit angeben muss, verstehe ich immer noch nicht, aber das fällt wohl unter „Inspiration für andere“. Man könnte es auch „andere unter Druck setzen“ oder „anderen das minderwertige Gefühl, das ich selbst habe, weitergeben, indem ich ihnen vormache, wie toll ich meine Wohnung einrichte, wie kreativ mein Geburtstagskuchen für den Kindergarten ist oder wieviel mein Mann verdient, weil unser Wohnzimmer so groß ist wie eure ganze Wohnung“ nennen, aber das ist Haarspalterei. Ich bin immer so gegen. Furchtbar. Wäre ich öfter bei Pinterest, wäre ich sicher auch viel gelöster, problemfreier, durchdesignter. Ich spinne immer noch anstatt zu pinnen.

Wer keine Zeit für stundenlanges Surfen hat, aber dennoch einrichtungstechnisch nicht total abkacken will (das merken Sie daran, dass Leute, die zum ersten Mal bei Ihnen zuhause sind, sagen „Oh, ihr habt aber einen interessanten Stil“), für den hier kurz alle Must-Haves, um die man weder bei den Moms noch bei Pinterest herumkommt:

  • design-letters-becher-mit-buchstabe-k-weiss_schwarz-a043270.000weiße Tassen mit Ihrem Anfangsbuchstaben in schwarz
  • Kissen mit schwarzweißem Rautenmuster (oder Dreiecke, siehe oben)
  • Kunstdrucke von Füchsen und Blättern
  • schlaue Sprüche, deren Worte abgeschnitten sind
  • Keksdosen mit ebenfalls schwarzweißem Rautenmuster (natürlich keine Kekse, stellen Sie nur die Dosen dekorativ in die Küche)
  • Vintage-Irgendwas (egal was)
  • Bei jeder Gelegenheit den Satz „Ich kombiniere gerne moderne Designmöbel mit alten Erbstücken oder Flohmarktentdeckungen“ sagenmasking-tape-diamant
  • leere Regale (man muss Prioritäten setzen: Bildung oder Geschmack, Leute mit Geschmack haben keine Bücher und lassen die Regale wirken)
  • 148 Vasen (keine davon bei Target gekauft)
  • Masking Tape in der Form eines Diamanten an die Wand geklebt
  • Originalgemälde von Künstlern, wobei das Wort Künstler sehr frei interpretiert werden darf
  • Skandinavischer Couchtisch mit einem 3 kg schweren Bildband über Architektur drapiert
  • Mood Boards mit fahlen Schwarzweißbildern und pseudo-schlauen Zitaten (nein, da geht nicht Ihre alte Pinnwand, immerhin soll das Mood Board Ihnen bei „Projekten“ (???) helfen und Besuchern zeigen, wie stilsicher und kreativ Sie sind)Mood Board

Wozu Sie das alles brauchen? Woher soll ich das denn wissen?

Was man auch auf jedem Blog sieht sind endlos neu arrangierte Kochlöffel in irgendwelchen skandinavischen Kochlöffelhaltern oder -hängern, kunstvoll drapiert neben den Topflappen von irgendeinem anderen Designer…..

Vor ein paar Wochen haben meine Kinder und ich damit angefangen, uns jeden Abend vor dem Zubettgehen zu fragen, was wir heute getan haben, was wirklich SINN hatte. Dabei versuchen wir, Sinn so streng wie möglich zu interpretieren, von unserem Tun sollten wir selbst oder jemand anders wirklich profitiert haben (Sie wissen schon, auf einer universellen Ebene). Gar nicht so leicht. Uns ist jetzt viel bewusster wie viel Zeit des Tages für Dinge wie Zähne putzen, schlafen, Hausaufgaben machen, einkaufen, Geschirrspüler einräumen, arbeiten, Schule…. draufgeht und wie wertvoll die Zeit ist, über die wir tatsächlich selbst verfügen, wie klein das Zeitfenster, in dem wir einen Unterschied machen können – für uns und andere.

PizzaVerschwenden Sie ihre Zeit nicht mit dem 1000. Bild einer Küche mit Kochlöffel-Topflappen-Arrangement. Who cares? Abgesehen davon, dass es ein feministischer Albtraum ist, dass wir Männern zu verstehen geben (und unseren Kindern vorleben), dieses Nestbau-Zeugs sei das einzige, worüber Frauen ab 13 bis ins Grab nachdenken, macht es auch einfach keinen Sinn. Feilen Sie nicht die ganze Zeit an den Rahmenbedingungen, an der Kulisse Ihres Lebens, widmen Sie sich dem Akt selbst. – Wow, aus dem Satz könnte man jetzt direkt wieder ein Zitat fürs Mood-Board machen……

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